
Montag, 15. Juni 2009





Nachdem die Exkursion durch den Freihafen so vergnüglich war, schien mir als Kontrast ein Ausflug ins Grüne angebracht, denn Radfahren ohne Abwechslung ist ja wie jeden Tag Käsebrot, wie schon im Handbuch für alle Lebenslagen nachzulesen ist. (Hier irrt übrigens Wikipedia, denn was soll die Bemerkung, es sei "fiktiv" bedeuten?) Dem quietschenden Klepper (die Lager! die Lager!) also ordentlich Luft zugeführt (die Löcher! die Löcher!) und dann stracks Richtung Osten bis kurz vor Brandenburg in die Boberger Dünen zum Geländetest. Über Brücken und Feldwege, durch Kleingartenanlagen und entlang der Gewerbebetriebe links und rechts der Bille bis zum Segelflugplatz. Stadtflaneure, raus aufs Land! schallt der Ruf durch die von Pferdehufen und Walkingstöcken vertikutierte Landschaft, links und rechts verschmilzt Grün zu einem Streifen, Pedaleros juchzen, junge Menschen lungern um einen Badesee. Keusches Idyll, die letzten Vögel vertrieben von Wanderern in TCM-Beige, vielleicht aber auch vom Knirschen meiner Fahrradkette (Sand im Getriebe! Sand im Getriebe!). Zurück dann vorbei an ramponierten Lagerhallen, am summenden Kraftwerk, langsames Anpassen an die mechanische Welt wie eine langsame Tauchfahrt durch die Dekompressionskammer.

Donnerstag, 11. Juni 2009
Wie konnte es sein, daß mir die Arbeit des italienischen Regisseurs Stefano Bessoni bislang völlig unbekannt war? Beim Trailer zu Frammenti di scienze inesatte verstehe ich zwar nur jedes siebte oder dreißigste Wort. Aber der lebensfroh taxidermierte Charme der Ausstattung gleicht alles aus und erinnert mich daran, mal wieder meinen Keller aufzuräumen. Auf ein wohlpräpariertes Wochenende.
via Wurzeltods Tumblr

(Nick Cave & The Bad Seeds, Tupelo)
Abends dann beim Bucerius-Forum versucht, doch noch eine Karte für Sophie Rois zu bekommen. Vielleicht, so hieß es, sei noch eine an der Abendkasse erhältlich. Glück hatte ich nicht. Da will man einmal zur Hochkultur, und schon sind die Ellbogen draußen wie beim 999-Konzert. Menschen, die aussahen wie Roger Willemsen, um hier auch mal exotische Namen einzustreuen, waren schneller, entschlossener, huschten an mir vorbei in den Saal. Grüßt schön, dachte ich und setzte mich irgendwo an den Rathausplatz. Drinnen, einigermaßen verbarrikadiert, las die Rois aus dem Decamerone, diese Fluchtgeschichten vor der großen Pest. 1348 waren zehn junge Menschen aus Angst vor dem schwarzen Tod aus Florenz geflohen und hatten sich in ein Landhaus zurückgezogen. Weil es weder Fernsehen, Blogs noch Twitter gab, erzählten sie sich Geschichten. Eine Überlebensstrategie. Spät war die Sonne herausgekommen, strich über die golden glitzernde Fassade des Rathauses, und ohne rauchige Stimme im Ohr sah ich den Menschen zu. Es war ganz still geworden.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Immer diese semiotischen Nöte. Die unbeeindruckte Innenstadt durchqueren, wie popmodern gelernt um Distinktion bemüht, in der Hand aber eine Tüte von Karstadt. Als wolle oder solle oder müsse gar man ein Zeichen setzen, Signale flaggen und nicht einen Einkauf nach Hause tragen. Notizbücher aus dem maroden Haus. Die Kassiererin hat kurz vor Geschäftsschluß, aber nur für diesen Tag, aus dem Trotz in eine beherrscht schwebende Ruhe zurückgefunden. Vielleicht ist es der Schock auch. Sie ist dieser Barbara-Rudnik-Typ, eine kühle blonde Schöne, und wir sprechen kurz über die Bedingtheit und den Trost des Gewissen. Dem Ende der Ungewissheit. So sieht es aus nämlich, es sind die einfachen Gleichungen. Während ich also meine Notizbücher aus ihren schönen Händen entgegennehme, denke ich an den Schock, der aber morgen vielleicht erst nachläßt, die Ruhe zerbricht und ein, zwei, drei und dann noch viele Fragen nach oben spült. Verträge sind Versprechen, und Versprechen darf man nicht trauen. Es bleibt uns der Wind, heißt es im Lied, mehr unterschreibe ich nicht.
>>> Ende.

