
Mittwoch, 24. Juni 2009


Das Altonaer Museum ist ein Heimatmuseum mit Sammelstücken der Region, Bauernkaten, eingerichteten Wohnstuben, alten Kramerläden, einer maritimen Abteilung mit Harpunen, Schiffsmodellen und einer alten Bootsbauwerkstatt, dazu Stadtgeschichtliches und die hochinteressante Sammlung optischer Geräte von Werner Nekes. Derzeit gibt es viel Schmuggelware, Hafenromantisches und Historisches zu Wal- und Fischfang zu sehen. Dazu gesellt sich eine kleine, aber sehr rührige fotografische Abteilung, die in den letzten Jahren immer wieder schwer interessante Ausstellungen auf die Beine stellte. Ich erinnere nur an die Bakterienbilder von Edgar Lissel.


Die Ausstellung Ich 1:1 bietet, man sagt das ja oft sehr leicht, wirklich einzigartige Bilder. Fotounikate aus der von Werner Kraus und Erhard Hössle entwickelten Kamera, für die der Begriff "Großformat" nicht wirklich ausreicht. Die Bilder entstehen ohne jede weitere Bearbeitung oder Vergrößerung im Maßstab 1:1. Ganzkörper-Selbstporträts wie gemalt. Die Kamera selbst steht in Berlin, vielleicht, so war es zu lesen, wird es einmal eine mobile Version geben. In einem Umkehrspiegel kann man aber schon einmal den seitenrichtigen Blick reflektieren: Ein besonderer Reiz, die ganze Gestalt zu erfassen und sich selbst zu gestalten.


Um Selbstinszenierung und Selbstauflösung geht es in der zweiten Ausstellung, die parallel gezeigt wird. Johanna Manke hat in sehr stilvoll ausgearbeiteten Bildern kindliche und jugendliche Lebenswelten nachgestellt, sehr stimmungsvoll, ruhig, fern der grellen, schrillen Schnappschußästhetik um Yo-Kids!, zeitlosere Einblicke in die fragilen Bruchstellen beim Erwachsenwerden, wenn man beginnt, sich abzunabeln, selbst zu endecken, die Verletzlichkeit schützt. Im Besucherbuch der Ausstellung finden sich wie zum Beweis ganz reizende Einträge, die das Thema aufgreifen.

Ok, Hannah. Von Zeit zu Zeit schauen wir nach und stellen einen Teller mit Käsebroten Keksen vor die Tür.
(Erste Liebe - Geheime Orte. Fotoarbeiten von Johanna Manke und Ich 1:1 Portraits aus der größten Kamera der Welt. Altonaer Museum, Hamburg. Bis 27. September 2009.)

Montag, 22. Juni 2009
Mag das Wetter unbeständig sein und von eisig, regnerisch und schönster Sonne alle Orgelregister ziehen - raus kann man trotzdem, zumal zur Sonnenwende der Abschluß der Altonale lockt. Es lohnt sich bei solchen Veranstaltungen, ein paar Schleich- und Umwege zu gehen, an den dichtesten Menschentrauben vorbei, ehe man Zustände bekommt oder unversehens auf dem Mittelaltermarkt landet. Es ist zum Glück jedoch, ein Lob der Vielfalt, für jeden was dabei. Wie ein Netz aus Ameisenstraßen wuselt und wimmelt es mal in diese Gasse, mal in jene Twiete, immer auf der Suche nach Vergnügen - so jedenfalls darf vermutet werden. An den schöneren Straßenrändern werden Sardinen gegrillt, mit ernstem Gesicht noch ernsterer Tango gespielt, Kunst & Handwerk ausgebreitet und die freien Plätze insgesamt sehr wohnlich gemacht.
Am Stand der Station 17 ein bißchen eingekauft, dann einem alten Mann mit hörbar ostpreußischen Akzent ein ebenfalls altes Voltmeter abgehandelt. "Könnte aus einem U-Boot stammen", vermutete der freundliche Herr. Möglich ist es, immerhin ist es von innen ein wenig mit Wasser beschlagen. Da ich ab und an unter starker Spannung stehe, benötige ich so etwas. Nur falls sich jemand fragt. V für Victory, an Bord meiner Nautilus macht sich auch ein wenig Literatur sehr gut, die Besatzung will belesen sein. Leider fand sich nur bekanntes, aber solche Bücher sind ja wie kleine verlassene Kätzchen, die einem vom Boden eines Pappkartons her anmaunzen, und können folglich nicht zurückgelassen werden. Nachher, man hört immer wieder davon, landen die dann im Wasser, nur weil sie keiner wollte - und dann ist kein U-Boot, nichts, kein niemand, in der Näh’.
So war das.




