Samstag, 7. November 2015


Maskierte Misantrophen



Ich bin ja ein alter Mann mit tagträumenden Vorstellungen. Aber da wir ja alle unseren Haushalt machen müssen und die Wäsche und dann auch noch allein, hat ja kaum noch jemand Zeit für die sinnlos schönen Dinge des Lebens. Man müßte so eine Art Manufactum-Boudoir als Club eröffnen, wo man abends im Hasenkostüm einen komplizierten Tee mit gesundheitsfördernder Wirkung schlappt genießt, dabei ein wenig durch die Feuilletons der gesammelten Tagespresse blättert, sich schön anschweigt und vor der letzten Bahn nach Hause fährt, sich in frisch gestärkte (aber von wem?) Linnen fallen zu lassen.



Nun haben die meisten von euch Mikrofaserbettwäsche daheim, und da wundert ihr euch, ich aber nicht. Dafür wunderte ich mich am sogenannten Halloween, weil ich hier in meiner selbstgebastelten und adrett gebügelten Maskierung im Lehnstuhl ausharrte, von den Dreikäsehoch-Horrorknirpsen aber keiner klingeln wollte. Vielleicht war es ihnen zu gruselig hatte ich doch mein Gewand nach den wunderbaren Fotografien gestaltet, die Ossian Brown gesammelt hat. Der war früher in der kleinen Gebrauchsmusiktruppe Coil und hat nun aus den USA der letzten Jahrhundertwende Amateurfografien über Halloween gesammelt und als Bildband herausgebracht.

Wer den hübsch gestalteten Band mit einem Vorwort von und Danksagung an David Lynch nicht wie ich daheim hat, mag sich ein paar der Bilder von der großen Suchmaschine auswerfen lassen. Die Beispiele sind wirklich fröstelnd beeindruckend durch ihre liebevoll unbeholfene Heimbastelgestaltung. Ein amerikanischer Umhänge-Quilt irgendwo zwischen Outsider Art, dem Texas Chainsaw Massacre und gruselig überspitztem Frühjahrsputz-Hausfrauenkittellook. Nächstes Jahr seid ihr dabei.

BoingBoing hatte es auch mal erwähnt.

(Ossian Brown. Haunted Air. London: Jonathan Cape, 2010.)