Lebendigtote Tiere



Zuletzt kehrte ja so etwas wie Totenruhe ein in der ansonsten so ausgelassen und munter synkopierten Reiehe Mit toten Tieren durch das Jahr, so daß ich mich genötig sehe, wenigstens ein paar Eindrücke und Schätze zu teilen, deren ich in letzter Zeit habhaft werden konnte. Die beiden Bildbände Die präparierte Welt und Animalia eint eine der Zeit enthobene, nostalgische Ästhetik, die an sepiagetönte Plattenkameraufnahmen erinnert. Geringe Tiefenschärfe und ein Schwerpunkt auf Details führen den Blick ins Imaginäre, in die Schattenzonen, den unwirklichen Zwischenbereichen, bei denen man unsicher ist, ob wir uns noch im Diesseits oder Jenseits befinden. Im Fall von Die präparierte Welt fällt die Entscheidung noch leicht, die Fotos von Philippe Bréson sind im Naturhistorischen Museum in Wien entstanden. Diese Tiere sind ganz sicher tot, wirken aber oftmals wie lebendig.

Anders bei Henry Horenstein. Seine Fotos sind in Zoos und Aquarien aufgenommen worden, und doch sehen die porträtierten Tiere oft starr und unwirklich aus, wie in einem schweren Traum erstarrt, daß man meint, sie seien Präparate. Horenstein, der sich einen Namen als (Country-)Musikfotograf gemacht hat, läßt eine auffällige Ruhe in seine Tierfotografien einfließen, so als hätte er bei der Arbeit hundert Jahre Zeit gehabt und verlange dies nun auch von uns. Ein kontemplativer Zoobesuch, wie man ihn sonst nur in den Sälen der letzten Dinge im Wiener Prachtbau der Naturhistorie erlebt. Schöne Ergänzungen also, am besten zur beginnenden Nacht betrachtet.

Henry Horenstein. Animalia. Rom: Contrasto, 2008.
Philippe Bréson. Die präparierte Welt. Wien: Brandstätter, 1994.

Ex Libris | 12:10h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
ana - Mittwoch, 31. August 2011, 16:03
Noch toter als tot sind die Tiere in "Brehms verlorenes Tierleben". 60 Monografien und 70 farbige Bildtafeln aus Brehms Tierleben sind in dem Buch zusammengetragen. Von so possierlichen Tierchen wie dem Weißhaarbänderhasenkänguru, bis skurrilen Laufvögeln wie der Tristan-Ralle, bis zu gefährlichen wie dem bärtigen Kaspischen Tiger. Gemeinsam ist allen Tieren, die Brehm noch als lebende Arten beschreiben konnte, dass sie in den letzten 125 Jahren ausgestorben sind. Von welchen dieser vielen Tiere noch Präperate existieren und welche nur noch in Form von Abbildungen zu sehen sind, weiß ich nicht.

 link  
 
kid37 - Donnerstag, 1. September 2011, 16:15
Allein um diese fantasievollen Namen ist es schon traurig. Man muß diese Tiere gar nicht sehen, um ein Bild von ihnen zu haben. Jetzt bleibt uns nur noch der Beast Blender, diese Lebewesen und noch viele mehr wenigstens virtuell nachzugestalten.

 link  
 
novesia - Mittwoch, 31. August 2011, 17:39
Sehr tolle Gegenüberstellung!

 link  
 
kid37 - Donnerstag, 1. September 2011, 16:17
Ich war überrascht, daß das NHM-Buch schon so alt war, ich habe das erst dieses Jahr entdeckt.

 link  
 
kelly mg - Mittwoch, 31. August 2011, 23:24
Die Lebenden wirken tatsächlich toter als die Toten.

Am allertotesten - das hätte auch aus Ihrer Serie stammen können:
http://2.bp.blogspot.com/-1RwZtuN9QTI/Tlz27YwOAjI/AAAAAAAAaJY/wWcJogMNcPM/s1600/van01.jpg

 link  
 
kid37 - Donnerstag, 1. September 2011, 16:16
Himmel, das arme Ding sieht ja aus wie gestempelt. Bitte, liebe Kinder, nicht gucken. Das-was-immer-es-war schläft nur.

 link  
 
ladys smock - Donnerstag, 1. September 2011, 00:50
Darwins Palast. Quasi.

 link  
 
kid37 - Donnerstag, 1. September 2011, 16:19
Wie ich neulich bei Spiegel Online in einem Artikel über meine zukünftige Ex-Frau las, hat der ja überhaupt die Kunst der Taxidermie sehr beflügelt. Hier in Hamburg hat er ja leider nur eine Hütte, und die steht Sparzwängen geschuldet auch noch zur Disposition.

 link  
 
vert - Dienstag, 6. September 2011, 03:30
*

 link  
 
kid37 - Dienstag, 6. September 2011, 12:50
Hihi. Die Kommentare sind ja goldig. "Einsperren", "Wegsperren", "selber so behandeln", "ich bin Medizinstudent, aber.." Gut, daß die noch nie von den Rogue Taxidermists gehört haben. Täglich werden Millionen Tiere für Suppe zermahlen, kaum stopft mal einer eins aus, ist das Geschrei riesengroß.

 link