Samstag, 7. November 2009


What's The Price Of Love?

And when this building is on fire
these flames can't burn any higher
I turn sideways to the sun
and in a moment I am gone

(New Order, "World
(What's The Price Of Love?)"

Während ich mir hier gerade gepflegt einen anhänge, Bastelkram von links nach rechts schiebe und ein bißchen was zu schreiben habe, mal was aus dem Zusammenhang zum Samstagabend. New Order haben ja viele ganz doofe Videos zu sehr schönen Liedern gemacht, aber auch zwei, drei sehr gute, die tatsächlich als Film und Illustration zur Musik funktionieren. Zu einem ihrer kleineren Hits, "World (What's The Price Of Love?)", hat Baillie Walsh, der auch das gigantische Video zu Massive Attacks "Unfinished Sympathy" gemacht hat, einen vielleicht nicht genialen, aber doch berührenden Clip erdacht. Der kleine Film ist leider nicht ohne Schnitte gedreht, was sich vom Konzept her angeboten hätte (also ähnlich wie im erwähnten Clip zu Massive Attack).

If we could buy it now - how long would it last?

Aber wenn man der Kamera durch die mondäne Kulisse von Cannes folgt, an den geschickt plazierten Mitgliedern der Band vorbei (amüsant, wie Stephen Morris mit seiner Frau als Tourist posiert), haben wir bitte ein Auge auf die vielen kleinen Begebenheiten links und rechts des Weges. In aufblitzender Bitterkeit angedeutete Geschichten über die Formen der Liebe, das Altern und die Einsamkeit, traurig natürlich im besonderen Kontrast zum schönen Hotel, der südfranzösischen Sonne, der Sehnsucht über dem Midi und das nur zu erahnende Azur in diesen schwarzweißen Fotografien. Wer den ganzen melancholischen Roman der Schlußsequenz nicht lesen kann, ist übrigens schon lange tot.

Super 8 | von kid37 um 23:00h | 10 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 6. November 2009


Gleich acht davon





Gestern abend, beständiger Regen pendelte das Gemüt auf Normal Null, dann aber doch noch schnell zur Eröffnung von Katharina Fritsch. Die Reden waren zum Glück schon vorüber, gute Gelegenheit also, zwischen klirrenden Gläsern und schwarzen Feuilletonrollkragen durch die Ausstellung zu huschen. Monochrom Buntes, Gesiebtes, hoch Ironisches. War das ein augenzwinkernder Hieb auf Damien Hirst, dieser Totenschädel inmitten eines Apotheken-Ensembles? Und diese pseudo-viktorianischen Penny Dreadfuls-Illustrationen, die Max Ernst atmen, während auf der anderen Seite blasse Drucke eine schwule Softpornoidylle ohne Cowboyhüte beschwören. Aber ich war ja wegen des Tintenfischs gekommen. "Eight arms to hold you" jubelte eine Marketingaktion in den 60ern für die Beatles. Eine faszinierende Vorstellung, mit acht Tentakeln Armen Nähe zu schenken. Der orangefarbene Oktopus von Katharina Fritsch ist so freundlich, einen Tiefseetaucher wie eine Actionfigur zu bespielen. Ein Freund, fest umschlungen und verläßlich, bis zum Tod. Und niemand muß mehr traurig sein.

Die schönen Frauen, die man gemeinhin auf Vernissagen trifft, standen in schicken Kleidern, gewagten Strümpfen und mit offenen Mündern wie festgesaugt vor dem tentakeligen Getüm. Die anderen wagten sich an den lebensgroßen grünen Elefanten mit dem beachtlichen Rüssel, der gleich um die Ecke thront.

Eine Pop-art-Wunderkammer, sehr glatt in der Form, aber voller kleiner Widerhaken. Ein Jahrmarkt-Abenteuer. Als ich hinaustrat, hatte der Regen zum Glück schon aufgehört. Die letzten bunten Lichter glitzerten in den Pfützen.

(Katharina Fritsch. Deichtorhallen, Hamburg. Bis 7.2.2010.)


 


Donnerstag, 5. November 2009


Mythenkritzeln


Die beiden hören Pochpochpoch, stehen aber zu nahe dran, um Orpheus zu sehen


Nein, das könnt ihr nicht


Die simple Kunst des expressiven Nagelns


Leider nur Platz drei im Cy-Twombly-Ähnlichkeitswettbewerb

Im Wiener Mumok konnte ich schnell noch die Cy-Twombly-Ausstellung "Sensations of the Moment" sehen, ich mag ja diesen Kritzelkünstler, diesen abstrakten quasi-Arte-povera-Expressionisten, der große Gesten in unaufgeregte Formen darstellen kann. Das ist alles offen wie nichts, Sex, Gewalt und große Mythen verzwirbelt zu bindfadendünnen Linien, zusammengedengelten Fundstücken, nervösen Eiskunstlauffiguren auf Leinwand und übrigens Fotografien, die wiederum eine beseelte Ruhe ausstrahlen. Ich glaube ja, daß er ein sehr ernster Witzbold ist, ein Hymniker der kleinen Form, der einen rostigen Nagel in die Verkleidung eines Marquis de Sade stecken kann, also ihn derart verkleiden, nicht den armen Marquis durch die Kapuze quälen, jedenfalls ...sind wir die Hörenden jetzt und ein Mund... - wie es auf einem seiner Orpheus-Bilder geskribbelt steht - staunt man stumm vor lauter Materialität, den großen Poren und kreidigen Flächen, durch die man wie Yves Klein am liebsten eine nackte Ariadne ziehen möchte, dem bitteren Witz am Ende einer langen, verwickelten Kordel entgegen. Eine endlose Echolalie von Fragmenten, brutal, zart, summend. Wie Liebende neigt man nur lächelnd den Kopf, zieht die feinen Linien wie eine zarte Körpersilhouette mit den Fingern nach.

