Begrabt mein Herz in Edinburgh

In a big country
Dreams stay with you
Like a lover´s voice
Fires the mountain side.
Stay alive.

(The Editors Big Country, "In A Big Country")

Ich versuche gerade, ein wenig betrunken zu werden, draußen ist es ja bereits dunkel genug. Fürs Tagebuch festzuhalten gibt es heute nicht viel, Einkaufen, ein paar kleinere Renovierungsarbeiten, noch einmal eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Konzept Muffe & Doppelnippel (mein zweiter Roman wird so heißen), ein kurzes Dankgebet, weil sich das junge Pärchen in der Nachbarschaft nicht wieder so laut und ausdauernd gestritten hat wie gestern, Einkaufen, ganz wichtig, ein Konzept, wie alles besser wird, ein bißchen geschrieben, noch mehr gelöscht, überprüft, ob Arc*r wirklich diese Prono-Seiten sperrt, dabei erstaunliche Dinge entdeckt, weil ich nicht bei Arc*r bin.

Dann über die B-Bands meiner Jugend nachgedacht. Oder vielleicht mehr über bestimmte Lieder, deren man sich nicht entziehen kann - aus nostalgischen Gründen natürlich. Sie sind vielleicht nicht wirklich wirklich gut, aber man, also ich, verbindet halt etwas damit, eine Zeit, eine Stimmung, eine flüchtige Erinnerung. Nehmen wir Big Country, eine Band, deren Vorstellung von Sound heute wie der Geist von Onkel Albert in die Editors gefahren ist. Der Sänger hat sich aufgehängt, viel später, und streng genommen waren die auch immer bloß B-Klasse-Lala, aber doch für ein paar Jahre sehr präsent. Und live gar nicht lahm, wie Youtube beweist. Dort findet sich auch ein recht bewegendes Cover einer anderen B-Band dieser Zeit: The Alarm spielen gemeinsam mit Bruce Watson von Big Country den Song In a Big Country - und fast möchte ich - ganz untypisch für mich - ein wenig rührselig werden.

Weil ja jeder weiß, daß hier nicht Genies gerade eine neue Welt erschaffen, sondern ein paar Freunde an einen verlorenen Kumpel und an eine vielleicht nicht verlorene, aber für die meisten vergessene, Zeit erinnern. Ich glaube, für so was gibt es eh kaum eine bessere Ära als die 80er - verstrubbelte Musiker in zu großen Mänteln, die an britischen Steilküsten standen und Musik hinaus in den Atlantiksturm spielten. Are we not Pathos? No, we are Pathos!

Habe ich das schon mal erzählt? Vor zig Jahren, 1998, o Gott, auch schon wieder bald zehn Jahre her, war ich mal auf einem Nena-Konzert. Nena mit so einer Punkband als Begleitung im Grünspan, sie gab ein kleines Konzert für ihren Fanclub und ein paar andere Leute und spielte Stücke von Blondie, den Ramones - und natürlich ihre alten Hits. Ruppig, rauh, sentimental. Und alle, alle sangen mit - ich auch, und was hab ich früher diese Musik gehaßt! Aber es war ja dunkel, keiner hat mich erkannt und nie wird jemand davon erfahren. Ich habe davor bessere, bedeutendere Konzerte gesehen. Danach nicht mehr.

Deshalb sperrt schön die Ohren auf, hört Musik, geht auf Konzerte. Dann wird es in zwanzig Jahren sehr schön, wenn ihr, die warme Decke auf den Knien, auf Youtube oder das, was Arc*r davon zu euch durchläßt, die alten Kamellen hört. Prost, einen noch.

Radau | 01:54h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
referral - Donnerstag, 13. September 2007, 02:11
Prost. Auf die gute alte Zeit.

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l9 - Donnerstag, 13. September 2007, 10:45
Hach.
Ich habe mal bei Sweet mitgegröhlt - Obwohl Sweet selbstverständlich sehr verboten warbei den Coolen der End70er.
Allerdings ist das auch schon wieder zig Jahre her. War auch ohne Brian Conolly. Ich glaube mittlerweile würde ich sogar Abba begröhlen.

