"Kein Meer ist so wild wie die Liebe"

Wenn ein Traum, irgendein Traum sich nicht erfüllt,
wenn die Liebe zu Ende geht,
wenn selbst die Hoffnung nicht mehr besteht,
nur Einsamkeit

(Udo Jürgens, "Immer wieder geht die Sonne auf")



Where were you in '77?

Das kann gerne unter uns bleiben, aber ich habe ja eine gewisse weiche Stelle für, Achtung, Udo "Ich war noch niemals in New York" Jürgens. Großer Entertainer Blogger, hochprofessionell, auch wenn man seine Kunst nicht mögen muß. Jemand, der leichte Sachen machen kann und vor allem unterhalten, was ja doch das Schwere ist und in diesem vernörgelten Land nicht gern gesehen. Für die Nachgeborenen, die das jetzt alles nicht verstehen, ist vielleicht dieses lange TV-Gespräch (ZDF-Mediathek, 75 Min.) interessant, das er leider mit einem wenig adäquaten Partner geführt hat.

Dort erzählt er, wie er einst zum Bloggen fand, spricht über die ersten Jahre, die Hits, den Erfolg im Internet und die großen Auftritte. Läßt auch die Schwächen nicht aus, Schlaflosigkeit, die Sucht nach Ruhm, Aufmerksamkeit und Alkohol. Die Versuchungen, die Eitelkeit, natürlich, die vielen Menschen und Fans nach den Blog-Lesungen, ja, auch Frauen. Am Ende, wenn das Gespräch über das Ende geht, dann auch wieder angemessen ernst (und spätestens da hätte man ihm einen wirklichen Gesprächspartner gewünscht). Wenn das Vorne, nach dem man immer schaut ("und nicht zurück"), immer weniger wird.

"Früher hat man noch hundert Hände geschüttelt, heute riegelt die Security die Bühne ab", so sinngemäß der Altstar über die Einsamkeit nach Lesungen. Wie ich das kenne!. Wie man nachts aus irgendwelchen Kaschemmen torkelt, in wenigem nur noch gewiß. Immer aufs Neue so manchen Abschied meistern muß, von Menschen, von Phasen im Leben, von Sehnsüchten und Plänen. Und trotzdem das große Dennoch: "Immer wieder geht die Sonne auf", heißt es in seiner bühnenpräsenten Abwandlung des bitteren Hemingway-Romans The Sun Also Rises, ein Lehrstück über das Zusammenreißen und Immer-weitermachen.

Viele, so höre ich immer wieder, mögen ihn und seine Art zu Bloggen nicht. Zu seicht, zu anspruchslos, zu yesteryear. Mag alles sein. Aber den ganzen sich mit Zitaten aus Philosophie und Hochliteratur umplusternden A-List-Blogs sei gesagt, was Udo über Karriere sagt: "Du darfst kein Arschloch werden". Am Sonntag wird er 37 78 und ist immer noch auf seiner "never ending"-Tour.

Radau | 18:37h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
saxana - Samstag, 29. September 2012, 10:37
Ja, das waren noch Zeiten. Er hat sich gut gehalten. Wie ist seine Blogadresse? Ach ja, wieder ein netter Beitrag. Ich bin alt geworden und das so schnell.

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ladys smock - Samstag, 29. September 2012, 10:56
(@saxana: Meinen Sie die Frage ernst?)

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 11:18
Ich glaube, er färbt. Ich hbe leider vergessen, was er über Frauen sagte. "Früher waren die jünger? Wilder?" Gegen Ende klingt aber durch, daß er sich (endlich) seines Alters bewußt geworden ist. Diese Aufgabe steht uns ja allen noch bevor. (Noch sind wir ja jung und wild.) Wir bloggen das dann.

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schneck - Samstag, 29. September 2012, 10:37
Endlich traut sich mal jemand!

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 11:18
Wieder bleibt es an mir hängen!

