
Samstag, 22. Februar 2014
Donnerstags gehe ich bekanntlich zum wöchentlichen Gruppentreffen im Verein der Übriggebliebenen e.V. Reihum halten wir dort Vorträge zu freien Themen, etwa Pflicht ohne Beziehung: Warum man das eine auch ohne das andere haben kann oder Gute Freunde schalten am Ende die Maschinen ab oder zuletzt Ohne "ohne" ist alles mit (den Vortrag habe ich nicht verstanden, die Ausführungen klangen aber hochinteressant). Ich sprach über Anspruch im Alltag: Vom Ansprechen zum Versprechen. Alldieweil ich neulich mit der Fleischfachverkäuferin an der Fleischfachtheke flirtete, so mit Zwinkern und jovialen, fleischbezogenen Sprüchen und "was machen Sie denn so am Wochenende, wenn Sie grad kein Messer in der Hand haben?" Gut, hat jetzt noch nicht so richtig geklappt. Sollte aber auch erstmal eine Übung sein.
Im Anschluß an die Vereinssitzungen gehen einige noch zur Manöverkritik nach nebenan in die für heitere Abende bekannte Eckkneipe Chez Manuela. Ich schließe mich aber selten an, man müßte sich da unterhalten und vielleicht einen Scherz machen, und wenn ich an der Reihe bin mit einen Scherz machen, sind hinterher alle traurig. Nein, man muß sich das Leben auch einteilen können.
Zuletzt haben wir einen kleinen Film, den ich gerne in der Reihe "Erbauliches zum Wochenende" vorführen möchte, gemacht, damit andere eine Vorstellung bekommen, wie das bei uns so abläuft:
Wie man sieht, stehen Neugierde und aufrichtige Offenheit ganz oben auf unserer Liste. Hobbies machen einen interessant, Familie ist wichtig. Eben einen Sinn für die schönen Dinge haben, sein wie die Nachbarn. Oder wie du. Und auch ich.

Donnerstag, 20. Februar 2014

Die neue Umgebung ordnet das Klima neu. In der Fabrikhalle und außerhalb. Mittlerweile gelernt, wie man Aufzug fährt. Das geht mit Dienstausweis. Überlege trotzdem, die fünf Etagen morgens weiter zu Fuß zu gehen, so wie bisher, als ich das noch nicht wußte. Das mit dem Dienstausweis. Hält man an so ein Gerät, dann fährt der Aufzug. Irgendwas mit Elektrik.

Neulich in der Mittagspause die sieben Stockwerke des Dockland-Gebäudes in der weiteren Nähe hochgelaufen, weil ich mir einen Spaß erlauben wollte und andere das auch machen. Das Gebäude ist schräg gebaut und soll ein Schiff symbolisieren. Man kann über Treppen die Außenfassade bis zum Dach hochlaufen. Oder erst mal fünf, und dann eine kleine Pause einlegen. Auf dem Dach posierte gerade eine junge Hamburger Band für Fotoaufnahmen und ein kleines Roof-Top-Konzert. Sie haben aber nicht "Get Back" gespielt.

Unterm Wasser liegt der Strand. Bei Ebbe haben wir einen kleinen Sandstrand vor dem Gebäude. Für den Sommer beizeiten daran denken, ein großes Handtuch, Bade- und Rekreationsbekleidung mitzubringen. Sich von schrägen Vögeln beäugen lassen, das heisere Krächzgelächter ertragen.
Dinge angeleiert, bislang allerdings noch ohne Erfolg. Ich werde es im März noch einmal probieren, danach dann aber alles als Zeichen nehmen und einfach abhaken. Wird albern auch. Draußen vor dem Fenster vor meiner Werkbank fahren so viele Schiffe vorbei, ich könnte immer auch ein anderes nehmen. Ehrlich jetzt.
>>> Geräusch des Tages: PJ Harvey, Horses In My Dreams

Samstag, 15. Februar 2014
To be so dark
(Warpaint, "Love Is To Die")
Der bemerkenswert selbstbewußte Mix von aus Post-Punk-Soundlandschaften destilliertem Flangerschwirren der frühen Cure, den schräg dazu gesetzten Popmelodien aus der Echokammer der Cocteau Twins, durcheinandergeschüttelt von diesen hübsch vertrackten Versatzstücken, Brüchen und Brücken von einer Phrase zur nächsten und in Schleifen wieder zurück - das war für mich eine der hübscheren musikalischen Überraschungen der letzten Jahre.

