
Samstag, 1. Dezember 2007
Um sich in dunkle Nächte zu verbergen
Wo schwer im Himmel sich die Wolken winden.
(Georg Heym, "Die Nacht III". 1911.)
Eine Marathonwoche. Ich möchte darüber nicht viele Worte verlieren. Im Januar wird alles besser, bis dahin sollen nur die Gebißspuren in meiner Schreibtischplatte stumme Zeugen frohen Tuns sein. Das Blut unter meinen Fingernägeln. Aber große Augen werden unter dem Baum hell erstrahlen, wenn wir gut gearbeitet haben. Heute wurden zwei andere Kollegen "laut", wie es bei uns heißt. Ich hatte meinen Auftritt bereits und schmirgelte daher stumm, fast entrückt, an meiner kleinen bunten Gußform. Viele träumen dann vom Wochenende. Doch "das Gemeinste am Träumen ist, das alle es tun", heißt es bei Pessoa. Man muß sich das Eigene bewahren.
Unter der Woche las ich Klabund und Carola Neher von Matthias Wegner. Ein sicher kenntnisreicher Abriß der schwierigen Liebe zwischen den beiden Skorpionen Künstlern, bei der sich der todkranke Klabund von der zehn Jahre jüngeren Schauspielerin oft ins Abseits geschoben fühlte. Von dieser Dynamik allerdings verrät das Buch nicht viel, dafür nervt der Autor mit ermüdenden Aufmerksamkeitsheischern: Das würde noch Folgen haben, da ahnte noch niemand, dieser Bekannte würde noch Unglück bringen usw. usf. - beinahe jedes Kapitel endet mit ominös dräuenden "Cliffhangern", so als habe der Autor seinem ebenso spannenden wie tragischen Stoff nicht getraut. Der Klabund, auch schon tot.
In den Zwanziger Jahren haben die beiden viel gefeiert, natürlich in Berlin, der Hauptstadt des Vergnügens, einst und jetzt. Aber man soll da nicht gram sein, denn auch Hamburg, laut einem seiner Söhne "das Tor zur Welt. Aber leider nur das Tor" (Karl Lagerfeld), hat an diesem Wochenende ein bißchen was zu bieten. Vor allem viel Kunst. SpOn behauptete heute keck, Hamburg scheine die Hauptstadt der alternativen Galerien zu sein. Schön wär's, möchte man der Autorin freundlich zuwinken; allein, mir fehlt der Glaube.
So oder so aber findet der Knaller des Samstags nicht in der Hauptstadt des Wasauchimmers, sondern in der Hansestadt statt: Feinkunst Krüger lädt wie immer gepflegt zur Vernissage ein. Wieder heißt es "Don't Wake Daddy", wir spielen die zweite Folge, die "größte Low-Brow Ausstellung Europas". Dieses Jahr in Zusammenarbeit mit Raum 21, und wer das verpennt, kann auch gleich nach Berlin ziehen ist selber schuld. Unter den Künstlern sind unter vielen anderen Danielle de Picciotto, Angie Mason, Anthony Ausgang, die hier auch schon erwähnten Mia Mäkilä und Moki (!), der großartige Thorsten Passfeld, Travis Louie und, ebenfalls als Heimspieler, Wolfgang Sangmeister. Klangvolle Namen genug, um sich Tränen der Begeisterung aus den Augen zu wischen. Kämmt euch die Haare, tragt eure schönsten Sachen, der Abend ist es wert.
("Don't Wake Daddy II", Feinkunst Krüger, Hamburg und Raum 21, Hamburg. Bis 22. Dezember.)

Mittwoch, 28. November 2007
Derzeit geht es mir wie der rothaarigen Tochter von Klaus Dunst. Während ich hin- und hergeschleudert werde, derweil mir ein dicker Kerl Sand ins Getriebe streuen will und böse Spinnen ihre intriganten klebrigen Netze um mich stricken, hagelt es zu allem Überfluß schlechte Kritiken. Heute morgen erst mal den Chef rundgemacht, der eine Gußform, an der ich gestern abend noch lange rumgeschmirgelt habe, einfach in den Mülleimer geworfen hat. Nachher brauchte man sie natürlich doch noch, aber ich bin dafür nicht in die Tonne gekrochen. Ich nicht. Ich bin etwas laut geworden, denn in Zeiten wie diesen muß man gleich Grenzen setzen. Jetzt sitzt er hinter geschlossenen Türen. In seinem Büro. Vielleicht stellt er gerade meine Entlassungspapiere zusammen.
Aber sollte mir solches Glück zufallen, möchte ich es lieber heute an der Lotteriebude gezogen haben. In der dichtgedrängten Menschentraube, die sich rund um den kleinen Tisch mit den Scheinen gebildet hatte, riefen sich einige Tippwillige die Zahlen nur so zu. "Dreizehn", rief eine. "Nimm die Dreizehn! Und 27!" So laut, daß ich mich kaum auf meine ausgetüftelten eigenen Zahlen konzentrieren konnte. 37 - 37 - 37 - 37 - 37 - 37, hier kann ich sie ja verraten. Solltet ihr nichts mehr von mir hören, fragt in der Karibik nach. Deckname: "Mary Jane".

