Döner und Dinner

Um mich von den regelmäßig drohenden Montagen abzulenken, schaue ich ja sonntags gerne ab und an mal dieses "perfekte" Promi-Dinner, sollte ich in der Nähe eines Fernsehers sein. Sätze wie "Ich als Mädchen, das auch pur Essig trinkt..." oder "Das war ein Blabla-Wein vom Weingut Blabla, da, weiß man, das ist ein guter Wein..." lassen mein Herz schneller klopfen, da möchte ich Steno können oder wenigstens blind tippen wie Frau Gaga. Weingut Blabla! Ich bin ja eingestandenermaßen ein ziemlicher Küchenignorant, kaufe meinen Wein bei Lidl um die Ecke und will mein Achtelwissen auch nicht so vor mir hertragen. Aber Leute! Bitte!

Ich weiß, bestimmte, in bloß mikroskopisch zu erfassenden Mengen verwendete Zutaten bekommt man in hinreichender Qualität auschließlich bei Luigi oder Césare oder diesem kleinen Laden links hintem im Hinterhof, der nur mittwochs zwischen neun und elf und dann noch samstags vormittags geöffnet hat (aber nur bei zunehmendem oder abnehmendem Mond) und für den man durch die halbe Stadt fahren muß - wirklich, ich habe Verständnis dafür, daß es anders nicht geht. Schließlich bestellen Hifi-Enthusiasten ihre spezialvergoldeten Kabel auch nur bei einer kleinen Manufaktur im Allgäu, weil man sonst nichts hören kann, erkennen Vinyl-Fans Pressungen blind am Gewicht und läßt sich so manches Frauenhaar einfach nicht bändigen, hatte nicht Renée oder Silvio seine Schere dran, der aber leider so oft in ParisVenedigBerlin weilt. Wirklich, ich verstehe das. Ganz genau.

Heute zwei lustige Snobs am Tisch ("Da wohnt die auf Mallorca und kommt uns mit Bertolli-Öl" - das war aber auch eine wirklich hübsche Replik auf die Aussage der Gastgeberin, es sei "ja wohl selbstverständlich, ein gutes Öl anbieten zu können". Haha, da habe selbst ich gelacht.) Hübsch auch mitzuverfolgen, wie sich das Quartett untereinander überhaupt nicht ausstehen kann, die eine jedenfalls eckt ein wenig an.

Die Sendung lebt ja davon, daß sich - anders als bei Restauranttester Rach, dem Vertreter der schwarzen Küchenpädagogik - angeblich prominente Menschen aus Film, Bühne und Fernsehen in ihren Küchen zum Deppen machen ("Höhö, dem Dings ist der Auflauf auf den Boden gefallen!"), es handelt sich also um simple Voxlksbelustigung, nicht um eine Kochsendung im eigentlichen Sinne. Die Zitrone schmeckt zitronig, so in etwa. Ich finde dabei interessant zu sehen, wie diese manchmal ja gar nicht so schlechtverdienenden Kulturarbeiter eingerichtet sind. Die Berliner immer so berlinig, 100-Quadratmeter-große Single-Wohnungen, Parkett und Shabby Chic, Hamburg gerne mit Goldrand, im Süden dann irgendwie anders. Ich erinnere mich an die Wohnung von Dunja Rajter. Aber auch die Ritterburg von Nicky ("I bin a bayrisches Cowgirl") war... interessant.

Jedenfalls. Da sitzen dann vier mehr oder weniger sympathische Menschen, also solche wie du und ich, aber öffentlich beschäftigt und reden ganz gewichtig über Dinge, von denen ich zwar keine Ahnung habe, die oft aber auch nicht, und von denen ich meine, man könnte da auch entspannter mit umgehen: "Du kriegst da in Berlin einfach keine frischen Wildkräuter!" - Ja, Himmel! So schlimm! Das habe ich gar nicht gewußt. Leider nutzt da auch kein Care-Paket, denn ehe ich das aus meinem Doppeldecker über der Sexy-Stadt abgeworfen habe, sind die ja schon welk. Kommt doch nach Hamburg, wir haben zwar keine Kultur, nur noch eine Polizei-Blaskapelle, aber sonst ist alles frisch.

Am Ende schütteln dann immer alle Balsamico-Essig-Zierränder über den Teller. Jackson Pollock! rufe ich. Kenn ich, das ist eine gute Marke, da lasse ich keine billigen Kopien gelten.

Homestory | 12:13h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
jean stubenzweig - Dienstag, 19. Oktober 2010, 13:23
Aber letzterer malt doch gar nicht (mehr) in Öl.

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kid37 - Dienstag, 19. Oktober 2010, 14:28
Da sieht man wieder, wie leicht man sich einen kaltgepressten Druck als Original andrehen läßt!