Samstag, 20. Juni 2009



Freitag, 19. Juni 2009

...Frank Zander? Der stadtbekannte Berliner Spaßmacher ("Ich trink' auf dein Wohl, Marie") hat sich wie viele seiner Kollegen aus Funk und Fernsehen in Hamburg ein zweites Standbein aufgebaut. Neben seiner Tätigkeit als Synchronstimme von Asterix verdient er sich mit einem Umzugsservice nebenher so manche gute Mark und ist dabei vermutlich mindestens so einnehmend und gut gelaunt, wie man es von seinen umjubelten Bühnenauftritten vermuten darf. Mit seinem Wahlspruch "Schwarzer Humor, aber keine schwarze Arbeit" führt der "Ur-Ur-Enkel von Frankenstein" sein Nebenerwerbsunternehmen korrekt und organisiert und eifert damit als geübter Parodist seinem zupackenden Berliner Kollegen augenzwinkernd nach. Ein Möbelrücker weiß eben genau: Wer den Aufschwung will, muß etwas bewegen wollen!

Donnerstag, 18. Juni 2009

Wer noch kurzentschlossen heute abend einen Fernseher besorgen oder sich bei den Nachbarn einladen kann, möchte vielleicht - wenn bei denen sowieso schon ab 21.00 Uhr der Boris-Vian-Abend läuft - um 23.30 Uhr die Doku Who's Afraid of Kathy Acker? sehen, die unser aller Lieblingssender Arte ausstrahlt. Zeitgenossen wie Richard Hell, Kathleen "Bikini Kill" Hanna, die Künstlerin Carolee Schneemann, Liebhaber und andere Wegbegleiter erinnern sich an die Autorin, die seit den späten 70ern beim Schreiben radikale Wege ging - und 1997 im Alter von 50 Jahren verstarb. Schnell, intensiv, frei von zaudernden Kompromissen, in Deutschland teilweise auf dem Index, weltweit gefeiert, zum Teil auch gehasst - sie könnte heute Bloggerin sein. Spannende 80 Minuten, könnt ihr mir glauben.
>>> Info bei Arte


... Uwe Friedrichsen? Der beliebte Hamburger Schauspieler, der dieses Jahr 75 wurde, betreibt neben seiner Arbeit für Fernsehen, Theater und als Synchronsprecher von Ringo Starr einen erkennbar florierenden LKW-Handel weit abseits der glitzernden Bühnen und glamourösen Viertel der Hansestadt. Dabei kommt ihm, das mag vermutet werden, seine Erfahrung als ehemaliger Zollfahnder zu Gute. Meine Mutter, das aber nur nebenbei, hat einmal im Urlaub den Bruder des Herrn Friedrichsen kennengelernt, auch ein netter Mann, wie ich hörte, und in einer interessanten Branche tätig. Das ist Herr Friedrichsen zweifelsohne auch, mit jedem seiner Standbeine. Ich finde das vorbildlich, daß die Schönen Menschen (The beautiful people, the beautiful people! Marilyn Manson) nicht nur tagelang mit ihren Fans durch die Szene-Bars ziehen, sondern - wie Blogger eben auch - ein zweites, ganz normales Leben haben, in dem sie jeden Morgen pünktlich auf ihrer Arbeitstelle erscheinen, den Kittel aus dem Spind nehmen und einfach ihren Job machen. Denn der Aufschwung kommt nicht lässig über den roten Teppich geschlichen. Er kommt mit Schwielen an den Händen.