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kid37 - Donnerstag, 13. September 2007, 22:56
ABBA! Mittlerweile ertrage ich sogar die zahlreichen Dokus über die. (Und die streng genommen hochkomplizierte Musik habe ich mittlerweile auf einer, äh, musikalisch-technischen Ebene auch zu schätzen gelernt. Ach was, ich würde dazu mitgröhlen. Abba-Karaoke.)

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fishy_ - Donnerstag, 13. September 2007, 11:20
Now the skirts hang so heavy around your head
That you never knew you were young
Because you played chance with a lifetime's romance
And the price was far too long

(Chance)

It's just a shadow of the woman you should be
Like a garden in the forest that the world will never see
And you have no thought of answers only questions to be filled
And it feels like hell

(Just a shadow)


1991 Biskuithalle. Schweißnass gehüpft, lauthals mitgesungen. Es fühlte sich seltsam an, mich nach all den Jahren für einen Bruchteil einer Sekunde auf diesem Zeitdokument zu sehen.
Wie hab ich den Akzent von Stuarrrrrrt Adamson geliebt. Edinburgh habe ich zwar erst etwas später lieben gelernt, aber ich nehm gerne den Grabplatz neben Ihrem Herzen,

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kid37 - Donnerstag, 13. September 2007, 23:01
Echt? Toll. Ich trug die Nase damals zu hoch für Big Country, aber mittlerweile bin ich ja die Nachsicht in Person. Ich habe mal bei einem Konzert was gerufen und zufällig die Sängerin Jahre später interviewt und darauf angesprochen. Angeblich konnte sie sich daran erinnern. (Es war selbstredend nix anzügliches.)

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gheist - Donnerstag, 13. September 2007, 11:23
Wie alles besser wird? Also entweder Springsteens 'My Father's House' anhoeren oder spazierengehen. Oder andern olle Kamellentee aufsetzen. H. Müller sacht übrigens zu A. Kluge, dass das Pathos entstünde aus der Notwendigkeit richtig zu atmen. "Die brauchen bestimmte Gesten fuer die Atmung...", etc. An der Atlantikkueste laesst's sich gut atmen!? Auch so eine Pathosformel...

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derherold - Donnerstag, 13. September 2007, 11:41
"...Aber es war ja dunkel, keiner hat mich erkannt und nie wird jemand davon erfahren..."

Wir wissen es und wir denken schlecht von Dir ! :)

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kid37 - Donnerstag, 13. September 2007, 23:12
Hm. Also zu Springsteen werde ich wohl nicht finden. Da war nie was und wird wohl auch nie was sein. Und modisch gibt es da auch viel zu diskutieren. Ganz anders dieses Entscheidunggs-Diagramm. Heute war ich Wandern, On the Waterfront, um mal ein paar andere Schotten (Youtube) zu zitieren. Die Simple Minds fand ich nämlich so um 1984 (Youtube) herum tatsächlich gut. Dann wurde mir das mit dem Atlantikwellenstadionrock zu doof.

Heute also an der Ostsee gewesen. Und was muß ich feststellen? Ist nicht wirklich Pathos-geeignet. Nachsaison-Tristesse, meinetwegen. Aber Pathos braucht Atemtechnik, auf jeden Fall aber große Gesten und große Wellen! Treffen wir uns im Skagerak noch mal zu diesem Thema.

@ Herold: Makler unterliegen doch bestimmt auch einer Schweigepflicht, hoffe ich?

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ladys smock - Freitag, 14. September 2007, 00:09
Sie erinnern mich immer. Jetzt an das Wanderheim in Rörbäck in Bohuslän. Meine bisher schönsten Ferien. Große Wellen im Herzen auslösend.

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mark793 - Freitag, 14. September 2007, 00:43
@Simple Minds:
Da haben Sie sehr schöne Songs ausgewählt. Die beiden Alben "Sons and Fascination" und "Empires and Dance" haben mich in jenen Jahren auch sehr begeistert. Meine Wertschätzung flaute dann zwar mit der Hitsingle "Don't you" erheblich ab, aber hey, der "Love Song" reißt mich immer noch vom Stuhl nach all der Zeit.