Dienstag, 9. Juni 2009






Am Sonntag dann hinüber ins Wahlbüro, die Qumran-Rolle des Wahlzettels studiert, Farbenlehre über Schwarz, Rot, Grün, dann Violette, gefühlte fünf Rentnerparteien, Tierschützer, Bibelschützer, Raffgierschützer und Merkbefreiungsschützer. Mein Kreuz gemacht, Wahlzettelorigami - und dann aber los. Das Wetter genau auf meiner Betriebstemperatur, die Luft kühl und regnerisch, der Himmel bedeckt, schöne Kontraste und ein frisches Locken und Wispern, raus also aus den umbauten Zonen, es lockt der Ruf einsamer Gewerbegebiete. Rauf aufs klapprige Rad, husch wie ein quietschender Wind, immer nach Süden, dem Wasser nach und dann hinüber über die alte Elbbrücke. Ein Hauch von Industrieanlage, romantischer Schmerz, mein kleines Ruhrgebiet, singe ich - überhaupt das Singen auf dem Fahrrad! Noch ist es Zeit, im Sommer dann wird es schwierig, schmierig, wenn die kleinen Fliegen einem dabei in den Mund wehen, während man lustige Dean-Martin-Lieder schmettert, befreit, dem Fahrtwind entgegen.
Ein strenger Geruch von Hefe, die Menschen, die da wohnen müssen, als lebten sie einem Philosophen gleich in einem zerschmetterten Bierfaß, dann weiter über den Fluß endlich, die Eisenbahn entlang, Schuppen und Kais und Kräne, verlassene Backsteinbauten, Bloggerheime allesamt, rostige Kähne und Lastkraftwagen aus Osteuropa. Um einen Grill zusammengedrängt eine Truckergemeinde, Hardrock-Café, Metal dröhnt aus einem tragbaren Lautsprechergerät, weht herüber, zerhackte Akkorde. Irgendwo fotografieren Menschen, stolpern Touristen auf ein ausgemustertes Motorschiff. Ein Hafenmuseum, Ketten und Winden, zerplatzte Farben, endlich ein bißchen Regen auch.
Zu Hause dann die ersten Berichte. Der Vorsitzende jener Partei, deren uninhibitiertes Wirtschaftsdenken wohl mit in die Krise führte, freut sich auf unangenehm selbstgefällige Weise. Die ehemals sozialdemokratische Partei indes scheint wie ein berühmter Ex-Fußball-Manager-Macho soeben einen Tritt in den Unterleib bekommen zu haben. Man ahnt, es wird alles noch schlimmer kommen.

Montag, 8. Juni 2009
Abends telefoniere ich mit meinem Vater (3h 47m, zeigt das Display später an) und schaue dabei einen David-Lynch-Film. Ohne Ton.

