Freitag, 13. Februar 2004
Dazu war heute wenig zu lesen. Die merkwürdigen Ereignisse waren gestern. So gesehen, ein normaler Freitag. Es gab sogar schönes Wetter. Die Dame vom Amt war von mir sicherlich genervter als ich von ihr. Aber getreu dem Motto "Most nerved, first served" hoffe ich, die Bearbeitung meines "Falls" ein wenig zu beschleunigen.
Heute endlich die Tasche gekauft, die seit Wochen bestellt war. Heute endlich das Franz Ferdinand Album gehört. Dafür aber vergessen, Schokolade zu kaufen. Das ist böse. Ich hoffe, ich kann es morgen wieder gut machen.
Ich glaube, morgen gehe ich aus.
Update: Holt mich hier raus, ich bin ein Schrank. Diesen referrer hatte ich gerade auf diese Seite. Gesucht auf einem Computer, der bei einem großen, mittlerweile multinationalen Konzern angemeldet ist. Was wollt Ihr mit einem Schrank, sprecht? Euch vor Scham drin verstecken, weil das mit dem Laster-Zählen auf der Autobahn nicht klappt? Apropos zählen: Immerhin bin ich die Nummer 9 bei 941.000 Treffern zu diesem Möbelstück. Stark.
Hallo Google - ich such nen Schrank. Geil. Na ja, nichts für Ungut.
Vorschlag: "Tasse" bei Google suchen. Und dann alle in den Schrank stellen. Ich such jetzt nen "Bett".
Shakespeare könnte ich übrigens auch mal wieder lesen. "Hamlet".

Dienstag, 10. Februar 2004
Es kostet mich vielleicht meinen Kopf, aber ich muß mal über die Max lästern. Seite 5: "Kai Wiesinger recherchierte so intensiv über Nicole Kidman, dass er sogar von ihr träumte." Ach was. Herr Wiesinger, ich verrate ihnen was: Ich träume sogar von Nicole K., ohne lang und breit recherchiert zu haben. Ich fand die schon in diesem Filmchen "Zauberhafte Schwestern" sehr cool. Und wer jemals "Birthday Girl" gesehen und sich nicht sofort eine Ostfrau schnappen und Russisch lernen wollte, dem ist zwischen den Lenden sowieso nicht zu helfen.
Und ob die nun Botox spritzt oder nicht, wie mir eine Grafikerin steckte, ist mir völlig egal. So, liebe Illustrierte für Kidman-Träumer. Und womit macht ihr auf? Mit einer Strecke grottiger Schnappschüsse mit kurzbrennweitiger Linse, auf denen Frau Kidman aussieht, als hätte sie 30 cm lange Beine! Vera Little hin oder her - aber auf diese Träume kann ich echt verzichten.

Manchmal in sehr kalten Nächten, wache ich auf. Es ist drei Uhr oder vier Uhr. Und ich weiß, daß ich nicht mehr einschlafen werde. Ich höre dann ein wenig Radio oder lese etwas aus dem Zeitungsstapel, den ich schon lange abarbeiten wollte. Aber in Wahrheit beginnen meine Gedanken um andere Dinge zu kreisen. Wenn dann die alte Mühle richtig angeworfen ist, weiß ich, daß es keinen Zweck hat.
Also stehe ich auf. Öffne das Fenster und starre hinaus in die Nacht. Lausche dem reflexhaftem Gequake somnambuler Enten unten im Knick. An den weißen Rauchfahnen der hohen Schlote am südlichen Horizont kann ich die Windrichtung ablesen. Wenn der Wind von Süden, vom Hafen herkommt, kann ich den Kaffee riechen.
Die Schlote aber gehören wohl zur Müllverbrennungsanlage.
Und während Aretha Franklin in meinem Radio "I say a little Prayer" singt, öffne auch ich meinen Müllkübel. Denn da mahlt der Haß und reckt in solchen Nächten sein pathetisch verzerrtes Gesicht. Und weil all die netten Masken aus Höflichkeit und sozialer Anpassung gut schlafen um diese Zeit, drängt sich der häßliche kleine Zwerg aus dem Kübel heraus. Reckt seine warzige Nase höhnisch in die kalte Luft, während ihm böse Gedanken in langen, zähen Säurefäden aus den Mundwinkeln tropfen. "How do you Sleep?" zitiert er einen alten Titel von John Lennon. Und Aretha müht sich mit all ihren beachtlichen Kräften an ihrem kleinen, schlichten Lied "The moment I wake up/Before I put on my makeup/I say a little prayer for you".
Aber der kleine Haßzwerg ist mittlerweile auch schon recht groß geworden und reckt wie ein aufgeblasener Frosch seinen eitlen Bauch. Ich habe mir derweil eine Tasse Tee gemacht. Ich ahne, daß ich die Tasse besser nicht in meiner Hand zerdrücke. Ich weiß ja nun, wie das enden kann. Und die Tasse ist ja sowieso nicht gemeint. "Together, together, that's how it must be/To live without you/Would only be heartbreak for me." Frau Franklin hat's gut. Die kann von etwas singen, an das ich so nicht mehr glauben kann.
Ich müßte erst diesen mißgestalteten, faulig riechenden Gnom packen, der mich niederzuringen versucht. Müßte ihm seinen faltigen Hals umdrehen und ihn aus dem Fenster hinunter in den Kanal stoßen. Zu den Enten meinetwegen. Dann haben sie wenigstens einen Grund, mitten in der Nacht so ein Geräusch zu machen. Soll er ersaufen und von den Ratten zernagt werden. Freiwillig will er's nicht vollbringen. Meine Ophelia mag er nicht sein. Haßmemme.
Alles muß man selber tun.
My darling believe me,
For me there is no one
But you.

