
Mittwoch, 13. Oktober 2010

Ojeojeoje! (Dabei heißt die Siegerantwort "Naja Naja", wie in Najaden.) Da hat man so etwas wie ein Lebenswerk geschaffen, und dann kommen geschätzte Kommentatoren daher und zitieren Musikschaffende, daß man denkt, man hätte hier jahrelang schallzersplitternd vor Betonwände gepredigt. Da hilft nur eins: Premium-Content!
Louis, der König der Steilküste an meinem Urlaubsort, zeigte fast jeden Abend stolz im Sonnenuntergang, daß in seinen Stammbaum eine Bergziege hineingemendelt ist. Eifrig und furchtverachtend wie ein junges Böcklein sprung und juchzelte er haarscharf vor und manchmal auch hinter dem messerscharfen Grasrand entlang, hinter dem sich metertief der steile Abgrund zum Strand hin öffnete. Ich glaube, er foppte damit absichtlich die Urlauber, denn immer wieder hatte er sich doch noch in die sandige Wand gekrallt im Versuch, ein paar Schwalben zu erwischen, tauchte dann lässig wieder auf, kopfschüttelnd betrachtet und manchmal erleichtert beschimpft von herzzerklopften Touristen, während er mit einem lässigen Schwenk seiner beiden tischtennisballgroßen Eier breitbeinig zurück ins Gestrüpp stolzierte.
Wie König Lear sitzt man dann oben auf dem Heidekliff, läßt sich nachdenklich Haar und wirre Gedanken zersausen und teilt sein Erbe auf in viele kleine Gischtfontänen.
>>> Geräusch des Tages: DM, Enjoy The Silence

Dienstag, 12. Oktober 2010

In der schlichten Ökonomie des Lebens heißt es, nie mehr abheben als man einzahlt. Wenn man seine Tage unter Menschen verbringt, die an einer Art geistiger Phimose leiden, freut man sich um so mehr auf einen ebenso vertrauensvollen wie beleglosen Abend unter Freunden, wo man Geld, Ansichten und Unterwäsche auch mal auf dem Tisch liegen lassen darf, ohne gleich befürchten zu müssen, am nächsten Tag die Rechnungsprüfer im Haus zu haben.
Wenn die Tage schon morgens vorwarnungslos so aussehen, das Knirschen unter den Schuhsohlen nicht mehr von Kastanien rührt, muß man nach dem ersten oder zweiten Kummergetränk die Papiere neu ordnen, Ablagegespräche führen, die Unterseite des Nur zur Dokumentation-Stempels anhauchen, ihm noch wenigstens einen weiteren Abdruck abpressen, sich mit dem ganzen Gewicht des kraftlosen Körpers durch das Papier, durch die Schreibtischplatte, durch den Betonboden, die Kruste und den ganzen Erdball drücken, damit das auch ja mal gesichert ist in Grund, Boden und Kataster.
Diese Erkenntnis ist elektronisch erstellt, keine Unterschrift nötig. Es gilt alles als quittiert.

Samstag, 9. Oktober 2010
That something has been lost.
(Smashing Pumpkins, "Perfect")
Nicht wahr, ist doch so. Ticker, ticker, das neue System wird verkündet und einer fragt, wo bleiben die Schreibmaschinengeräusche. Wir sind doch so daran gewöhnt, wie die Affen, die das 37. Stück von Shakespeare schreiben. Ava.
You'll be a lover in my bed and a gun to my head. Ehrlich, das heißt so. Tick. Tick. Wenn die Verstärker nicht richtig geerdet sind, spürt man einen kleinen elektrischen Schlag, der von den Saiten springt. Das 50-Hz-Brummen, wenn man das Kabel einsteckt, das Kratzen der Regler, die viel zu lange nicht bewegt wurden. So müssen sich Gelenke anfühlen.
So müssen sich alte Gefühle anfühlen, die man in neue Richtungen lenkt. Die Woche über glaube ich, wieder in der Pathologie zu arbeiten, wie damals im Nebenjob im Studium. Wie die Ärzte über ihren Präparaten hockten, fasziniert von Epithelien, Kongo-Rot-Färbungen und Zellabstrichen, die längst nichts mehr mit Menschen zu tun hatten. Meine Kollegen sezieren, pathologisieren, suchen nach Schwachpunkten, prüfen, ob mit genügend Sicherheitsabstand im Gesunden geschnitten wurde, breiten die einzelnen Präparate vor sich auf den Untersuchungstischen aus, bis sie das Ganze nicht mehr sehen. Freitags stehle ich mich hinaus und gehe hinüber zur Geburtsstation, zähle die Zehen, die kleinen Fehler, höre das Geschrei und wünsche allen, wenigstens 33 zu werden und dann noch vier.
Was wir für eine Zeit hatten. Die einzelnen Momente, die wie Früchte vor uns hingen. Wie wir uns manchmal nicht trauten zu essen, wie wir manchmal aßen wie die Tiere, nackt, wie manchmal so viel Dunkelheit war. Wie wir unsere Tätowierungen leckten, verschwitzte T-Shirts und Unterarme, auf denen die Härchen senkrecht standen.
Wie keine Hilfe kam. Die Stille der blauen Lichter in der Nacht, der Geruch von Ozon und zerborstenem Metall und das Mädchen, das weinte.
Wie ich aus dem Auto stieg, unter Tränen, und du sagtest, ich dich auch. Wie meine Knie weich waren wie die ganz dicken Turnmatten und die Matten hart wie Beton. Wie man immer hinfiel. Voller Trotz.
Wie ich nie weiß, wie ich es zu Ende bringen soll. Wie ich nicht mehr weiß, ob die Puzzleteile, die ich streute, noch aus einem einzigen Spiel stammen.
>>> Geräusch des Tages: Smashing Pumpkins, Stand Inside Your Love

