Mittwoch, 1. Juni 2011


Low



Nachdem die nicht wirklich nervige, aber doch etwas eintönige Vorband ihr Hinterhof-Instrumentengeraffel beiseite geräumt hatte, zeigten Low, wie man mit weniger Instrumenten und noch konsequenterer Eintönigkeit große Musik macht. Das um Bass und Keyboards erweiterte Duo klingt, um für Verirrte mal eine sehr grobe und gleich wieder falsche Richtung vorzugeben, an den exaltierteren Stellen wie "White Stripes spielen Neil Young" - aber in der Regel ist die Exaltiertheit sehr kontrolliert, fast schon wieder entspannt, auf jeden Fall sehr zeitgedehnt, runtergestimmt wie ein zu langsam laufendes Tonband, immer ein wenig "kann man mal machen" - gefolgt von einem "aber vielleicht nicht gerade jetzt".



Große Kunst also, die hübsch auf dem grauen Teppich bleibt. Wie in Monkey etwa, einem dieser fröhlichen Mitsummschlager für beschwingte Kaurismäki-Abende, an denen man die Tapetennähte an der Wand zählt oder Schrot aus den Brettern des Hühnerschuppens mit einem recht schon stumpfen Messer puhlt. In einem Anflug von Übermut eröffnet Sänger Alan Sparhawk eine Runde für auf den Nägeln brennende Fragen, die er nun herzlich gerne beantworten würde, mir aber fällt "What is the key to happiness?" eine Sekunde zu spät ein.

Sunshine, würden Low vielleicht sagen. Aber das ist nun bloß geraten.

>>> Geräusch des Tages: Low, Words

Radau | von kid37 um 13:02h | 2 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 31. Mai 2011


Ich möchte anmerken, liebe FAS

Peter Richter gratuliert dem Berliner Hauptbahnhof kritisch zum fünften Geburtstag und weist zurecht auf eine Vielzahl von Mißständen hin. Ich lese und nicke, während ich möglicherweise mit dem Flugzeug haarscharf an nämlichen Gebäude vorbeifliege. Dann aber schreibt Richter: "Wie Schiffbrüchige über den Sand sich herbeischleppende Fußgänger. Zusammen mit den orientierungslos Umherirrenden aus der Bahn machen sie den Ort zu einem einzigen täglichen Jammertal." Einige Zeilen vorher bereits verweist er auf die Ähnlichkeit der Treppen und Fluchten mit den von Piranesi dargestellten Gefängniswelten. "Das ist die Wahrheit", schreibt Richter ganz ohne unangebrachte Scham, versteigt sich aber gleich darauf zu der Behauptung: "Und warum muß ich der Erste sein, der sie aufschreibt?"

Bitte, liebe Leute von der FAS, die ihr Bücher schreibt mit Titeln wie "Hier spricht Berlin" und das "ich" in euren Texten Spazieren führt. Solche Kritik wurde nun wirklich schon zur Zeit der Eröffnung durch einen vielstimmigen Nabucco-Chor aus Bahnreisenden, Architekturkritikern und Blogs laut. Ich schrieb damals über ein Purgatorium für Bahnfahrer, über ein undurchsichtliches Treppen- und Gängelabyrinth.

Erster soll ein Mann sich nur mit Vorsicht nennen.

Das ist mal die Wahrheit. Bitte. Danke.

Tentakel | von kid37 um 12:33h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 30. Mai 2011


Mal den Gürtel locker machen



Aus dem schönsten Sonnenuntergang über Wien geht der Flug zurück in die Hamburger Nacht. Der Kollege, den ich beim Boarding treffe, meint, man solle solche Ausflüge ruhig regelmäßiger unternehmen, vielleicht nicht für einen Kaffee, aber um der hanseatischen Nüchternheit barocke Ironie und Spannungsreichtum beizumischen. Der Sprung aus den Wolken butterweich, mit der Entspanntheit einer kleinen Caféhausgesellschaft. Jetzt zurück, wo das Leben unter der Behauptung geführt wird, es sei keine Puppenstube. Muß ja.


 


Montag, 23. Mai 2011


Im Gespensterwald



Die freundlich andekorierten Räume im Gängeviertel, mit junger Kunst behängt, ein semisexuell verspieltes Bild trägt die hübsche Pointe im Titel ("Das auf dem Bild sind zwei Jungs"), das in meiner Tasche aber sind die letzten Besorgungen. Dabei die immer wiederkehrende Sorge, man habe etwas Wichtiges vergessen, so als sei man auf dem Weg in eine noch der Entwicklung bedürfenden Zone, und nicht auf dem in die schöne Stadt.