Montag, 9. Februar 2004
Auch so eine einfache Geschichte. Genau.
Einfach zusammenpacken. Hinters Steuer setzen und dann immer geradeaus nach Süden. Die Richtung stimmt, der Motor läuft erstaunlich ruhig. Irgendwann merken, daß die Bremse noch angezogen ist. Irgendwann merken, daß die Räder auf dem Podest aufgebockt sind. Egal. Ich will dieses Jahr noch an die Mosel und bis nach Wien. Dieses Jahr lasse ich das Verdeck unten. Man muß etwas riskieren, soll es vorangehen.
"Aufsitzrasenmäher". Allein das Wort entzündet sprengstoffgeladene Phantasien bei den Kollegen in der Gartenzwergfabrik.

Samstag, 7. Februar 2004
"Eine Grenzverletzung ist nicht zwangsläufig etwas Negatives, und im Nachdenken über und im Schatten von Kunst wird es klar, daß die Erforschung des zutiefst Intimen, Privaten und manchmal auch fürchterlich Peinlichem von fundamentaler Bedeutung sein kann."
(Lucy McKenzie. Vorwort zu: Richard Kern. Model Release, 2000.)
Das Pathetische an Weblogs: Wir zeigen unsere Wunden. Manchmal nur notdürftig vernähte. Und stellen dann fest, wir haben nicht tief genug geschnitten. Per Selbstentblößung zur Apotheose?Interessante Idee, wenn man für ein, zwei, drei Stunden wieder 17 ist.
Demut allerdings ist stiller.

Nach wie vor eine meiner Lieblingszeilen. Das Schlußwort aus "Vom Winde verweht". Stumme Verknüpfung, gegen Morgengrauen wohl erlaubt.
"Edward mit den Scherenhänden" und "Der Mann, der die Sterne macht". Außenseiter, unheilbar. Auch Dr. Benway könnte nichts retten. Am Ende bleibt nur die Einsamkeit. Jemand, der zurückbleibt. Und jemand, der lebt, die Geschichte zu erzählen. Das nämlich ist die Verbindung.
"You're gonna feel horrible, when I'm gone."
Hier fehlt jetzt noch eine Betrachtung über Sophia Loren. Aber die weiß schon, was ich sagen würde.
Und jetzt schau ich mir zum Abschluß einer langen Nacht noch ein Video von Jörg Buttgereit an. Ich meine aber das Video von Tok Tok, bei dem er Regie führte. Missy Queen's Gonna Die. Und fühle mich jung. "I swear you can go nowhere, without searching for my face... wishing I would be there."
Genau so. Miss Soffy looks so cool, butter wouldn't melt in her mouth.

Freitag, 6. Februar 2004
Heute heißt es Obacht, die gelbe Laterne am Himmel ist fett und feist. Schon jetzt kann ich sehen, wie mir die Haare auf dem Handrücken wachsen und die Zähne lang werden.
Frauen schleichen sich zum gemeinsamen Menstruieren auf brache Äcker, Männer rotten sich in ungezähmte Horden zusammen, um sich ein wehrloses Blutopfer zu reißen... oder selbst gerissen zu werden. Notfalls legen sie die Eckkneipe von nebenan in Schutt und Asche - nur, um sich am nächsten Morgen an nichts erinnern zu können.
Während auf den Äckern die Alraunen sprießen...
Hütet Euch, hütet Euch! Schließt Fenster und Türen, verstopft Euch die Ohren und bedecket die Augen!