Donnerstag, 7. Oktober 2010

Wenige Tage erst, so scheint es mir, bin ich aus dem kurzen Urlaub zurück. Und muß mich schon wieder setzen. Bevor ich losfuhr, hielt ich alles für gut eingetütet, auf den Weg gebracht, in trockene Tücher und Salz gewickelt wie einen portugiesischen Stockfisch (an den ich neulich bei der Kaltmamsell erinnert wurde). Bei meiner Rückkehr stellte ich fest, daß ich Haken und Ösen vergessen hatte. Streitigkeiten, Hadern und unwirsche Worte und Gedanken, die ich selber hatte, und nun ist auch noch meine Kamera kaputt. Ich glaube, ich muß noch einmal durchatmen, ruhig sitzen, in die Herbstsonne ein zwinkerndes Auge werfen, ein paar ruhige Lieder hören oder nicht allein in die Pilze gehen.
Entspannung helfe gegen meine Schlafstörungen, meinte die Kollegin, ich dachte, höhö, und brachte meinen Blutdruck mit dem Lesen eines Artikel über die sogenannte Hamburger Kulturpolitik in der Zeit schon wieder nach oben. Museen schließen, Theater zerschlagen heißen die Titelstücke im Herbstprogramm in Hamburg, dafür - der Erste Bürgermeister, von den Hamburgern nicht einmal gewählt, wünscht es so - wird die Blaskapelle des Polizeiorchesters erhalten.
Man könnte dies für einen absurden Witz halten, der auf dem nächsten fröhlichen Stuttgarter Weinfest auf dem Rathausmarkt mit derben Knuffen und erhobenen Gläsern zum Hum-Ta-Taa der uniformierten Bläser herausposaunt wird. Allein, die meinen es ernst. In der Krise zeigt Hamburgs Regierung ihr wahres Gesicht. Es ist das Pfeffersackgesicht des selbstherrlichen, an Renommiersucht gescheiterten Geizhalses – der nicht mal ordentlich rechnen kann schreibt die Zeit-Autorin. In der Tat ist es der immer noch schwerreichen Hansestadt möglich, Milliarden in eine marode Landesbank zu stecken und Hunderte Millionen in sogenannte Leuchtturmprojekte, dafür aber Gelder für Bücherhallen, Bildungsinitiativen und Kulturprojekten einzusparen. Bis dann irgendwann wieder von "Integration" und "sozialen Projekten" die Rede sein wird, wenn die grünen Vorgärten erzittern.
Susanne Lothar vergleicht Hamburg im Abendblatt mit Wuppertal, wird dort bekanntlich das Schauspielhaus auch schon eingespart. Von der CDU hat man nun kulturinteressierte Fernsicht, konservative Bürgerwerte hin oder her, nicht sonderlich erwartet. Umso schmerzhafter fällt die Schmerzbefreitheit der Hamburger Grünen (GAL) auf. Deren Fraktionsvorsitzender, offenbar eifriger Theatergänger, bescheinigt dem Schauspielhaus in der Bürgerschaft mit beinahe rheinischem Frohsinn Luft nach oben und schlägt vor, "einfach mal die Einahmen zu steigern". Richtig - warum nicht mal Cats aufführen, da sind doch so schöne Lieder drin?
Die GAL-Chefin stellt gutgelaunt in der Mopo ihre themenbezogene Unbelecktheit zur Schau und versteigt sich, ganz Kultur-Top-Checkerin, zu der Behauptung: "Ich kann den Unmut verstehen. Aber in Altona wird das Haus geschlossen, die Sammlung jedoch erhalten." Aber natürlich! Ein Museum ist ja quasi nichts anderes als eine Art Schuhkarton, in dem so staubiger alter Krempel gesammelt wird und den man - wenn Besuch kommt oder der Platz knapp wird - einfach unters Bett schiebt. Daß eine Sammlung nicht davon lebt, daß sie bloß da ist, sozusagen als deiktisches Phänomen, da!da!da - es ist doch alles da, dort drüben!, sondern daß sie didaktisch und historisch aufbereitet wird, gepflegt, erlebbar und gezeigt wird, daß sie nur existiert, wenn sie atmet und nicht nur als Verweis vegetiert, diese simple Erkenntnis ist bei den Grünen in Hamburg nicht angekommen. Vielleicht, weil sie so Grau sind, seit sie Kohlekraftwerke genehmigen und seither eher aus dem Rückrat husten.
Der Versuch, sich als Sportskanone anzubiedern, ging jedenfalls gründlich schief. Man merkt, es gärt in dieser Stadt. Daniel Richter, der jüngst im Abendblatt zitiert wurde mit "Jeder intelligente Hamburger will jetzt weg, auch nach Stade", hat leider recht.
Es ist nicht gut, in den Urlaub zu fahren. Man merkt dann nämlich, wie es im Leben auch sein könnte. Anders. Reduzierter, gesünder, entspannter. Am besten, man bleibt in der Mühle, macht immer weiter und verschafft sich keine Ahnung. Keinen Hauch.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Dieses Wochenende war ja der Soul Weekender hier im Northern, dazu noch Filmfest, man weiß bei sowas meist gar nicht, was man zuerst tun soll, vielleicht bleibt man besser zu Hause als zwischen zwei Freßnäpfen zu verhungern. Mir jedenfalls sang gestern Lesley Gore ihr vielleicht wichtigstes Lied ins Ohr, während ich neben einer Lambretta stand und eine Limonade nuckelte.
50 Jahre oder so später sah Lesley Gore übrigens aus wie Barbara Schöneberger, was ein wenig witizg ist, wenn man dieses und jenes bedenkt.