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vert - Donnerstag, 4. Oktober 2012, 00:49
irgendjemand muss doch.

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ladys smock - Samstag, 29. September 2012, 11:07
Wissen Sie, nie habe ich ihn verstanden. Ich wollte immer, dass das Leben stehenbleibt, weil alles immer in allen Momenten für mich gepasst hat.
Nur andere wollten immer weg von dieser Starre, schätze ich.

ja, und leider hat er recht: immer wieder geht die Sonne auf.

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 11:22
Immer so ein schmaler Grat zwischen Ungeduld, Langeweile und dem simplen Wissen, wann es Zeit ist, Koffer zu packen. Ich neige ja eher zum Beharren, aber manchmal sind die Pferde selbst für mich zu tot. Vorwärts ist eine hübsche Richtung, wenn sie nicht bloß aus Rastlosigkeit gewählt wird.

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cut - Samstag, 29. September 2012, 12:01
Ich hatte mal einen Chef, der mochte Udo Jürgens sehr gerne. Ich nun, ich mochte meinen damaligen Chef nicht ganz so gerne. Und kein Wunder, seit dieser Zeit mag ich Udo Jürgens auch nicht. Vorher war er mir eher egal.

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 13:00
Verstehe ich gut. Ich habe auch solche verbrannten Felder der Kulturrezeption. Dafür wurde ich mal gescholten mit, man schränke sich auf diese Weise ein. Ich finde nicht. Man muß halt Schneisen schlagen, will man gezielt vorankommen. Und nicht großflächig mit einem Mähdrescher alles abräumen.

Herr Jürgens ist ja, Hr. Nnier ist grad nicht hier, da kann ich es sagen, der Paul McCartney der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik. Mit einem Händchen zum Hit, durchaus mal sozialkritisch ("Ehrenwertes Haus/"Eleanor Rigby"), immer aber professionell, was Komposition, Arrangements und Aufführung angeht. Wobei der Herr McCartney glücklicherweise die Nummer mit dem weißen Badenmantel ausläßt. Das würde zu ihm nicht passen.

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 01:07
Von den Großen lernen
Er erzählt ja, wie ihm als 15-Jähriger ein Weinhändler seine Freundin ausspannte - und er trotzdem keinen Groll gegen Weinhändler hege. (Seine weitergehende Pointe ist ansonsten ein bißchen... Stammtisch. Aber er war auch sehr verletzt.)

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nnier - Montag, 8. Oktober 2012, 21:11
Ich sehe das übrigens sehr ähnlich, und auf hiesige Pop-Maßstäbe übertragen stimmt auch der Vergleich. Udo ist ein Großer, und es war mir als Kind zwar entsetzlich peinlich, das zuzugeben, aber gerade das oben eingebundene Merci Chérie rührte mich damals auf einer dieser Wim-Thoelke-präsentiert-Schlagerkompilationen immer sehr an. Melodie, Text und Gesang gehören für mich zum Besten aus der deutschsprachigen populären Musik.

Dann gibt es den 70er-jahre-Hit-Udo, der es sich manchmal (mit "Sahne" und "66 Jahren") ein wenig leicht gemacht hat, auch so eine Parallele, dann stimmt das Handwerk und fehlt die Originalität, dann überwiegt der Effekt, wie bei den Wings so oft. Von Udo kenne ich natürlich längst nicht alles, die bekannten Hits eigentlich nur, dabei habe ich schon öfter, z.B. im Zusammenhang mit einer Fernsehdokumentation über die Sängerin Alexandra, in der er zu Wort kam und mit der er wohl zeitweilig zusammengearbeitet hat, daran gedacht, mich da mal etwas mehr umzuhören. Später schaffe ich das vielleicht endlich, when I'm 64 oder auch erst mit 66 Jahren.