Überhaupt, es irritiert mich nicht wenig, wenn Zeitgenoss(inn)en abschätzig über die 80er reden, nur weil ihnen dazu als erstes "Sakkos mit Schulterpolstern" oder "Mädels in neonbunten Leggins" einfallen. Wenn die Leute aus diesem Dezennium keine substanzielleren EIndrücke mitgenommen haben als das, dann sind sie selber schuld. Aber das nur mal so am Rande...

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kid37 - Freitag, 14. September 2007, 00:57
Frau Ladys Smock, diese Landschaft fasse ich gleich mal für eine potentielle Bootstour 2008 ins Auge. Die neue Devise heißt bei mir: rechtzeitig planen und nicht beirren lassen! Wenn das Herz dabei ist, um so besser. Jetzt sagen Sie bloß, Sie haben dabei Big Country gehört?

@Mark: Ja, das verstimmt mich auch immer. "Meine 80er waren anders!" behaupte ich dann, obwohl ich auch so eine aufgetufte Waver-Frisur und Jacken mit Schulterpolstern (!) (kleine!!) hatte. Aber nie einen Lederschlips (!!!) oder was es sonst so gab. Dafür eine Freundin mit Ringelstrümpfen, möchte man das für möglich halten! (Schon damals gelernt: Strümpfe sind nicht alles im Leben, aber ohne Strümpfe ist das Leben auch nicht alles.) Man sagte damals immer, jaaaa, die "frühen" Simple Minds, die poliiiitischen! Aber es stimmt, die ersten Alben waren sehr düster, sehr engagiert und der Versuch, Bowie/Roxy Music als Wave-Version weiterzuführen. Und diese entrückte Kälte scheint mir heute noch ehrlicher als die güldenen Heilsversprechen der Nachwendezeit. War das toll - Nato-Doppelbeschluß, und alle, alle werden sterben.

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kid37 - Freitag, 14. September 2007, 01:12
Apropos kalte Liebeslieder aus dieser Zeit.

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gheist - Freitag, 14. September 2007, 10:06
Am Skarerag! Lassen wir da ne Oper spielen. 1916, Schlachtschiffe treiben nach Sturm ruderlos aufeinander zu. An Bord auch blinde Passagiere, eine Kinderbande, nachtaktiv, Broetchendiebe. Die Soldaten besingen den Krieg, die Kinder die Lust am Spielen. Kollision der Schiffe, vor Schreck, Schock und Wehrlosigkeit verlieren die Soldaten die Stimme, der Kapitaen ohmaechtig niedergestreckt. Aus der Ferne das Donnern zerbrechender Eisberge. 3minuetige "Drone"stueck. Die letzten Laute das heitere Tapsen nackter Kinderfuesse, dazu Gelaechter vom PingPong-Saal. Von ferne ein Radio.

Revision erbeten :)

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derherold - Freitag, 14. September 2007, 13:46
Ich werde schweigen wie ein Grab !

Sollte allerdings in besseren Zeiten westbam für die Reanimierung von Nena seiner gerechten Strafe zugeführt werden und 50 Schläge auf die nackten Fußsohlen erhalten, möchte ich, daß dies öffentlich geschieht - ich möchte mir das ansehen.

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kid37 - Freitag, 14. September 2007, 17:10
Danke. Ich glaube, zu Westbams Abstrafung kämen auch seine Nachbarn in Berlin ganz gerne, wie ich hörte.

Herr G[h]eist: Ich sehe ein wahnwitziges epochales Monumentalwerk vor mir! Wahn am Skagerrak, co-produziert mit Geldern der EU (wegen Thema, historischer Bedeutung, Bla, Bla), Welt(!)-Uraufführung gleichzeitig in Berlin und London (wg. Überwindung alter Feindbilder, Völkerfreundschaft, Bla, Bla). In der Besetzung dabei (muß wohl sein, sonst wird es schwierig, die Gelder zu beschaffen) Tukur, Becker, Stadlober. Vielleicht Heino Ferch als "Totengräber" (der kommentierende Chor), mit Schaufeln und Graben kennt er sich bekanntlich aus.

