

Entwurf für ein Brautkleid im Blaublumenmuster (div. Stoffe, 1000,- Mark)
War ins Sprachlose gedrängt und musste ein wenig Pausieren. Versuchte in der Zeit aber fleißig und unermüdlich, ein neues Berufsfeld einzuschlagen und bewarb mich mit einer eigenen Linie als Modedesigner für einen bekannten deutschen Porzellanhersteller. Ein „Zwiebellook“ sozusagen, aber ironisch. Am Ende abgelehnt, aber das kennen ich und meine guten Ideen gut.
In meiner demnächst hingegen vielbeachteten wissenschaftlichen Arbeit Die Mauer muss weg: Analyse der „Durchreiche“ als kulturhistorisches Phänomen und architektonische Besonderheit im bundesrepublikanischen Eigenheim der 1970er-Jahre [Diss. Hamburg, 2027.] untersuche ich die eigenheimmodische Eigenheit der Summer-of-Wohlstandjahre in der BRD, als man die Wand zwischen Küche und Essraum wie in einem Landgasthof durchbrach, um Speisen ohne Umwege über die braungeflieste Diele vom Herd zum Tisch zu bringen. Wurde natürlich nur einmal benutzt, weil viel zu hampelig, und außerdem standen in der kleinen mit einem Fensterladen verschließbaren Nische bald Blumen (Usambaraveilchen) und anderer Nippes.
Nun hat ja alles eine Sprache und ein System und hier lag natürlich der kompensatorisch ausgeführte Wunsch vor, eine solche Durchreiche auch in der anderen großen Mauer, die Deutschland von Küche oder Essplatz trennte, rauszustemmen. Der kleine Durchbruch, wenn die Mauer schon nicht fällt, Willy Brandts Ostpolitik und beginnende Reiseerleichterungen spiegelten sich so am heimischen Käseigelbuffet.
Heute spiegeln Wohnungen ja nichts, weil die Visionen fehlen. Und so sind sie meist leer, skandinavisch karg bis auf irgendwas mit Stahlrohr, einem Bild, das mal ein Freund oder eine Freundin gemalt hat, und ein kleiner Korb aus Filz, in dem zwei Äpfel liegen und eine Fernbedienung. Außer man lebt wie ich in den Außenstellen vom Naturhistorischen Museum Wien und Harrys Hafenbasar und kann sich in der eigenen Wohnung jeden Tag aufs neue erstaunen lassen.
Generell reicht man oft auch nicht mehr durch. Der eine passt nicht ins akkurat und unnachgiebig geplante Programm, die andere nicht in den entspannten Sonnenuntergang. Im Alter wichtig: Auch mal alle 37 artifiziell erzeugten Ausstülpungen gerade sein lassen. Großzügigkeit, Toleranz und Achtsamkeit nicht nur Matcha gegenüber.
Die Hitze aber brüllt die Menschen an. Draußen auf der Straße wird man wie eine menschliche Cyanotypie – ein altes fotografisches Verfahren, bei dem Objekte durch Sonnenbestrahlung auf lichtempfindliches Papier belichtet werden - auf den Asphalt gebrannt. In den Dachkammern tropfen Schweiß und Kondensat von der Decke auf gelbgeränderte Zimmerpflanzen, Geckos huschen über die Wände, aus einem alten britzelnden Lautsprecher tropfen Dschungelklänge. Oder aber das letzte Album von Reiko Kudo, eine japanische LoFi-Indiemusikerin, die Anfang der 80er ihre Karriere begann. Rice Field Silently Ripening In The Night [Bandcamp] ist es ganz poetisch benannt, und ebenso leise, unprätentiös und nachtverloren kommt auch die Musik daher, Misstöne und Gestaltlosigkeit, einzelne Trompetentöne aus dem Nachbarzimmer inklusive. Hört sich am besten, wenn man leise schwitzend auf dem Rücken liegt und träge der Wanderung einer Fliege auf dem nackten Unterarm folgt, die ein kompliziertes Muster in die Härchen schlägt.
Ich baue mir jetzt ein Kopfkissen aus einem Stapel Kühlakkus, hülle mich in ein Fächerkleid und mache regelmäßig Trinkpause („hydration breaks“), dem mot de saison.
>>> Geräusch des Tages: Reiko Kudo, Lily
Als Kind kannte ich sie aus der Mietwohnung von Freunden meiner Eltern, bewunderte sie fast so sehr wie den Müllschlucker im Treppenhaus des Wohnblocks einer Schulfreundin (dass ich jetzt mit Müllschluckerklappe IN der Wohnung wohne, gehört zum größten Stolz meines Lebens).
Meine Mutter, eine Frau mit MEINUNGEN, verachtete Durchreichen - ich erinnere mich leider nicht mehr warum. Muss mal nachfragen.
Den BH kann ich einfach mit optischen Gründen und mit Anspielung auf Gaultier und seinen Bustier für Madonna rechtfertigen. Wenn man das für den Slip hinkriegen würde, wäre das optisch hervorragend, aber weiter will ich da nicht weiter nachdenken, weil ich nicht in Richtung Fetisch oder so was gehen will.
@Fidibus: Too hot for Durchreiche, heißt es ja schon im geflügelten Wort. Wie auf Mastodon schon bemerkt wurde, leben wir ja seit dem Fall der Mauer in der Kücheninselzeit. Vielleicht ein Thema für meine anschließende Habil-Schrift.