
Samstag, 6. September 2008
Wenn das die Ludolfs wüßten! Die White Denims rufen Shake, Shake, Shake. Amtliches Spätsommerrocken, wenn erste Blätter und letzte Kühlergrille fallen. Sich gegenseitig den Puls fühlen, mit Spuckefingern Dreck aus dem Gesicht wischen, zwei, drei Wodka trinken, an den ausgefransten Rändern die Löcher in den Jeans nachzeichnen und den Wolken am Himmel Namen geben. Wetten abschließen, wessen Augen grüner leuchten und dabei die Lider geschlossen halten. Damals lagen wir im Gras, schrieben romantische Sätze auf unlinierte Blätter und schickten sie als Papierflieger auf die Reise. Man kann nicht jeden Tag was demolieren. Aber jeden Tag etwas Unbedingtes fordern.

Freitag, 5. September 2008
Only pleasantries
And like a fool
You thought life could be cheated
Of life's realites
(Siouxsie, "Here Comes That Day".)
Mein Studium, also damals, da muß der Sauerbruch ja noch gelebt haben, habe ich mir zum Teil durch die Arbeit in der Pathologie finanziert. Nicht im Sektionsraum, so viel wäre da auch gar nicht zu tun gewesen. Wir sind ja nicht bei CSI. Spannend war es trotzdem und beim abendlichen Gang durchs Labor, an den Tischen mit den Präparaten vorbei, die dort in trüber Flüssigkeit in alten Marmeladengläsern dümpelten, auch interessant. Ich verbinde angenehme Erinnerungen mit dieser Zeit, aus der ein Großteil meiner medizinischen Kenntnisse stammt. Getreu dem Motto: "Der Pathologe weiß alles - aber leider zu spät". So geht es mir im Privatleben schließlich bis heute.
Schön war es daher heute abend, in die alte Pathologie in Eilbek zu schauen. Ein heimelig vom Verfall angekränkeltes Backsteingebäude, das nun die Ausstellung Zwischenwelten beherbergt. Sechs Künstler präsentieren dort Fotografie, Malerei, Installationen und Videokunst. Am intensivsten vielleicht die Arbeit von Marina Lindemann, die zeigt, was bleibt, wenn jemand geht. Das Banale nämlich und der Alltagsschrott. Das, so bedeutete ich meiner Begleitung, wird dereinst auch mit dem Gerümpel aus dem hermetischen Café passieren, die pronografische Sammlung inklusive. Machen wir uns da mal nichts vor. Schon deshalb habe ich vorsichtshalber das Warten verlernt.
("Zwischenwelten". Alte Pathologie P40. Friedrichsberger Str. 40, Hamburg. Noch bis zum 7.9.2008)
>>> Informationen zur Ausstellung

Donnerstag, 4. September 2008
Mit Spielzeug gewint man ja bekanntlich mein Herz. Da meine Träume in letzter Zeit nicht mehr so hochfliegen, vermutete ich, so ein kleiner Wohnzimmerhelikopter brächte bestimmt Spaß, Aufregung und Gesumm ins hermetische Café. Ich muß einräumen, ganz so gut wie der Helipilot bei Magnum bin ich noch nicht. Hier fehlen noch Übung und Expertise. Ein Spielzeug für ältere Jungs: Man ist irgendwie froh, das Ding oben zu halten. Wenn das der Kafka bloß gewußt hätte! Denn das kleine motorisierte Insekt ist andererseits ganz wie sein Besitzer aus fast unverwüstlichem Material. Ideal also für den ein oder anderen Absturz. Ansonsten: Es geht auf und ab, aber immer im Kreis.

Dienstag, 2. September 2008
No cheers.
Natürlich kann man viele Dinge vorhersehen, vor allem wenn man schließlich auf sie zurückblickt. Aber wie lange es dauerte, überhaupt das Prinzip der Erinnerungszentrifuge zu verstehen. Viel Grübelei und Stirnrunzeln lagen dazwischen, eine Überdosis zudem an Remineszenstrahlung nach dem bedauernswerten Unfall im unterirdischen Kardiologielabor. Zwar fühle ich mich nun manchmal wie eine Fliege, Facettenblicke, ninetysix tears in my ninetysix eyes, aber immerhin kann ich ein Summen hören. Den Stimmen zufolge, die mir lange wie von unter Wasser her flüsterten, wie durch einen Wattepfropf hindurch, muß es immer sein wie ein Klavier, dessen Stimmlage niemanden interessiert. Es muß immer sein wie ein Erdbeben.

