Merz/Bow, #49

Ob das hier noch was wird? Ob ich meine Tastatur wiederfinde, wenn schon nicht die Sprache? Gern würde ich betteln, "Bitte, gib mir etwas Zeit", wie es manche im Leben sprechen, während sie dabei längst die Schuhe schnüren. Aber das erinnert an schlichte Schlagertexte, und meiner Erfahrung nach werden schlichte Schlagertexte gar nicht immer verstanden, so komplex sind die. Da werden Liebeslieder zu Pfeilen umetikettiert, daß man sich noch im Grabe drehen möchte.

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Ich habe wohlwollend gelesen. Rocko Schamonis Fünf Löcher im Himmel. Eine eher melodramatische Geschichte mit überflüssigem Epilog, nein, sogar zwei überflüssigen Epilogen, die das effektvoll stimulierte Ende stilistisch runterziehen. Die Sprache stimmt nicht immer genau. Wenn in Tagebüchern aus den 60ern viel zu modern forumuliert wird. Wenn Nachrichten aus dem Kleinstadtkäseblatt aber so gar nichts von mindestjournalistischer Schreibe haben. Da ist es mir zu ungenau, zu schlampig vielleicht. Die Geschichte hält aber gut bei Laune, und mehr will sie ja nicht.

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Ich habe wohlwollend eine Doku geschaut. Marwencol dreht sich um eine fiktive Stadt im fiktiven Belgien zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, die der US-Künstler Mark Hogancamp mit Barbiepuppen bevölkert. Ihre groschenromanhaften Kriegsabenteuer fotografiert er als fortlaufende Geschichten und sieht sich selbst als Teil dieser akribisch und detailreich ausgestatteten Seifenoper. Hogancamp war nach einer üblen Schlägerei ins Koma gefallen und hat Hirnschäden erlitten. Seither lebt er in seinem "Tal der Puppen" und integriert auch die Puppen-Doubles seiner Nachbarn und Freunde in die Fotogeschichten. Ein bißchen unheimlich, auf jeden Fall anrührend und faszinierend.

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Im Grunde eine Art Bloggeruniversum, wenn man den Faden mal weiterspinnt. Avatare in ihrer zurechtstilisierten Welt.

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Ich saß mit einer Bekannten beim Essen im besten Restaurant von Marwencol und ging mit ihr meine Exit-Pläne B bis K durch. Aber egal, worüber ich referierte - Imkerei, Interpret von Kunstliederabenden, Malerfürst -, sie kam immer wieder auf "Rockstar" zurück. Ich sei so in dem Alter. Vielleicht ist da was dran, schließlich leben wir in einer alternden Gesellschaft. Ich würde natürlich, meinte ich, gleich oben einsteigen und ausschließlich Hallenkonzerte geben. Diese Clubtourneen im VW Bulli gehen ja doch ganz schön auf die Pumpe.

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Ich habe aber auch noch geheime Pläne. Und Hirnchirurgie finde ich auch interessant.

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Weil ich hier den Überblick verliere, mußte ich einige Bücher und Klamotten zum Basar bringen. Und noch ein paar mehr Bücher und Klamotten. Raumordnung & Struktur, zwei hilfreiche Krücken, wenn man so durchs Leben humpelt. Als Rockstar bräuchte ich natürlich gleich wieder neue Klamotten, Hingucker vielleicht zwischen Ziggy Stardust und Elton John.

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Das bringt mich auf was. Erinnert ich euch noch an den obskuren Kanal Telemedial? Der Herr ist bemerkenswert neu eingekleidet - irgendwo zwischen Ziggy Stardust und Elton John und erzählt etwas über die besonderen Kräfte und insbesondere die Geduld von Steinen. Und Internetfreunde. Da sagt ihr nichts mehr.

MerzBow | 21:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
nnier - Samstag, 14. März 2015, 22:16
So wie Mensche sich underenander verstehn, verstehn sich auch Steine.

Ich glaube, da ist was dran, man kann den Satz ja auch umdrehen.

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kid37 - Samstag, 14. März 2015, 22:21
Da sind viele wahre Sachen dabei. Von Steinen über Internetfreunde bis zum Gangster-Rap. Ich werde jetzt auch Guru. Ich mache jetzt was Kreatives.

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novesia - Sonntag, 15. März 2015, 06:31
Noch mehr Königsenergie!!
(Marwenkol ist mein Urville. Muss ich gucken schauen.)

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kid37 - Dienstag, 17. März 2015, 11:23
Ah! Da habe ich demnächst was für Sie. (Und es kein Quarzstein.)

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novesia - Mittwoch, 18. März 2015, 07:59
*vorfreu*

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hora sexta - Sonntag, 15. März 2015, 11:33
Sagten Sie Krücken? Ich bin beunruhigt.

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kid37 - Dienstag, 17. März 2015, 11:24
Rein metaphorisch. Ich atme ruhig wie ein Turmspringer auf dem Zehnmeterbrett. (Und sehe auch so aus.)

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cabman - Sonntag, 15. März 2015, 14:18
Schade und Danke, auch...
da Sie mich nun davor bewahrt haben, der große Plagiator zu sein. Denn neulich erst, so ver- und besonnen im Sandkasten sitzend, dachte ich noch, man müsste mal sone Fotostory mit Playmobil stellen, nach auch. Wie gesagt: Schade. Mach ich mir weiter Gedanken darüber, womit ich wohl so richtig kreativ sein könnte.

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vert - Montag, 16. März 2015, 14:33
hier existieren in jeder hinsicht verrauschte vhs-aufnahmen lego-animierter fontane-gedichte.

diese playmo-fotolovestory wollen wir natürlich trotzdem lesen - es kommt da ja schließlich auch auf den inhalt an! und dann nehmen wir das wie früher mit in den urlaub und tragen die story auf dem campingplatz in szenischem spiel vor. sehr guter plan, legen sie los!

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kid37 - Dienstag, 17. März 2015, 11:27
Alles ist bereits dagewesen, ein Kummer der Kunst. Und an Playmobil- und Barbiefotografen herrscht auch kein Mangel. Und dennoch ist es wie Herr Vert sagt: Auf den Inhalt kommt es an. Oder eben eine Klassikerinzenierung. Baal im Sandkasten.

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kreuzbube - Dienstag, 17. März 2015, 09:50
Rockstar? So wie Sean Penn als Cheyenne?:

https://www.youtube.com/watch?v=q0ryRwKkKI4

(Habe leider auch nicht mehr viel Zeit bzw. muss diese in Formen pressen. Des Exit-Plans wegen)

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kid37 - Dienstag, 17. März 2015, 11:31
Ah, Robert Smith Sean Penn. So abgehalftert bin ich ja jetzt schon, wenn mich Kinder fragen: "Ein Blog? Was ist denn ein Blog?"

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