
Freitag, 2. April 2010





Ein Karfreitag mit Osterwetter, also statt Kreuz- lieber Radwege benutzt, bewegtes Auslüften, erst ein bißchen kreuz (dann doch!) und quer, plötzlich sich unten an der Elbe wiedergefunden, ein Herr Sakana-Gedächtnisbild gemacht und dann aber weiter, Schleuse, Rumpelwege, Spadenland. Das schnurrt ganz gut, der Motor läuft ruhig, die Richtung zeigt irgendwas mit Süden und sofort stellen Ausbruchsgedanken sich ein. Tierwelt, Wandergruppen - man ist allein nicht auf der Welt und sei es auch in noch so öder Natur. Plattes Land, irgendwo ein See, links Segler, rechts Dauercamper. An den Straßenrändern rotverklinkerte Einfamilienträume, davor weht die blaue Raute, auch wenn die Orte auf "Wisch" und "Werder" enden.
Irgendwo ein Brot gemümmelt, radelnde Rentner winken vorbei, Anhängerkonstruktionen mit Bier und Feuerholz beladen, morgen geht das große Igelverbrennen los und die heimliche Sondermüllentsorgung. Zyklen und Zyklisten, ein Pferdemädchen lacht mich an, da muß was mit diesem Frühling sein, bald geht das Geblühe los, ich lenke den Holländer vorbei, durch Mist und Schorf und Acker, weiter über die Panzerspuren, die Traktorwege. Kilometer macht man damit nicht, aber fünf Stunden später weiß ich, was Beine sind. "Der Junge hat Farbe gekriegt", würde meine Großmutter sagen, so wie sie halt sprechen, in der dritten Person. Der Junge macht jetzt mal Abendbrot.

Mittwoch, 31. März 2010

Es gibt ja diese Tage, an denen hält man plötzlich einen Ball in den Händen, kann ihn spielen oder auch überhaupt nicht, und wenn, dann in diese oder auch jene Ecke werfen. Der Platz ist begrenzt aus den Linien der Entscheidungsfreiheit, der Pflicht, der Neigung, der guten und der bösen Sitten. Der Tag also, an dem es heißt, professionell kühl bleiben zu müssen, wenn sich die kleine gemeine oder auch schöne Gelegenheit ergibt. Wenn Hop oder Top einen Schalterdruck auseinanderliegen. Natürlich sind die Folgen viel zu belanglos, um überhaupt über Folgen zu reden. Aber man kann kurz einmal nachdenken, sich selbst beobachten, diese seismographischen Ausschläge zwischen Schulterzucken und Niedertracht, sich die abgeflexten Hörnchen reiben, ein süffisantes Grinsen aufsetzen oder einfach ganz kalt bleiben. Mal nach innen hören. Und einfach so weitermachen, als sei nichts. Weil der Gedanke an die Tat oft reizvoller ist als die Tat. Es ist bloß ein Job, und ich erledige ihn gewissenhaft.

Montag, 29. März 2010


Freitag nach Ende einer weiteren Komprimierungswoche durch Sturm und Regen schnell noch beim Café Smögen vorbeigekreuzt. Frau Fishy, zur großen Freude in der Stadt, hatte mir freundlicherweise einen Stuhl freigehalten, man findet ja sonst oft als nassgeregneter Matrose keinen Liegeplatz mehr. Also fix aus dem Ölzeug geschält und Herrn Bogdans musikalischen Ausführungen zum Thema schwere See und heitere Not gelauscht.
Der Besuch hat nicht das beste Wetter zur Stadterkundung erwischt, da muß man dann aber durch, von Bewirtungsstätte zu Bewirtungsstätte schwimmen, sich anstemmen gegen Kapriolen und blinkende Lichter. Wo ich bin, ist immer..., das kann man schließlich wissen. "Der Frost und die Frauen bringen die Männer um", heißt es bei Bernhard. Daher des Sonntags bloß ordnender Tau oder vorfrühlingshafte Ödnis: Belege ordnen, Akten sortieren, Ausweichstrategien gegen Steuerunterlagen erfinden - Politur mit einem Pinsel satt auftragen, zusehen, wie es einzieht in durstiges Holz.

Donnerstag, 25. März 2010

Erst Donnerstag und schon Träume von le week-end. Draußen lockt die Sonne selbst misanthropische Langsamdenker wie mich zu einer Art Nichtstun (während daheim schon wieder Elstern warten, Diebsgedanken im Hirn und jede ihr eigenes Fluchtfahrzeug). Ich freue mich über Blumen, aus hartverknospeten Wintermänteln brechen wie frischgemilchte Leiber hervor, wir lüften aus, wir sind Bewegung.
Aber nur bis zur nächsten Sonnenterrasse.