(Waah! Der Link da oben führt ja zu ... Markus Lanz! Sofort ergeben Ihre Andeutungen über den Gesprächspartner natürlich einen ganz grausamen Sinn. Die innere Stärke muss ich mir erst antrainieren, dann wird's bestimmt interessant.)

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kid37 - Dienstag, 9. Oktober 2012, 12:28
In den 60ern Sixties wurde auf der Bühne ja richtig gerockt - man achte auf den Schlagzeuger. Hierzulande herrscht ja oft so eine Verächtlichkeit gegenüber der Show, dabei ist das ja kein leichtes Geschäft, so einen Raum zu erobern und mit Leichtigkeit zu bespielen.

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cabman - Samstag, 29. September 2012, 12:02
Aber den ganzen sich mit Zitaten aus Philosophie und Hochliteratur umplusternden A-List-Blogs sei gesagt, was Udo über Karriere sagt: "Du darfst kein Arschloch werden".

Sehr, sehr schön. Sie wissen schon, wie sehr Sie mir aus dem Herzen schreiben?

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 12:53
Wie der Herr Jürgens sagte, und ich glaube, er wollte nicht kokettieren: "Ich kann gut Klavierspielen. NIcht sehr gut, aber gut." In meinen freien Sofatagen zuletzt habe ich mich ja durch einige, mir unbekannte, deutungs- und bedeutungsschwere Blogs gelesen und muß sagen... gut, das schreibe ich in meinem geheimen Geheimblog Mit Wittgenstein am Tresen.

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ladys smock - Samstag, 29. September 2012, 12:18
Auch wenn er kein Arschloch ist, ist er kein Mann, mit dem eine Frau eine gemeinsame, auf Partnerschaft basierende Beziehung aufbauen kann. Nur betrogen zu werden macht auch keinen Spaß.

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 12:49
Hier sitzen ja immer noch alle vor dem Computer! Ich hingegen dachte vorhin in einer Regenpause, Mensch, da geht doch grad wieder die Sonne auf, erstmal zu... zum Discounter! Und bin dann rechtzeitig zum nächsten Schauer mit meinem kleinen Einkaufsrollator wieder zurückgekehrt. Das mal nur als Anekdote des kleinen Glücks! Äpfel im Hausund frische Gedanken: Der Herr Jürgens (ich habe weiter oben einfach so vertraulich "Udo" gesagt, das geht freilich nicht) räumte im Laufe dieses TV-Gesprächs auch alles ein. "Die Versuchung! Diese Versuchung!" Und, sinngemäß, wer eine Gelegenheit sausen ließ, der werfe den ersten Stein. Nun stehen, ich weiß das, heutzutage Frauen dem in nichts nach, wenn sie das jemals taten (nicht jede bloggt spricht gleich drüber.) Insofern möchte ich das gender mainstreamen und beipflichten: schwierig. Seine Musiker soll er aber immer fair behandelt haben.

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ladys smock - Samstag, 29. September 2012, 14:48
mit diese Argumentation dürfen Sie mir heute gar nicht kommen! Meine Hörner sind voll ausgefahren und mein Aggressionspotential sehr aktiv! Vorsicht.
Männer dürfen mir gar nicht widersprechen, heute sind sie alle Einer.

Und dieses September-Hochzeitshoroskop!!!! Eine glatte Lüge und Täuschung. Ich werde jetzt mein eigenes schreiben und mich daran halten: so geht die self-fulfilling prophecy besser.

(Sie aber sind natürlich nett, finden immer die richtigen ausgleichenden Worte und kaufen auch Blumen)

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ladys smock - Samstag, 29. September 2012, 22:47
nach 75 min applaudiere ich Herrn Jürgens, dass er eine äußerst bewundernswerte Gelassenheit mit einem so "unadäquaten" Gesprächspartner behalten hat. Chapeau.

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 00:32
Dieser Gesprächspartner ist in seiner anbiedernden, gleichzeitig sein Gegenüber für eine auswendiggelernte Pointe dem Publikum vorführenden Art wirklich schwer erträglich. Zum Glück ließ sich Jürgens nicht allzu arg beirren.