Samstag, 24. November 2007
Heute. Um das Gefühl zu simulieren, irgendwie dazugehörig zu sein, begab ich mich unter Menschen, also Gewühl, Innenstadtfront, Kompaktschallplatten- verkaufsladen, die viele Arbeit muß ja auch lohnen. Die Hausverwaltung, die stoische, schrieb einen Brief und möchte mir etwas Geld zurücküberweisen. Betriebskostenabrechnung. Ha, es wendet sich das Blatt. Jupiter, lange vermißter Kollege, möchte bald wieder ein Bier oder zwei mit mir trinken. (Heimlich eine rauchen.) Habe ich also zwei, drei, vier Tonträger gekauft, lässig natürlich, mit Karte (alles andere ist verdächtig für die Staatsbefolgungs- behörden), zackzack. Vielleicht hätte ich gleich Lotto spielen sollen. Mit einem Jackpot von 26 Millionen nämlich, so stelle ich mir vor, könnte man viel Interessantes tun. Ein großes Haus haben, mit einem Zimmer zum Beispiel nur für Kleidermotten. Die Wände würde ich ganz mit Kaschmir ausschlagen.
So aber, man will nicht übertreiben, blieb es bei ein paar CDs. Für das kommende Frühjahr (das Eis muß ja auch mal wieder schmelzen) schon mal Fabienne Delsol, "Between You And Me", so ein bißchen La la la und Yé Yé Yé, möchte ich sehr empfehlen, mir geht sowas ja näher als all die Drogentanten, die derzeit so gehypt werden, übrigens auch in dem Kompaktschallplattenverkaufsladen, der diese Ausnüchterungsballaden für Feuilletonbeflissene über die Hausanlage wummern ließ. Jene, die auch gerne mal eine Schwertätowierte daheim haben, zwischen J.J. Cale und dem armrudernden Mann aus Sheffield. Ich meine, ich mag die schon, die kann ja auch nichts nicht so viel dafür.

Leichtfüßig dagegen die Ditties von Delsol. Wartet's ab, die ersten lauen Frühlingstage, Versprechen in der Luft, ihr erinnert euch, werden mich bestätigen. Kommentare wird es geben, Herr Kid, und Danke nochmal für den Tip, mein Freund und ich, wir sind ganz hin und weg und hören den ganzen Tag und die halbe Nacht Fabienne Delsol.
Dann habe ich etwas Lustiges unternommen. War ein Sonderangebot, aber das soll kein Grund sein. Ich habe mir erstmals Led Zeppelin gekauft! "Mothership", ganz genau. Streng genommen besitze ich irgendwo noch ein Page/Plant-Album, das ziemlich gut ist. Ich erinnere den Titel gerade nicht, aber die Fotos sind von Anton Corbijn. Jedenfalls hörte ich ein bißchen in das in jeder Hinsicht gewichtige Werk (mit einem richtigen Booklet, he!) und dachte, heilige Scheiße, was hat man, also ich, aber nicht allein, früher gegen dieses langhaarige Gitarrengewixe angekämpft! Und das mit Recht!
Andererseits bin ich nun ja entspannt und interessant ist es zudem, wenn man feststellt, wie doch die lieben Kindertage und später dann die ersten "Klassenfeten" von dieser Art Musik geprägt war (abwechselnd Klammerblues und "Whole Lotta Rosie"). Unter dem Kopfhörergerät wird schnell klar, daß man solche Musik nur mit Heroin zerschlissener Jeansjacke, in deren Brusttasche eine Haarbürste steckt, so eine mit Nadeln aus Metall, richtig genießen, was sag ich, verstehen kann. Und langen Haaren natürlich.
Mein Stiefcousin U. nämlich, der auch immer diese Musik hörte, der trug diese schwarzen langen Haare und Schnodderbremse Schnauzbart zu Jeansanzug und Stiefeln. Der war ein großer, dunkler Junge, ein "junger Mann", wie meine Mutter immer betonte, mit einem ganz glatten Gesicht. Oft haben wir uns leider nicht gesehen. Schon Anfang der 70er Jahre fuhr er sich mit seinem Motorrad tot. Als er abhob, auf irgendeiner unbenannten Landstraße im Ostwestfälischen, war ihm diese Cockpitabdeckung aus Plexiglas im Weg. Auch nicht so schön. Man wollte dem Vater die Leiche nicht mehr zeigen.
Ich habe den ja gar nicht richtig gekannt, den U. Ich war sehr klein, aber er freute sich, wenn er mir Led Zeppelin und so was vorspielte und ich dazu mitsang, mit fünf oder sechs, in irgendsoeinem Kauderwelsch, den ich mir ausgedacht hatte. Da hat er gelacht der U. Wohl, weil ich das sehr ernst nahm. Ich war schon immer etwas ernst und vielleicht zu sehr so. Der U. hingegen, der hörte Rockmusik und fuhr Motorrad und hatte eine sehr schöne Freundin.
Ein wenig sah sie aus wie Fabienne Delsol. Hallo U., "Babe I'm Gonna Leave You". Nur für dich.

