Donnerstag, 23. September 2004


Dresden Dolls

Von Lichtern scheint es hell im Freudenhause,
Gewaltig tönt und singet das Clavier.
Auf einem Sofa sitzt der Cavalier,
Und öffnet einem Mädchen wild die Blause.
(Georg Heym. "Nachtgesang". 1911.)

Gestern baten im Molotow die Dresden Dolls zum Stelldichein. Im Publikum keine Absinth- oder Champagnertrinker, wie diese zwei mit ihren erotisch aufgeladenen Brecht/ Weill-Moritatenpunk vielleicht erwartet hatten. Immerhin wurden ein paar Homosexuelle gesichtet, damit wäre das Weimarer Kabarett-Klischee erfüllt. Herr Mequito war stilistisch wieder vorbildlich gekleidet. Nur Herr Sakanachan und Frau Malenita schützten kurzfristig anderweitige Verpflichtungen vor. Die fanden wohl nichts zum Anziehen. Otto Dix war nicht zum Malen da, stattdessen baten ein paar stadtbekannte Fotofuzzis zur Leistungsschau. Axel K. zeigte allen gleich, wer Herr im Ring ist. Mir ist nun auch klar, weshalb sich seine Kamera von Atlantikwellen nicht großartig beeindrucken läßt. Die ist salzhaltiges Schwitzwasser mittlerweile gewöhnt. Auch im lüftungsarmen Molotow wurden Mensch und Maschine wieder hart geprüft. Der kleine Starfotograf hingegen ließ vor lauter im Vorfeld induzierter Nervosität nicht nur seine Nikon fallen, sondern stellte daheim auch fest, daß er den guten alten Silberfilm vergeigt hatte. Äh ja. Bleibt hier also nur das übliche Digi-Geschredder. Immerhin: Die wirklich guten Fotos gibt es wie immer im Hamburger Restaurant.

Musik wurde natürlich auch gespielt. Amanda Plummer (Piano, Gesang), die früher wohl mal Boston, Ma. mit ihrem Joy-Division-T-Shirt erstaunte, und ihr Partner Brian Viglione (Schlagzeug) rockten sich durch schmerz-herzhaft-vertrackte Songs. Nervös-abgehacktes Tastengeklimper zu aufmunterdem, rhythmischen Geklopfe mit großer dynamischer Reichweite. Mal peitschend, mal treibend, mal wieder verzögernd oder streng unterbrechend. Wie guter Sex eben. Ist natürlich irgendwie Theatermusik, mehr arty als 1,2,3,4. Ich habe mir schon das ein oder andere Mal überlegt, wie man da jetzt mit einer Gitarre reinschreddern könnte, zumal der Drummer ja ab und an eine schwere Rockkapelle im Ohr gehabt haben muß. Aber das ist ja grad wieder der Witz. Die beiden Gotik-Turteltauben werden sicher die eine Interviewfrage besonders hassen, denke ich mir: "Werdet ihr oft mit den White Stripes verglichen?". Nur weil da ein Kerl und eine Frau und ein Schlagzeug und ein Instrument...

Ich habe ja ein gewisses Faible für Frauen in schwarzweißen Ringelstrümpfen, für das ich nur eine Ausnahme mache: rotschwarze Ringelstrümpfe. Das war schon hilfreich. Das schwarze Samthängerchen mit dem aufgestickten koketten "A" für Adulteress auch. Überhaupt Mode. Da ich während des Konzerts überraschend etwas geschenkt bekam, das ich mir sonst teuer hätte kaufen müssen (merci bien), hatte ich noch etwas Geld für ein T-Shirt übrig. Es gab sogar Dresden Dolls-Höschen. Sicherlich keine schlechte Idee, dann hat man auch bei unvermuteten Gelegenheiten immer was Originelles drunter. Aber man soll in solchen Dingen nicht gleich gierig werden. Die Dolls spielen wohl noch in Köln und in Berlin. Einfach mal was Geringeltes anziehen und hingehen.

Radau | von kid37 um 05:22h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link