Extase



Gerade gefunden in einer alten Ausgabe (1955) von Marcel Proust, Tage der Freuden, die ich offensichtlich 1984 antiquarisch erwarb - und noch offensichtlicher nie gelesen habe.

Dieser kleine, mittlerweile vergilbte, nichtsdestotrotz lockende Werbezettel markierte das Kapitel XVIII: Gestade des Vergessens, dessen erster Satz lautet: "Man sagt, der Tod verschöne seine Opfer, er hebe ihre Tugenden ins Licht, aber oft ist es nur das Leben, das sie in den Schatten gestellt hat."



Wenig nur scheint mir die südamerikanische Extase, die in dieser modernen Tanzgaststätte geboten wird, zu den Worten Prousts voll "Schwermut und Trauer" zu passen (wohl ein Grund, weshalb ich mir das schmale Bändchen kaufte).
Denn wenn in den herrlichen Räumen im Casino Bad Harzburg Deutschlands Jazz-Geiger Nr. 1 aufspielt und zu deutschen und chinesischen Speisen (1955, sieh an!) gute Unterhaltung bietet - wo bleibt da noch Platz für Schwermut?

Mein Vater hatte recht.

Ex Libris | 18:31h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
dings - Sonntag, 5. Februar 2006, 18:46
das wirkt nur oberflächlich betrachtet so, dass südamerikanische tänze, exotische speisen, gute unterhaltung und bedenklichkeit a la proust nicht zusammengehen. sie gehen - sehr gut.

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mark793 - Sonntag, 5. Februar 2006, 19:19
Die lateinamerikanische Musik,
die in unseren Ohren sehr fröhlich klingt, hat oft sehr schwermütige Texte. Sagt zumindest meine Frau, die viel in Südamerika rumgekommen ist und des Spanischen mächtig ist. Ich versteh da ja immer nur corazoooon...

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diagonale - Sonntag, 5. Februar 2006, 20:18
Richtig. Das habe ich auch gelernt. Der Tango zum Beispiel ist auch ein
trauriger, tragischer Tanz.

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kid37 - Sonntag, 5. Februar 2006, 22:49
Ja, Bandoneon-Schwermut, Fado und Tango de los Muertos sicher. Aber Proust sehe ich in staubig-stickiger Zimmerluft an Madeleines schnuppern und Hyazinthenblütentee trinken. Extase? Die hatte ich mir anders vorgestellt. Aber was weiß ich schon...

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gaga - Sonntag, 5. Februar 2006, 19:35
das waren noch zeiten! da soll man nicht schwermütig werden.

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kid37 - Sonntag, 5. Februar 2006, 22:46
Ich sehe da immer staubige Lampions auf Terrassen mit zersprungenen Steinplatten, zwischen denen sich Gräser und Unkraut einen Weg bahnen. Frauen in blumigen Cocktailkleidern - und Männer in grauen Heinz-Erhardt-Anzügen.

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gaga - Sonntag, 5. Februar 2006, 23:01
früher war alles besser. schon aus prinzip. goldene zeiten.

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kid37 - Montag, 6. Februar 2006, 01:07
Damals sahen einen die Frauen auch noch aus großen Augen wehmütig an, wenn man vom Meer erzählte. Und den Schiffen. Und St. Pauli.

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gaga - Montag, 6. Februar 2006, 01:29
ja damals. damals erzählten einem noch ganze kerle vom meer und den schiffen und st. pauli.

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bartleby - Sonntag, 5. Februar 2006, 22:12
Klaus hatte sie früher, die "Cocktailstunde", von & mit Helmut Weglinski. Die handschriftlich niedergelegten Zeiteinteilungen scheinen mir allerdings falsch berechnet. Vielleicht sehr gesucht - die Zeit -, aber doch verloren, wer weiß?! … wie's mit der Zeit eben so geht. Später hieß es, er habe Zacharias geheißen. Pynchon nannte die beiden sogar: Mason & Dixon. Weglinski hatte zwar den Bogen 'raus - aber Landvermesser war er nie. Denn 15,80 stand gar nicht zur Debatte.