Freitag, 23. November 2007
Und helle Mädchen blicken hübsch brutal.
(Alfred Lichtenstein, "Das Vorstadtcabaret". 1912.)
Ich möchte aufmerksam machen. Erst eckte ich mit meiner Anfrage ein wenig bei ihr an, dann aber wurde doch alles gut, und die fantastische Kristamas Klousch ließ mich gewähren (Danke dafür!). Ihre Fotos sind nostalgisch, experimentell, geheimnisvoll, morbide, oft sehr erotisch und immer von einer gewissen Traurigkeit durchwoben. Streckenweise wirken die Bilder, als sei der Geist von E. J. Bellocq in sie gefahren. Unter einem ihrer Bilder schreibt sie: "I suffer from the virgo desease, and i'm not even virgo. nothing i did was pure enough. i wasn't sure whether i wanted disciples or partisans, lovers or friends. a new dress or fairer head" - Ich aber mag es, daß diese Bilder nicht alle völlig perfekt sind. So wie bei Menschen auch. Dunkle Zimmer, in denen man kein Licht machen möchte.
Kristamas Klousch lebt in Montreal. Mont Real, so glaube ich, ist nur das Codewort für ein endloses Bergwerk, ein Wegegewirr der Selbst-Exploration. Schauen, nachschauen und noch ein bißchen mehr. Die Zeit festhalten, wenigstens ein bißchen, und am Ende sich selber.
>>> Kristamas Klouschs Fotos bei Flickr

Donnerstag, 22. November 2007
Machen wir uns mal winterfest. Die Wände passend zum Wetter grau gestrichen, die Nase ebenso gestrichen voll (nur Laune, ansonsten kerngesund). Das Jahr endet, wie es begann - wie von der Pechmarie bekleckert. Bis Anfang Januar, das ist gewiß, geht der Gang durch eine freudlose Gasse, stumm, aber, so die Regieanweisung, dafür mit erhöhtem Tempo. Jemand in der Fabrik hat bereits die roten Zonen der Manometer übermalt. Die Tage einmal immerhin gelacht. Mit einem gewissen Spott Interesse nämlich festgestellt, daß bestimmte Nervensägen, die neulich noch über mannigfaltige Formen von "Zensur"bei Bildersammelstellen im Internetz schwadronierten, nun, daß besagte Aufklärungsempörer nach wie vor... fleißig ihre Flickr-Accounts befüllen. Spitze. Thank you for Smoking!

Dann jedoch mit ein wenig Stirnrunzeln die ebenfalls eifrig mitgeschriebenen Blog-Zitate betrachtet, die ohne Link, aber auch ohne Quellenangabe veröffentlicht wurden. Aber wer wäre ich, Empfehlungen auszusprechen. Zum Beispiel, was "Fair Use" betrifft. Der einen zitierten Bloggerin wird das, da bin ich sicher, eh ziemlich "wumpe" sein, die andere aber feut sich vielleicht. Komm, Junge, Schattensprung!
Auch ich nenne jetzt aber keine Quelle, daran kann man den Grad meiner eigenen Verkommenheit abmessen. Man wird dies alles also als bloße Behauptung begreifen müssen. Schließlich sind wir alle kleine Sünderlein und das Leben grimm wie ein skandinavischer Krimi.
Who Killed Bambi?, anderes Thema, eine meiner Lieblingskunstseiten, dort jedenfalls stieß ich kürzlich auf die Sieben Todsünden aus der Sicht des Fotografen Lukas Maximilian Hüller. Wer es gerne liebenswürdiger hätte, schaut bei Daniëlle van Ark vorbei. In der Rubrik "Taxidermy" zeigt sie schnuckelige Tiere, die bloß alle - leider, leider - tot sind.
Dafür hat heute die um so lebendigere Scarlett Johansson Geburtstag.
Wißt ihr das jetzt auch.
Und sonst? Ich gehe jetzt zurück ins Labor (not for the faint at heart), denn wie mein Chef vorhin zu mir meinte, könnte man über mein Hirn auch mal eine Abhandlung schreiben. Er sollte mal mein Herz sehen. Schwarze Pechblende.