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nnier - Dienstag, 19. Oktober 2010, 19:36
Situationen, in denen man gerne nach der Maggiflasche fragen möchte. Ich mag's auch gerne lecker und streue mir gerne gutes Salz aufs Frühstücksei, manchmal aber vergällt einem der Mief der Distinktion das ganze Aroma.

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kid37 - Dienstag, 19. Oktober 2010, 20:00
Wir in Hamburg gewinnen unser Salz aus alten St.-Pauli-Trikots. Dieser Leidensdruck im Umgang mit Ignoranten auch! Man ruft "Meersalz" und - schwupps streut jemand tüchtig nach.

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gaga - Dienstag, 19. Oktober 2010, 21:58
Wer war denn dran mit Kochen? Früher, als ich den Fernseher noch als zusätzliche Lampe benutzt habe, hab ich das manchmal auch geschaut. Irgendwie ist mir dann das Leben dazwischen gekommen und das Gerede der Leute im Fernseher hätte ein bißchen arg von den anderen (Selbst-)Gesprächen abgelenkt. Manchmal war es auch lustig, die Wohnungen anzugucken. Ich erinnere mich an Drafi Deutscher Abi Ofarim und Rosa von Praunheim. (Rosa hat lauter Kriegsgerichte präsentiert, die nicht so besonders geschmeckt haben aber lustig dargeboten wurden). Obwohl ich die Rosa-Folge erst viel später auf youtube geschaut habe, da war ich schon nicht mehr auf dem Laufenden. Bei einem späteren Versuch hab ich die Prominenten dann nicht mehr gekannt, was ein bißchen anstrengend war. Ich war dann auch zu faul zu googeln, wer die Leute sind. Interessant war auch einmal ein Dinner mit Jutta Winkelmann und Gisela Getty, die ziemlich radikales Zeug gekocht haben. Kam nicht so gut an, war aber interessant, diese hartnäckige Widerborstigkeit der beiden. Ich glaub so veganes Zeug oder so.

Die Leute haben glaub ich ganz schön Angst sich zu blamieren, weil überall im Fernseher gekocht wird! Dann kaufen sie schnell so modische Bücher und lernen, was gerade modern ist, weil sie ja in Wahrheit wissen, dass sie keine richtigen Köche sind. Man muss da nachsichtig sein!

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kid37 - Dienstag, 19. Oktober 2010, 22:26
Ich bin ja nun für meine Nachsichtigkeit nachgerade berühmt! Ich rolle aber die Augen über dieses Nachplappern, das selbst mir auffällt, obwohl ich in diesem Thema nun wirklich nicht zu Hause bin. Da wird eine angelesene Liturgie runtergebetet, als hätten diese Menschen 30 Jahre neben einem Haubenkoch verbracht. Ganz selten habe ich dort mal Kandidaten erlebt, die da ganz unbefangen und entwaffnend schlicht an die Sache herangingen, ohne jetzt wurschtig zu werden. (Das finde ich dann auch nicht sympathisch.)

Zuletzt kochten eine Art Britney Spears einer bekannten Casting-Show, eine hochdekorierte blonde Schlagerdame, die aber ihren minderjährig-ausschauenden Schlagzeuger kochen ließ und zwei ambivalent daherkommende Serien-Darsteller. Die waren mit ihren bissigen Kommentaren ganz witizg, wie das so ist, wenn sich zwei hochschaukeln und über andere lästern. Aber irgendwie waren sie auch neunmalkluge Snobs, die einem wahrscheinlich Vorträge über die korrekte Maserung von frischgeklopften Kobe-Rindersteaks halten, während in Afrika die Kinder hungern man manchmal einfach nur satt werden will.

Muß los, mein Kurzzeittimer hat geklingelt, das Käsebrot ist fertig.

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gaga - Dienstag, 19. Oktober 2010, 22:39
Sicher wieder irgendsoein überkandidelter besonders alter Gourmetgouda nach Carpaccio-Art in Scheiben geschnitten an gebutterten Roggenlaibfilets mit Sonnenblumennüssen!
Snob!

Ich kann mich über die Kochdilettanten eigentlich so gar nicht aufregen, weil man professionelle Köche zuverlässig daran erkennt, das sie beim Kochen keine Zeit mit Erklärungen zur Vorgehensweise verplempern (außer natürlich in den Fernsehshows, wo sie fürstlich dafür bezahlt werden.) Im richtigen Leben machen die einfach, zack zack aus dem Handgelenk, und reden dabei lieber über was ganz anderes ;-) Insofern ist das ganze Geplapper eh ein Offenbarungseid. Ein guter Koch flirtet viel lieber, als damit zu langweilen, wo er seinen Essig kauft.

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gaga - Dienstag, 19. Oktober 2010, 22:56
P.S.
das ist so ähnlich, wie wenn meinethalben Herr Kravitz beim Besuch in seinem Heimstudio vor laufender Kamera betonen würde, dass er teure Marken-Gitarren benutzt. Lustige Vorstellung eigentlich.