Mein Horoskop stimmte auch nicht. Romantischste Tage des Jahres. Pfff, schönen Dank. Immerhin scheinen auch die angekündigten Klippen überwunden. Dann gleicht es sich aus.

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gaga - Samstag, 29. September 2012, 14:13
"Wenn du keine Chancen im Leben hast, ist es sehr leicht treu zu sein."

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saxana - Samstag, 29. September 2012, 14:27
@ladies smock: nein - schon gefunden

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ladys smock - Samstag, 29. September 2012, 14:48
;-)

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frau eff - Samstag, 29. September 2012, 20:15
Ich erinnere mich seltsamerweise auch an ein (print) Interview mit Jürgens, das mich irgendwie... mit hochgezogenen Augenbrauen zurückgelassen hat. Der gibt sich echt Mühe, JEDEN Abend. Ich finde den Jürgens unsympathisch, aber ich habe da so eine kleine Hochachtung vor, dass es ihm wichtig ist, sich Mühe zu geben. Das ist wie ein Handwerker, der grundsätzlich keinen Pfusch abliefert.

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kid37 - Samstag, 29. September 2012, 22:01
Keinen Pfusch genau. Das meine ich mit "professionell". Auch bei leichter Muse. Sie können es gerade nicht sehen, ich probiere gerade die Nummer mit dem Bademantel. Das ist gar nicht so einfach, darin noch abschließende Kommentare zu schreiben. Er wiederum macht da die große Show draus.

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c17h19no3 - Samstag, 29. September 2012, 22:33
meine mutter war früher ein großer udo-fan. und ein ivan rebroff-fan. sie hat aber auch eine platte von the who. nur mit beatles & co konnte sie nie was anfangen.

ich erinnere mich noch aus meiner kindheit an einen song aus der balsen-fernsehwerbung. der war meines wissens auch udo jürgens. das war ein schickes lied. da hatte ich als vierjährige meine ersten romantischen anwandlungen bei. ;)

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 00:35
Ok, ein großer Bogen. Rebroff ist natürlich speziell, da vom Gelsenkirchener Wolgastrand. The Who als Backing-Band von Udo Jürgens stelle ich mir aber interessant vor. Ich wette, die hätten das alle miteinander hinbekommen.

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thenoise - Samstag, 29. September 2012, 23:58
so ist das also mit der alten schule - ehrenwert ist, wer sich bekennt, gedankenlos verletzt zu haben. früher hätte man ihn einen rüpel genannt. immerhin sucht er sich die richtigen texter. und ja, nicht der mensch muss toll sein, sondern sein werk.
danke, dass sie mit diesem tipp einem tv-losen eremiten die zeit beim weintraubenentkernen verkürzt haben. hoffentlich hat es der marmelade nicht geschadet ...

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 00:44
"Ich hätte ja gern widerstanden. Aber es. ging. nicht.")
Ich fand diese Passage ganz interessant. Da "entschuldigt" sich ein großer Junge nonchalant, aber doch ernsthaft (finde ich). Ich meine, was wäre in diesem Rahmen angemssen gewesen? Eine tränenreiche Beichte, Asche aufs Haupt, ernster Blick in die Kamera und "Ja, genau bei dir und auch bei dir möchte ich heute um Verzeihung bitten. Das damals war nicht richtig von mir." Wie peinlich wäre das gewesen? Er hat keinen Moment vergessen, daß da eine Kamera läuft (doch, vielleicht, als er von überwundenen Alkoholproblemen sprach und nebenbei und ohne bewußt drauf zu achten, eifrig nachkippte - kann aber Wasser gewesen sein!), der Mann verläßt die Bühne nicht. Und nein, makellos war sein Leben nicht, aber das räumte er ja auch ein.

