Montag, 28. Oktober 2019


Mensch im Eisen

Mein Tagwerk ist: im engen Kesselrohr
bei kleinem Glühlicht kniend krumm zu sitzen –
an Nieten hämmernd in der Hitze schwitzen.
Verrußt sind Aug' und Haar und Ohr

(Heinrich Lersch, "Mensch im Eisen". 1907)




Den Schreibtisch aufgeräumt, Schlüsselkarten abgegeben, wie ein Eichhörnchen oder ein Trupp fleißiger Ameisen alles, was ich nach und nach im Spind ausgelagert hatte, emsig wieder nach Hause transportiert.

Mein erstes Coaching absolviert in moderner Kommunikation und Gesprächsführung. Gelernt, daß es in Diskussionen nicht "Gott, sind Sie blöd!" heißt, sondern "Entschuldigen Sie, mein Fehler. Ich dachte, Sie hätten studiert." Interessant, aber wenn es einem zu einer gewissen Parkettsicherheit verhilft, soll es kein Schaden sein.

Ich kuratiere jetzt nur noch ernsthafte Fälle und rechne gerade ausstehende Gelder zusammen, weil ich ein Gemälde erwerben möchte, um einen späteren Dienstherren zum Essen einladen zu können. Es sind die kleinen Dinge und Details, die zählen.

Die Jahre zähle ich nicht zusammen. Ich erfahre, daß es da unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt, die Endergebnisse über Stufen hinweg nach oben oder unten und vielleicht sogar seitwärts verschieben können. Ich bin aber sicher, es gibt Menschen, die kennen sich mit derlei Rechenödnis wunderbar aus.

Das ist ja auch eine Kunst, wie überhaupt alles Kunst sein sollte.


 


Sonntag, 22. September 2019


"Dick Laurent ist tot."

Für die kommende Weihnachts- und Jahresendfeiersaison bereite ich gerade einen kleinen Kalender mit hilfreichen Small-Talk-Openern vor. Man stelle sich vor, man trifft einen wildfremden Menschen am Buffet und sagt launig und unkompliziert, während man Kleingeschnittenes von diesem und jenem auf den Teller schichtet: ""Chanel wird ja jetzt wieder mehr Coco". Durch die Beförderung von Virginie Viard zur obersten Chefdesignerin, wie wir alle wissen, aber das ist für einen Small-Talk-Opener schon zuviel der Information. Keep it simple, heißt auch hier die Zauberformel.

So ein Vorbereitungskalender kann wichtig ein, wie oft steht man da und hat kein passendes Wort parat. Mir selbst verschlägt regelmäßig die Sprache in solchen ungelenken Sozialsituationen meist aus unterforderter Langeweile oder einem zuviel an möglich-munteren Antworten (das Berliner Landgericht hat immerhin mit einem Urteil einer ganzen Reihe Wörtern soeben die Tür zum Alltag geöffnet), manchmal aber auch aus banaler Schüchternheit.

So, als ich gestern ein Netz Äpfel aus den Händen meiner Lieblingskassiererin im Supermarkt entgegennahm (vgl. Gen. 3.6), obwohl ich zuhause noch genug herumliegen habe. Aber so richtig ein eleganter Spruch fiel mir dazu nicht ein, man muß ja auch aufpassen beim Supermarkttalk. Hätte ich da nur meinen Kalender mit Jahreszeitendialogen gehabt! "Danke. Chanel wird jetzt übrigens wieder mehr Coco." Da hätte die junge Dame ("Bedienfrollein" sagte man früher) aber was zu überlegen gehabt und sich gefreut. "Chanel wird wieder mehr Coco", mein Eisbrecher für die kommenden Tage.

