Samstag, 15. März 2014


Try Walking In My Shoes

I can see you've got the blues
In your alligator shoes
Me I'm all smiles
I got my Crocodiles

(Echo and the Bunnymen, "Crocodiles")

Zum Beispiel hätte ich gerne diese Schuhe. Wahlweise auch diese, aber das sind Vorvorjahresmodelle, die gibt es nicht mehr. Diese Schuhe würden mich kleiden, aber sie sind sehr teuer, weshalb sie in Frankfurt angeboten werden, wo die Drogenszene und die Buchmesse Geldflüsse erlauben, die solche Schuhe nötig und vor allem möglich machen. Seit Jahren trauere ich einem Paar von Fiorentini & Baker nach, das ich sogar anprobiert hatte und dabei befand, dies seien meine Schuhe. Aber nicht mein Preis.

Rückblickend eine falsche Entscheidung, hätten diese Schuhe doch Glück ins Haus und ins Wohlbefinden gespült. Kann man gar nicht bezahlen, normalerweise. Diese Modelle gibt es natürlich längst nicht mehr, irgendwer in Hamburg hat die aber. Zu unrecht!

Die waren auch deshalb zu teuer, weil ich sie hätte neu besohlen lassen müssen. Da waren nur profillose und empfindsame Ledersöhlchen drunter, für ebenso profillose Menschen, die damit ausschließlich den Weg aus dem Kompaktsportwagen ins Café (oder "in den Club", wie man heute sagt) und dann wieder in den Kompaktsportwagen zurücklegen, um zu den für sie reservierten Parkplätzen in Hamburg-Oberteuer zu fahren. Wie man ja auch so sagt im Straßenverkehr: Fahr doch, wo dein Parkplatz ist, du Sau! Fahr doch.

Für Männer ist es ja insgesamt nicht leicht, vernünftige Schuhe zu bekommen. Vor allem in einer in solchen Dingen so konservativen Stadt. Ann Demeulemaster wäre auch gut, aber die sehen nicht so aus als könne man endlos in ihnen herumlaufen. Nicht, daß ich noch endlos herumlaufen könnte, aber diese Grenzen sollten nicht meine Schuhe setzen.

Jetzt muß ich also Geld verdienen, auch nicht so schön. Da hat man Bedürfnisse, aber statt daß ein Schuhmachermeister mit Elfenohren zu einem sagt, Komm, min Jong, haste 'n Paar Schuh!, muß man dazu tief in die Tasche greifen.

Was mich zum Thema Taschen bringt. (Nächste Woche)

>>> Geräusche des Tages:
Depeche Mode, Try Walking In My Shoes
Nancy Sinatra, These Boots Are Made For Walking
Echo and the Bunnymen, Crocodiles
The Mercies, The Boy With The Beatle Boots
Carl Perkins, Blue Suede Shoes
Messer Chups, A Man In Caiman Boots
Lordi, Man Skin Boots
The Beatles, Old Brown Shoe
Traffic, Hole In My Shoe
Bob Dylan, Boots Of Spanish Leather
Siouxsie, These Boots Were Made For Walking
Dean Martin, My Shoes Keep Walking Back To You


 


Donnerstag, 13. März 2014


Knitterfalten

Lange haben wir nichts mehr gehört von der US-amerikanischen Hausfrauenromanze 50 Shades of X. Nicht, daß ich Beschwerden gehört hätte, aber Trotz und Eigenwille halten mich wie einen festgebissenen Kampfhund beim Thema. Natürlich haben die sich auch Dinge an den Kopf geworfen, von unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt war die Rede, gestritten haben die wie die Kesselflicker. Aber eines geschah nie, also daß Scully zum Beispiel Mulder im Stich gelassen hätte. Oder umgekehrt.

Das mag auch der wahre Grund sein, warum manche entnervt behaupten, wie unrealistisch dies alles sei. Nicht etwa wegen geheimer Regierungsverschwörungen (die ja mittlerweile als wahr akzeptiert sind), frei herumlaufender Monster (man muß nur morgens mit der S-Bahn fahren), geheimer Geheimexperimente, todbringender, genveränderter Bienen oder Abwesenheiten wegen "fremder Männer" von fernen Sternen (alles schon dagewesen, kenn ich).

Die Jahre ohne Mulder zeigen aber, wie verhärtet und kalt und vielleicht ein bißchen auch überheblich sie in The Fall geworden ist.

Über Dana Scully, die gerade runden Geburtstag feierte, muß man aber sagen, daß sie einerseits nicht vor Vorgesetzten buckelt und Außerirdischen gut eins in die Fresse hauen kann, was längst nicht selbstverständlich ist. Andererseits kann sie aber auch nicht alles. Bügeln zum Beispiel. Man muß sich nur mal ihre Garderobe genauer anschauen. Das macht sie wieder sehr menschlich.

