Troubled Land



Abends bei der Ausstellungseröffnung hielt der frischgebackene Kultursenator der Hansestadt eine Rede und nutzte die Gelegenheit, ein paar butterweiche Worte über die harten Sparbeschlüsse zu verlieren, die tags zuvor im Senat abgenickt wurden. Rheinisches Motto: Et hätt schlimmer kumme künne! Man müsse an die Kinder und Enkel denken, die später die Zinsen für unsere Schulden ("Und die Elbphilharmonie", murmelte einer, es könnte ich gewesen sein) bezahlen müßten, so wie wir es jetzt schon täten für die Ausgaben und Schulden der 80er Jahre ("Und die Elbphilharmonie", zischte erneut eine Stimme). Jedenfalls: Ein Museum, gerade eben frisch für zwei Millionen renoviert, wird geschlossen, beim Schauspielhaus über eine Million gespart und - Hamburg wird endgültig zum Bäderort - für auswärtige Gäste eine Kurtaxe auf Übernachtungen erhoben. ("Keine Sorge, Hamburger wohnen ja in der Regel hier", so der Senator beifallheischend ins Publikum.)



Der Chef der Deichtorhallen, ebenfalls in so einen dünnstoffigen und leicht stoffelig wirkenden Jungsanzug gekleidet wie der Senator (sie sehen irgendwie aus wie Kämmerer, nicht wie Kunstkümmerer) wollte - ganz diplomatisch - diesen Komplex nicht weiter diskutieren, schießlich galt es, wie er zurecht bemerkte,
Paul Graham zu würdigen. Der britische Fotograf, der wohl letztze Woche Geburtstag hatte, zeigt in Hamburg vielleicht nicht seine allerbesten Bilder (die haben wahrscheinlich seine Galeristen). Als Überblick über seine Art der schmerzhaft schönen Sozialreportage taugen sie doch. Übersichtlich nach Werkgruppen gehängt zeigen sie viel von der müden Tristesse der englischen Provinz, wo unbekümmertes Grün und sich selbst überlassene Menschen aufeinandertreffen, um immergleiche Tage zu erleben. "End of an Age" heißt eine seiner Serien, und diese Stimmung ist es, die über seinen Bildern hängt. Farbe ersetzt bei ihm das klassische Schwarzweiß solcher Fotos und verstärkt nur das Gefühl von monotonem Grau, egal ob sie nordirische Weiden oder Londoner Arbeitsämter zur Thatcher-Zeit zeigen.

Erbaulich also, und - "A Shimmer of Possibility" (Graham) - ein möglicher Ausblick in die Zeit, die folgen wird: "Auf persönlichen Wunsch" des Bürgermeisters, so wußte das Abendblatt gestern zu berichten, wird die Kapelle des Polizeiorchesters erhalten bleiben. Kosten: 1,5 Millionen Euro jährlich. Darauf also ein fröhliches Hum-Ta-Ta, Kulturmetropole Hamburg!

>>> Das Paul-Graham-Archive
>>> Paul Graham bei Artabase

("Paul Graham: Fotografien 1981-2006". Deichtorhallen, Hamburg. Bis 9. Januar 2011)

Flanieren | 13:32h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
jean stubenzweig - Freitag, 24. September 2010, 18:04
Welches Museum wird mit Humtata polizeilich geschlossen?

Pardon, ich bin irgendwie so entfernt.

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kid37 - Freitag, 24. September 2010, 18:21
Till Briegleb faßt es heute in der SZ zusammen. Stichwort: "Blutopfer".

Und, im Abendblatt, Senator Stuth im Interview: Alles supi.

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jean stubenzweig - Freitag, 24. September 2010, 22:36
Die schirmersche Flucht hatte ich noch mitbekommen, aber das mit Altona – ich fasse es nicht. Mir schwante durchaus, daß da einiges kommen würde. Aber daß es jetzt nicht einmal mehr Pfeffersäcke ohne Haltungsschäden gibt, das erschüttert mich dann doch – ach nein, mich verwundert gar nichts mehr. Vermutlich gibt's demnächst nur noch chinesische Oper für Cityhopper.

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jean stubenzweig - Freitag, 24. September 2010, 22:42
Das Dankeschön hatte ich vergessen. Es sei hiermit nachgeholt.

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schneck08 - Samstag, 25. September 2010, 03:55
wenn selbst die tristesse müde wird. was dann?

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kid37 - Samstag, 25. September 2010, 20:36


Ja, die Zeiten, als die Tristesse noch tanzte mit allen stehenden Wendungen der großen Stadt, sind eben lange vorbei. Jetzt will sie immer schon um zehn ins Bett.

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