Samstag, 6. Juni 2009
Als ich heute beim Lebensmittelmarkt war, gingen mir - neben der zur besseren Erinnerung in Reimform gehaltenen Einkaufsliste - zwei Dinge durch den Kopf. Der Satz "Der Tag, an dem ich bereit war für einen Einkaufsshopper" nämlich, den ich bei Nothing - Ein Weblog über den Ekel über den eigenen Verfall einstellen würde, gäbe es das Blog noch, und dann die Melodie von "Surabaya Johnny": "Und sagtest, ich solle mit dir gehen/Du kämest für alles auf." So stand ich zwischen Dosenregalen mit Erbsen fein und mit Möhren gemischt und Ständen mit frischen Erdbeeren aus heimischen Anbau und summte "...warum bist du so roh?"
Und auf dem vollgepackten Rückweg, bislang allerdings weiterhin ohne Einkaufsshopper mit acht Segeln, dachte ich weiter summend und schwitzend ("Und du gehst, ohne etwas zu sagen/Und dein Schiff liegt unten am Kai"), daheim vor Reede könnte ich ja mal wieder meine Lotte-Lenya-Platte hören.
Daheim aber, noch weit vor Birma also, war die gar nicht so leicht zu finden. Ich wühlte durch meinen immerhin überschaubaren Stapel ("Hinauf und hinab durch den Pandschab/Den Fluß entlang bis zur See") und fand dabei allerhand und auch allerhand vergessenes (die ganzen Bowie-Platten, der Karajan, sieh an, Pink Floyd, meine Güte, der ganze Kanon einer Kindheit in den Siebzigern), aber nicht die Lenya. Und mit Nothing im Kopf dachte ich, wie ich wohl verspottet werden würde, wüßten nur die jungen Leute davon, wie ich da hockte vor meinem Plattenstapel, auf Knien über den Teppich rutschend, leise grummelnde Signale der Ungeduld austoßend. Diese jungen Leute würden ebenso ungeduldig sagen, Mensch Alter, dabei lässig und zackzack mit dem Auswahlrad ihres MP3-Abspielgeräts rotierend, da, die Lenya! auch die obskuren Aufnahmen! Oder sie würden sagen, Mensch Alter, schaust du hier, Youtube, oder DingsFM, zackzack, ein Mausklick. "Du hast kein Herz, Johnny/Du bist ein Schuft, Johnny", summte ich dann. Mag alles sein. Aber die Dave-Brubeck-Platte und die "Dancing à la Discotheque" mit den schönen bunten Cocktail-Fotos auf dem Cover und - "Nimm die Pfeife aus dem Maul, du Hund" - die "Still"-Doppel-LP hättet ihr dabei nicht entdeckt. Und ihr wärt auch nicht über die Frage gestolpert, aus welchen verborgenen Gründen Miles Davis neuerdings direkt neben Public Image Ltd. steht.

Freitag, 5. Juni 2009

Etwas derangiert von einer turbulenten Herstellungswoche im Unterhaltungs- und Dekorationsgewerbe schnitt ich gestern nach der Arbeit durch die schafskalten Regenvorhänge schnell nach St. Pauli. In der Boutique Bizarre, dem wohl hübschesten und umfassend ausgestatteten Sex-Shop vor Ort, war wieder Kulturprogramm. Man ist ja dort sehr rührig, zeigt im Untergeschoß regelmäßig Kunst und veranstaltet auch Seminare zu fesselnden und einschlägigen Themen. Diesmal war es angenehm bestuhlt, und so sank ich hin, zwischen Nylons und Gummiwäsche, ein wenig erschöpft vom Produktionsalltag, noch fröstelnd vom eisigen Wind über der Reeperbahn, feucht vom Regen und nun dankbar über die warmen Kellerräume und das sanft gedimmte Licht. Zwei, drei atemkontrollierte Züge, schon sank ich - wie es Männer sonst nur in der Oper tun - in meinen Sitz, während auf einer flimmernden Monitorwand Dita etwas mit ihren Beinen vollführte, das Kinn fiel schwer mir auf die Brust, die Augen, wirklich, ich schloß sie nur für eine Sekunde! Vielleicht waren es auch ein paar mehr, eine Stimme schreckte mich hoch, Cornelia Jönsson war mittlerweile nach vorne gekommen und las aus ihrem SM-Roman Spieler wie wir. Umstandslos begann es mit einer Szene, in der ein Harness und zwei Dildos eine wichtige Rolle spielten, und ich dachte, da kann man sich für Bloggerlesungen ein Beispiel nehmen. Also was die Texte betrifft: Nicht langsam vortasten, gleich auf die Zwölf und bloß nicht einschlafen.
Ich war jetzt wach, die Autorin trug ein paar verhalten explizite Stellen vor, ich muß aber sagen, das Performative fand ich am Ende interessanter als den Text. In dem war leider auch viel von Vögeln die Rede, ein Begriff, den ich nur für die Tierart gelten lasse und ansonsten ein wenig albern finde. Als Lesebühne hat der Ort zudem etwas mit einer herausfordernden Akustik zu kämpfen. Es gibt leider keine Tonanlage, und die Kunden im Obergeschoß sorgen für Unruhe. Sagen wir es so: Man schläft halt nicht ein.
