Einfach die Laufrichtung ändern

... drifter coming in
never touching down - never leaving ground
a twilight world in which we roam
still we don't belong - drift on

(Siouxsie and the Banshees, "Drifter")

Es will einem wahrscheinlich etwas sagen, wenn man morgens in der Fabrikeingangshalle versehentlich den Aufzugknopf "nach unten" drückt - so als wäre bereits Feierabend und man wolle wieder nach, ja wohin eigentlich? - und ein leises Pling weist einen darauf hin, daß es tiefer derzeit nicht geht.

Falscher Knopf also. Falsche Richtung. Leider sind nicht alle Probleme so einfach mit "oben" oder "unten" zu verorten. Derzeit eher das Gefühl auf eine kreisende Spirale zuzulaufen. Die Kollegin sagt, es ginge doch nur noch darum, einen Ausstieg aus diesem Beruf zu finden. Ehrenvoller Rückzug hieß das früher. Es geht darum, einen Ort zu finden, keine Provisorien. Keine Sanatorien. Das Leben als stete Folge von Übergängen, ein Transit zwischen Gesundheitskompromiss und Rentenformel. Ich komme jetzt in das Alter, in dem andere sich einfach einen roten Sportwagen kaufen. Andere winken ab wegen des Klimawandels. Ich winke auch ab. Denn Rost wird alles, was ich berühre.

Du mußt einfach die Laufrichtung ändern, sagt die Katze. Ach ja? No direction home. Aber leider zu alt, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Am besten, man mahnt sich selber ab.

Homestory | 13:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
blue sky - Freitag, 23. Februar 2007, 14:45
Katzen sollte man zu Hamsterrädern einfach nicht befragen.

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fragmente - Freitag, 23. Februar 2007, 14:51
Das ist doch mal ein Posting, wie wir es von Ihnen lieben: schwarz und düster.
Was ich mich in diesem Zusammenhang frage: gibt es überhaupt Verdienstmöglichkeiten, die einigermaßen okay sind, oder nur verschiedene Abstufungen des Hasses, die man beim Arbeitsantritt empfindet?
Unbestreitbar hilft Naivität. Einen neuen Job empfindet man oft aus dem einfachen Grund als richtig klasse, weil man noch nicht weiß, wie scheiße er ist. Glücklich die, bei denen die Naivität ein ganzes Arbeitsleben hält. Nur fürchte ich, daß Sie, werter Herr Kid, genauso wie meine Wenigkeit immer mit glasklarem Blick in die Abgründe schauen. Mir scheint, da gibt es keinen Ausweg.

(Sagen Sie Bescheid, wenn Sie einen gefunden haben. Übrigens habe ich zur Zeit einen juckenden Hautausschlag, - das ist mein Ernst, keine Metapher - der vermutlich in Korrelation zu meiner Werktätigkeit steht und mich gerne um 00:48 weckt. Ärgerlich.)

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frau klugscheisser - Freitag, 23. Februar 2007, 14:57
Vielleicht sind sie es ja doch, einfach zu ortende Probleme. Zu kreisen beginnen sie erst im eigenen Kopf und fahren zwischen jenem und dem Bauch rauf und runter.
Was den Sportwagen betrifft - diese Sorte Vergleich zwischen Altersgenossen hat mich schon immer herzlich wenig interessiert. Ich wäre inzwischen - laut Reihenhausbesitzern - auch schon zu alt für meine Lebensumstände. Aber derlei Besitztum verströmt auf mich keinen Reiz. Absichern heisst das Motto, dem ich mich konsequent entziehe, nur um hinterher dann doch ein wenig über die Unstetigkeit zu jammern.

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c17h19no3 - Freitag, 23. Februar 2007, 15:09
ich würde gern ein paar gartenzwerge lackieren gehen und dazu auch aufzugfahren, allerdings bin ich jetzt gerade extrem auf meine eigene spirale aufgezogen. jeden tag prügle ich mir dinge in den schädel, die ich im leben nie mehr denken werden muss, die mich nachts wachliegen lassen, dröhnendes autobahnrauschen altgriechischer und mittelhochdeutscher vokabeln in den hirnwindungen, und immer das gefühl, die koffer packen und weglaufen zu müssen, wenn man dafür nicht schon viel zu müde wäre.

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kid37 - Freitag, 23. Februar 2007, 15:52
Der Job ist natürlich exemplarisch: kein Vertrag, Arbeit und Bindung per Handschlag, keine weitere Sicherheit. Als Unverorteter und vielleicht bald Wohnungsloser könnte ich auch hier einziehen. Seit der letzten Welle mit der Heckenschere stehen hier einige Werkräume leer. Es gibt Heizung, Waschräume, Internet. Was will ich eigentlich mehr.

Denn andererseits komme ich mir ja manchmal so vor wie Ingo Naujoks in dem Bausparkassen-Werbespot. Ein von der Zeit überrolllter Resterampenfredel, der besser mal zugäbe, auch ein Spießer sein zu wollen. Oder eben stolz im Bauwagen sitzen zu bleiben. Aber nicht mal das besitze ich. Dann darf man sich auch nicht in diese Rollen reindrängen lassen: als letzter Nomade, während andere längst stolz von ihren Apfelbäumen und Hausbauten berichten.

Morgen lasse ich mir einen Bierbauch transplantieren und kaufe eine Harley. Achten Sie auf das Geknatter vor ihrem Fenster!

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diagonale - Freitag, 23. Februar 2007, 16:03
Ach Herr Kid, dann ist das hier als Unterkunft ja vielleicht was für Sie? ... jetzt wo Sie den Blick auf's Wasser schon gewohnt sind...

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phileas - Freitag, 23. Februar 2007, 17:20
Das mit dem roten Sportwagen ist ja auch nur so 1 Beispiel der Valentinsstagsindustrie. Trotzdem ist der Gedanke nicht ganz dumm, wenn auch etwas zu kurz gegriffen. Etwas ungewöhnliches und verrücktes zu tun, hilft dabei die Laufrichtung zu ändern. Ich sehe das genauso wie Ihre Katze. Vielleicht einfach nicht so radikal gedacht, wie es sich anhört.
Kennen Sie "Seeleben" von Werner Koch? Vielleicht gibt es darüber eine Verbindung?

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