(Cy Twombly, "Sensations of the Moment". Mumok, Wien. 4.6. - 11.10.2009)


 


Mittwoch, 4. November 2009


So, lieber Herbst

Ready when you are.

| von kid37 um 04:17h | 16 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 3. November 2009


Künstler sind keine Eventziermöhrchen

Unter Hamburgs Kreativen zirkuliert dieser Offene Brief, der einige der eklatantesten Fehlentwicklungen der hier sogenannten Kulturpolitik und Stadtentwicklung auf einen spitzen Punkt bringt. "Wir sollen für Ambiente sorgen, für die Aura und den Freizeitwert, ohne den ein urbaner Standort heute nicht mehr global konkurrenzfähig ist", heißt es in dem Widerstandspamphlet gegen die "Markenstadt Hamburg", deren Kulturpolitik in erster Linie Eventsponsoring und in der Stadtentwicklung die Gentrifizierung gewachsener Stadtteile bedeutet, in denen Künstler und Kreative als bunte Alibi-Farbtupfer gerade noch geduldet sind. Neu ist die Erkenntnis nicht. "Hamburg ist das Tor zur Welt", sagte der Hamburger Karl Lagerfeld einmal und setzte trocken nach: "Aber leider nur das Tor." Man sollte dies auch als Mahnung verstehen.

Ich meine, wo sich alles, auch Kultur und soziales Miteinander, kaufmännisch getriebener Wertsteigerungsdenke unterordnen soll, kann die Antwort des angeblichen Aushängeschilds "Kreativszene" tatsächlich nur lauten: "Not in our name, Marke Hamburg!"

via Zentrifugalhafen

>>> Die offzielle Webseite, auf der man auch unterzeichnen kann

>>> Artikel im Abendblatt


 


Montag, 2. November 2009


Das war ja keine Frage



Man weiß natürlich nie, was dahinter liegt. Was einen erwartet, wenn man weitergeht, welche Abzweigungen drohen oder locken. Wichtig ist der Moment, in dem man sagt: Karte? Hab' ich auch nicht. Aber mir scheint es hier entlang richtig.

Und immer freiwillig.


 


Samstag, 31. Oktober 2009


So, langsam jetzt aber mal Herbst hier


Foto © The Cherry Blossom Girl

Heute ist nicht Halloween, sondern Tag der Toten, und da hat sich auch der Herbst endlich zu seiner edelsten Pflicht bekannt. Feuchte Luft, dabei so klar, daß einem alle Schwermut wie in ein weiches Tuch verpackt erscheint. Nach diesen turbulenteren Tagen, den verraucht-trunkenen Nächten, den letzten Bieren, die vielleicht nicht hätten sein müssen, den musikverzierten Schuppen und den nächtlichen Fahrten an den Lichtern des Hafens vorbei, dem sanften Schaukeln der Wagen, ist es Zeit vielleicht für einen Spaziergang.

Das Denken nicht vergessen, das Hinhören und Hineinhören, die schöne Stimme, der eigene Herzschlag, sich hinüberretten in souveräne Gesten. Heute im Buchladen gewesen, weil ich etwas nachsehen wollte, anschließend mußte ich es mir selbst ein wenig nachsehen, weil ich das Selbstverständliche mit zuviel Bedeutung auflud. Vielleicht. Der Rückweg war wie das Geräusch einer singenden Säge, ein Lied von Under Byen vielleicht. Derzeit zu viele Vielleichts vielleicht, viel leichter wäre es, es wäre weniger. Einfach nur leicht.

Der Herbst aber ist die falsche Jahreszeit für schlechte Kalauer. Wer klug ist, zieht in leerstehende Häuser, hängt die Wäsche auf einen aufgewühlten Acker, atmet stiller, atmet sich runter, hört wieder andere Musik. Det er mig der holder træerne sammen, das wird vergessen, daß auch dieses einer tun muß, daß nichts von selber kommt, kein Wald, kein Zusammenhalt, nicht deine, nicht meine Welt. Daß wir die Bezeichnungen in diese gemeinsame setzen und auch müssen und das, was ist. Ich erinnere mich, wie ich Under Byen im Molotow sah, diese schwermütigen Dänen mitsamt ihrer singenden Säge, fast im Stockdunkeln, der Raum mit substanzgeschwängertem Rauch gefüllt und zugleich mit einer wie gehäkelten Traurigkeit, eine Decke, die man umgehängt bekommt nach einem Boxkampf, den man verloren hat. Ein Kampf wie ein Frage- und Antwortspiel, dessen Regeln undurchsichtig und wie letzte Küsse von fast schmerzhafter Einfachheit sind.

Bald wird Schnee liegen. Und der wird die Antwort sein.

>>> The Cherry Blossom Girl