Meese, Meese, Großgewese


Ja, der Gaukler ist in der Stadt. Jonathan Meese, Kunstkramwunderkind, hat seine Zelte in den Deichtorhallen aufgeschlagen. Vor einigen Monaten stand ich angeregt auf einer Vernissage mit Frau Schwadroneuse vor ein paar großformatigen Meese-Exponaten, und da standen wir so und kamen auf Begriffe wie Großtun, Kleinkind, Feuilletonköder und Zeichensätze im Nachkriegsland und ähnliches, längst Verdrängtes, Verpufftes, Vermufftes. Sie sagte so Jaja und ich mehr so Jaja, aber mit der Betonung auf dem anderen "a". Meese ist als notorischer Zertrümmerer mittlerweile so etwas wie die Bildende-Kunst-Version der Einstürzenden Neubauten fürs beflissene Kunstinteressiertenvolk.

Die Kinderladenversion des Wiener Aktionismus zum Entzücken Berliner Theatermacher. Ich finde ja das Konsequente toll. Die Frage "Kunst oder Krempel" heißt bei Meese ja immer beides, Kunst&Krempel, durchmengt, fiebernd, abgespritzt. Banales, Anales, Erde, Erz und Lendenkraft. Der Duft des Tages? Wie wäre es mit: muffig-schwüle Zimmer adoleszenter Jugen, die ihre Pornohefte unter verschwitzten Decken hüten und die Fenster nie öffnen. Meese (Jahrgang 1970) atmet seinen Bildungskanon zwischen Trash, Comics, Klotürscrafittis und Wagner als gigantische Omnipotenzphantasie. Galeristen und Sammler geben ihm begeisterungstrunken recht und reißen ihm seine Werke zu Höchstpreisen aus den Händen.


"Mamma Johnny" heißt die erste große Werkschau in den Hamburger Deichtorhallen. Kein Song von Brecht/Weill, aber die Assoziation ist gewollt. "Ernteproduktionsmeldung" bellt es hinaus. "Djangogott" und "Blutlazarett". Das ist was fürs Publikum, das von Bayreuth träumt und sich auf die Schenkel schlägt, sobald jemand auf einer Bühne "Ficken!" sagt. Heldenwahn! Pimmeldämmerung! Immer die große Handbewegung.


Die Zeichnungen des Patienten J.M.: Vom Mythos zur Mythologie und wieder zurück. Verwüstet, verwurstet, drin rumgesuhlt. Am Ende zählt nicht Geschlechtshygiene. Nur das Ich.



Man schnürt etwas traumverloren durch seine labyrinthische Welt: Bücher in Geheimsprache, immer wieder Schwänze, Skulpturen, Bühnenbilder, Geschmiere, unaufgeräumte Zimmer Rauminstallationen, die Wucht in Tüten, sex- und toddurchtränkt. Immer etwas pubertär, immer irgendwie mit Augenzwinkern (hofft man) und wahnfriedwitzigem Erz Ernst (ahnt man). Überhaupt: Ein Ahnen und Raunen schwebt zwischen den Plastikplanen, die ein Zelt über dem Bühnenbild der Volksbühneninszenierung von Pitigrillis Kokain bilden. Vier Stunden dauerte die Aufführung. Wer die durchstand, zwischen Blut, Tränen und tropfendem Schweiß, war wohl gestählt für Bloggerlesungen sans Sauerstoff.


Ich habe nichts gesagt. Das jedoch 1000 Tonnen schwer.


Johnny räumt sein Zimmer nicht auf, ehrt aber seine Mutter, und die Bohème ist begeistert. (Am 14. Mai ist Muttertag!)


"Das Tier hat uns nichts mitzuteilen". Dem muß widersprochen werden. Und schon tritt man mit der Kunst ins Gespräch. Ein teuflischer Trick.

("Mama Johnny". Bis zum 3.9. in den Hamburger Deichtorhallen.)

Flanieren | 13:08h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
pahh - Mittwoch, 10. Mai 2006, 14:33
ich denk da ja immer garnicht so an unaufgeräumte jugendzimmer sondern an die ausfgeräumten zimmer der grossen anna oppermann von der heute keiner mehr redet, jeder aber weiss, dass ers doch sollte.

aber tolle worte hamse da wieder rausgekramt, lieber kid

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ana - Mittwoch, 10. Mai 2006, 16:47
von vorgestern
Tjaja, mir kommt das unheimliche und hermetische Durcheinander bereits in kleineren oder anderen Dosen bekannt vor. Ob der Herr "Mess" das Ganze mit einem Augenzwinkern oder wahnfrieden Ernst ( Wagner hat bei all seinen Längen recht schöne Passagen und Leitmotive komponiert ) zeigt, wüsste man besser, wenn das Plakat für die ganze Chose beispielsweise tausend Tonnen Mogelpackung hieße. Aber wer das jaja nicht richtig betont, gilt ja als "Unzeitgemäßer".

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waschsalon - Mittwoch, 10. Mai 2006, 22:31
an der stelle frage ich mich immer, wo du das alles ausgräbst. klasse. war mir neu.

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kid37 - Donnerstag, 11. Mai 2006, 11:41
Ich korrigiere mich und vermute, daß Meese im heiligen Ernst handelt. Sonst ginge es nicht. Für die Rezeption ist eine augenzwinkernde Haltung (wie oft bei Kunst) sehr förderlich. Man muß nicht alles ernst nehmen, einzelne Werke kann man auch nicht ernst nehmen. Es ist ein Spiel unter Jungs, soviel scheint mir klar. Darauf fahren berufsjugendliche Theaterregisseure und Kunstsammler ab. Was ich jetzt von Oppermann gesehen habe (Dank, Frau Pah, ich kannte die nicht), mutet nicht so überbordend an. Frauen machen vielleicht einfach nicht so bekloppten anarcho-pubertären Kram in dieser Konsequenz. Die Albernheit einer musealgewordenen Bierreklame ("Für Männer, die Bilder malen").

Konsequenz ist nach wie vor das Wort, das mir bei Meese zuerst einfällt. Man muß das erstmal so machen. So. Ohne Gewissensbisse und Seitenblick. Deshalb lohnt die Ausstellung in Hamburg auch allein wegen ihrer Größe (auch eine Form von Konsequenz). Vor einem Einzelwerk Meeses könnte man noch zögern, zaudern, Schultern zucken. Aber vollgestellte 2000 qm sind schon eine Welt, in die man eintauchen kann. Der Kosmos Meese. Eine (un-)heilige Messe, womit wir wieder bei der bayreuth'schen Mythologie sind... ich glaube, ich gehe morgen noch mal hin ;-)

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c17h19no3 - Donnerstag, 11. Mai 2006, 11:52
also irgendwie - ansprechend (um es mal mit marks worten zu formulieren ;)). hach, eine bahncard wäre jetzt doch was feines...

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kid37 - Donnerstag, 11. Mai 2006, 12:54
Bis September haben Sie Zeit, sich ansprechen zu lassen. ;-)

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ichichich - Donnerstag, 11. Mai 2006, 16:06
Meese ist der Wenzel Storch der bildenden Kunst. Ich habe großen Spaß an sowas.

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kid37 - Donnerstag, 11. Mai 2006, 20:15
Wenzel Storch! Der letzte Auteur! Große Sache.

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