Super 8 | von kid37 um 00:23h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 12. März 2014


Schnipp und schnapp



Stein, Schere, Papier: Geschüttelt vom Samstagnachtkunstfieber mal nachschauen, was andere Leute so mit Cutter, Schere, Klebstoff machen. Herr Krüger hat erneut eine illustre Truppe Künstler sozusagen in seine Galerie collagiert - Mario Wagner und Dennis Busch etwa, James Gallagher, Sergei Sviatchenko oder Julia Busch und Katrien de Blauwer, Martin Bronsema. Dazu Lokalmatadoren wie Patrick Farzar und zahlreiche mehr. Da gibt es dann feine Klinge neben brachialem Gerupf, Frontalkörperlichkeit neben Du-mußt-nur-die-Blickrichtung-ändern-Starporträt. Häßliche Männer, schöne Frauen, Konfrontation auf Papier und im Publikum.

Fein getrennt und dann heißt es: Materialzusammenstoß. Im Publikum den Pullenhalter am Kinderwagen, so geht Elternzeit auch nach 18.00 Uhr, wenn irgendwann das Hopfenfläschchen zur Nachtruhe fällig wird. Feinsinnige Überraschungen auch an den Wänden zum Glück, hübsche Stücke, exponierte Stellen, Genitalfrühlingshaftes, Zeitebenenzusammenrückendes (die ach geschätzte Gegenwart ist immer gleich so vergangen) und Gegensatzvereinendes, kurz, ein hübsches Vergnügen - und bevor Menschen in fallende Collagiermesser greifen und sich an Devisengeschäften und folgenden Steuerschuldigkeiten verheben, sollten die das alles kaufen. Der Hausherr schneidet sicher gern die roten Punkte aus und klebt sie als große Galeriecollage an die Wand.

So läuft das hier, und man kann das noch gucken. Bis 29. März.

("Age of Collage". Feinkunst Krüger, Hamburg. Bis 29.3.2014.)


 


Freitag, 7. März 2014


Von der Mutter einen Gruß




Anbei sende ich Dir die neuesten Nachrichten vom Katzengold. (Sind schon 3-4 Wochen alt.) Ich dachte mir, Du kennst die Leute und mußt Bescheid wissen.
Sonst gibt es nichts Neues.


Mütterchen Kid schickt kurz und knapp wichtige Nachrichten aus der Heimatstadt. Schiffe verlassen den Hafen.

(Ausblick vom Fabrikfenster. Ich kann so nicht arbeiten.)


 


Mittwoch, 5. März 2014


Den Wald vor lauter Wäldern nicht sehen

Man bedeutet mir ab und zu von mir gegenüber nachsichtig eingestellter Seite, nicht immer so grummelig zu sein. Sondern offen, beherzt und aufgeschlossen, mit empfangenden Armen für das, was es so Neues gibt. Neues. Na ja. Was passiert, wenn junge Leute statt von Frühstücksflocken sich von den 80er-Jahre-Schallplatten ihrer älterer Brüder Väter ernähren, also was da rauskommt, kann man hier besichtigen:



As if Noise Pop never happended. Bobby-Gillespie-Standschlagzeug, Jesus-and-Mary-Chain-Gedächtnisfrisur, ein bißchen Wedding Presents und Shop Assistants und schon steht man im Wald mit lauter britischen Undergroundbäumen der 80er-Jahre. Ich meine, die sind jung und riechen sicher gut. (Anders als manche dieser alten 80er-Jahre-Bäume, vermute ich.) Aber was ist daran so... jaja, ich bin ja schon ruhig. Sehr nett alles. Sehr nett. Könnten meine kleinen Cousins sein. Ganz nette Leute. Gut erzogen auch. Sehr Aschermittwoch.

Radau | von kid37 um 12:11h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 3. März 2014


1000 Meisterwerke



Letzte Woche schon war der Absolventenrundgang in der HfbK, das ist ja immer eine gute Adresse für einen kleinen Ausflug unter junge Leute, schauen, was die von meinen Steuergeldern so treiben, sprich auch brav die Kunstsau rauslassen. Dieses Jahr aber war es eher abstrakt im Großen und Ganzen, viele Film- und Videoarbeiten zudem, für die einen ja leider meist die ganz große Zeit fehlt.

Gut gefallen haben mir die Arbeiten der Fotografin Eibe Maleen Krebs (Webseite), die ihre Doku Vom Hören Sagen (Trailer) über zehn blinde Menschen und ihre Träume und Vorstellungen über Licht und Farbe präsentierte. Dazu ausgelegt Fotografien, die mit Braille-Schrift bedruckt waren. "Eindrucksvolle" Idee, gutes Projekt auch.



Die alte Frage nach der Kunsthaftigkeit des Gezeigten wird auf den Fluren vorsorglich mit einem abgewendeten "Bitte stehenlassen" beantwortet. (aus meinem Essay: "Wenn Kunst mir den Rücken zudreht". In: Nexus Kultur. Hamburg: Dilthey & Nachf., 2014.) Was immer es ist, es will verbleiben, ein dinghaft gewordenes Versprechen, dem wir als Betrachter wie in Platons Höhlengleichnis von hinten nur als Schatten erscheinen. Vielleicht wurde die Kunst aber auch einfach nur beiseite geräumt.