Samstag, 17. November 2007
in die Straßen der Städte ergossen
Und spülen vorüber die Trümmer zerborstener Welt.
(Ernst W. Lotz, "Aufbruch der Jugend". 1913.)
Um das allgemeine Empörungsgedröhne und Waschküchengezänk nicht zu hören, verlasse ich für gewöhnlich ja kaum noch das Haus. Selten jedenfalls ohne meine Kaufhalle- Einkaufstüte über dem Kopf. Aber nachdem mir immer wieder die netten Einladungen ins Haus flattern, dachte ich, komm, ist Samstag, da darfst du eine Stunde länger, gehen wir doch mal bei Linda bei. Dort zeigen im ehemaligen Feinkostladen Spirituosen Sigvald Hansen die Herren Jens Mittendorf und Daniel Schieben sehr hübsche Fotoarbeiten.
Mir gefielen dabei vor allem die Bilder Mittendorfs, nicht nur, weil sie aus den Achtziger Jahren stammen und in stimmungsvoll körnigem Schwarzweiß Alltagsbilder aus der DDR zeigen, die mich ebenso wie die kahlgerupften Wände in der Hein-Hoyer-Straße an mich selbst erinnern: zerbröselnd, perdu und mit dem mittlerweile leicht beklemmenden Gefühl, selbst auch einmal jung gewesen zu sein. Möglicherweise meinte der Autor der Bilder was völlig anderes, aber das kann mir mal schön egal sein. Nette Menschen übrigens dort bei Chez Linda, auch das muß man mittlerweile ja dick hervorheben.
Aber selbst wenn es hieße, ich mochte euch, ihr müßt das nicht unbedingt, ist es doch genau das, worum es Damals™ eben auch ging: einfach machen, eine Erinnerung schaffen, weil euch die als einzige nicht genommen werden kann.
(Jens Mittendorf und Daniel Schieben, bis 27. November im Kunstverein Linda, Hein-Hoyer-Straße 13, Hamburg.)

Freitag, 16. November 2007
Es wird kalt in den Straßenschluchten und draußen auf dem Lande. In Berlin aber hat man ein Herz für Künstler und daher drei von ihnen ans wärmende Feuer (gespeist aus Emotion & Hingabe) der Strychnin Galerie gelockt. Dort sind sie nun eingesperrt wohnen sie für zwei Wochen im Showroom in Friedrichshain und müssen schuften und arbeiten dort an der Ausstellung Goldmine Shithouse.
Das gleichnamige Kunstprojekt wurde 2003 von den US-Künstlern David Hochbaum, Travis Lindquist, und Colin Burns ins Taufbecken geworfen, eine Art Open Saturday, bei dem Freunde und Kollegen sich zur kreativen Jamsession im Atelier treffen - und dabei ordentlich Kunst machen und Quatsch vielleicht auch.
Begleitend kann man die Aktion im Blog der Gruppe verfolgen, dort gibt es auch kurze Videos zu sehen. Aber denkt daran, Internet ist nicht alles!
Wer nämlich einen näheren Vorgeschmack erfahren möchte, merkt sich den 16. November - ach, das ist ja schon heute. Berlin macht da, was es am besten kann, nämlich eine Party. Das Motto heißt: Nicht ins Hemd machen, sondern was drauf: Auf der T-Shirt Printing Party (heute ab 19.00 Uhr) packt man sich ein T-Shirt ein (oder zieht seins dort einfach aus, man ist da erfahrungsgemäß recht ungezwungen) und läßt sich für den Preis von zwei Bieren in Hamburg (ich kann das gerade nicht in Berliner Währung umrechnen) super Designs aufdrucken, mit denen man dann nach Ende des Winters Kunst auf die Straße bringen kann.
Am 23. November, also nächste Woche, eröffnet dann am selben Ort die Ausstellung Iron Lung und dazu kann man ruhig mal sein Viertel verlassen. In der ansonsten sorgenlosen Metropole gilt ja das Verlassen der enggesteckten Reviergrenzen als die gemeinhin größte Herausforderung.
(Goldmine Shithouse. Ab 23. November 2007 in der Strychnin-Galerie, Berlin, Boxhagener Str. 36)
>>>
Webseite von Goldmine Shithouse
Webseite von David Hochbaum
Seite von Travis Lindquist beim Brooklyn Art Project
