Wie die anderen feiern



Als Kind gab es an Heiligabend früher die wertvolle Kultursendung "Wie die anderen feiern" im Fernsehen. Während die Eltern noch Essen kochten oder irgendwas verpackten oder Staubsaugten oder den Weihnachtsbaum elektrifizierten oder sonstwie Unruhe verbreiteten, konnte man die elend lange Zeit bis das Glöckchen bimmelte und die Ankunft des Christkindes und - wichtiger noch - der Geschenke verkündete, vor der Kiste hocken und zuschauen, wie eben "die anderen" feiern. Da wurden Kinder und ihre Familien aus aller Welt gezeigt, aus Schweden etwa oder Nordamerika, und ihre Rituale und Traditionen rund um das große Fest.

Ich weiß nicht, ob es die Sendung noch gibt, vielleicht sind alle Völker auserzählt. Ein Grund mehr, um vielleicht mal in die Zeit zurückzugehen und zu schauen, wie unsere britischen Vorväter und -mütter im viktorianischen Zeitalter das Fest verbrachten. Als Geister, aber vor allem Zeugen dieser vergangenen Weihnachten habe ich zum Glück eine Vielzahl von Fotos vom Flohmarkt, die ein verblüffendes Bild von allerlei exzentrischen Moden und Gewohnheiten zeigen. Naturgemäß sind diese manchmal über 150 Jahre alten Fotos in teilweise beklagenswertem Zustand. Gesichter und andere Partien sind häufig unkenntlich geworden. Andererseits sind sie aber bemerkenswert genau und stammen aus einer Zeit, als Manipulationen durch Bildbearbeitungssoftware kein Thema war.



So gehörte - wir befinden uns in einer Zeit, in der die Fotografie gerade erfunden worden war und das Abbild das Alltagsleben Gesellschaftsschichten eroberte, die sich einen Porträtmaler nicht leisten konte - das Familienfoto vor dem geschmückten Baum rasch zum gerne praktiziertes Ritual. Das Schmücken selbst war indes noch Männersache, denn der frischgeschlagene Baum kam aus dem dunklen, geheimnisvollen Wald und galt mit seinen ausladenden Zweigen selbst als wild und ungezähmt; ein Stück Natur, das auch im heimischen Salon nur schwer zu bändigen war.





Am Ende wurde stolz hergezeigt - ein nur notdürfig buchstäblich "verkleidetes" Symbol einer bezwingenden Macht und allgemeinen virilen Potenz, so ersetzte der heidnische Weihnachtsbaum den Herrscherstab.




Den Söhnen des Hauses wurde oft ein kleines Exemplar eines Weihnachtsbaums zum Üben überlassen. So konnten die kleinen "Master" ihre noch vorpubertäre Kraft und ihren Mut trainieren.


Das nur scheinbar prüde viktorianische Zeitalter kannte zahlreiche Subkulturen. In Teilen der verborgenen Homosexuellenszene war der Ringkampf mit einem "Heidenbaum" fester Bestandteil der Weihnachtstradition.


Die Suffragetten schließlich ermächtigten sich im viktorianischen Zeitalter auch des strammen Baumes. Gleichwohl in der vorherrschenden Gesellschaft verpönt, griffen im späten 19. Jahrhundert emanzipierte Frauen selbst an die Kugeln und schmückten die teils stattlichen Bäume.

Weniger mutigen Frauen, im 19. Jahrhunderts dennoch ebenso rasch von der Mode des Weihnachtsbaumes infiziert, blieben andere Formen der Annäherung. Sie schneiderten Kostüme im Weihnachtsbaum-Look oder dekorierten sich gleich selbst als Baum; eine der viele verrückten Spleens der Viktorianer, die uns heute meist nur ungläubig staunen lassen.






Das letzte Bild zeigt meine bereits erwähnte Urgroßtante Eustachia, die hier wieder keck ihr berühmtes drittes Bein überschlägt.

