Montag, 30. März 2009


Party, Party, Party

Now the teacher is away
All the kids begin to play

(Elvis Costello,
"(I Don't Want To Go To) Chelsea")


Rausströhmen, Regen atmen, vorglühende S-Bahn-Schunkler, langsam raus in die Nacht, tastende Schritte durchs Gewerbegebiet. Als ich eintreffe, drehen sie die Pixies ab, weil eine Band spielen will. Ein Fehler, denke ich, ihr dürft solche Vergleiche nicht suchen. Rotes Bier und blaue Blumen, ich summe in Gedanken "Alison" ("I know this world is killing you"), aber irgendwo hinter meinem Kopf drischt der Schlagzeuger das Nikotin der Luft entzwei. Füße immer so tapptapptapp, wir müssen auch mal jung sein heute Nacht. Lippen zischeln irgendetwas in mein Ohr, ich kann aber die Worte nicht hören, ich bin ein alter Mann, und hinter meinem Kopf hat immer ein Schlagzeug gestanden. Mit bedauerndem Lächeln deute ich auf mein Hörgerät. Im Dreck zu meinen Füßen liegt Geld, aber ich kann jetzt hier doch nicht Münzen aufklauben, auf allen Vieren kriechen, noch vor Mitternacht. Die roten Schuhe wollen nicht tanzen, ein blondes Mädchen fragt mich nach dem Pfand. Wie anders man diese Spiele spielt, ein Euro heißt das jetzt, und ich stecke mein Hemd wieder zurück in den Hosenbund.

Irgendwo wird geknutscht, ich glaube, die mögen sich, aber sicher kann man sich nicht sein. Ich würde gern den Sound einstellen, mir die Gitarre schnappen, also der Typ macht das schon gut, aber ich hätte da was zu sagen. What's so funny 'bout Peace, Love and Understanding, könnte man mal fragen, aber in deutlichen Worten. Der Raum hier ist angenehm angeranzt und abgerockt, man könnte hier schwitzen oder versacken oder jemanden kennenlernen, aber da werde ich schon nach draußen gezogen, bevor ich weiter auf den Mikroständer schiele. Ist doch auch nur Nacht, denke ich. Kenne ich schon, das ist wahlweise eine Tageszeit oder ein Zustand, ich weiß nicht, welches gerade gilt. Die haben soeben an der Uhr gedreht. Ich kann die beiden Freundinnen jetzt besser verstehen, diese Musik war ja doch recht laut. Die eine kommt quasi aus Wien, das verrät sie erst jetzt. Ach, sag ich, istjaeinDing und gehe im Geiste die Bezirke durch, während schon wieder Regen fällt und ich den Weg zum Bahnhof weise, irgendeinen, wasweißichdenn, wo ich gerade bin. Muß man hinfahren oder im Herzen tragen, sage ich unter meiner albernen Mütze hinweg, die den Regen abhalten soll. Die haben an der Donau sogar Rettungsboote.


 


Freitag, 27. März 2009


...

Am Anfang, damals, unter den Bäumen als uns die Wölfe heulten, bis das Licht verblasste. Aber nicht du. Am Ende, später, als wir wie Wölfe heulten, das Zerfleischen übten, das Knurren um die letzten Hühnerknochen. Bis kein Licht keine Wälder kein

Man soll in die Wälder nicht gehen. Niemals allein.

The Mercy Seat | von kid37 um 17:14h | | Link

 


Donnerstag, 26. März 2009


Are You The Favorite Person Of Anybody?



Wie sicher kann man sich bei dieser Frage schon sein. Manchmal wird es so gesagt und hält doch nur bis zum nächsten Morgen. Machen wir uns mal bitte nichts vor. Manchmal denkt man, man habe diese Person gefunden, und dann packt sie ihre Tasche aus, entdeckt man die Liste auf ihrem Mp3-Player zeigt die weniger schönen Seiten. Manchmal denkt man, das Telefon sei kaputt. Dabei ist grad nur jemand anderes in der Stadt. Manchmal ist man aufmerksam und bringt jemanden eine Apfelsine mit. Manchmal geht man lieber heimlich mit anderen tanzen. Manchmal weiß man alles nicht so genau. Für jemanden wichtig sein. Ich finde, das klingt nach einer prima Sache.