Ansonsten: Blogger. Da gibt es so viele unerkante Talente. Frau Death z.B., wartend im wehenden weißen Kleid, die Totenklage führend auf der Seebrücke. In aller Bescheidenheit könnte ich einen Heizer der Marine spielen, Ringelhemden habe ich genug. Eine Person, die eigentlich nach Amerika auswandern wollte, weil er dem Hausmädchen ein Kind gemacht hat, nun aber durch ein Versehen auf ein Schlachtschiff geraten ist. (s. Bewerbungsfoto)

(Wo kommen da eigentlich die Ping-Pong-Säle her? Ist das verbürgt oder hat man einen Kreuzfahrer requiriert und umgebaut?)

Ich bitte um häufige Kostümwechsel und darum, meine historisch stimmig nachgeschneiderten Joppen, Hosen und Schuhe behalten zu dürfen.

Wenn wir statt einer Originalpartitur einfach Edvard Grieg nehmen, wäre bei der Besetzung auch ein TV-Zweiteiler drin, entweder SAT.1 oder ARD/Degeto. Dann spielte auch Geld keine Rolle, und wir beide hätten was für die Rente.

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gheist - Montag, 17. September 2007, 02:42
Kulturpolitisch kennen Sie die EU scheinbar in und auswendig und wissen das Werk genauestens zu lancieren.
Nun sind mir Tukur, Becker, Stadlober u. Ferch nicht bekannt, aber ich verlasse mich da samt u. sonders auf Ihre Fachkenntnis. Frau Death unbedingt als Totenklaegerin. Der von Amerika traeumende betruebt dreinschauende Matrose wird in wichtiger Nebenrolle besetzt. Den lassen wir auf kleinem Bildschirm Huillet & Straubs Verfilmung des Verschollenen gucken und von der Sehnsucht nach einer neuen Welt weinen, das Libretto vielleicht basierend auf der utopischen Rede von Gonzalo in The Tempest.
Fuer das Dronestueck, zumal wir hier als Allegorie fuer Eingeweihte auch die Aesthetik der 80er mit untergehen lassen, Jean Michel Jarre anheuern.

Zu Ping Pong Tischen: wissen Sie warum auf der Bounty gemeutert wurde? Zwei Wochen PingPong Sperre.

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kid37 - Dienstag, 18. September 2007, 00:22
So hängt Geschichte an einem kleinen weißen Ball aus Zelluloid! Man ahnte immer, daß es nur etwas wirklich Brutales gewesen sein konnte.

Ich sehe schon, unsere Produktion schafft es höchstens auf 3SAT, aber das ist ja um so schöner. Ich wollte eventuell noch nach Paris, vielleicht kann man auch die Franzosen mit an Bord (haha!) holen, die haben, glaube ich, gute Beziehungen ins Baltikum. Es gibt bestimmt so einen Sonderfonds für Ostseethemen, den zapfen wir an. Bei überbordenden (haha!) Ideen ist es mir wohler, ordentlich Budget im Rücken zu haben. Ich bin ja auch immer sehr für eine richtige Premierenfeier mit allen Beteiligten.

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burnster - Freitag, 14. September 2007, 13:38
Vielleicht ist es ja nur der Ironie-DJ, der grade bei Ihnen auflegt, aber bei mir war diese Big Country Nummer ein großer guter Heuler, damals wie heute.

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kid37 - Freitag, 14. September 2007, 17:11
Nein, keine Ironie. Eine Altersfrage vielleicht? Wie gesagt, ich hielt da die Nase hoch, mir war das zu sehr "Pop". Aber rückblickend - klar doch.

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rachel - Mittwoch, 19. September 2007, 18:08
memories...memories
würde mir mal jemand eine decke auf die kniee werfen so kann ich starten einen fluss der letzten 30 jahre anstatt in den beutel am stuhl ins www zu leiten

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