Donnerstag, 5. Februar 2004
Da ich ja meine medizinische Studien zu Gunsten der Kulturwissenschaften aufgegeben habe, habe ich eine gewisse Vorliebe für die Doktores in der Literatur. Ein nicht immer ehrbarer Berufsstand, mit nicht immer ausgeprägtem Sinn für ästhetische Verhältnisse. Nehmen wir diesen heruntergekommenen Vertreter seiner Zunft. Mag er aspirierenden Erben einer vom Aussterben und zahlreichen Gesundheitsreförmchen bedrohten Halbgötterdynastie als eindringliche Mahnung gelten.
Die Zeit der Yachten und Bauherrenmodelle auf hippokratischen Kredit ist vorbei.
"Ein Stapel medizinischer Bücher, neben Wälzern verschiedenster Arten, reichte beinah bis zur Decke, wasserfleckig, staubbedeckt; darüber ein kleines vergittertes Fenster, die einzige Lüftung. Auf einer Kommode aus Ahorn, offenbar nicht europäischer Herkunft, lagen ein paar verrostete Geburtszangen, ein verrostetes Skalpell, ein paar andere seltsame Instrumente, deren Zweck ihr rätselhaft war, ein Katheter, einige zwanzig zumeist leere Parfumflaschen, Pomaden, Cremes, Lippenstifte, Puderdosen, Puderquasten. [...] Ein Abfalleimer stand am Kopfende des Bettes, bis zum Rand mit widerlichstem Unrat gefüllt. Der Raum hatte etwas erschreckend Entwürdigendes, ähnlich einem Zimmer in einem Bordell, wo selbst den Unschuldigsten das Gefühl überkommt, Mitschuldiger gewesen zu sein. Dennoch hatte er auch etwas muskulös-männliches an sich, war ein Mittelding zwischen einem chambre à coucher und dem Trainingsring eines Boxers. Ein Fluidim der Feinseligkeit herrscht in einem Raum, den eine Frau nie betreten hat. Jeder Gegenstand bekämpft die eigene Fessel, und über allem liegt metallisches Aroma, wie von Schmiedeeisen auf dem Amboß.
Auf schmalem eisernem Bett, zwischen groben, dreckigen Leintüchern lag der Doktor, in einem Damennachthemd aus Flanell."
(Djuna Barnes. Nachtgewächs, 1936.)
Diese etwas unsentimentale Beschreibung klingt, als hätte sich Flora Sigismondi ein neues Szenario für ein Video mit Marilyn Manson ausgedacht. Sie würde den Raum in ocker- und rostfarbene Töne tauchen und dieser Martin Manson würde sein milchiges Auge umherschweifen lassen... die Türe ginge auf und herein käme: DR. BENWAY! Jawohl, der Mann mit dem abgebrochenen Medizinstudium und dem gestohlenen Rezeptblock. Der begnadete Arzt, der gebrochene Herzen mit einem Toilettenpümpel wieder zum Schlagen bringt. Dieser Dr. Benway also käme herein, träte den oben erwähnten Abfalleimer mit dem widerlichen Inhalt zur Seite, rieb sich die Hände und sagte: Marvin Manson, heute ist ihr Glückstag!
Und er nähme eines der fleckigen Gläser von der Kommode, füllte sich zwei Finger breit Gin aus seiner Taschenflasche hinein und täte einen kräftigen Schluck.
Nächste Woche muß ich, glaube ich, mal wieder hin. Well, well, well.

Montag, 2. Februar 2004
Ist nämlich heute angekommen. Ihr wißt jetzt nicht, worum es geht.
Ihr dürft Euch aber trotzdem mit mir freuen.

Stimme am Telefon. Selbst nicht erkannt werden. Wer?
Tant pis, c'est moi..
Vorsichtshalber nenne ich meinen vollen Namen.
Und es stimmt. Egal, wie schlimm es ist, Kinder verbinden.
Wenn man welche hat, heißt das.
Das war selbst bei meinen Eltern so.
Nach mehr als zehn Jahren trafen sie sich auf der Intensivstation. Interessant übrigens. Nie an Geburtstagen.
Update: Ist schon ok. Wer ist nicht verwirrt. Gute Besserung.