Mittwoch, 24. März 2010
Die Abende werden milder, endlich macht auch das Ausgehen in Hamburg wieder Spaß. Der Ausschnitt aus der teilweise berüchtigten, aber irgendwie anrührenden Dokumentation Mondo Cane zeigt das Nachtleben dieser Stadt, wie es sich seit den 60ern ja eigentlich nur maßvoll verändert hat. Bei 2:10 sieht man beispielsweise mich, wie ich den Kopf zum Nachdenken auf den Tresen lege. Heute allerdings raucht mir der Kopf, und das Stampfen der Maschinen ist kaum zu ertragen.
(Mondo Cane. Italien, 1962. Regie: Gualtiero Jacopetti, Franco Prosperi.)
via Rollinger

Montag, 22. März 2010

Samstag spontan festgestellt, ich kann nicht nur bis 37 zehn zählen, sondern fast bis hundert. Dafür entgingen mir, andere Geschichte, dann Sonntagmorgen doch noch Fischli & Weiss, ich weiß auch nicht, warum mir da der innere Antrieb plötzlich fehlte. Jedenfalls hat Hamburg jetzt eine Filiale von Walther König, Kunstbuchhandlung, kann ich alles leerkaufen - obwohl es mit Personalrabatt in der schönen Stadt noch schöner wäre. Hamburg hält Anschluß, die Zeit der Dorfmusik ist vorbei, auch wenn ich erfahren muß, daß Patti Smith heuer nur in der Bundeshauptstadt Bonnberlin spielt. Ach. Bevor sich aber bittere Züge um meine zugenähten Lippen legten, lieber die Gelgenheit genutzt, endlich einmal in The Coral Sea hineinzuhören und im wunderbaren Bildband Land 250 zu blättern. Ein liebevoll aufgemachter Begleitband zur Ausstellung vor zwei Jahren in der Fondation Cartier in Paris, in der die Sängerin ihre Polaroids zeigte. Manches vielleicht banal, vieles aber in seiner manchmal schlichten, dann wieder poetischen Beobachtung sehr fühlbar, reizvoll, witzig. Reiseandenken eines nun auch schon langen und eindrucksreichen Künstlerlebens. "Impressionen" sagte man früher, aber das klingt ein wenig betulich.
Sonntagsruhe: Ein wenig auf dem Teppich liegen, dort wo die Sonne ein Fenster hinmalt, telefonieren, die Enten von draußen hören, die den eisfreien Kanal feiern, die ersten Motorboote begrüßen, die hier elegant die Kurve nehmen. Krantage, wir werden alles frischüberholt zu Wasser lassen.
Herr Kelly hatte ebenfalls einen Patti-Smith-Tag. Die erwähnte CD-Box mit den ersten fünf Alben von Patti Smith kann ich sehr empfehlen. Zwar fehlen die Booklets der Original-LPs, aber selten hat man für zehn Euro (!) so viel gewaltige Musik bekommen. Wie eine Herde Pferde.

Samstag, 20. März 2010



Die ersten Abende mit milden Temperaturen locken auch in Hamburg die Menschen heraus, junge Menschen zumeist, die nun aus der Winterruhe erwachen und den Bienen gleich, sich aus ihren Stöcken heraus und auf erste Erkundungsflüge begeben. Gleich bildet sich wieder das Phänomen der Teenagertrauben auf den Gehsteigen, Unterhakmädchen, die mindestens zu dritt oder manchmal auch zu viert, den Gehweg blockieren, miteinander über die dünnen Kabel ihrer MP3-Player verbunden, ein symbiotisches Wesen, das auch gut in Türen träumen könnte. Die Mädchen zeigen ihre winters erworbenen Beinbekleidungen, wildgemusterte Lurex-(Alb-)Träume, enganliegende Stiefel aus buntglänzenden Satinstoff, zurechtzerrupfte Wickel über raubtiergefleckte Strümpfen.
Das aber bloß Wegbetrachtungen auf der Fahrt vom Rande des Sozialabseits in die Nähe der Reeperbahn. Hier, bei der Linda - die es leider nicht mehr lange geben wird, weil dem Kunstverein der Mietvertrag gekündigt wurde - eröffnete Judith Mall ihre Ausstellung "Secret Volume". Herr Kelly war so freundlich, mich darauf aufmerksam zu machen, zum Glück, denn während ich anfänglich regelmäßig chez Linda war, sind mir die Eröffnungstermine am Freitag am Ende einer Arbeitswoche meistens irgendwie zu frühspät.
Die atmosphärischen Schwarzweißzeichnungen der Hamburger Illustratorin gewinnen ihren Reiz aus ruhigen, lakonisch beobachteten Szenen. Arbeitswelten, Büro- und Hotelzimmer, in denen scheinbar unauffällige Details wie Radiatoren, Steckdosen, Mikrofone und Überwachungskameras hervorgehoben sind. Eine diffus mysteriöse Stimmung liegt über den (hier ohne Text präsentieren) Bildgeschichten, etwas geheimnisvoll Bedrohliches scheint hier vorzugehen. Vielleicht ist es auch bloß Einsamkeit. Sie fügen sich ansatzlos in die leicht runtergerockten Räumlichkeiten der Galerie, nach kurzer Zeit schon ist man selbst ein Teil dieser filmischen Szenarien geworden, eingesogen, als stünde man vor halbdurchlässigen Spiegeln.
Mit Judith Mall, die ich sehr sympathisch finde, kann ich ein paar Worte wechseln. Ein wenig bin ich aber abgelenkt von ihrem kleinen Tattoo auf dem Oberarm. Ich kann es hier nicht näher beschreiben, aber es ist das coolste Tattoo, das ich seit langem gesehen habe. Ganz große Begeisterung. Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. März.
(Judith Mall. "Secret Volume"". Kunstverein Linda, Hamburg. Bis zum 28. März 2010.)
>>> Webseite von Judith Mall
