Donnerstag, 13. Mai 2010


Deep Forbidden Lake



Als selbsterklärter Steuererklärungsflüchtiger packe ich lieber drei Habseligkeiten und mein stählernes Pferd, entfleuche dem Nivellierungsdruck nach unten und betrachte Wasser, Wiesen, Wolkenzüge. Neil Youngs "Old Man" im Ohr ("I'm a lot like you"), summe ich entspannungsverbissen vor mich hin, zähle den alten Tag rückwärts und betrachte die sichtbaren Zipfel des kommenden (Achtung, Eisbergtheorie: neun Zehntel liegen im Verborgenen!).

Der Kopf als Ideenschmiede, das Herz als Heizkraftwerk, der Pulsschlag ein pochender Vertikutierer - das sich einmal mehr als Herbst tarnende Frühjahr war schon aufschwungversprechender. Nun liegt alles winterlang unter einem Bürgschaftsvorbehalt, hängt an der Nadel (...and the Damage done) der Emotionszentralbank, wer noch Ernte will, investiert in ein Herz aus Gold, soll nicht das Ersparte (komm, einen Titel hab' ich noch:) wie ein Hurrikan verweht werden.

Das Motto also: prima & raus. Landschaftsbetrachtung, Licht & Luft. Ein Lied singen.


 


Dienstag, 11. Mai 2010


B2B





Um den Kummer der Verluste ein wenig zu betäuben, abends noch schnell zur Eröffnung im Kunsthaus gewesen, dort zeigt das Bee2Bee-Netzwerk die dritte "Index"-Schau. Ein betriebsames Summen wie in einem frühlingserwachten Bienenstock, Vernissage-Menschen eilen hin und her, es wird gelacht und halloot, ein bißchen unglücklich aber finde ich die Präsentation im abgedunkelten Raum. Den bewegten und unbewegten Projektionen tut das gut, aber die Grafiken und Bilder (u. a. Moki) verschwimmen wie im Schummerlicht eines alten Vorratskellers. Die Bilder, Überraschung, verlieren. Von Moki, ein kleiner Trost, gibt es immerhin ein kleines, signiertes Büchlein zu kaufen.

Heute dann Blutabnahme, eine neue Laborantin auch, hier ist ja alles im Fluß, scheint mir. Der Rat ereilt mich, mir anschließend einen Kaffee zu gönnen. Zielsicher finde ich den einzigen Laden in der freien und Hansestadt Hamburg, der Kaffee sans Deckel verkauft. Ich bin, so ein frisch herauskristallisierter Gedanke, einfach keiner dieser to-go-Menschen.

Am Wochenende das Vorderlicht am Rad repariert. War gar nicht so schwer und hätte auch längst mal erledigt werden können. Jetzt geht das Rücklicht nicht mehr. Man muß sich, so die dem Problem abgerungene Moral, eben entscheiden, ob man nach hinten oder doch lieber nach vorne schauen will.

(The BeetoBee Net. Versus Whiteout. Extra 3: Wooden Veil. Kunsthaus Hamburg. Bis zum 25. Juli 2010.)


 


Freitag, 7. Mai 2010


Gone Baby Gone

A broom is drearily sweeping
Up the broken pieces of yesterday's life

(Jimi Hendrix, "The Wind Cries Mary".)

Wir leben in einer Zeit, in der bekanntlich selbst ein Handyvertrag länger dauert als die meisten Beziehungen (Mindestlaufzeit 24 Monate). Manche werden es also geahnt haben, als hier zuletzt nur noch wenige Beiträge erschienen. Sie hat mich verlassen. Sie hat auch keine neue Adresse hinterlassen. Ich stand dieser Tage nichtsahnend am Empfangstresen, traurige Augen schauten mich an, und eine Stimme sprach merkwürdig tonlos wie aus einem fernen Diazepam-Nebel zu mir heran. Sie sei nicht mehr da, hieß es. Und sie käme auch nicht wieder, als ich insistierte und etwas von Das ist ein Scherz jetzt, ist es nicht? murmelte.