Ich hätte aber nicht gedacht, daß der Zauber der ersten anderthalb Alben noch ein weiteres Mal funktionieren könnte. Aber wo mich die One-Hit-Indiewunder der letzten langen Jahre - angefangen von diesen prätentiösen Interpol-Bubis über deren biedere Cousins, den Editors, - mich alle mal ungefähr fünf Minuten begeistern konnten, gar nicht zu reden von den ganzen Siouxsie-Kopfkissen-Beschlummerinnen, die vor drei, vier Jahren plötzlich aus der Neo-Gothic-Höhle im Retrowäldchen sturzgeboren wurden, ist das nun einfach Warpaint betitelte zweite richtige Album eine überraschend angenehme, entspannt klingende Fortsetzung.
Mir gefällt immernoch, daß die so hörbar Bock haben zu spielen. Das sind Musikarbeiterinnen ohne Gepose, die sich selbstvergessen in endlosen Jam-Session-Schleifen verlieren (am schönsten vielleicht auf diesem wie von einem Adrien-Sherwood-Gerätepark unterlegten "Hi"), die neuerdings mit dem Einsatz von Elektronik experimentieren wie im schwelgerischen "Biggy" oder lässig die treibenden Stücke vom Erstling zitieren. Ein gutes zweites Album, sehr bei sich, ein Schritt zur Seite, keine vom eigenen Erfolg verängstigte Fanwunscherfüllung.
Die Älteren unter uns könnten natürlich nörgeln. Man höre sich nur mal das Intro mit der Basslinie und dem Sound der Gitarre und der Melodie von Siouxsies Cascade an und schalte dann 20 Jahre weiter zur Warpaint-Single Love Is To Die. (Bin gerade zu faul zum Nachsehen, aber könnten tatsächlich beide von Flood produziert sein.) Verblüffend, aber will man da kleinlich werden, wenn das so schön gesponnene Spinnweben sind?
Möglicherweise schaffe ich es mal zum Konzert. Von den Live-Qualitäten hört man sehr unterschiedliches, von "stark" bis "langweilig" und "verkifft" ist alles dabei. Auf Youtube gibt es ein paar Mitschnitte aus den letzten Monaten, bei denen die neuen Stücke noch nicht sonderlich gut sitzen, wie ich finde. Die schließen dort aber keinen bei sich ein, man kann jederzeit gehen. Hoffe ich.
>>> Warpaint rocken Elephants bei Jools Holland. (Offene Münder im Publikum.)

Freitag, 14. Februar 2014
Ach, wie romantisch. Zum heutigen Valentinstag (ihr habt sicher eure Mailingliste mit der Massenaussendung schon aktiviert?) möchte ich auf den entzückenden Festivalfilm Skin von Jordana Spiro verweisen. In diesem Kurzfilm gibt es diesen kleinen einsamen Jungen, der bei seiner Familie im Ödland vor der Stadt wohnt. Seine einzigen Spielkameraden sind tote Tiere, Eichhörnchen etwa, denn sein Vater ist der Tierpräparator der Gegend. Da der Junge zart verliebt ist in ein Mädchen an der Schule, gibt er sein unbeholfen Bestes, ihre Trauer über den Tod ihres Hundes mit einem außergewöhnlichen Liebesbeweis zu lindern. Ah! Und auch oh!
>>> Skin (Vimeo)
Kummer schwimmt oben wissen Leser von Irvings Hotel New Hampshire, in dem eine recht ähnliche Szene beschrieben wird. Dabei ist es bloß unschuldige und besonders herzige Liebe. Mir ging es oft ähnlich. Unverstandene, mißtrauisch beäugte Geschenke, schüchterne Gaben. Ach.