Neulich mußte ich schon eine überraschende Kommunikationssituation an der Sprechanlage meistern. Abends um neun klingelte es an der Türe, ein neuer Nachbar, wie ich über die Sprechanlage erfuhr, der mir gestand, daß er es war, der meinen Steuerbescheid aufgemacht und gelesen, dann aber immerhin in meinen Briefkasten steckte. Das Finanzamt hatte die Adresse tatsächlich falsch aufgeschrieben, der Zulieferer tat das nächste - und schon sah man mich verwundert mit einem aufgerissenen Brief am Kasten stehen. Nun aber auch an der Sprechanlage. Jedem fällt jetzt David Lynchs Lost Highway ein, die ominöse Nachricht zu Beginn - "Dick Laurent ist tot" - und jetzt warte ich auf vor der Türe deponierte verstörende Videonachrichten (auf VHS-Kassette). Erstmal aber stand ich abends um neun an der Sprechanlage und führte ein etwas surreales Gepräch sensiblen Inhalts mit einer ätherischen, mir unbekannten Stimme, die mir munter ihren Schreck über meine Steuersumme nannte (ich fühlte mit ihm), fürchtend (haha!), diese selbst als Steuerschuld zu haben usw. usf. Ich wollte den Mann auch nicht unhöflich abwürgen, hatte er sich doch netterweise zu seinem Faux-pas bekannt und mich damit auch ein Stück weit beruhigt. Wir tauschten unsere Berufe aus (sieh an, sieh an!), wobei ich denke, daß mir seiner noch nützlich sein könnte.

Wie gern aber hätte ich ihm auf dem abendlichen Weg ins Nachbarhaus ominös mit auf den Weg geraunt: "Chanel wird jetzt wieder mehr Coco." Da hätte er was zu Grübeln gehabt.


 


Sonntag, 15. September 2019


Einfach machen



Es folgt: der Wochenbericht. Ich denke ja über Neuorientierung nach, mit 37 muß man Weichen stellen. Wie ein empfindsames Katzenschnurrhaar seismographiere ich allerlei "Ideen" und Vorstellungen, lasse mir das als Jobmöglichkeit auf der Zunge zergehen, teste, atme, ein Stellenangebotssommelier, wie neulich, als in Hamburg ein Schokoladengeschäft zum Verkauf stand ("Pralinés und Edelschokolade"). Toll. So viele Möglichkeiten, und nur ein Mann, die zu tun.

Kollegen rümpfen die Nase ("Ideen, Ideen! Machen!"), ich sage, ich habe mein eigenes Tempo und prüfe, wer sich letztlich bindet. Zum Beispiel könnte ich raus aufs Meer. Auf dem Parkplatz neben meiner Packstation hat sich nämlich seit einiger Zeit ein unregulativ entstandener Trinkertreff etabliert, wo launige Männer lebensweise in den Tag hineinkommentieren. "Guck mal, da ist der Kinderkapitän, wie heißt der noch?" rief neulich einer mit Blick auf mein Ringelshirt. "Hein Blöd!" antwortete einer, worauf ich belehrend einschritt. "Ihr meint den Matrosen, der Käpt'n heißt Blaubär." Wissen die das jetzt auch.

Hein Blöd bei der Handelsmarine klingt entspannt, auch ein bißchen abenteuerlich, und als Matrose hat man eh Schlag bei Frauen, die abends gern am Kai weinen. Ich lese aber auch Stellenanzeigen. In Bremen, so vernehme ich, wird ein kriminaltechnisches Institut aufgebaut, und man sucht dafür einen Leiter. Das reizt mich irgendwie schon, fühle mich nach seit den 90ern andauerndem Telelearning "Akte X" auch ausreichend befähigt, zumal ich durch "Murdoch Mysteries" gerade ganz viel über die Anfänge der Forensik (in Kanada) lerne. Herr Kid von der KTU - wie klingt das denn? Allerdings gibt es Hürden zu überwinden: "Einstellungsvoraussetzung ist das bedenkenlose Ergebnis der Sicherheitsüberprüfung". Tja. Seit 37 Jahren bin ich Bedenkenträger und habe daher solche.

