Tiers in the Rain



Weil die große Frage im Film die nach der Zeit ist, die uns bleibt, ist es kein Zufall, daß der Blade Runner im totenfeiertagsreichen November spielt. Und zwar exakt in diesem November nämlich, 2019. Vieles aus diesem Film, so zeigt ein Rundblick in die Gegenwart, ist ja tatsächlich eingetreten. LED-Werbedisplays überall in der Stadt, die in U-Bahnstationen "wahre Früchte" bewerben oder Hamburger Leichtbier. Autonom agierende Staubsauger, schwirrende Drohnen, bald auch "Flugtaxis" - zumindestens aber allseits verfluchte Roller - und Menschen, die nicht mehr wissen, ob ihre Erinnerungen die eigenen sind oder bloß von ihrem Instagramaccount suggeriert wurden.

Im Freundeskreis faltet die ein oder andere Origami, papierne Tiere, die sich im Regen rasch auflösen. Als Android der 37. Generation bin ich kaum von einem Menschen zu unterscheiden, denke ich, auch wenn da draußen bei der einen oder dem anderen sicher - im EEG aber kaum zu dokumentierende - Zweifel bestehen.

Was ich sah, wird allerdings nicht wie Tiers im Regen verloren gehen, sondern nur, wenn die Blog-Server von einem elektromagnetischem Sturm zerstört werden. Oder einer mächtig dazwischenhauenden Androidenfaust. Oder einem böswillig vom Kurs gehackten Flugtaxi.

Super 8 | 01:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
fidibus - Sonntag, 10. November 2019, 12:40
Huch. Bin hier in die Fortgeschrittenen-Seminare 'Wie leben' & 'Assoziatives Erinnern' geraten, wo ich noch nicht mal die Grundkurse abschloß.

(Im Hinblick auf das untergegangene Land fällt es mir besonders auf, wie wir (schließe mich ausdrücklich ein) unsere erinnerten Biografien, das was wir erzählen, den vermeintlichen Erwartungen des Gegenübers anpassen. Wenn ich bei meinen allwöchentlichen Streifzügen in Sachsen-Anhalt und Thüringen Leute treffe, drehen sich die Gespräche, auch bei eher unpolitischen Themen, oft vollkommen, sobald meinem Gegenüber klar ist, dass ich in der DDR sozialisiert bin. Einerseits freut sich dann eine kleine Ecke meines Herzens, als 'Eingeweihte' zu zählen, andererseits ist so eine Janusköpfigkeit natürlich traurig. Der Grat zum Selbstbetrug und zur Lüge ist schmal, nicht nur auf Instagram. Nichtsdestotrotz mag ich die Social Media Welt ... Wie schon der Herr Rühmkorf sagte: "In meinen Kopf passen viele Widersprüche.")

Im Übrigen kontrollierte ich sämtliche (virtuellen) Spanngurte, die halten auch bei kosmischen Stürmen. Sie und Ihr Blog sind sicher!

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kid37 - Sonntag, 10. November 2019, 13:17
Überlege gerade, ob der Blade Runner ein Kommentar zu untergehenden Ländern ud Systemen sein könnte. Dann wäre Android Roys berühmter Monolog (wo ich offenbar ein "the" dazugedichtet habe) die Klage eines DDR-Bürgers 30 Jahre nach dem Mauerfall. (Der Film ist auch voller Themen wie Versorgungsmängel, brutaler staatlicher Überwachung... herrje, der Blade Runner als Stasi-Agent!) Ich muß nachdenken.

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