Donnerstag, 13. Februar 2014
Ich lerne ja gerade Schwimmen in einem bestimmten populären Kurznachrichtennetzwerk. Geschult an einer gewissen US-amerikanischen Regierungsverschwörungsagentenromcom, fallen mir dabei ein ums andere Mal merkwürdige Zusammenhänge auf. Offenbar gibt es auffällige Synchronizitäten im Alltagsleben verschiedener Menschen, durch winzige, aber auffällige Details unterschieden. Vielleicht sind wir alle Figuren in einem riesigen Computerspiel, dessen Zufallsgenerator Szenarien auswirft, die nicht endlos variabel sind. Hier eine solche Ereignisschleife vom 11. Februar:
vor dem haus wendet gerade ein leichenwagen. wenden in dreiundneunzig zügen. sein fahrlehrer hatte möglicherweise ein schweres schicksal.
— Zoë Beck (@beck_zoe) 11. Februar 2014
The day the cab driver dropped me off at the train station and drove off with my suitcase still in his trunk. #lesigh
— Katharina Borchert (@lyssaslounge) 11. Februar 2014
So lange noch Schweine im Kofferraum transportiert werden, ist die Welt noch nicht verloren.
— H.H. (@velvet_olive) 11. Februar 2014
Innerhalb von vielleicht 45 Minuten lieferte die Matrix also obskure Kofferraumgeschichten, wobei unklar ist, ob die transportierten Schweine oder verlustig gegangenen Gepäckstücke im Leichenwagen oder ganz woanders wieder auftauchten. (Etwa im Stream eines anderen Nutzers.) Für die Schweine spräche das ungelenke Wendemanöver - wer geräte nicht ins Schwitzen, randalierten einem plötzlich panisch gewordene Nutztiere hinten im Kombi.
Möglicherweise wollte man mir damit auch eine Botschaft übermitteln, so wie es die Beatles einst mit dem Weißen Album machten, auf dem bekanntlich (wenn man es unter Kopfhörern bei langsamer Geschwindigkeit hört) die Botschaft "Charlie, ruf uns ins London an!" versteckt ist. Wie jedenfalls der nicht bei diesem Kurznachrichtendienst aktive Herr Manson (der andere also, der erste) 1969 behauptete.
Die Botschaft, soll noch mal jemand sagen, ich dächte mir das alles nur aus, lautet offenbar: Vorsicht im Straßenverkehr!

Dienstag, 11. Februar 2014
Ich erhalte ja selten Besuch hier in meiner bescheidenen Tiki-Sperrholzklause, was verschiedene Gründe hat, mentale oder körperliche Abwesenheit, regionale Abgeschiedenheit oder eine gewisse, man könnte es nennen Kompliziertheit beim Versuch, Einlaß zu erlangen:
Darauf fragt einer der Kapuziner-Brüder von drinnen: "Wer begehrt Einlass?" Der Herold antwortet mit allen zu Lebzeiten der/des Verstorbenen getragenen Titeln. Von drinnen erfolgt allerdings die Antwort "Wir kennen sie/ihn nicht!". Daraufhin klopft der Herold noch einmal. Wieder wird gefragt "Wer begehrt Einlass?" Diesmal antwortet der Herold mit der Kurzfassung der Titel. Doch die Antwort ist abermals "Wir kennen sie/ihn nicht!". Der Herold klopft ein drittes Mal, erneut wird dieselbe Frage gestellt. Nunmehr nennt der Herold nur den Vornamen und fügt "ein sterblicher und sündiger Mensch" an, woraufhin das Tor geöffnet wird. [Q]
Wißt ihr Bescheid, wenn es über die Sprechanlage knistert, "Wer begehrt Einlaß?", so antwortet mit eurem Usernamen und der Formel "ein sterblicher und sündiger Mensch", sonst drücke ich nicht auf den Türöffner. Schluß mit diesem Titelgewese, eitel herausgestellten Einkommensbescheiden oder von Interessensverbänden manipulierte Listen über "die beliebtesten Besucher der Deutschen"!
Oder Namenkratzen in weißgekalkte Wände. Klageläuten pauschal bezahlter Textnachrichten. Hautrisse flüchtiger Begegnungen, erinnerungswelke Trauerblumen auf Fußmatten, geklaubt von Türschwellen, Grenzzäunen, altersbeschränkten Tanzdielenveranstaltungen. Die letzten Passierscheine nämlich habe ich längst schon ausgegeben, verschenkt.
Ich weiß doch, wo du damals herkamst.

