Liebe im ICE

Seit kurzem nutze ich an den Wochenenden öfter mal die Fahrdienstleistungen der Deutschen Bahn. Man könnte fast sagen, ich sei eine coole Sau, denn ich hab' jetzt Bahncard. Tolle Sache, bis ich feststellte, daß ich mit Surf&Rail günstiger weg- und auch wieder ankomme. Aber ich liebe den Nah- und auch den Fernverkehr, und am schönsten ist es natürlich, wenn man sich aus der Ferne ganz nah kommt.

In den Zügen verliert man nicht den Kontakt zu seinen Mitmenschen, das bereitet mich auf kommende Prüfungen vor, die unter anderem lauten könnten: "Bald stelle ich dich meinen vierzig engsten Freunden vor." So etwas erfordert eine besondere Art von Stamina, die sich der soziophobe Mensch am ehesten am öffentlichen Orte erarbeiten mag.

Der völlig leere ICE-Waggon war für diese Aufgabe nicht hilfreich, mir aber äußerst angenehm. Ein wenig einsam vielleicht, während draußen die Nacht hereinbrach. Doch dann umfing mich eine dunkelgefärbte Stimme, die mit leicht österreichischem Akzent durch das Bordsystem säuselte. "Guten Abend", schwang es wie einst bei Elmar Gunsch. "Wir erreichen in Kürze Solingen-Ohligs, vorraussichtliche Ankunftzeit in zwei Minuten. Außentemperatur 13 Grad. Wir wünschen Ihnen alles Liebe in Solingen..." (Es entstand eine längere, melancholische Pause) "... Ihre Deutsche Bahn."

Verblüfft und ein wenig irritiert sank ich derart anmoderiert in meinen ICE-Sessel und hing so meinen Gedanken nach. Wie aufmerksam von der Deutschen Bahn. Wie sanftmütig, gedankenvoll und scheinbar auch ein wenig herzensschwer von diesem so häufig gescholtenen Dienstleister, der sich im übrigen "freuen würde, bald wieder mein Begleiter auf meiner Reise zu sein."

In Solingen hatte ich selbst mal glückliche Stunden erlebt. Liebe muß man es wohl nennen, denn die war auch im Spiel. Das ist lange Jahre her und war nie so ganz unkompliziert, aber ich erinnere mich gerne. Ja, alles Liebe in Solingen.
Das wünschen wir.

Homestory | 21:45h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
autofab - Sonntag, 3. Oktober 2004, 20:07
bielefeld auch.
aber das ist ohnehin nur vergangenheitsbewältigung.

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wise.up - Sonntag, 3. Oktober 2004, 22:02
Na, das passt ja ganz hervorragend zu der aktuell bereits abebbende Werbewelle: "We love to entertain you", "McD - Ich liebe es!", "Aus Liebe zum Automobil", etc: Das war mal ein noch nicht werberesistenter Mensch!
Gleichzeitig erinnert es mich an eine meiner Zugfahrten vor wenigen Monaten. Aus den Lautsprechern tönte eine (in meinem Fall leider recht grobschlächtige und Pott-Dialekt-geprägte) Stimme: "Bochum Wattenscheid!" [dramaturgische Pause] "Wer hier aussteigt, tut mir leid!"

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kid37 - Montag, 4. Oktober 2004, 14:48
Ach Werbung, ich weiß nicht. Er klang von sich selbst überrascht. So als hätte ihn eine Erinnerungswelle überrollt. Oder als hätte er einem Traum nachgehangen.

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cassandra - Dienstag, 5. Oktober 2004, 00:09
Ich habe Ihre Geschichte heute morgen beim ersten Kaffee einer Freundin in der Firma erzählt. Die Dame stammt aus dem Raum NRW und hatte vor einigen Jahren auch einmal "persönliche Gründe", regelmässig mit einem der letzten Züge in Richtung Solingen zu fahren. (Sie kennen sich doch nicht etwa? ;-)
Sie kannte den von Ihnen beschriebenen Zugführer, der immer ein paar schöne Worte für seine Gäste hatte. Seine Sprüche sorgten regelmäßig für Verwirrung und Be/Entgeisterung.
Man sollte nicht die Werbung für sein Verhalten verantwortlich machen. Scheinbar war der gute Mann schon vor McD & Co. zu einfühlsamen Sprüchen aufgelegt.
Ich finde es einfach schön, wenn jemand den Wunsch hat, wildfremden Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Respekt. Bei Ihnen hat es doch auch funktioniert.

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kid37 - Dienstag, 5. Oktober 2004, 00:26
Ich bin für ein Lächeln immer dankbar. So etwas ist selten in diesen Zeiten. Genauso wie Geduld oder Demut und einige andere Dinge, die das Miteinander lebbarer machen. Kleine spontane Geschenke. Gesten. So was eben. Kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

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monolog - Montag, 4. Oktober 2004, 00:10
"Bald stelle ich dich meinen vierzig engsten Freunden vor."

Die Dame hat bestimmt nur ein wenig kokett übertrieben. Könnte ich mir vorstellen.
Wie auch immer, lassen Sie sich nicht einschüchtern. Und kommen Sie bloß gut weg und auch wieder an.

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kid37 - Dienstag, 5. Oktober 2004, 00:28
Damen wollen mich grundsätzlich immer foppen, glaube ich. Die eine so, die andere so. Mit mir kann man es ja machen.

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