Da ich gerne mit Tieren arbeite, käme für mich auch eine Falknerei infrage. Falkner arbeiten nämlich umweltfreundlicher als mit Schußwaffen ausgerüstete Jäger, die ihr Blei in die Wälder verballern. Als wir vor einiger Zeit Ratten im Keller hatten, hätte ich z.B. meinen Falken durch die Gänge jagen können - die Axt im Haus erspart bekanntich den Zimmermann - der ist geräuschlos, gefährlich und pfeilschnell, also alles das, was ich nicht bin. Ein Kompensationstier, sozusagen der SUV des kleinen Mannes.

Auch Modedesign interessiert mich seit einigen Jahren sehr. Zum Thema Destroyed Socks (155,- Euro) fiele mir einiges ein. Zerrissene Jeans können nicht alles sein. Hier im Camp David der Kreativität fliegen mir solche Ideen ja nur so zu - als wären sie ein Falke, der sich auf mich und mein Hirn herabstürzt. (300 Studenkilometer, also schneller als ein SUV).

Letzte Woche war ich auf der Indie Con im Hamburger Oberhafen. Zumeist junge Menschen präsentierten dort ihre kleinen Verlage mit Büchern und Magazinen. Die Leute vom Trust waren da, die vom Weekender, von Fotomagazinen aus Wien, Italien und weiteren Ländern. Stimung: gut. Motto: "Einfach machen!"

Und auch, wenn die Pointe noch fehlt: Immer weitermachen, sag' ich doch.


 


Dienstag, 3. September 2019


Hauspläne

Neulich wollte ich zu einer Wochenendveranstaltung in Wittenberge, das Wetter war auch schön, dann aber hatte ich darob eine Sinnkrise und nun auch Wahlergebnisse. Man könnte dort aber sicher gut wohnen, mit der alten Nähmaschinenfabrik (singert alle mit: Pri-vi-leg!), in Mitten von Natur und ziemlich genau zwischen Berlin und Hamburg und einem Bahnhof, wo auch ein schneller Zug hält.

Jetzt aber habe ich erstmal einen Architekten beauftragt, mir ein neues Heim zu entwerfen, für den Fall, daß ich doch noch in der Lotterie gewinne. Bislang sehe ich davon nichts, es muß also jemand doll in mich verliebt sein, heißt es doch, "Pech im Spiel, Glück in der Liebe". Nur habe ich für Romanze gerade keine Zeit, ich will Wohnideen entwickeln.

Mein Architekt heißt Marc Giai Miniet und hat jetzt erstmal diese Sachen entworfen. Mit Platz für Bücher, einer Dunkelkammer, Bastelraum und Archiv, einen großen Heizkeller und - für mich ganz wichtig - einen Stellplatz für mein U-Boot. Hier gibt es ganz viele Varianten zu bestaunen.

In die engere Wahl habe ich jetzt diesen Entwurf genommen. Nicht zu angeberisch, alles sehr strukturiert und irgendwie kunstvoll. Ich schätze, so eine alte Nähmaschinenfabrik ließe sich zu diesem zweck sehr leicht umbauen.

>>> Webseite von Marc Giai Miniet


 


Freitag, 30. August 2019


What Time is Love?



Greta Thunberg hat, wie in dem kleinen Tourvideo oben zu sehen ist, mittlerweile Amerika mit dem Segelboot erreicht. Glückwunsch - und echt tapfer! Ich vermute, eine Menge dieser vornehmlich männlichen Kritiker, die meisten deutlich doppelt und dreifach so alt wie die 16-jährige Klimaaktivistin, hätten die Überfahrt kotzend an der Reeling verbracht. Vorsichtshalber begleiteten sie die Fahrt aber nur auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, wo sie Häme und messerscharfe Analysen auskübelten wie die, das der Teenager sich für die Reise die Hilfe von Profiskippern gesichert habe. Das von Leuten, denen ich unterstelle, daß sie nicht mal mit einer gutmütigen Anfängerjolle über die Alster kämen. "Millionenteuer" sei die Yacht zudem gewesen, so als hätte sie die gekauft oder als sei dies überhaupt eine Aussage. Der Airbus, mit dem ich letztes Jahr nach New York flog, nur um für mich selbst zu demonstrieren, hat nach Liste an die 450 Millionen Euro gekostet. Mal zum Vergleich.