Letzte Ausfahrt Windwaldwasser, die Luft einsaugen, einen gleichmäßigen Takt mit den Pedalen treten, Windschattenfahren mit dem leisen Schnurren des Diamant an der Seite, der Stille unter den Bäumen lauschen. Die Pastorale wird umhüllt von weißen, feingesponnenen Netzen. Es ist das Werk der Gespinstmotte", deren Raupen im ruhelosen Gewühl umherkrabbeln. Ein Wochenende unruhiger Geister, verwebt wie eine mumifizierte Erinnerung, weißgewandete Geister huschen über die Lichtung und hängen ihre Kleider an die Bäume. Eine Gespinstinstallation, dem komplett vergipsten Zimmer bei Krüger ähnlich, man möchte es weitertreiben und im Gängeviertel ein komplettes Gebäude von fleißigen Gespinstmotten zuweben lassen. Oder sich selbst, und dann einfach davonwehen.

Letzte Sonnenstrahlen in der Düne. Dann setzt das Gewitter ein.


 


Freitag, 20. Mai 2011


Der gefundene Satz, #53

Die Nachfolgeband New Order war auf jeden Fall in allen Belangen besser als Joy Division, vor allem musikalisch. [Q]


 


Mittwoch, 18. Mai 2011


Merz/Bow #27

Statt Friday Five: Miss Kinski sammelt jeweils fünf thematisch passende Bilder für eine kleine Fotostrecke, viele allerdings sind nicht sicher für die Arbeit. Oft sehr witzig oder überraschend, manches auch ein wenig gewollt, man kennt das von ähnlichen Anlegearbeiten.

#

Auch eine hübsche Idee für ein Heim: Wohnen in der Zementfabrik, oder: Wenn Architekten ihre Jungsträume verwirklichen können. Ich bin eine zeitlang immer wieder zum Fotografieren durch eine solche Fabrik gekrochen und muß festhalten: Sauber machen hätte ich sie nicht machen wollen. Ricardo Bofill hat da sicher auch eher mehr ein Auge denn seine Hände drauf gehabt.

#

All those places
Where I recall the memories
That gripped me
And pinned me down

(PJ Harvey, "Silence")

Ein Gebäude wie Herbstlaub. Eine entkernte Erinnerung. Wie ich den Platz am Klavier räumte, dem Vorwand nachgab, die Akkorde aber später nach Hause hämmerte, mich frei machte von dem, was nie war. Eine schweigende Nacht, eine Stille. Und nur für mich.

Sich immer weiter hinausstehlen, einen Iglu bauen, ein weißes Schneezelt, wo kein Fuchs mich findet. Das Schweigen als letztes Wort und Mittel, ein lautloser Klang gegen das Dröhnen der Versprechen, der flatternden Emphase eines großgedruckten "Ich".

Die Stille ganz laut drehen, bei sich sein, in lauter kleinen Schlucken trinken und durch einen Strohhalm atmen. Ganz lange, ganz viel.

#

Oh Gott. Cereal Killers schon zum Frühstück.

#

Ich mag das Kopfkissen. Das linke.

#

Ich mag das schöne Tier in dir.

MerzBow | von kid37 um 12:30h | 10 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 14. Mai 2011


Augenvisionswettbewerb

Daß der Eurovisionswettbewerb des Hochleistungsschlagersingens ohne Japan auskommt, liegt natürlich nicht nur an den geographischen Verhältnissen, sondern auch schlicht am Neid. Denn was das fröhliches Maunzen junger gutaufgelegter Sängerinnen angeht, so steckte die jüngst so gebeutelte Nation locker alle in den Sack.



Die meisten können sicher nicht so gut Japanisch wie ich, deshalb übersetze ich mal kurz den Refrain dieses munteren Liedes:

Hey, alter Sack/
glotz uns nicht so an/
Du könntest unser Vater sein/
wärst du nicht schon im Altersheim.

Hey, alter Sack/
glotz uns nicht so an/
Die Strümpfe tragen wir zur Show/
und nicht wie Du zum Stützen.


So im wesentlichen (wer es nicht glaubt, frage Isa, die kann das). Eine alte Blogger-Unart indes treibt sicher viele wieder dazu, das Lied gleich wieder auf sich zu beziehen, dabei sind wie immer eigentlich nur die anderen gemeint. Ich jedenfalls werde heute abend mit einer Delegation des Fördervereins Lena e.V. toitoitoi ganz seriös die Daumen drücken, wenn es um die Krone des Kulturpreisträgers 2011 geht.

(Anm.: die Anwendung der maskulinen Form schließt die feminine mit ein.)