Waren vielleicht auch andere Zeiten, diese 60er und frühen 70er. Ich erinnere mich, wie ich selbst zu der Zeit im Kindergarten einen Heiratsantrag ausschlug. Die waren ja verrückt, die Frauen! Heute bedaure ich das ein bißchen, aber man kann sein Leben nur einmal leben. Wenn ich jetzt bitte ans Klavier dürfte.

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 01:00
Happy Birthday, Herr Jürgens!
(Und er gesteht, ein schwächliches Kind gewesen zu sein. Und dann ist doch was aus ihm geworden. Das gibt mir irgendwie eine gewisse Hoffnung. Daher vielleicht die stille Sympathie.)

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thenoise - Sonntag, 30. September 2012, 13:56
klares bekenntnis, gute sache. kurz und knapp kommentieren anstatt länger darauf herumzureiten, wäre es meiner ansicht nach gewesen. es geht ja nicht darum, sein leben als makellos darzustellen. und was für ihn gilt, sollte auch für uns gelten (also für sie mehr als für mich, weil sie ja nicht so sind): ziehen wir die diskussion darum nicht auch in die länge und freuen uns an den berührenden momenten dieses interviews.
herr kid, bitte ans klavier ...

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 17:19
Es ist wie so oft im Leben: Am Ende erfreut uns der Mann am Klavier und eine gute, hausgemachte Marmelade.

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frau klugscheisser - Sonntag, 30. September 2012, 15:24
Der hat ja jetzt so ein Altherrenvibrato in der Stimme (von wegen "wird immer besser").

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kid37 - Sonntag, 30. September 2012, 17:24
Sie als Fachfrau gefragt, Vibrato mal hin oder her - kann im Leben ja reizvoll sein - wie realistisch ist eigentlich so eine Bemerkung? Er singt ja keine Arien, aber trotzdem denkt man als Laie, da nutzt sich doch was ab, während "höchstens" Routine, Technik und geschickte Oktavverlagerungen zunehmen. Paul McCartney behauptet das ja auch von seiner Stimme, aber ältere Herrschaften behaupten bekanntlich gerne mal was über ihr Können. (Was ich noch alles kann!)

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frau klugscheisser - Montag, 1. Oktober 2012, 00:32
Hören Sie genau hin. Diese wackelige Brüchigkeit in einer Klanglinie ohne Bauch. Und dann entscheiden Sie selbst, ob das früher besser war. (Besser als Jopie in den letzten Jahren allemal).

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gaga - Montag, 1. Oktober 2012, 20:48
Nicht besser. Trotzig trotzendes Wunschdenken - unwidersprochene Behauptung, die ohne Widerhall im Raum stehen bleibt, wer wollte ihn vorführen. Dabei wäre es eine erfolgreichere Strategie, die schwindende Kraft zu bekennen, er könnte immerhin Beschwichtigung ernten. Natürlich klang Jopie Heesters mit 107 noch bedeutend schwächer. Ich finde, Udo Jürgens sollte munter weiter singen, er macht das noch gut genug, dass man es aushält, aber mit der superlativen Selbstbenotung ein bißchen zurückfahren. Der einzige Punkt, an dem er plöztlich ein bißchen alt und verschroben wirkt. Man sollte sich aus strategischen Gründen prinzipiell immer eher noch älter und gebrechlicher verkaufen als man ist, da kann man nur gewinnen. Ich muss mir das auch zu Herzen nehmen. Die Gefahr der Selbstverblendung und -überschätzung lauert überall.