Aber da mischen sich eben die Fixierung auf Geld, Dollars, Knete & Moneten zum Neid auf eine junge Schülerin, die in jungen Jahren schon mehr für ihre Ideale erreicht und Aufmerksamkeit erregt hat als diese seibernden Herrschaften alle zusammen. Greta Thunberg ist der größte Mittelfinger der Welt - und schon allein dafür liebe ich sie.



Zum Wochenende dann aber Kulturprogramm. Ein Hinweis erreichte mich aus Kiel. Dort beginnt am 21.9. die (aus Frankfurt übernommene) Ausstellung "Von Angesicht zu Angesicht" mit Werken von Lotte Laserstein. Vielleicht mal was für einen Tagesausflug. Das tolle Fotomagazin Die Nacht ist ja bekanntlich mit der Nummer 20 zum letzten Mal in dieser Form erschienen, eine Nummer 21 wird aber gerade als Themenheft ("Mexiko") produziert. Durch Patti Smith wiederum wurde ich auf die Ausgabe von Marcel Schwobs The Book of Monelle aufmerksam, die von mir unbemerkt bereits 2012 erschien (ich weiß gar nicht, ob es eine erhältliche deutsche Ausgabe gibt). Gute Rüstung also für ein Bad im Mondlicht. Morgen sind noch mal Temperaturen von über 31 Grad prognostiziert, danach ist Leben vielleicht wieder möglich.



In Deutschland als besserer "Pferdeflüsterer" vermarktet, war das großartig fotografierte Drama The Rider einer der Knaller 2018. Es war zudem der erste Film, den ich nach langer, langer Absenz im Kino sah. In New York übrigens und quasi unter Zwang, aber ich empfehle den ausdrücklich auch Leuten fürs Heimkino, die nichts mit Pferden anfangen können, dafür aber mit Lebensfügungen und schwierigen Schicksalen. Da ich zuletzt wieder schwierig, schwierig mit Berlin, patzigen Antworten von dort Beschäftigten und stornierten Reisen dorthin zu tun hatte, suche ich Trost bei Yvan Goll. Er beschreibt die psychosexuelldramatische Lage schon 1929 in seinem Roman Sodom Berlin, die ZEIT berichtete sichtlich amüsiert knapp 60 Jahre später darüber.


 


Samstag, 15. Juni 2019


Familienalbum #1



Wer hat sie nicht auf Lager, die guten alten Familiengeschichten. So mancher aufnotierte Schwank sorgte zuletzt ja für etwas unschöne Furore über Blogs hinaus, darüber aber möchte ich nichts sagen. Ich will doch lieber selbst ins Fotoalbum und auf meine Wurzeln schauen, denen kann ich wenigstens vertrauen, wenn es stimmt, was ich in jungen Jahren hörte. Schon als Kind nämlich (später wurde das anstrengend) lauschte ich gern aus meiner von den Erwachsenen bald vergessenen Kauerhaltung unterm Wohnzimmertisch mit seinen sieben Decken den likörchengestärkten Erzählungen von Tanten und Onkel über die beeindruckend weitverzweigten, äh, Zweige des Familienstammbaums. Eines kann ich verraten: Es ist ein langer und gewundener Fluß von Erzählungen und Anverwandten, armen Bauern und toten Soldaten, kinderreichen Müttern und abenteuerlustigen Auswanderern.

Darunter war immer wieder mal die Geschichte von Uronkel Waszlaw Barenczow, der in die ostpreußische (streng genommen aber "westpreußische") Linie meiner Mutter zu zählen war und der um 1910 als Eisenbieger auf Jahrmärkten in seinem Dorf zu einiger Bekanntheit kam. Er galt als stärkster Mann der Umgebung, selbst in Danzig, und das ist sicher eines dieser Likörchen, also Histörchen der Familie, hatte man angeblich von ihm und seinem stattlichen Schnurrbart gehört. Oder umgekehrt. Soweit ich es als Kind verstanden habe, arbeitete er wohl in der nahen Eisengießerei, wo er, so stelle ich mir das jedenfalls vor, irgendwann zum Biegen kann.




