Dieses obskure Objekt der Begierde

Angenommen, da gibt es eine Sache, die man unbedingt haben will. Ja muß, denn ein unzähmbarer innerer Drang zieht einen immer wieder in die Nähe dieser Angelegenheit. Eine Obsession also, eine fesselnde Leidenschaft.
Nun aber heißt es, das Ding sei nicht zu haben. Sie müssen sich auf eine Warteliste begeben. Noch ist es nicht so weit, die Sache ist nicht reif, es braucht noch Zeit, so einfach geht das nicht.

Weil es eine wahre Obsession ist und man festgestellt hat, daß man keine Minute länger mehr leben kann, ohne diese Sache, weil nur so die schmerzliche, schwarze Lücke im nun als ärmlich und kläglich empfundenen Leben ausgefüllt werden kann, nun, deshalb wartet man. Wird immer mal wieder vorstellig, klopft an die verschlossene Türe, fragt, wie es denn nun um den Fortgang der Sache bestellt sei, wie lange man noch warten muß. Zeigt sein Interesse, bringt sich in Erinnerung, verteilt schon mal kleine, sorgsam ausgewählte, nicht zu übertrieben luxuriöse Bestechungsgeschenke, um die Angelegenheit vielleicht etwas zu beschleunigen.

Letztere zeigen auch etwas Wirkung. Ab und an darf man nämlich nach hinten, in die Werkräume, und die Sache schon einmal betrachten. In seltenen Stunden ist es sogar erlaubt, die Sache in die Hand zu nehmen, sie anzufassen und überall zu berühren. Das ist schön. Es fühlt sich gut an. Man spürt, man muß es haben, für immer.
Aber meistens ist es wie bei Kafka, der Hüter der Sache blickt gleichgültig und schickt einen fort, ein ums andere Mal. Frag später noch mal nach, heute nicht. Nein, es geht nicht. Die Zeit ist noch nicht...

Irgendwann, nachdem man schon erschöpft ist, bereit, die Sache endgültig aufzugeben, weil das Leben sich nur noch um diese eine Angelegenheit dreht, und weil man ahnt, daß man es doch nie bekommen wird, egal, was man tut und egal, wie oft man noch vorsprechen wird, irgendwann plötzlich, man hat also schon nicht mehr daran geglaubt, es innerlich fast aufgegeben, dann auf einmal erhält man die Nachricht: Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, daß die Sache nun erhältlich ist.

Freude. Aber auch Erschöpfung. So lange. So lange. Aber nun. Neue Aufgaben warten, die Sache will eingesetzt, ins nun bereicherte Leben eingefügt werden.

Dann, durch Zufall, eine unbedachte Bemerkung, jemand läßt die Worte beiläufig fallen. Die Sache, nun, sie war die ganze Zeit frei erhältlich. Beinahe jeder hat sie mal gehabt, manche länger, manche nur für einen Abend, einen Tag, vielleicht eine halbe Saison. Es war nämlich überhaupt unkompliziert, man ging hin, nahm es einfach mit und brachte es irgendwann zurück.

Die Türen standen immer offen.

Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." (Franz Kafka, "Vor dem Gesetz")

The Mercy Seat | 15:50h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
autofab - Sonntag, 13. Juni 2004, 16:18
und...leben sie jetzt glücklich mit der sache?
;-)

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kid37 - Montag, 14. Juni 2004, 01:34
Es gab glückliche Momente. Sicher. Aber dann entpuppte es sich - das ist die sehr bittere Pointe - zunehmend als tragische Fehlinvestition.

Zudem mag ich es einfach exklusiver.

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autofab - Montag, 14. Juni 2004, 01:37
ist das (fehl)investierte als verlust zu verbuchen?
wenn nicht - einfach abschreiben.
man wird eh nie klüger als man gerade ist.

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kid37 - Montag, 14. Juni 2004, 02:01
Das passiert hier ja seit 175 Tagen: Ich schreibe es einfach auf ab. ;-)

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lady.death1 - Montag, 14. Juni 2004, 16:12
Man wächst an seinen Aufgaben,
also wird man zwangsläufig klüger?

Ich will auch....!
Bei mir hilft der Zusatz :
...sonst wein ich ...
meistens.

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kid37 - Montag, 14. Juni 2004, 16:48
Man weint immer.

Wenn man es noch nicht hat. Dann, wenn man es hat und es nur Kummer bereitet. Und schließlich, wenn es verloren ist und man merkt, daß man sich zum Narren gemacht hat. Lange Zeit.

So ist das, und anders ist es nicht.

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lady.death1 - Montag, 14. Juni 2004, 19:30
Einfach nur:
JA.

Ohne viel worte-
einfach Recht geben .

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kid37 - Montag, 14. Juni 2004, 21:37
Genau das habe ich versäumt. Beim nächsten Mal werde ich einfach immer nur "Ja" sagen. ;-)

Sie haben so recht!

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autofab - Donnerstag, 17. Juni 2004, 23:30
für irgendetwas muss es gut gewesen sein. (wenn sie mögen, können sie sich diese banal anmutende aussage in ein holzbrett gebrannt über dem esszimmertisch hängend vorstellen.) aber ich bin trotz der banalität von der richtigkeit überzeugt.

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kid37 - Freitag, 18. Juni 2004, 00:59
Ich werde am Wochenende mal den Brennpeter rausholen und mich an diesem Spruch versuchen. Vorher bin ich noch mit meiner Geschirrtuch-Stickarbeit beschäftigt: "Du hast es halt nicht gelernt". Einer meiner Lieblings"trost"sprüche, harhar.

Ja, für irgendwas ist alles irgendwie gut. Da stimme ich Ihnen zu. So gesehen, muß man im Leben nicht darauf achten, keine Fehler zu begehen, sondern darauf achten, daß die Fehler nicht zu lange dauern. Dann hat man mehr Zeit mehr zu lernen. Immer weitermachen.

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