Arcadia




Mittsommer und Ofenhitze, nachts höre ich, wie sich das vom Tage ausgeglühte Metalldach meines Leuchtturms mit Plop und Ploing wieder zurückformt. Aber auch Gezischel und Getuschel im benachbarten Grün, ein Rauschen und Knacken, Frauen in Weiß huschen an den Anlegern umher. Ein wenig unheimlich und beklemmend. Ganz wie der britische Collagenfilm Arcadia von Paul Wright. Komponiert mit Material aus dem BBC-Archiv, meist Dokumentationen neben ein paar Spielfilmen (aber keine thematisch allzu offensichtlichen wie zum Beispiel The Wicker Man) verwandelt er das problematische Verhältnis von Mensch und Natur in einen rauschhaften Bilderstrom. Der dunkel gefärbte Soundtrack dazu stammt von Adrian Utley (Portishead) und Will Gregory (Goldfrapp).

Aufgeteilt in mehrere Kapitel sehen wir den Wandel der britischen Landschaft, ihre Unterwerfung durch den Menschen, die Verstädterung und die Industrialisierung. Und dann die Versuche der Rückeroberung, die Suche nach Arkadien. Freikörperkultur der letzten Jahrhundertwende und allerlei undurchsichtige paganistische Rituale suchen die verlorene Einheit mit Natur und ihren Kräften. Volkstänze und unverständliche Feierlicheiten bis hin zur Ravekultur der 90er-Jahre zeigen die eine Seite. Immer gespiegelt mit der bösen: Landnahme, Raubbau, immer wieder die Jagd, Kriege, monströs industrialisierte Landwirtschaft.

Am Ende bleibt man erschöpft und etwas verschwitzt nach diesem düsteren Folk-Horrortrip zurück. Will sich die Kleider vom Leibe reißen, auf nassen Wiesen und durch Büsche herumspringen oder einfach nur gesittet und matt mit Kuchen und Tee am Flußufer sitzen.

Super 8 | 15:06h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Sonntag, 28. Juni 2020, 19:18
(Meine Bücherei führt die Arcadia-DVD leider nicht. Stattdessen schlug mir der Algorithmus "Es ist schwer, ein Gott zu sein" vor, was mir nicht ganz unpassend scheint.)

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kid37 - Sonntag, 28. Juni 2020, 21:23
Es ist schwer, ein Gott zu sein ist ziemlich erdmatschig nach unten ziehender Stoff. Dagegen ist Arcadia doch leichter zu ertragen. Mark Kermode hat ihn kurz vorgestellt.

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fidibus - Sonntag, 28. Juni 2020, 22:14
Danke. (Der Herr Kermode hat eine angenehme Art zu reden. Da verstehe sogar ich Fremdsprachennull etwas. Bilde es mir zumindest ein.)

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fritz_ - Sonntag, 28. Juni 2020, 20:02
Haben Sie das am 24. geschrieben? Es ist Brauch, am Johannistag im Morgentau zu baden, es macht ganz und gar gesund.

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kid37 - Sonntag, 28. Juni 2020, 21:28
In der Tat wälze ich mich am Johannistag nackt am Kanalufer im Morgentau, um mir den Ruß vom Mitsommerlagerfeuer vom Körper zu wischen. Danach gestählt in die zweite Jahreshälte, dem schönen Herbst entgegen!

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