Endlich ans Steuer!


Der Belotti (Foto von Belotti Motors)

Mein Leben habe ich bislang als geübter Beifahrer geführt. Zwar besitze ich einen Führerschein, hatte aber nie den Drang, ein Auto zu besitzen. Ich kann halt Karten lesen und Getränke öffnen, dazu adhoc Routen entwerfen - die Welt aus der Sicht des Nebensitzes ist erlebnisreich genug. Da trifft man auf Fahrer:innen, die ungern geradeausfahren. Sagt man, fahr einfach geradeaus, wird urplötzlich - gerne flott - nach links ab oder rechts abgebogen. Fragt man freundlich interessiert W1ESO?!?, dann ist da ein Schild! gewesen oder ein dachte ich, die selbstredend gut begründete (Schleichweg! das Dorf mit dem lustigen Kirchturm! der Plan war doch!) Geradeausfahrt jedoch beendet. So aber lernt man Flexibilität.

Oder Fahrer:innen, die mit dem Blut Emerson Fittipaldis betankt sind, mit Gaffa-Tape zusammengeflickte Autos fahren, diese aber sehr schnell, vielleicht noch fluchend und schimpfend über andere Mobilisten, so daß man mit den Händen vor den Augen im Sitz kauert, schwitzt, Ave Marias und "Der Herr sei mein Hirte" vorwärts und rückwärts deklamiert sowie edukative Mahnungen und am Ende seinem Herrgott auf Knien dankt. Schicksalsergebenheit verzeiht dabei vieles, man kommt schließlich rum, und das auch noch rasant. So aber lernt man seinen Hut festhalten.

Als Beifahrer jedenfalls fühlte ich mich im Leben oft wie Cary Grant, was auch der Titel meines Debütromans sein könnte. So aber lernt man Gelassenheit.

Jetzt bin ich erstmals interessiert, selbst das Steuer zu ergreifen und ein Auto zu besitzen. Die Schweizer Firma Belotti Motos hat nämlich einen Prototypen vorgestellt, der in Einfachheit und Form faszinierend ist. Retro-nostalgisch, von der Gestaltung zwischen Seifenkiste und Fahrrad, mit ausreichend Platz für Beifahrer und Picknickgepäck. Die (elektrisch erreichte) Höchstgeschwindigkeit liegt bei sicherheitssensiblen 20 km/h, als Hupe erwarte ich eine Blechtröte wie bei der Walton's Family, und die Scheinwerfer werden hoffentlich durch Retromodelle wie am Hollandrad ausgetauscht.

Wenn man überlegt, daß 120 Prozent aller Autofahrten reine kurze Stadtfahrten sind, muß man sich ja eh fragen, wieso nicht alle solche platzsparenden Modelle bewegen statt tonnenschwerer Stadtpanzer. Gemüsekiste, Karton mit sechs Flaschen Wein und ein viel versprechender Kopf Brokkoli passen garantiert hinten auf die Ladefläche. Drei Topfpflanzen und ein Beistelltisch vom Ikea sicher auch. Oder ein Hundetransportkäfig für den Weg zum Tierarzt. Oder eben Schlauchboot und Schlafsack für die Fahrt zum Nordkap. Autofahrer in Hamburg rasten allerdings ganz sicher aus, wenn man damit wie mit zwei Fahrrädern nebeneinander vor ihnen durch die Stadt juckelt. Gute Nerven und gute Gebete braucht es also weiterhin. So lernt man eben das Leben als Fahrer begreifen.

>>> Geräusch des Tages: Motoren-Sound sehr alter Schule

Ausfallschritt | 17:40h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
frau eff - Dienstag, 20. April 2021, 09:39
"edukative Mahnungen"
Besonders schlimm sind die Beifahrer, die die Straßenverkehrsordnung besser kennen als jeder Fahrlehrer und schon 100 Meter vor der Kreuzung mit der Hand so Blinkbewegungen machen, damit man bloß nicht abbliegt, ohne den Blinker zu bedienen etc.
Oder wenn die Wirklichkeit nicht mit der Straßenkarte übereinstimmt.

Ich könnte Geschichten erzählen.

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kid37 - Dienstag, 20. April 2021, 14:04
Das ist beim Belotti ja zauberhaft gelöst. Da muß der Beifahrer nach rechts Handzeichen geben, Fahrer:innen nach links. "Autofahren ist Teamarbeit!" skandiert die Beifahrer:innen-Gewerkschaft bereits seit Jahren. Die Karten sind in modernen Autos ja neu gemischt. Heutzutage tritt man als Beifahrer ja nicht nur gegen den Fahrer ins Duell, sondern zugleich gegen den Navi. Hören Sie mich, wie ich sagte: "Das ist Quatsch, was der Navi sagt. Hier links durch den Weg geht's viel schneller."

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herzbruch - Dienstag, 20. April 2021, 20:41
Nicht auszuschließen, dass ich das sehr gut im Ohr habe. Das Navi allerdings lebt durch Vogelperspektive und Schwarmintelligenz. In den neuen 20er Jahren müssen Beifahrer durch Unterhaltsamkeit brillieren. Das ist eventuell die anspruchsvollere Aufgabe. Andererseits kenne ich wenige Menschen, die sich langfristig gebunden haben, weil erklärte Partner*in exzellent Karte lesen konnte. Da ist häufig das angeregte Gespräch zentral.

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kid37 - Dienstag, 20. April 2021, 20:53
Da ist was dran. Ich bin mit keiner Fahrerin verheiratet. Ich denke, mit so einem Fahrzeug im Hamburger Straßenverkehr braucht man Beifahrer:innen in erster Linie als Zeugen.

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herzbruch - Dienstag, 20. April 2021, 21:07
Und dann ist Kartelesen ja sehr hinderlich. Man muss den Gegner immer gut im Auge halten.

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samojede - Mittwoch, 21. April 2021, 19:27
Würden Sie auch Autofahrer:innen-Gruß (1 Zeigefinger kurz vom Steuer/Lenkrad/Lenker abheben) machen? 👆

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kid37 - Mittwoch, 21. April 2021, 19:49
Ganz lässig. Und wenn sich zwei Belottis begegnen, drückt man kurz die Tröte. (Hab gehört, Geimpfte grüßen sich mit aneinandergelegten Zeige- und Mittelfingern, gegen die der Daumen eine unsichtbare Spritze reindrückt.)

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gaga - Mittwoch, 21. April 2021, 22:15
tadellos.

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kid37 - Donnerstag, 22. April 2021, 15:46
Stille Eleganz.

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