Aus dem Familienalbum #3



Während viele wahlweise wegen frühzeitiger Hitze oder allgegenwärtigem Virenunheil im Heimkontor Kreise in den Teppich laufen, habe ich in den letzten Tagen ganz munter gewerkt und geschraubt und auch gesägt und fand dabei eine weitere kleine Kiste alter Familienfotos. Darunter auch ein recht schlecht erhaltenes (aber wer kann schon anderes von sich behaupten?) Bild von Urgroßonkel Ladislav.

Ein Flugbegeisterter, der Anfang des 20. Jahrhunderts, glaubt man den Erzählungen in der Familie, wohl den Kopf in den Wolken trug. Aber in jeder freien Minute neben der Landarbeit (manche meinen, er sei Schuster gewesen, was sein technisches Geschick erklären könnte), fleißig dabei, in einer alten Scheune allerlei Fluggeräte aus Latten und Gelumpe zusamenzuschrauben. Mit erstaunlichem Erfolg: Bald war es in seinem kleinen Dorf irgendwo in Westpreußen ein gewohntes Bild, daß er als wagemutiger Pilot ("A daring young man!" sagten spätere britische Weggefährten über ihn) mit knatterndem Motor über die Felder schwirrte wie eine betrunkene Fliege.

Wacklig oder nicht - seine Konstruktionen verschafften ihm frühen Ruhm bis in die nahe Kreisstadt. Mit seinem Modell Nummer 37 (ein lustiger Zufall, wie ich finde) ließ er sich, ein bißchen arg stolz vielleicht, aber mit beeindruckendem, irgendwie weltläufigen Schnäuzer im Photostudio porträtieren. (Beachtlich auch, ganz nebenbei bemerkt, daß dort ein ganzes Flugzeug hineinpasste.)

Sein Traum war wohl, da war sich Urgroßtante Wablonka in den wenigen ihrer überlieferten Briefe sicher, den Atlantik zu überqueren. Von Danzig über Paris zur Küste und dann gegen den Westwind wie der (verschollene) französische Kollege Charles Nungesser gen Nordamerika. Dazu kam es aber nicht. Er überquerte den Atlantik in den 20er-Jahren schließlich auf einem Frachter, sein Flugzeug Nr. 37 im Laderaum, und landete in Südamerika. Von seinem Leben dort ist nicht viel bekannt. Angeblich zog er zunächst als Kunstflieger mit einem Jahrmarkt von Brasilien aus bis nach Chile, scheiterte mit einer eigenen Flugschule und wurde schließlich Postflieger in der Andenregion. Dort soll er auch, ein braver Briefträger der Lüfte, 1929 abgestürzt sein. Bis heute hat man aber weder eine Spur von Urgroßonkel Ladislav noch von den Trümmern seiner Maschine gefunden.

Bisherige Folgen: 1 und 2

Homestory | 14:52h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Samstag, 9. Mai 2020, 20:04
Die Gerüchteküche vor Ort besagt (ich hab so meine Quellen!), dass Ladislav keineswegs so harmlos war, wie Sie uns weismachen wollen. Er soll sich in einem kleinen Bergdorf im Altiplano auf eine komplizierte Dreiecksgeschichte eingelassen haben, die aus dem Ruder lief. Sein angeblicher Absturz sei nur ein Ablenkungsmanöver gewesen. Man habe ihn später auf einem Reportagefoto aus Mexiko wiedererkannt.

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kid37 - Samstag, 9. Mai 2020, 20:31


Parbleu! Jetzt bin ich fiebrig erregt. Sie haben da möglicherweise tatsächlich eine Spur angestoßen. Denn als ich im Familienarchiv kramte, fielen mir auch diese beiden DVDs in die Hände. Altiplano (kann kein Zufall sein) und - nämlich von denselben Regisseuren, Peter Brosens und Jessica Woodworth - der Film Khadak. Und was sehen wir darauf? Doch wohl dieselbe Fliegermütze von Urgroßonkel Ladislav!

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fidibus - Samstag, 9. Mai 2020, 20:57
Oh-oh! Bin jetzt auch angefixt. Werde das Filmmaterial gleich nächste Woche in meiner Cinemathek sichten.

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kid37 - Samstag, 9. Mai 2020, 22:47
Von den beiden stammt auch einer meiner Lieblingsfilme - "Die fünfte Jahreszeit". Ist ein bißchen unerbittlich, paßt aber in diese Zeit.

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manhartsberg - Dienstag, 12. Mai 2020, 02:59
Jahreszeiten, Pilze, Krokodile...
Irgendwie ahnte ich es schon immer. In Ihrem Familienalbum findet sich nicht nur Urgroßonkel Ladislav sondern auch Prof. Dr. Jakob Pilzbarth. Die wertvollen Exponate haben hoffentlich in Ihrer Rumpelkammer eine neue Heimstatt gefunden. Badekuren allerdigs sind bedauerlicherweise wieder einmal nicht gänzlich unumstritten.

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kid37 - Dienstag, 12. Mai 2020, 11:09
Ah, ein munteres Projekt. Wer weiß, wozu diese Forschungen eines Tages noch nützlich sein werden. Die Welt wird ja immer mysteriöser.

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gaga - Montag, 11. Mai 2020, 01:48
Das Bild ist doch nachkoloriert, das sind doch keine natürlichen Farben! Ich erkenne das! (Bin vom Fach!)

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kid37 - Dienstag, 12. Mai 2020, 11:12
Das ist der Zahn der Zeit. Diese Kisten mit Alben und Fotografien haben ja Jahrzehnte nicht nur bester Verwahrung erfahren. In diesen frühen Fotostudios wurde natürlich aber auch schon viel getrickst.

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