Damals wie heute galt die mechanische Eisenbahn - ihr großes Vorbild war soeben erfunden und repräsentierte den Fortschrittsglauben der Gesellschaft und die beeindruckende Kraft der Dampfmaschine - als ebenso repräsentatives wie entspannendes Zubehör zum Weihnachtsfest. So schnaufte und quietschte die Blecheisenbahn unermüdlich um den Baum oder quer durch die gute Stube.





Eine kulturgeschichtlich wichtige Entdeckung aber liefert das letzte Bild. Zu lange herrschte die Sage, dass unser Bild vom "modernen" Weihnachtsmann durch die Reklame eines Getränkekonzerns in den 1920er-Jahren entstand. Dabei ist die charakteristische Weihnachtsmütze viel älter und bereits zu viktorianischen Zeiten gut tradiert.



 
samojede - Montag, 26. Dezember 2022, 21:51
Hier indes, FroheWeihnachtenwünsche & kein Ehemann für mich. Ist auch nicht leicht, aber mir gefallen die roten Kugeln am Baum auf dem III. Foto. Little things 🔴🌲🔴

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kid37 - Mittwoch, 28. Dezember 2022, 16:24
Ja, das Nachkolorieren bestimmter Teile war damals auch bereits in Mode. Ohne Eheman ist das mit den Festtagen sicher trist. Man hat dafür aber sehr viel Ruhe und muss nicht übers Filmprogramm streiten.

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croco - Mittwoch, 28. Dezember 2022, 15:32
Jessas, wie kommt es bloß zu diesen furchterregenden Gesichtern?

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kid37 - Mittwoch, 28. Dezember 2022, 16:22
Das sind Verzerrungen durch die Optik. Sie dürfen nicht vergessen, Plattenkameras im 19. Jahrhundert mit unvergüteten Objektiven, alles auf Glasnegative gebannt... Dann musst man wegen der langen Belichtungszeiten (mehrere Sekunden) ja absolut stillstehen, was beim Weihnachtsbaumschmücken gar nicht geht. Die Bewegunsunschärfe führt zu verschlierten Abbildungen. Und zuletzt: Der Zahn der Zeit! Nicht nur Menschen rosten, auch Fotos. Licht, Chemikalien in der Umgebungsluft, alles nagt an alten, mitunter schlecht konservierten Fotos. Man muss froh sein über jedes einigermaßen erhaltene Bild aus dieser Zeit. Ich bin dankbar, man lernt von diesen sehr viel aus dem Alltagsleben.

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croco - Donnerstag, 29. Dezember 2022, 14:24
Ach ja, verwackelt. Das ist eine gute Erklärung. Ansonsten wäre es ja nicht logisch, dass die Gegenstände scharf sind, die Gesichter aber nicht.
Der Fotograf August Sander hat die Kunden so lange sitzen und warten lassen, bis jeder eingeübte Gesichtsausdruck verschwunden war und der Körper in Ruhe. Dann hat er erst auf den Auslöser gedrückt.

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kid37 - Donnerstag, 29. Dezember 2022, 15:58
Die alten Kollodium-Nassplatten haben eine sehr geringe Lichtempfindlichkeit, so dass Belichtungszeiten von 5 bis 60 Sekunden keine Seltenheit waren. Daher auch die gusseisernen Kopfstützen, die in Studios meistens benutzt wurden. Mich wundert nicht, dass diese "Alltagsschnappschüsse" oft so grotesk verwackelt sind. Ich bin sicher, die haben auch George Grosz beeinflusst!

Mark Osterman demonstriert hier den aufwendigen Prozess für Fotos auf Zinkplatten. Diese alten Techniken erleben seit einiger Zeit ja eine kleine Renaissance, ich bin da auch sehr interessiert.

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croco - Samstag, 31. Dezember 2022, 14:19
Der Film ist schön.
Aber wie er freihändig mit dem Chemikalien jongliert ist schon etwas verwegen.
Das Entwickeln hat mich früher auch sehr beschäftigt. Ich habe mit Schülern damit gearbeitet als wir noch ein Fotolabor hatten in der Schule. Eine eigene Grundausstattung habe ich noch im Keller. Die Digitalkamera und der Laserdrucker haben mir den Spass genommen.
Aber mal sehen…..