Montag, 1. September 2008
In meinem berühmten Roman Ich weiß, eigentlich wolltest du die Welt retten, aber dann war da ja diese Party beschreibe ich bekanntlich, immer auf wohlwollende Weise natürlich, die Jeunesse dorée einer noch bekannteren deutschen Großstadt auf ihrem traumtaumeligen Weg zwischen Sinnsuche, Selbstdarstellung und Applaussucht, kurz - so die Kritik bei einem ebenfalls sehr bekannten deutschen Buchversender - "ein irrlichterndes Leben am Rande des großen man könnte, ein neonflackernder Konjunktiv, eine Jugend im ewigen Zustand des eigenen Projekts gefangen..." usw. usf.
Wie sehr also kann der ebenfalls wohlwollende Leser meine glückshormonpumpende Freude beim Öffnen des Briefkastens antizipieren, als mir der heißersehnte dicke Umschlag in die Hände fällt. Denn Herr Vert nämlich hat nicht nur angekündigt, sondern getan: Ansichtskarten gedruckt, wie sie in den quietschenden Drehständern am Point of Sale erst recht sehr bekannter norddeutscher Badeorte nicht zu finden sind. Da mußten wieder einmal erst Blogger her!
Wunderbar. Ihr da draußen, Urlauber, Reisende, Ansichtskartensammler, müßt das alle kaufen, zehnerpackweise und Ruhm und Ehre dieses Mannes landauf landab verbreiten.
Zum Drehständer bitte hierhin.

Bis kurz nach dem offiziellen Herbstanfang werde ich hoffentlich wieder rasiert und gekämmt sein - denn zu dieser Veranstaltung möchte ich gerne hin. Ich werde da einiges zu erzählen haben, so ganz unter uns. Vor allem freue ich mich aber über die charmante Isa, dem nicht nur literarisch Exquisites auftischenden Herrn Paulsen und den mit Herz und Dame gesegneten Merlix. Moderiert wird der Abend von Bov Bjerg, was allein schon das Kommen lohnt.
Im Anschluß gemeinsames Singen und gleich darauf zum Kaffee.Satz.Lesen. Müßt ihr machen.

Freitag, 29. August 2008
Rausschwimmen. Durch den Verkehr atmen. Scharfglänzende Bilder an glattgeleckter Oberfläche, Landschaftsfolie im scheintoten Raum. Ratternde Züge wie von ungelenker Hand abgeschossene Silberpfeile. Ich sage, komm laß uns aufbrechen, immer dem Licht nach, dem Rausch der Bewegung. Du hast schöne Beine und ich, ich habe ein Ziel.
Schatten saufen. Und als ich in meiner Küche stehe, Scampi in die Pfanne werfe, zum knoblauchgetränkten Zischen ein Lied summe, am Rande von Übermut torkelnd, denke ich daran, wie die sehr schöne Frau™ einst tütenweise von dieser ganz großen Sorte mit nach Hause brachte, Beifang eines dieser Food-Jobs. Und wie wir kleinen Kindern gleich hineinschauten in den knisternden Schlund der Packung, staunend auf die rosafarbene Pracht, und wie aus einem Mund sagten: Rieeeesig! Und lachten. Denn das war der Grund, warum wir nach Hamburg gingen. In großen Städten sei eben alles etwas größer, behaupteten wir. Die Sehnsucht zum Beispiel, die Versprechen aber auch.
Bilder in Licht gießen. Und dann neulich bei Sugimoto. Stumme Betrachtung zwischen Grauen und Entzücken, Trümmerland und Ach Du, Hauch von Verstehen. Ganz sanft durch die Säle gleiten. Mit meiner Begleitung über Blitze sinnieren, die Lightning Fields und fragiles, transluzierendes Unterwassergetier. Diese wunderbare Idee, die Zeit einzufrieren, einen Film zu bannen in ein einziges Bild, geronnene Bewegung, ein Abdruck aus Licht. Wie ein ganzes Leben, diese zerbrechliche Membran. Unendlich klein und dicht.
Und einfach unglaublich hell.

Mittwoch, 27. August 2008
mere sickness could not kill him: nothing but a whale, or a gale,
or some violent, ungovernable, unintelligent destroyer of that sort.
(Herman Melville. Moby Dick or, The Whale. 1851.)
Die Ohnmacht bleibt, in diesen Momenten nicht nahe genug zu sein. Die Stille nicht mittragen zu können. Wenn Wasser nimmt, was Erde nicht trug.
Acht Glasen. Nimm für mich Grüße mit.
All hands on deck at dawn