Dienstag, 16. Juni 2009
BingBing. Beim Spielen mit der neuen Suchmaschine bin ich auf diese Seite gestoßen, die mich auf ein interessantes, nun ja, Sicherheitsproblem mit den Exif-Daten einer Digitalkamera hinwies. Es geht um dieses Bild von der SNAFU-Ausstellung in Hamburg:

Wie man nun sehen kann, habe ich damals nur einen Ausschnitt veröffentlicht. Dachte ich. Ehrlich gesagt laufe ich zwar gerne mit ein paar Reisigzweigen am Schuh durch die Gegend, um die Spuren im Sand zu verwischen. Aber an das kleine versteckte Thumbnail vom Originalfoto in den Exif-Daten habe ich nicht gedacht. Was dabei alles passieren kann, wenn man mal die Hosen vergessen hat!
Schicke Fahrradhelme. Bei meinem rostigen Klepper wohl Pflicht.
via Franca aus den Kommentaren bei der Kaltmamsell
Das wunderbare Maison d'Autrique in Brüssel, auf das ich durch diesen Bericht bei Kelly aufmerksam wurde, hat nun auch ein Blog. Schreibt euch das dringend ins Vormerkheft!
Perspektiven für unsere Abwrackrepublik? So geht jedenfalls Leben: Angeliska hat mit ihrem Schatz einen hübschen Ausflug auf den Schrottplatz gemacht, bloß um dort weitere Schätze zu finden.
Apropos Schrott. Der Tag gestern fing so schön an. Kollegen boten ihre Hilfe an, fertigten kleine Werkstücke für mich, in der Mittagspause ließ mich im Supermarkt eine in jeder Beziehung gesegnete Hochschwangere an der Kasse vor, als sie sah, daß ich da nur mit meiner kleinen Quarkspeise aus dem Hause Leckermäulchen stand, dafür konnte ich einer jungen Mutter helfen, welcher der Schultornister ihrer kleinen Tochter vom Fahrrad rutschte - ein freundliches allseitiges Geben und Nehmen und das alles an einem Montag. Als ich aber abends die Nadel an meinem Dual austauschen wollte, entwickelte sich die als simpel gedachte Handlung zu einem mittleren Disaster, das ich aus Scham nicht näher erläutern möchte, mich am Ende aber mit einem abgebrochenen System und sehr viel Trauer und Bedrückung im Herzen zurückließ. Ach.
Immerhin. Mein kleines Care-Paket vom Morgen wurde dankbar aufgenommen. Die tröstende Kraft des Käsebrots, von dem man hofft, daß es nicht gleich hinter dem nächsten Gartenzaun landet. Das sichere Gefühl, eine Stulle dabeizuhaben. Für alle Fälle.
Wie man früher montags mit aufstand, dieses viel zu früh immer, noch schnell was für die Reise schmieren, einen Apfel dazu oder Kekse vielleicht. Im morgengrauen Licht der Küche stehen, die kühlen Fliesen unter den nackten Füßen, während man auf die klappernden Geräusche hört, das Plätschern von Wasser, den Geruch atmen, der leise noch nachweht, das Wesen von Tür und der Angel, der Kuß für die Reise, da, ich hab dir was eingesteckt. Aber das sind die alten Gesten der noch älteren Geschichten. Unverdrossen bleiben. Und freundlich auch.

Montag, 15. Juni 2009





Nachdem die Exkursion durch den Freihafen so vergnüglich war, schien mir als Kontrast ein Ausflug ins Grüne angebracht, denn Radfahren ohne Abwechslung ist ja wie jeden Tag Käsebrot, wie schon im Handbuch für alle Lebenslagen nachzulesen ist. (Hier irrt übrigens Wikipedia, denn was soll die Bemerkung, es sei "fiktiv" bedeuten?) Dem quietschenden Klepper (die Lager! die Lager!) also ordentlich Luft zugeführt (die Löcher! die Löcher!) und dann stracks Richtung Osten bis kurz vor Brandenburg in die Boberger Dünen zum Geländetest. Über Brücken und Feldwege, durch Kleingartenanlagen und entlang der Gewerbebetriebe links und rechts der Bille bis zum Segelflugplatz. Stadtflaneure, raus aufs Land! schallt der Ruf durch die von Pferdehufen und Walkingstöcken vertikutierte Landschaft, links und rechts verschmilzt Grün zu einem Streifen, Pedaleros juchzen, junge Menschen lungern um einen Badesee. Keusches Idyll, die letzten Vögel vertrieben von Wanderern in TCM-Beige, vielleicht aber auch vom Knirschen meiner Fahrradkette (Sand im Getriebe! Sand im Getriebe!). Zurück dann vorbei an ramponierten Lagerhallen, am summenden Kraftwerk, langsames Anpassen an die mechanische Welt wie eine langsame Tauchfahrt durch die Dekompressionskammer.