Im Nachhinein bin ich nicht mehr ganz so überrascht, es fügen sich plötzlich Indizien zu einem Bild. Auch weiß ich um die, nun ja, gewisse Unbeständigkeit der großstädtischen Frauen und um den, ich möchte es ausnahmsweise diplomatisch sagen, Erlebnishunger, den man speziell den Damen aus der Hauptstadt nachsagt. Ihre letzten Worte an mich waren "War nett", denen ich ein "Äh, ja, war es" zurückstotterte, überrascht ob dieser persönlichen Wendung. Dabei war unser dem Grunde nach ja rein professionelles Verhältnis immer irgendwie persönlich gewesen. Jemand, der einem nicht nur die Zukunft aus einem Tropfen Blut lesen konnte, sondern auch wußte, was es mit den gestörten Herztönen auf sich hatte, kann einem ja nicht unpersönlich gegenüberstehen und die Druckmanschette überstreifen oder mit einer großen Stimmgabel die Nervenbahnen in den Füßen überprüfen. Was man halt so macht, wenn man sich mag oder zehn Euro bezahlt.

Vielleicht wollte sie zurück, da war immer dieser Glanz in ihren Augen, wenn sie von Wochenenden in der großen Stadt erzählte. Vielleicht gefiel ihr die Arbeit nicht. Ihren Terminkalender, sagte man mir, habe ein Kollege übernommen. Ich sagte, ich nehme das persönlich, und ich lehne das ab.

>>> Geräusch des Tages: Smokey Robinson, Gotta Dance To Keep From Crying


 


Montag, 3. Mai 2010


Blütenträume





Auf der Suche nach ländlicher Entspannung und internetfreien Zonen am Wochenende der neuen Blütenkönigin ausgewichen und über gewundene Straßen sozusagen Ausreiten gewesen im Naturschutzgebiet. Mein Velo namens "Urbanflucht" trägt mich hinaus, surrt seltsam vergnügt durch die staubigen Gewerbegebiete bis dorthin, wo man nur der rosa brick road folgen muß bis zum mythenverklärten Maischloß, in dem ich später einmal als Blütenkönig der Herzen die Geschicke mir ergebener Wichtel lenken werde. Bis dahin aber wartet noch viel ehrliche Arbeit auf meine öligen Hände. Es mag an meinem scharfen Antritt liegen, daß die Leuchte meines Frontscheinwerfers offenbar durchbrannte, wie sonst nur manches Görl im Tanztrubel maiverfeierter Schwoofschuppen. Blind flieht man so durch die Nacht, die nur der flackernde Feuerschein erhellt und die kleine Taschenlampe, die ich zwischen den Zähnen halte, abgeschubberte Haut auf den Knien, dem Herzen, die Hände frisch verstempelt. Bier im Haus, Ausfahrt sozusagen zum letzten Glück.


 


Samstag, 1. Mai 2010


Wochenzusammenrundung

Eine interessante Information für die Biografen: Obwohl ich diese Woche meine Wohnung kaum gesehen habe, liegt hier furchtbar viel Staub. Auch im Bad haben sich diese Gestalten herumgetrieben, die nachts herumschleichen, in der Hand kleine Tütchen voller Haare, um diese auf meinen Fliesen auszukippen. Ich sollte es vielleicht mit einem Bewegungsmelder versuchen, um die Schmutzbolde überraschend zu stellen. Bis dahin schaue ich einfach nicht hin, lese in diesem Internetz und reise zurück in die Zeit. Eines meiner derzeitigen Lieblingsblogs ist nämlich Diary of a Vintage Girl und zwar wegen Beiträgen wie diesen, die jeden Velocipeden erfreuen.



via Riding Pretty

Bald beginnt auch in Hamburg die gutgekleidete Rasensaison mit Picknick, Krockett, karierten Decken und unter den Rock gucken angeregte Gespräche führen. Soweit Vergangenheit und Zukunft. Leider hat mir für die Gegenwart keiner gesagt, daß morgen ein Feiertag ist. (So viele Dinge geschehen immer so plötzlich.) So kam es, daß ich nicht eingekauft habe, bis Montag folglich verhungert sein und mich unter den Staub gemischt haben werde.

>>> Geräusch des Tages: Django Reinhardt, Minor Swing


 


Donnerstag, 29. April 2010


It's okay on TV 'cause you can turn it off.

But don't try me.
(Pretenders, "Private Life").

Als ich gestern abend auf der Leiter stand, um die an den Ecken gelöste Laura-Ashley-Borte an den Wänden nachzukleben, ging ich im Geiste die wichtigen Meldungen der letzten Tage durch. "Sie kamen jeweils auf etwa zwölf Tafeln pro Monat." [Q] Zwölf Tafeln im Monat finde ich, ehrlich gesagt, nicht beeindruckend viel, möglicherweise aber sorgte ja schon die erhöhte Aufmerksamkeit durch die Teilnahme an dieser Studie dafür, das Leiden zu mildern. Wie ich immer sage: Mehr reden, vielleicht sogar mit Freunden - oder aber Schokolade essen.