Donnerstag, 6. Februar 2014

In aller Herrgottsfrühe zog die Karawane, beladen mit Maschinenteilen, Stahlcontainern, chromblitzenden Werkzeugen, Knochensägen und kilometerweise Netzwerkkabeln, durch die Straßen der Stadt, nun ist die neue Fabrikhalle bezogen. Die Fenster unserer Montagehalle zeigen zum Hafen raus, die Kollegen rufen "Ein Schiff! Ein Schiff!". Ich sage, nach feinhistologischer Begutachtung geht das auch präziser und verweise auf den Hafenradar für eindeutigere Diagnosen. Vom Kapitän weitere gute Nachrichten. Der Tarif für Schauerleute, Gehirnchirurgen und Hafenarbeiter wurde erhöht, dieses "Meer" (Haha, Wortspiel!) lohnt allerdings kein Konto in der Schweiz. Es wird also in absehbarer Zeit, sollte mir steuerlich nicht siedendheiß etwas einfallen, keine gemeinnützige Stiftung Hoeneß-Schwarzer-Kid-&-Co. geben, zumal mit mir als moralisch überlegene Belehrungsperson sowieso kein Staat zu machen ist.
Mittags könnte man nun Muscheln, Hummer, Scampi oder Perlhuhn kaufen gehen, in der Umgebung ist aufwendig zum Chefarzttarif gedeckt. Alles Fisch, frisch & fein, nur finde einmal ein gut abgehangenes, solides Käsebrot, bei dem die Rinde vom erschöpften Liegen schon leicht welk und hart geworden ist. Hoffnung bleibt, daß das Hafenklang einen Punker-Mittagstisch (Menü 1: "Astra mit Kartoffel", Menü 2: "2 Astra mit Kartoffel") einrichtet für die Heizer aus dem Maschinenraum und dem anderen niederen, unter mottenlöchrigen Pferdedecken schwitzendem Personal.
Abends allerdings sind steile Treppen zu bewältigen, der Generationenvertrag wirkt leider nicht so weit, daß jüngere Kollegen mich Huckepack nähmen. Ich könnte ansonsten, eine kleine Reitgerte fuchtelnd, Hat-hat! wie Lawrence von Arabien die Hügel stürmen, mich dabei wacker auf den schwankenden Schultern der Nachwuchsriesen haltend. Allein, alles allein muß man machen.
Nachts allerdings bin ich früher zu Hause. Nach langem Dienst unter funzeligen, aber "intelligenten" Leuchten, und damit sind die Tischlampen gemeint. Die schalten ein, wenn man atmet oder mit den Augen blinzelt, so genau wissen wir das noch nicht. Die schalten ab, wenn jemand hustet oder sein Pausenbrot auswickelt. So genau wissen wir das nicht, aber ein Architekt soll den geheimen Plan dazu besitzen. Oder gedacht haben. Nachts also, wenn die Schiffe dann schlafen und mit ihren Lichtern übers Wasser winken, könnte man glatt hierbleiben wollen. Selber Anker werfen. Alles gut nennen. Erstmal.