Mit Franziska Opel (Webseite, ruhig mal durchblättern), die eine sehr überzeugende Arbeit zeigte mit kleinem Verkaufsautomaten (1 Karte, 1 Euro), rotierenden Scheiben, Drucken und Videoarbeiten, ein kurzes Gespräch über Bataille angefangen. War aber nur ein Nebenaspekt. Hätte ich eine Galerie, ich würde von ihr eine größere Fläche bespielen lassen.

Viel treppauf, treppab, wenig Malerei aber!, zum Schluß Kaffee und Kuchen, am Nebentisch ein berühmter Ex-Oberstaatsanwalt, Schauspieler und Autor, den ihr alle aus dem Schlingensief- und HGich.T-Umfeld kennt.

So war das.


 


Donnerstag, 27. Februar 2014


In der Hoffnung auf eine Elefantenstampede

Oh wonderful one
Why are you like that?
Glow in the darkness,
That's how we do it.

(Warpaint, "Stars")




Die Vorband störte immerhin nicht großartig. All We Are aus Liverpool, was zu vorhersehbaren Bühnenkalauern ("We are All We Are") führte. Teilweise klangen die wie Anna Calvi im staubigen (Achtung,doppeldeutiges Wortspiel:) Weinkeller, also Gothic-Heulboje im Stimmwebengewand, teilweise völlig bizarr wie "Die Bee Gees bringen eine Neo-Gothic-Platte" raus. (Inklusive leichtem "funky" Daumengekloppe auf dem Bass.) Nette Leute aber, die sich freuten, als Band aus Liverpool in Hamburg zu spielen. Drohende Weltkarriere wie diese andere Kapelle usw. Hübsche Halbakustikgitarren auch.

Derweil liefen unbemerkt vom Publikum Emily Kokal und Stella Mozgawa an mir vorbei, ungefähr in dem Abstand von Nasenspitze zu Bildschirm, später noch Theresa Wayman, alle unprätentiös unauffällig in Hoodies oder usselige Jeansjacken gepackt. Aber mir entgeht ja nichts. Ich habe mich aber nicht zwecks Autogrammerschleichung in den Weg geworfen, das wäre in meinem Alter auch ein wenig zwielichtig. Gillian Anderson dürfte mir allerdings den Unterarm signieren. Den, den ich seit Jahren nicht gewaschen habe, weil dort mal Amanda Palmer ihren Schweiß abrieb. Dabei bin ich gar kein Fan von Amanda Palmer, aber es war immerhin ihr echt erarbeiteter Schweiß.

Zurück zu den Frauen von Warpaint. Die erwähnte Schlagzeugerin hatte Geburtstag, leider bogen die Jungs, äh Mädels es diplomatisch ab, daß ein Ständchen gesungen wurde, sozusagen ein "Song for Stella". Dabei wäre das sicher nett gewesen, spätestens aber beim Warten auf die Zugabe. Aber junge Leute: am Ende hat keiner mehr daran gedacht.



Im Publikum viele junge Mädchen, die immer wieder ihre mit Städtenamen ("Hamburg, New York, Konstanz") bedruckten Leinenbeutel auf die Schulter zupfen mußten. Dazwischen Altmänner, und man muß sagen: Schlimmer als angegraute Altpunkrocker sind nur angegraute, bärtige Altökos mit inneren Jesuslatschen. Das mußte die Band aber nicht stören, die plauderten freundlich und hielten sich unbeirrt an die Setliste.

Mit "Beetles", selbstgebauter Kalauer, hätten Warpaint selbst eine hübsche Hamburg-Anspielung inklusive drohender Weltkarriere im Songgepäck gehabt, gepielt haben sie stattdessen aber das tolle "Bees" und später noch "Undertow". Und viele Stücke vom neuen Album, die Single "Love Is To Die" natürlich, "Hi", "Biggy" oder "Keep It Healthy". Und ja, die eher ruhigen neuen Lieder wachsen mit dem Hören, live allerdings finde ich die dennoch nicht die erste Wahl.

Der Auftritt also fein gefaltet souverän, alles sehr auf Kante, aber auch frei von gelösten Schnürsenkeln oder anderen Überraschungen. Erst am Ende, als sie die Elefanten von der Bühne rollen ließen, gab es noch mittelausuferndes Gejamme. Allerdings wirken selbst diese "freien" Passagen mittlerweile enttäuschend routiniert und eingespielt. Ein wenig Rotz, ein wenig Geburtstagsekstase wäre kein Schaden gewesen. Irgendetwas besonderes, so am Abend vor Weiberfastnacht. Leute, schafft Erinnerungen!

Ich dann schnell in den Mantel, am Gitarrenladen vorbei, in dessen Schaufenster das "Jaguar"-Modell von Emily Kokal hängt. Ein bißchen S-Bahn-Dösen, seit langer Zeit verrauchte Kleider am Körper, träge Erinnerungen wie die eines freigelassenen Elefanten. Kriegsbemalung runter, dann Bett.

>>> Warpaint live at Noisemakers, wo Stella Mozgawa zeigt, was Arbeit heißt.

Radau | von kid37 um 23:27h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link