Ich ringe immer noch mit der Elster, auch private life, habe andererseits gestern Henry Rollins dabei zugeschaut, wie er Hinterwäldlern mit diskussionswürdigen Essgewohnheiten (Hinweis: keine Schokolade) mehr als nur die Ohren langzog. In einem Film, sonst hätte ich sagen mögen, your private life drama, baby, leave me out. Ein blutiges, zähes Tagewerk, für das es keine Lolas zu gewinnen gibt. Gefreut habe ich mich daher letzte Woche für Sibel Kekilli, die zweimal auf Preisverleihungen ganz richtiges sagte. Damals, als sie sich über die bigotte Hetze gegen sie wehrte, und nun, da sie ebenfalls zurecht anmerkte, sich über Rollenangebote freuen zu würden - "zu müssen", war, was sie nicht sagte. Sie wird in diesem glitzrig-bitteren Prostitutionsgewerbe noch die unverdorbenste sein, denkt man, so viel emotionale Ehrlichkeit indes kam in dieser Branche selten gut an. Ich wiederum hätte die Kikelli besetzt, die Schneider zu spielen. Eine, die weiß, wie man eine Karriere hinter sich läßt, um eine ungleich künstlerischere anzusteuern. Vielleicht sollte sie nach Frankreich gehen.

Was nicht aufgeschrieben ist, flimmert einem vor den Augen und optische Zufälle bestimmen das Gesamturteil. (Kafka. Tagebücher. 1912.) Eine Art Gedankentaxidermie will betrieben werden, bizarre Erinnerungswendungen oder alkoholverblendete sogenannte Ideen, die man in Buchstaben und Worte zwingt, gleich aufgespießten schillerndern Käfern oder Gebilden bei Crappy Taxidermy (Achtung, teilweise nicht sicher für die Arbeit). Formgießen also.

Heute hat Gott Kim Gordon Geburtstag, neulich bereits Robin Wright. Willkürliche Zuordnungssysteme, die insofern interessant sind, weil es über Robin Wrights Augen in einem bestimmten Licht ebenfalls etwas zu sagen gäbe. Ich mag die aber so richtig erst seit Breaking and Entering, wo sie spielt als hielte sie den Atem an. Ihre sehr kleine Rolle war für mich auch das einzig Interessante an Inside Hollywood, in beiden Filmen gibt es diese kurzen Momente großer Wahrhaftigkeit, wenn sie diesen oder jenen Satz sagt oder eine Erinnerung über ihr Gesicht huscht. Trennungsgeschichten.

Die sehr schöne Frau™ sagte vor Jahren bereits, die sei unterschätzt, und ich sagte, ach was, weil ich natürlich keine Ahnung hatte. Und zu selten ins Kino ging. Dabei muß man gemeinsame Erinnerungen immer jetzt machen und nicht später.

>>> Geräusch des Tages: Sonic Youth, Star Power

Super 8 | von kid37 um 01:53h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 26. April 2010


Allermöglichst





Am Wochenende die Gelegenheit ergriffen und meine kleine Schiffbegrüßungsanlage verlassen, die Pedale zur Kontrolle wie die Trommel eines alten Armeerevolvers um die Achse rotieren lassen, noch zwei, drei Züge Luft nachgepumpt, dann ab durch die frühlingshafte Sonne den Entwässerungsgräben entlang weiter nach Osten. Spontan von den gut durchstrukturierten Pfaden abgewichen, einfach rechts durch die Unterführung und in einem kleinen Neubausiedlungsviertel gelandet, schnurgerade Wege führen dort durch sauber abgezirkelte Grünstreifen und noch zu erschließenden Reihenhausbrachen. Reiche Bautätigkeit herrscht rund um einen lauschigen Park mit eigenem Sandstrand am Badesee. Ganz nett, aber draußen. Dann lieber Durchreisender und unten an der Dove Elbe direkt am Wasser gerastet, der Steg nicht höher als die Wellen, die vorbeifahrende Boote schlugen, und man mußte aufpassen, wollte man - als sei man selber Segler - nicht schnell den Hosenboden naß haben. In flirrender Sonne und von den Kanumädchen bewinkt kaum die passende Atmosphäre gefunden, die letzten 30 Seiten Bernhard zu Ende zu lesen, eisgraue Sätze über das frostige Menschenleben: "Dahinein führt nur ein Weg durch Schnee und Eis in Menschenverzweiflung..." (T.B., Frost). So werde ich natürlich nie fertig, bleibt ein Warten also auf die kalte Sophie.