Das vierteljährlich erscheinende Wolphin-Magazin veröffentlicht auf der beigelegten DVD internationale Kurzfilme. Darunter sehr coole Sachen, nicht alle so bitter, und leider hier nur schwer zu beziehen. Ach, und wenn ihr euch die Frage stellt - ich mag euch schon sehr.

via Dadanoias

>>> Webseite des Wolphin-Magazins (mit Blog)

Super 8 | von kid37 um 10:17h | 31 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 25. März 2009


Maximinimalisch

Gerade mit einem Kollegen über Träume, Zukunft und das Vergangene gesprochen. Was soll nur werden, sagte ich, kann ich doch nicht einmal Obstkuchen backen. Vier, fünf Jahre bleiben noch, sagte er und zeigte auf das Interview im Branchenmagazin. Wo gehen wir hin, fragte ich, wenn es kalt wird nachts? Nach Hause, meinte er, immer nach Hause. Man brauche keine schöne Kneipe, man brauche ein schönes Heim! Doch jetzt wo ich meine Wohnung im Zen-Stil entrümpelt habe, mir der Lack noch an den Fingern klebt, kommt mir diese Ausgestaltungsidee daher. Na toll, das Treppenhaus wurde gerade frisch renoviert. Natürlich derart konventionell, daß eine junge Dame mit singender Säge überhaupt nicht richtig zur Geltung käme. Ich glaube, es wird doch Zeit für ein eigenes Haus, irgendwo vor den Toren der Stadt mit Platz für prunkvolle Tränengefäße und eine eigene kardiologische Praxis. Und jede Menge Wandschränke für die Geister der Vergangenheit. Man könnte dort natürlich auch die Fenster öffnen, Frauen was vorlesen, vier, fünf Kinder zeugen adoptieren und ihnen Unsinn beibringen.

Etwas überladen vielleicht, aber Hauptsache, das Dach hält.

Einige Links via The Steampunk Home, wo es ziemlich viel nerdigen Kitsch, aber auch ein paar nette Ideen zu sehen gibt.


 


Dienstag, 24. März 2009


Like A Heartbeat



Genau so. Nicht lange reden, kein man könnte mal oder irgendwann oder sonst eine Form des ungefähren später, sondern einfach machen, unterm Arm packen, mitnehmen. Danke noch einmal, ich bin sehr entzückt. In letzter Zeit war ich wiederholt angenehm überrascht, wenn alte Helden ihre kleinen Auftritte haben. Neulich die (leider live verpaßten) Buzzcocks, nun eben Wire. Da gesellen sich drei ältere Herrschaften neben einer jüngeren Gitarristin auf die kleine Bühne im neuen, alten Hafenklang und zeigen, was mir an Typen wie, nehmen wir, David Byrne nicht gefällt. Während letzterer ein alternder prätentiöser artsy-fartsy Bohemien im Kaschmiranzug geworden ist, demonstrieren Colin Newman und Co wie man in Würde der Rente entgegenlebt. Die Briten sehen nämlich aus als würden sie unter der Woche die Werkstattleitung bei Autohaus Schmidt & Sohn versehen. Oder die Gemüsetheke im Rewe an der Ecke.

Was ja nicht heißt, daß man nicht eine Menge Lärm machen kann. Während Axel K. mit ruhiger Hand seine Kamera ins Getöse hält, andere, ich sah es genau, mit einem gewissen Schmelz in den Augen die Oberarmmuskulatur des Schlagzeugers betrachteten, ließ ich mich eine Wolke aus Geräusch hüllen, ein Outdoor Miner auf dem Weg in den Postpunk-Bergbau. Wire trugen Schicht um Schicht ab, räumten den Schutt beiseite, das tumbleweed, das die Vorband hinterlassen hatte (die so eine Art Indianer-Prog-Country-Rock auf Peyote machten, was - ich trank mir das schön - notenweise an die Stimmung im Pink Room erinnerte. Es tanzten aber weder Zwerge über die Bühne noch haben Mädchen Kirschstengel im... nun ja, wir waren ja wegen Wire da).

Immer kurz, präzise, zwei, drei Minuten Stakkato, Practice Makes Perfect, gern hätte ich noch Heartbeat gehört, aber Fly in The Ointment und andere Hits fehlten ebenso. Dafür vieles vom neuen Album Object 47 ("Willst du dir das T-Shirt kaufen? Kannst du in zehn Jahren tragen.")

Im Publikum die ein oder andere Genußmittelproblemgestalt aber auch meine ehemalige Lieblingsfernsehmoderatorin, damals, als sie nachts bei Tele5 die ganzen Punk- und Indie-Videos moderiert hat. Ein Abend ohne Schnickschnack, bloß zum Schluß eine aufondolierte Version von 12XU, Gedanken, die man schon mal hat, wenn man wütend ist.

Wenn man aber mit Frau Grey anschließend nachts am Hafen spaziert und den Lärm aus den Ohren schüttelt, wie kann man da noch wütend sein? Es sind diese Momente, die man mitnimmt. Leichtes Gepäck und sehr gewichtig.