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kid37 - Sonntag, 5. Februar 2006, 22:42
Über die Zeiteinteilung rätsel ich auch noch. "Gr. W." steht da zum Beispiel. "Große Wäsche" fiel mir da ein. Aber vielleicht tant dann auch die Greise Wanda in südamerikanischer Extase.

Weglinski (auch so ein "W") war der Zacharias? Da sieht man es wieder: Weblogs recherchieren nicht. Helmut Zacharias (der "Teufelsgeiger") sah ich als Kind im Fernsehen, ich glaube, der hatte sogar eine eigene Sendung oder regelmäßige Auftritte irgendwo. Interessant. Der soll wirklich gut gewesen sein, auch wenn er im TV eher leichte Muse zeigte.

Mason & Dixon ist übrigens mein einziger ungelesener Pynchon. Als der erschien, gab es gleich so einen Hype in Tempo und Wiener und diesen Zeitvergeistigern, daß ich dachte, och, da setze ich mal aus. Aber comes a time, jetzt könnte ich ja mal, heimlich und unter der Bettdecke...

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gaga - Sonntag, 5. Februar 2006, 22:53
quatsch. zacharias hat ganz anders ausgesehen. es gibt beweise.
(zweites bild, der aussieht wie hellmuth karasek)

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bartleby - Montag, 6. Februar 2006, 00:00
Um den kolophonen Naturdarm von Weglinski nicht ungerechtfertigt über den Bogen von Zacharias zu spannen, muss ich Frau gaga nun doch zustimmen. Es gibt Beweise. Das Beweisschema lässt sich an den handschriftlichen Einträgen ablesen. 'gr. W.' bedeutet 'großer Wallach' (the pet animal von H.W.) - doch wie nun über den Link von Frau gaga laut & deutlich zu sehen, ritt Zacharias zwischen 12:30 -13:30 für die Differenz von 9,20 (Geburtsjahr Z. 1920!!) auf einem Pony. Er kann's also nicht gewesen sein. Jedenfalls nicht derselbe. Er war wer anderes. - Mit Pynchon ging's mir ähnlich wie Ihnen, Herr kid. Auch ich las M&D heimlich - die frühen aber unheimlich. 'Gravity's' sehr früh & verwundert … ein Anglistikkollege hatte den 'Rainbow' (da simmer widder oben beim Geigen) emFolen.

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kid37 - Montag, 6. Februar 2006, 01:05
Klarer Fall, in Weblogs wird zu wenig recherchiert gegoogelt: Zacharias, dessen Beiname tatsächlich "Zaubergeiger" war, was sich alliterierend leicht merken läßt, kann unmöglich Weglinski gewesen sein, der noch 1975 in Bad Homburg spielte. "Teufelsgeiger" war ja dieser "Lonzo", der auch in der Rentnerband mit Udo L. spielte, der hier ja nicht mehr erwähnt werden darf. So. Ham wir das auch wieder geklärt.

"My Rifle, My Pony, And Me" wiederum war ja von Dean Martin, also kann das Bild nicht stimmen. Ach, ich blicke nicht mehr durch, ist zu spät jetzt. Muß ich langsam die Enden der Parabeln zusammenschnüren und ins Bett gehen.

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gaga - Montag, 6. Februar 2006, 01:37
jetzt schlägt's aber dreizehn. lonzo.
hier dreht sich gleich der große pagakinski im grab herum.

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kid37 - Montag, 6. Februar 2006, 11:02
Oh. Musik, Tanz und Extase und ein vages Versprechen.

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reyamm - Montag, 6. Februar 2006, 16:42
Eine schöne Geschichte... Extase in Bad Harzburg anno 1955. Zu dieser Zeit wollten die Leute den Krieg vergessen, da war wenig Platz für Schwermut.

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brittbee - Montag, 6. Februar 2006, 16:50
Um so mehr Platz für Schwermut findet sich im Bad Harzburg dieser Tage. Ich bin dort zur Schule gegangen. Von Extase keine Spur. Und ich habe bestimmt gesucht.

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