Die Spuren des guten Waslaw verliefen sich mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs aus der Familienlore - es hieß, ein reicher Kaufmann aus der Stadt habe ihn überredet, auf einem Kohledampfer nach Amerika zu reisen, um dort als Bieger und Boxer auf Wanderbühnen aufzutreten. Ich bezweifle, daß daraus etwas wurde, denn als ich letztes Jahr mit einem modernen Fugzeug nach New York (das ist eine große Stadt in den USA) reiste, um dort auf Bühnen aufzutreten, wurde daraus nicht viel (lange Geschichte, aber es scheint in der Familie zu liegen) und zweitens fand ich auch sonst keine Spur vom bärenstarken Uronkel.

Nur diese zwei Fotografien sind von ihm erhalten, aufgenommen in Danzig und wohl bezahlt vom ominösen reichen Kaufmann (oder, und das ist nach allem, was ich über das Schaugeschäft weiß, wahrscheinlicher, vom treuen, um nicht zu sagen, naiven Waslaw selbst) und dem Anschein nach als Cabinettkarten für die Karriere in Übersee gedacht. Ganz schmuck, finde ich, allerdings, und da bin ich ein wenig beschämt, ist er (berufsbedingt) wesentlich durchtrainierter als ich. Es soll mir daher ein Ansporn und Vorbild sein, denn ein kräftiges Erbe soll man schätzen. Die "37" jedenfalls habe ich von ihm, eines Tages möchte ich sie nicht nur schreiben, sondern sogar stemmen können.


 


Montag, 29. April 2019


Zitronenwochen



Am letzten Aprilwochenende ziehen auf einmal dunkle Wolken vor meinem Fenster vorbei. Ein Fußballspiel geht verloren. Aber wo genau geht es hin? Meine Wohnung sieht aus als wäre sie 50 Jahre verschlossen gewesen, hier geht nichts verloren. Jetzt aber finden sich Staub, aber auch Objekte aus vergangener Zeit, Verlorenes, Bezauberndes, Unerklärliches. Vielleicht kommt einmal Patti Smith vorbei mit ihrer Polaroid und hält ein Nachmittagsschläfchen. So hat sie es im Haus von Frida Kahlo und Diego Riviera getan. (New Yorker)

Ich wüßte auch ein paar Häuser oder Wohnungen, in denen ich gern mal eine Ruhepause oder einen kurzen Schlummer machen würde. Meine eigene Wohnung vorne an. Mir geht es wieder so gut, daß ich bereits wieder schlaflos bin. Kühle der Nacht.



Träume von Obst. Unerklärliche Küchenbilder, zu gern würde ich jetzt ein Nickerchen in der Berggasse machen. Wie in einer Schale überdauern. Die Zukunft aus der Natur lesen. Dinge besser machen. Das dämliche Blässhuhn, das unten auf dem Kanal wohnt, hat schon wieder ein schlecht verankertes Nest aus sperrigen Zweigen auf dem Wasser gebaut. Jedes Mal, wenn ein Boot vorbeifährt, treibt es durch die Wellen zwei Meter nach links oder nach rechts. Es harrt tapfer aus auf seiner dümpelnden Scholle, ich bin gespannt, wie lange das hält. Vermutlich denkt es sich dasselbe über mich. "Der typische Blässhuhnruf, ein krächzendes, aber etwas melodisches krök, stammt vom Weibchen." (Wikipedia) "Glotz nicht so!", heißt das übersetzt. Das Männchen reagiert wie Patti Smith und sucht sich Rückzugsräume: "Zusätzlich zum Brutnest baut das Männchen oft noch 1–2 Ruhenester."

Blässhühner sind Nestflüchter, lese ich weiter. Ich glaube, ich schließe mich lieber 50 Jahre ein. Bißchen schlummern.