>>> Offizielle Webseite von Wire

Radau | von kid37 um 12:18h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Samstag, 21. März 2009


Tagebuch #2

You don't feel like mine anymore
This night i wrestle with pride on the floor
That's cos you don't look back like i look back
That's cos you don't look back like i look back

(The Duke Spirit, "My Sunken Treasure")



Regelmäßiger vorbeischauen, hieß es zuletzt. Berlin in kleinen Dosen, quasi mal vorbeipaddeln, Elbe und Spree, ein Boot führen und nicht nur Gast sein. Eigene Orte schaffen, neue Erinnerungen, die den Blick durch zerkratzte S-Bahn-Scheiben überlagern, wenn draußen wehmütig bekannte Stationennamen vorbeiwischen.



Museum für Kommunikation also, viel Andrang, Gläser klirren, ziehen Menschen an wie eine Lockrufpfeife. Nachdenken über Distanz und Distanzlosigkeit, soziale Scharaden und Dos and Don'ts auf dem Gesellschaftsparkett. Oder besser nicht. Das ist mein Abend, denke ich, beiße mir auf die Zunge, als im Treppenhaus ein Satz an mich gerichtet wird, zu dem ich gleichzeitig "Ja, natürlich, sehe ich genau so" und "Nein, das ist doch nur ein Bild für etwas anderes" sagen möchte. Aber falscher Ort, falscher Anlaß, falsches Gegenüber für so etwas verquer Zerrissenes, Mißverständliches gilt es auszuhalten - und den Springteufel lassen wir an diesem Abend besser im Kästchen. Zumal der Haken bedrohlich geöffnet wurde. Schweigen also im Museum für Kommunikation, ich betrachte die Wände, vor die man gemeinhin die Sachen fährt.






Eigentlich ist der Abend ein Bloggertreffen, dabei gehe ich gar nicht mehr zu so etwas. Wie sich das anhört. Als seien Menschen aus Papier. Mek, Miss Monolog, Kinky und Frau Kopffüßler sehe ich, Frau Casino hat es zu meiner Freude noch geschafft, sagt mir etwas für mit auf den Nachhauseweg, Frau Gaga macht sich leichtbestrumpft davon, das hingegen wird ein Nachspiel haben.

Fliesensuchen, eng bekritzelte Tagebücher aus echtem Papier bestaunen, dann das Holzklotzdiarium von Anke Gröners Opa. Das ist wirklich wunderbar. Sehr faszinierende kleine Details überall, aber ich bin zu hibbelig, ich bin zu aufgebracht, ich bin zu aufgedreht, ich würde gerne allen am Ärmel zupfen, eine Rauchen, einen unglaublich geistreichen Witz reißen, der das toll illuminierte Glasdach aus dem Lichthof sprengt. Oder etwas ganz anderes.

Es gibt schlimmeres, sage ich mal mit hanseatischer Nüchternheit, als zwischen Madame Modeste und Anousch zu sitzen und darüber nachzudenken, ob Nüchternheit wirklich eine Option ist. Während das Gespräch auf nautische Themen kommt, entwickeln Wortschnittchen und 40Something die Idee einer Blogger-Kommune im noch näher zu definierenden Osten. (Ich bleibe dabei, es muß Wasser in der Nähe sein.) Wo aber werden wir unsere Leichen verscharren?

Den Abend über versuche ich, ein Bonmot zu formulieren, das sich um das Produkt dreht, daß Anouschs und meine Heimatstädte verbindet: die Rauhfaser. Irgendwas mit wie etwas in verschiedenen Farben daherkommen kann, aussieht wie eine grobverputzte Wand. Und darunter doch nur, na ja, Papier. Ein Bild nämlich über etwas Zerrissenes. Es klingt albern, es klingt falsch. Berlin ist immer noch nicht richtig, und vielleicht sind an diesem Abend die Menschen einfach zu nett zu mir. Ich möchte Madame Modeste sagen, wie toll sie aussieht, ich möchte schreien, ich möchte laut rufen "Entschuldigung" (kann man ab und zu mal tun), sagen, daß es weh tat, ich möchte etwas in mein Tagebuch schreiben, eine Frage formulieren. Wie oft wohl kann man sein Herz verlieren?

"Der Rest", heißt es bei PeterLicht, "ist Hobby."

("@bsolut Privat!?". Museum Für Kommunikation, Berlin. Bis zum 30. August 2009.)


 


Freitag, 20. März 2009


Tagebuch

Auch merkwürdig. Ich bin in Berlin, und es scheint die Sonne. Es gibt Dinge, über die sich nachdenken ließe. Oder besser einfach nicht. Sonne also.