Da nun aber der Sonntag eine gute Laune zeigte, fiel es mir leicht, den präsidialen Ansprachen im Radio zu entfliehen und das Rad Richtung Süden zu lenken. Hier haben sich die Mauern bereits in allen Schattierungen herbstlich gefärbt, wie die Blätter des druidenzertanzten Waldes. Bauzäune und aufgeschüttete Sandhaufen weisen allerdings darauf hin, wie im nächsten Jahr den Resten der Klapprigkeit im Hafen zu Leibe gerückt werden wird. Garten- und Bauaustellungen verlangen nach Präsentation, man wird die letzte Gerümpelecke noch fegen und bunte Girlanden an die Hafenkräne hängen. In den unbekümmerten Grünstreifen indes locken die Pilze; ringelbestrumpfte Hexen könnten hier zu wildem Flug ansetzen, wüßten sie zu Stil und Schande sich bereit. Es ist alles ausgelegt für die Zeit, wenn der große Kürbis kommt.

Freitag, 1. Oktober 2010
Selten nur, also nicht oft, habe ich mir erlaubt, glaube ich jedenfalls, hier anderen Menschen, die nun wirklich frei sind zu leben, wie sie zu leben meinen, einen Ratschlag zu geben. Schon gar nicht, da bin ich mir nun wirklich aber sicher, wenn es um das Thema Kochen geht. Eine Ausnahme sei mir hier und heute erlaubt: Wenn ihr das kochende Nudelwasser über der Spüle abgießt, gießt es euch nicht über die Hand.
(Dieser Ratschlag ist für euch kostenfrei.)

Dienstag, 28. September 2010

Den heutigen Beitrag möchte ich mit der Kühle eines alten Liedes von Wire eröffnen. "Renewed, it fought as if it had a cause to live for. Denied, it learned as if it had sooner been destroyed", heißt es im nur mäßig kryptischen Text über das Hin und Her des Versuchens und Vergehens. Dazu quietschen die Scheibenwischer eines alten Automobils, graue Straßen unter grauem Himmel. Himmel.
Gestern schaute ich noch einmal Stay. Kein Mysterythriller, wie manche behaupten, eher ein Psychodrama über die letzten Sekunden, Minuten maximal, des Lebens, eine Meditation über das Sterben, die Liebe, die Brüche im Ich, kühl durchkalkuliert auf womöglich schweizerische Art. Daher treffen auch die Vergleiche mit Filmen von David Lynch eher schlecht. Stay dekliniert die Doppelgänger-Motivik der Romantik, zitiert Hamlet, Werther und Edgar Allan Poe, ein paar Pfeffer-und-Salz-Erkenntnisse der Psychoanalyse und mixt es mit Spiegelsymbolen, Spiralen, Doppelungen in Zeit und Raum. Eine eher kühle Sache also. Die fortlaufende Erwähnung der "21" (wie in zwei/eins) fällt einem vielleicht erst beim zweiten oder dritten oder 21. Sehen auf, zeigt aber das mathematische Kalkül (no pun intended) der kleinen Studie. Verwirrend ist nur der Trick mit der gefälschten Erzählperspektive, die sich - bis hin zu den gelben Hochwasserhosen von Ewan McGregor - erst im Nachhinein erschließt. Naomi Watts spielt ganz anrührend, immer knapp unter ihren Möglichkeiten, man hofft, daß sie die Kurve in ihrer Karriere noch kriegt.
"Forgive me" heißt der leise Refrain des Films. Das haben wir damals verworfen.
>>> Geräusch des Tages: Wire, Heartbeat