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kid37 - Freitag, 6. Januar 2023, 18:45
So weit ich weiß, sind die Chemikalien nicht in allen Verabreitungsschritten gefährlich. Manche tragen allerdings eine aktive Atemmaske, das hängt aber wohl von der Art des verwendeten Prozesses ab. Ich würde gern zu traditioniellen Methoden zurückkehren, eine Dunkelkammer habe ich. Wenigstens den Rest des Materials verbrauchen...

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frau eff - Mittwoch, 28. Dezember 2022, 18:08
Ich weiß nicht, ich weiß nicht... Mir kommt das alles komisch vor, wie man so schön sagt. Man könnte den Eindruck bekommen, das sei alles irgendwie... gebastelt. Andererseits: Die Dame mit den drei Beinen wirkt so echt, und ist ja auch nicht das erste Mal hier zu sehen. Ach, egal, wir werden alle noch stolz sein, Zeug:innen dieses Entdeckungswunders gewesen zu sein zu dürfen.

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kid37 - Donnerstag, 29. Dezember 2022, 16:04
Suspension of disbelief, bitteschön!
Aber im 19. Jahrhundert gab es ja gar kein Photoshop! (Es folgt demnächst noch ein Beitrag zum Thema "Spirit Photography" kurz nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg. Da kann man staunen.) Aber ich verstehe, dass der moderne Mensch von heute verwundert ist über das Leben im 19. Jahrhundert. Es wirkt so... unwirklich.

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frau eff - Freitag, 30. Dezember 2022, 07:41
Oh Gott, der Meister verschwendet eines seiner seltenen Ausrufezeichen, um mich in meine kleingeistigen Schranken zu weisen... (aus dem Schatten unter dem Schreibtisch geschrieben).

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kid37 - Freitag, 30. Dezember 2022, 08:52
Die exzentrische angelsächsische Welt hat bekanntlich ein Herz für schräge Einfälle, die wie im Falle eines ungewöhnlich nummerierten Bahnsteigs in London sogar hier und da Wirklichkeit werden und Traditionen begründen können. So wie die der hier in meinem kleinen Alltagskulturausflug dokumentierten Weihnachtsbaummode. Hier kann man sehen, wie das fortlebt und zelebriert wird. Wer hat's erfunden? Die Viktorianer!

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schneck - Donnerstag, 29. Dezember 2022, 18:51
Wie authentisch sie doch sind, diese Bilder! In einer verunklärten Gegenwart, in denen man photographisch nichts mehr glauben kann. Ihre Urgroßtante Eustachia allerdings hatte sich sicherlich einen Spaß daraus gemacht, die Enkel und Urneffen mit einer als "drittes Bein" drapierten Veteranenprothese (1870/71?) zu erschrecken. Gewiss jedoch lüftete sie den kleinen weihnachtlichen Schwindel alsbald, hatte sie doch ordentlich Holz auf der Hütte, ein noch halb heidnischer Weihnachts-Brauch aus dem Vorharz, um der Kinderschar zu bedeuten, dass die Bescherung nun begönne.

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frau eff - Freitag, 30. Dezember 2022, 07:39
Und hier ergänzen sich auf eine geradezu zauberhafte Weise zwei Blogs, die uns staunenden Laien ohne jeden erhobenen Zeigefinger die Welt erhellen! Ich dachte noch "Seltsam, heißt das nicht Holz VOR der Hütte"...? Aber nein, AUF der Hütte, ursprünglich auf der Hutte, nämlich auf dem Hut, und so wissen wir jetzt auch, wo das her kommt, ganz ohne googlen.

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kid37 - Freitag, 30. Dezember 2022, 08:59
Blogs als höhere Lehransthalt für Buben und Mädchen
Bei Frau Gaga konnte man die Tage lernen, dass Rotkehlchen blaue Eier legen. Jedenfalls, wenn sie aus der zur Exzentrik neigenden angelsächsischen Welt stammen. Die Welt ist voller Wunder, und Blogs decken die nach und nach alle auf.

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