 


Sonntag, 14. April 2019


Haushaltsvertigo



Nach der Arbeit an meinem heiter-melancholischen Erinnerungsbuch Die letzten Gläser wischt der Wind, hatte ich mich für ein Mittagsschläfchen kaum einmal umgedreht, da ist schon wieder April. Demnächst also drei Monate Sommerhitze, dann ist es bereits Zeit, die Weihnachtsdekoration aus dem großen Karton im Keller zu holen. So ein Jahr wird so schnell groß, es wird einem ganz schwindelig. Ich habe schnell Blumen gekauft und ein wenig in Lynd Wards Bilderzählung Vertigo gelesen. Die Holzschnitte des US-amerikanischen Masereels sind in dieser Ausgabe (Dover Press) recht klein wiedergegeben für meinen Geschmack, aber das ist nun mal das, was wir haben. Sonst haben wir nichts. Ein feiner Schnitzer.



Überraschend unterhaltsam finde ich derzeit die US-Serie The Alienist. Ich bin kein besonderer Fan von Daniel Brühl, in der Rolle als "Seelenarzt" im New York Ende des des 19. Jahrhunderts aber gefällt er mir gut. Luke Evans Rolle klimpert ein wenig auf einer Note, Dakota Fanning ist vielleicht auch ein wenig dünn skizziert - und die Kilcher, ach herrje. Ein Serienkiller geht um, zur Abwechslung hat es dieser auf Jungs abgesehen (allerdings im Frauendress), das ist alles anspielungsreich (im Mittelteil blitzt ein wenig True Detective auf, Genreelemente aus der Modellierform namens Das Schweigen der Lämmer fehlen auch nicht) und an historischen Fakten orientiert (Theo Roosevelt, J.P. Morgan usw.). Lustigerweise spielt es zum Teil in einer Straße, in der ich öfter war, ohne zu wissen, WAS DA ABGING. Imposant auch das Modell der Williamsburg Bridge, die da noch im Bau ist. Da schaut man runter, daß einem schwindelt.

Nicht sonderlich überfrachtet, man kann es also gut gucken, visuell ganz schmuck, die Titelsequenz zum Beispiel arbeitet mit hübschen Texturen. Schönster Aspekt vielleicht, die langsame Entdeckung forensischer Methoden für die Kriminalistik - Fingerabdrücke, Fotografie und Tatortskizzen - und eine frühe Art von Profiling, wo noch eine Kreidetafel benutzt wird statt der heute in Filmen üblichen Korkpinnwand. (Gibt es eigentlich schon Whiteboards für diese Zwecke?) Die Kostüme sind großartig, es gab ein Budget.



Ich aber muß sparen, daher habe ich jetzt endlich angefangen, Badreiniger selbst herzustellen. Das macht ja nicht der Wind. Rezepte dafür gibt es rauf und runter im Internet, das meiste hat man eh in jedem gut sortierten Haushalt. Und mit einer handschmeichelnden Glasflasche anstelle fiesen Plastikgelumpes benutzt man es sogar. Neulich war eine Kollegin zu Besuch, die behauptete, "you live in a museum!" Junge Leute eben. Nach Dienstschluß wird die Leiter geholt und bis zur Decke schnell geputzt. Die einzige Gelegenheit, wo "von oben herab" erlaubt ist. Schreibt das auf.


 


Montag, 18. Februar 2019


Wochenendreport



Am Freitag saßen bereits T-Shirt-Menschen in meiner Mittgspause unten am Hafen, Gesicht und weitere Bleichhaut Richtung Sonne gewandt, eine moribunde Zauberberg-Kommune am Elbufer, ich wollte aber nichts niederschmetterndes sagen. Samstag dann viel Gedöns in der Stadt, ich immerhin kann wie an einen US-amerikanischen Tanzfilm angelehnt verkünden: Ich habe einen großen Karton getragen!