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kid37 - Mittwoch, 20. Oktober 2010, 01:01
Die Milch für diesen Gouda wird in einem kleinen versteckten niederländischen Bergtal abends nach Sonnenuntergang von jungfräulichen Meisjes handgemolken, damit der Käse so zart wird. Die Sonnenblumen stammen vom Südhang aus dem Piemont, andere schmecken ja überhaupt nicht.

Diese Idee mit Kravitz trifft das häufig anzutreffende Mißverhältnis recht gut. Oft sind diese Profi-Amateure am unentspanntesten. Das sind die, die einem in Heimwerkerforen den unbedingten Erwerb einer Makita-Bohrmaschine nahelegen, obwohl man nur gelegentlich mal einen Nagel einschlagen möchte.

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gaga - Mittwoch, 20. Oktober 2010, 09:10
Von diesem niederländischen Bergtal hab ich auch schon wahnsinnig viel gehört.

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gaga - Donnerstag, 21. Oktober 2010, 00:29
P.P.S.
noch mal P.S. von wegen "...Ganz selten habe ich dort mal Kandidaten erlebt, die da ganz unbefangen und entwaffnend schlicht an die Sache herangingen, ohne jetzt wurschtig zu werden. " Ein seltenes Beispiel (außer RvP, der außerdem noch damit herumprovozieren musste, dass er das betont simpel gehaltene Dessert (Schokoladenkrem) in Hundenäpfchen in seinem Folterkeller servierte) kam wohl in einem anderen Format vor, hab ich leider aber nicht gesehen, sondern nur in den Erinnerungen von Winfried Glatzeder gelesen. Er hat nie von sich behauptet, nennenswert kochen zu können und tut es auch heute noch nicht. Sobald man heutzutage irgendwie als prominent gilt, wird man gebeten, öffentlich zu kochen, schreibt er. Und demzufolge nahm er überrascht eine Einladung zu Herrn Biolek an. Da er bei Dreharbeiten immer großen Anklang bei den Kameraleuten und Handwerkern fand, wenn er ein etwas aufwändiger von seiner Frau zubereitetes Knoblauchbrot anbrachte, entschied er sich für dieses "Gericht". Eigentlich müsste man jetzt die ganze Geschichte abtippen, aber das verstößt gegen das copyright und obwohl ich schnell und blind tippe, wäre ich auch zu faul. Nur so viel: Glatzeder wusste sehr wohl, dass ein Knoblauchbrot mit welchen Nüsschen und Kräuterchen auch immer aufgepeppt, Herrn Biolek bestimmt zu schlicht wäre und auch sonst nicht sehr passend, da der Gastgeber immer betonte, dass er den Genuss von Knoblauch bei der Arbeit nach Möglichkeit meidet. Man riecht dann ja so streng. Usw. usf. Nun ja. Interessant die Perspektive hinter den Kulissen von Herrn Glatzeder über die Produktion zu lesen. Am Ende haben sich die Alfredissimo-Techniker und Beleuchter umso begeisterter über das von Herrn Biolek als "interessant" verschmähte Brot hergemacht.

Allerdings verbietet sich beim 'perfekten Promi-Dinner" das Schlichte ja schon von der Betitelung her. Mit perfektem Dinner wird ja immer diese dreigängige Geschichte auf Feinschmecker-Restaurant-Level verbunden. Das lässt zwangsläufig jeden sonst eher schlichten Spaghetti- und Spiegeleierkoch hektisch in der Kochfibel blättern. Also mir tun sie leid! (und dann der Abwasch!)

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kid37 - Donnerstag, 21. Oktober 2010, 17:54
Ja, der Druck des Etiketts. Ich habe ja einen recht kleinen Tisch, der ist mehr so was für intime Käsebrotstunden. Von daher habe ich nichts zu befürchten. Aber literweise Rotwein in Bios Töpfe kippen, das bekäme ich gerade noch hin.

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anousch - Mittwoch, 20. Oktober 2010, 19:02
Meine Rede!

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pommesrot - Donnerstag, 21. Oktober 2010, 13:45
Die Österreicher waren die Oberknaller!
Ich hab mal ne Folge bei den Lugners gesehen. Christian Clerici hat sich aus Verzeiflung dermaßen mit Rotwein zugegossen 8bauchige Gläser gut halbvoll geext), dass er tatsächlich hackedicht in den Wirlpool der Lugners gesprungen ist.

Das hatte Unterhaltungswert, was aber nichts heißen soll. Ich bin latent anfällig für Unterschichtenfernsehen ;-)

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kid37 - Donnerstag, 21. Oktober 2010, 17:51
Im Pool bei Mörtel? Stark, dafür würde ich auch saufen kochen. Ab und an ist es solcher Trash ja wirklich unterhaltsam.

Anousch, genau. Hauptsache, mit Liebe gewürzt, darum geht es doch.

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books - Samstag, 23. Oktober 2010, 05:51
*lol*
Das ist ja ein Spitzenweinthread!

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