
Freitag, 23. Oktober 2009
Ein wichtiges Buch, ein gutes Buch. Müßte ich noch ein weiteres Buch schreiben, ich würde dieses nehmen. Aber nun gibt es das ja bereits. Das Tumblr-Projekt 1001 Rules for my unborn Son macht genau das, was im Titel steht, und stellt einen modernen Katechismus aus linealklaren Leitlinien zusammen, für die Gelegenheiten, in denen man nicht Mutti fragen kann. Oder den Vater. "Let's get some things straight before I get old and uncool", die Zeit läuft einem ja unerbittlich davon und manchmal sogar hinterrücks.
Ob es darum geht, wenigstens ab und zu einen Helm zu tragen, oder worauf man achten muß, wenn man eine Gang gründen will - an diesen Ratschlägen gibt es nichts zu deuteln.
Länger mußte ich über das Gebot zu akzeptablen Kopfbedeckungen nachdenken. Ich bin quasi Rheinländer, und einmal, ich gebe es zu , habe ich heimlich einen anprobiert. Die Farbe stand mir nicht, aber vielleicht war es doch der Hut.
Ihr könnt all dem ruhig widersprechen, aber wundert euch nicht über meine Reaktion: Never respond to a critic in writing.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Naturgemäß fragen alle nach der Rubrik Kulinarisches, wenn man aus dem Urlaub kommt. Ob man sich denn artgerecht versorgen könne in fremden Landen? Nun, wie so manche Dinge im Nachbarland sehen auch die Käsebrote in Wien für Deutsche erst einmal fremdartig aus. Manche werden unglaublich dünn und fein ausgewalzt, anschließend paniert und gebraten und mit einer Zitrone garniert. Andere bestehen aus sehr ursprünglich angerichtetem neapolitanischem Teig, werden gebacken und mit Büffelmozzarella belegt. Seltsame Sitten, aber sehr schmackhaft.

Als genügsamer Gast aber sage ich zu allem Ja, denn im Urlaub kann man ruhig mal probieren, wie es andere mit den Stullen so halten. Überhaupt kenne ich in der Hinsicht kaum einen aufgeschlosseneren Reisenden als mich (Eigenlob ist bekanntlich Bloggerzier), andererseits bin ich aber selten in wirklich exotischen Orten unterwegs. Beim Meinl hole ich mir morgens mein Frühstück, das machen da alle so, nur die Tasse kalter Kaffee mit einem Schuß Zigarettenasche, die man in den Existentialistencafés am Montparnasse so liebt, sucht man vergeblich.
Kein Grund aber, traurig zu werden, es gibt Dinge, die selbst ich wie ein Sissy großer Junge ertragen kann. Die Tatsache beispielsweise, daß es dort Milch zu kaufen gibt, die nicht "länger haltbar" ist, sondern frisch. Oder Produkte, die ausweislich "gentechnikfrei" produziert werden. Da muß man sich erst einmal tüchtig umstellen, tapfer zugleich und möglichst ohne Kommentar.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Mod-Explosion, trop cool. Hin und wieder fragt man sich, ob in dieser Stadt manches nicht vielleicht auch ein Stück zu zuckersüß ist. Immerhin zieht ein munter ironisch bis sarkastischer Humor wie ein Kettfaden durch scharf geschnittene Anzüge, kaum blogbar diese warmherzige Schuftigkeit, die immerhin als einzige feststellte, wieviel traurige Liebe selbst im Kugelhagel manchmal steckt. Don't cry/Don't raise your eye/It's only Teenage Wasteland (The Who, "Baba O'Riley").
"Zu subtil", schrieb ich an andere Adresse. Aber wie laut hätte es sein können, wie laut die Frage, die Klage, die Ohrfeige, drei Tage kaum hörbar hinter dem klimpernden Glasperlenvorhang. Ohne Antworten bleibt manches undurchschaubar wie die Türpolitik zu einem angesagten Club. Can't Explain.
[...]
Die ungeschriebenen, gelöschten, ge-offten, gestrichenen, zerknüllten und verworfenen Sätze. Die aufgebrauchten Erinnerungen, die man glücklich zurücklassen muß, weil die eigene Kammer, der Kragen, das alte Leben zu klein geworden sind, man schlicht - und vor sich selbst fast unbemerkt - tatsächlich umgezogen ist. Auf Zweitaktern nämlich, kleinen pochenden Motoren; diese putzige Unbeholfenheit, die einen in Fahrt bringt, umstandslos und mit dem sorglosen Mut zur Peinlichkeit. Wenn man nicht heimlich mit anderen tanzen geht und nichts, aber auch nichts in Anführungszeichen setzen will. Die Idee vom Resonanzraum schließlich. Die Echokammer, in der manches nur widerhallt und anderes nimmer.
Wie ich verblüfft aus einem Fieberschlaf erwachte, bloß um wie im Fieber zu sein. Dieses Nachdenken plötzlich. Über Ausrufezeichen. Très cool.
>>> Geräusch des Tages: The High Numbers, Gotta Dance To Keep From Cryin'

Samstag, 17. Oktober 2009

Ich möchte Mitteilung machen über Ereignisse des nächsten Monats. Wenn meine halbe Blogroll, sozusagen das Tympanon (tolles neues Wort) der mit dem in dem hierzulande sichtbaren Teil des Internets verbundenen Ins-Netz-und-woandershin-Schreiber eine Lesung macht, wird es Zeit, sich Gedanken über die Abendgarderobe zu machen, in ein Boot zu steigen und wie quer durch ein Bild von Böcklin durch den herbstlichen Nebel zu rudern.
Wer fehlt, den schreibe ich auf.
Mit Henrike, Isa, Mek und Merlix.