Brauche ich zum Sortieren von Zeug, und wie mir der wirklich sehr freundliche Verkäufer bestätigte: So was gibt es gar nicht mehr, weil diese metalleistenverstärkten Pappkisten nur noch aus Kunststoff hergestellt werden. Wenn überhaupt. Auch die guten Dinge gibt es nicht mehr überall. Dann mit dem Rad raus, dem angestaubten (feuchten Lappen vergessen). Die Autos noch winterverschlafen aber auf Radwegen geparkt. Das muß rasch anders werden. Sonst werde ich anders.



Auf meiner Beerdigung, so Stand jetzt, soll ein Stück von Rebecca Saunders gespielt werden, vielleicht Void. Damit mal 20 Minuten Andacht ist. Rebecca Saunders ist ganz erstaunlich, hat gerade einen bedeutenden Preis gewonnen und mich mit ihrer Musik sehr verzückt. Leider gibt es nicht viele Aufnahmen ihrer Stücke auf CD. Anders als Meredith Monk, von der ich jetzt ein paar Alben besitze. Impermanence und Dolmen Music gefallen mir am besten, Songs of Ascension und die Klavierwerke. Book of Days bislang weniger, dem Album muß ich noch mal näher auf den Grund gehen, aber das interessiert hier sowieso keinen. Sollte aber. Ihr solltet weg von dieser 4/4-Takt-Bluesschemascheiße. Johánsson fängt (oder besser gesagt: fing) immer mit einem großen Musikthemenwurf an, legt mir aber zum Ende hin doch zu viel Pathos auf. Das kann ich selbst, dafür brauche ich keine Orchesterwerke. Ähnliches gilt für Bent Sørensen ("Rosenbad"). Man denkt, diese Skandinavier sind so karg und sprøde, stimmt aber gar nicht. Ich arbeite mich da aber gerade erst ein. Vielleicht liegt es auch einfach daran, daß es sich bei letztgenannten und anders als bei Monk und Saunders um Männer handelt. Alles Großpathetiker.

Ich bin mittlerweile musikmeditativ so erweitert, ich konnte im Geschäft ganz lässig die Warennummer von meinem Aufbewahrungskarton aus dem Kopf zitieren. Wie so ein Memoriergenie! Da bin ich sehr stolz. Kein Wunder, der Rest ist ja schon ganz weggewittert. Neulich habe ich ein graues Haar entdeckt. Gebt euch doch auch mal Komplimente. Wirkt wie Sonnenschein!

>>> Geräusch des Tages: Meredith Monk, Last Song


 


Freitag, 15. Februar 2019


K-k-koma



Meine Probleme sind ja vielfältig. Unter anderem arbeite ich gerade etwas zuviel, also lange und auf mehreren Baustellen, an Projekten mit strengen Deadlines und in verschiedenen Teams. Das ist schon auch reizvoll, weil damit Abwechslung, munter machender Stress, vielleicht auch Anerkennung (wenn es klappt) verbunden sind. Mal was anderes machen, barfuß über ein Hochhausdach rennen sozusagen und rechtzeitig abbremsen. Macht in der dritten Runde aber auch müde. Kaputt. Ich könnte ale Zeit in einen komatösen Schlaf fallen und wünsche mir auf den Dienstag schon ein Wochenende herbei.

Überhaupt war ich in den letzten Jahren ja doch auch recht kaputtgespielt aus verschiedenen Gründen und bin daher froh, daß mich dann wiederum auch mal jemand freundlich umrannte, Fenster aufriß, mich auf den Kopf stellte, an den Knöcheln hochhob und Sand und ollen Staub aus den Taschen rieseln ließ. So etwas möchte ich jedem auf Krankenschein empfehlen.

Heute hielten unten am Hafen viele Menschen ihr Gesicht in die Sonne, als hätte dieser Miniaturwunderlandwinter Monate gedauert. Saßen draußen vor Lokalen, löffelten Suppen und Salate, summten deutlich modulierter vor sich hin, bald werden in der Öffentlichkeit türkisfarbene Yogamatten ausgerollt, Muskelpartien angespannt und gesungen: "I'm coming around!" Wehe, der Winter hebt noch mal seine Faust.

>>> Geräusch des Tages: Max Sharam, Coma