Ich muss an Frank Sinatra denken, er hat das gut im Griff gehabt. Bei ihm war allerdings weniger die hörbar schwindende Kraft oder dieses leicht Zittrige das größte Manko, sondern seine Vergesslichkeit. Bei seinem ersten, einzigen und letzten Konzert in Berlin, im Juni 1993, in der Berliner Kongresshalle war er von Telepromptern umringt, die ihm den Text von I get a Kick out of you und New York, New York u.sw. servierten. Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass man als originärer Interpret von diesen Gassenhauern je Probleme haben könnte, den Text zu erinnern. Aber so war es. Frank Sinatra litt unter Demenz. Das ganz und gar Unpeinliche an dieser Performance rührte daher, dass er damit kokettierte, dass er sogar zum Teil Probleme hätte, die Buchstaben auf dem Teleprompter zu erkennen. Und grinste, balancierte sein Glas mit dem Bourbon und sang The Lady is a Tramp. Aber wie. Das war großes Kino. Ich glaube, er war damals siebenundsiebzig. Fünf Jahre später starb er.

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kid37 - Donnerstag, 4. Oktober 2012, 00:03
Vielen Dank für die Fachmeinung, mir schien das auch ein wenig gewagt. Ältere Männer denken ja immer, sie könnten, also Melodien und Tonhöhen, noch so halten wie früher.

@ Gaga: Man sollte sich aus strategischen Gründen prinzipiell immer eher noch älter und gebrechlicher verkaufen als man ist, da kann man nur gewinnen.

Bin ich mir unsicher, die Masche habe ich lange probiert. Jetzt versuche ich es gerade umgekehrt, bin allerdings zu leicht zu durchschauen. Sie haben Sinatra noch gesehen? Hui. In Wuppertal hat er aber auch nie gespielt - und wenn, hätte ich es mir sicher nicht leisten können. Ich war Bassist, die Saiten waren teuer.

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akrabke - Sonntag, 30. September 2012, 23:12
Die Blusen
oh, die händegeschüttelten Blusen der Damen in den ersten Reihen... Wir mussten damals solche im Handarbeitsunterricht nachnähen.

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kid37 - Donnerstag, 4. Oktober 2012, 00:04
Die Zeit, als man noch fürs Leben lernte. Heute dafür Zygotenzählen und Mutationslehre. Wirkt wiederum im Fernsehen nicht so spannend.

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montez - Montag, 1. Oktober 2012, 15:06
Ich sah' grauen Beton,
wo vor kurzem die Wiese lag.
Und ich sah einen Strand,
der ganz schwarz war von Öl und Teer.
Und ich sah eine Stadt,
in der zählte der Mensch nicht mehr.
Doch ich sah' auch ein Tal,
das voll blühender Bäume war,
einen einsamen See,
wie ein Spiegel so hell und klar.

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kid37 - Donnerstag, 4. Oktober 2012, 00:06
5 vor 12. Wahrscheinlich hat man seit damals einfach nur die Uhr angehalten.

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l9 - Dienstag, 2. Oktober 2012, 09:44
Ich mag ihn auch sehr. Früher war ich mal ganz stolz, weil er mit meinem Onkel in die gleiche Klasse ging, das war zu der Zeit, als ich noch überzeugt war, Ruhm färbt ab.
Natürlich habe ich mir auch den "Mann mit dem Fagott" angesehen, hat mir dann aber nicht so gefallen.

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kid37 - Donnerstag, 4. Oktober 2012, 00:07
Na hallo? Natürlich färbt Ruhm ab. Sie sind heute eine berühmte Comiczeichnerin. Den "Mann mit dem Fagott" habe ich gar nicht gesehen, da muß ich dringend mal ins Archiv greifen.

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anousch - Montag, 8. Oktober 2012, 20:46
Ich bin seit langem bekennender Fan (sogar öffentlich bei Facebook, ja!) und hätte meinen Mann nicht geheiratet, wenn es ihm nicht genauso ginge.

http://www.youtube.com/watch?v=zytpHl7Q5cA

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kid37 - Dienstag, 9. Oktober 2012, 12:24
Dann bin ich sicher, diese Liebe hält.

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zy - Mittwoch, 10. Oktober 2012, 23:26
I beg your pardon, but I prefer the Lindenberg. He has more colors and makes more fun!

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