Freitag, 16. Oktober 2009

Manch einem wurde schon durch eine störende Fliege der leckerste Kirschkuchen verdorben. Ich für meinen Teil kann es nicht leiden, wenn mir ein Rasanzfahrer durch die Tortenglasur fährt und einem Schlittschuhläufer gleich seinen verschrammte Spur durch den schönen Glanz zieht. Gerade will ich nämlich anfangen, darüber zu dozieren, wie die Stadt ihr ganz eigenes, und zwar auf menschliches Maß reduziertes, Tempo habe, da wird mir mit dem ganz eigenen Schmäh feixend das Gegenteil bewiesen. Laßt den Piefke mal reden, denken die sich, wie immer höflich und mit gespannt lauschenden Gesichtern, während ich mich in munterer Ernsthaftigkeit um Kopf und Kragen und Halsschlagader plaudere.
Wie langsam die Bilder ihren Platz finden, sich zurecht und in die eigene Ordnung fügen. Wie überall und hinter einem und um einen herum Tempo und Bewegung ist, während man selbst nur ein wenig Atem holt, nicht so viel strampelt, den Wetterbericht liest und den Kuchen auch ißt.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Als munterer, aber festfrei festgeketteter Fabrikarbeiter im Weinberg des Herrn schaue ich oft ab und an aus dem Fenster in die bereits winterliche Sonne, bloß um mich hinaus zu wünschen, weg von der rostigen Werkbank, hinein in die raren, klaren Augenblicke des Tages. Nicht einmal dazu reichte der Herbst bislang, Drachen steigen zu lassen, durch trockene Blätter zu rascheln, reife und brüchige und die nun selten gewordenen frischen Dinge zu sammeln. Sind wir nicht deshalb überhaupt da? Jemand ruft "Balance!" Ein anderer "Vorsicht an der Kohlenrutsche!" Wie schwarz dann die Finger sind, wenn ich die frischausgedruckten Quittungen in Händen halte, statt Herbstlaub, und den Graphitstaub betrachte, die Späne, die mir am Ende zur Verfügung stehen. Sicher. Wären die Finger rot bei solcher Betrachtung, man hätte ganz andere Sorgen.
Unsere kleine Arbeitsbrigade hört sich derzeit an wie die Frühstücksterrasse eines Lungensanatoriums. Einige behaupten gar, sie seien krank. Schauspieler, allesamt Schauspieler. Sie wollen sich hinausstehlen, in die Wälder, die Sonne, an die frostigen Ufer. Schmähgesänge werden sie singen, dort zwischen Laub und Pilzen und trockenen Zweigen, und mit Spott an Tisch No. 37 denken, dort, wo ich sitze und schmirgel und feile und bohre. Denn ich, ich rauche ja nicht, ich bin gesund für ein Dutzend Mann.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Vielleicht ein bißchen viel auf die Lampe gegossen. Wehmut trinken, Skulpturen schichten, mit dem scharfen Messer Haut um Haut abziehen bis hinab zum frischeren Ich. Dabei aber immer Massel gehabt, und schon begleitete ich mich selbst morgen & launig, man schiebt bereits wieder Atemwolken vor sich her, ins Labor. Heute empfängt nicht die mit der rasanten Frisur und den radioaktivblauen Augen, die das Blut am liebsten wohl mit den Zähnen aus der Halsschlagader ziehen würde. Ihre Kollegin aber, nur minimal bodenständiger, mir muß man nichts erzählen, verteilt Segen und Komplimente. "Diese Venen!" ruft sie entzückt und bremst sich nur knapp, nicht wie beseelt mit den Fingern über das blaue Liniengeflecht auf meinen Armen entlangzufahren. Immerhin damit könne ich dienen, biete ich an. Ich sei ein "sportlicher Typ", versteigt sie sich in Aberwitz. "Ruderer!" kontere ich, während sie ihre Gerätschaften sortiert und Mutmaßungen über mein Alter anstellt. Bitte nicht, sage ich. Man sollte sich nicht zu früh der letzten Geheimnisse entkleiden. Die Gemeinschaftspraxis ist groß, aber dennoch erinnert sie sich an mich, während sie die Kanüle durch meine Haut schiebt. Irgendwas mit Gartendekoration mache ich doch, hakt sie nach. Und ob das nicht anstrengend sei, schließlich gäbe es ja auch so viel Häßliches in diesem Bereich. Man könne es sich nicht aussuchen, versuche ich es entgegen meiner Art diplomatisch, das sei wie bei ihren Patienten auch. Sie nickt und spricht weiter mit mir, damit ich ihr nicht vom Stuhl falle. Kardiopulmonale Reanimation am Morgen schon kann einen ganzen Tag so belastend machen. Röhrchen um Röhrchen füllt sie so, während ich ihr weiter die ästhetischen Kategorien für frohes Werken auseinandersetze. "Wirklich schöne Venen", haucht sie am Ende und beginnt, mit einem Tupfer und einer Meterrolle Tape, den kleinen Einstich abzukleben, Schicht um Schicht, als hätte sie eine große Wunde gesehen. Als wolle sie einen Schirm basteln.
