
Dienstag, 24. November 2009
Loser looking for his lucky break
This time he says he just needs a friend
Ain't on the run he ain't on the take
(Sonic Youth, "Unmade Bed")
Die Zirkusnummer ohne Kuppel, leicht ratlos. Man wird das ja irgendwann auch nicht mehr los, wie ein alter, längst rausgewachsener Haarschnitt, der immer noch durchscheint. Man stolpert durch die Sägespäne. Bei der Lesung dann viele vertraute, noch mehr unbekannte Gesichter, freundliche Gesten, der kleine Knuff, das Wiedersehen und bei Merlix ein paar Links zum Nachhören. Langes Auspendeln in die Nacht, irgendwie halbnackt auf dem Trapez, verschwitzt, dann, leicht anästhesiert fünf Minuten Trackbacks setzen, dabei mich selbst irritierend stutzen, am Kopf kratzen und die wesentlichen Dinge unbenannt lassen. Aber die volle Hand ist leer, denn jetzt geht es ans Winterfeste. Seit ein paar Wochen schon liegt mir dieser leicht hysterische Unterton in Stimme und Handeln, der Umschlag ins Alberne, also bitte, da nahm man früher gerne eine längere Seefahrt als Ausweg, aber wer nimmt mich da noch? Sag einfach Nein oder fordere es ein, sagt die Freundin am Telefon. Diese Pragmatiker haben mir gerade noch gefehlt. Ich erzähle, ein bißchen, und ernte lautes Gekicher. "Lachst du etwa?" hake ich nach, irritiert. Nein, nein, hustet es. Ich benenne die drei heiligen Aber, Aber & Aber, wieder höre ich was, ganz leise nur. Man hfätte die Han übrm Mun nuschelt es durch den Hörer, ich höre wieder so ein Gegluckse, etwas stark Unterdrücktes. Ich möchte mein Mißtrauen überwinden und rede erst einmal weiter, diese um-Kopf-und-Kragen-Geschichten, ich meine, irgendwo wird schon eine Wand sein, vor die man knallen kann.
[...]

Freitag, 20. November 2009

Langsam die Türen schließen, das Laub kehren. Die Kleiderlagen verdoppeln, die Schicht. Sich selber etwas erzählen, die Pointe niemals erfahren wollen. Das letzte Obst verschenken, und ich sage noch, iß mal was, so blaß. Alles in einen Nebel packen.

Donnerstag, 19. November 2009
"Misery is the thinking man's happiness."
(via irgendwo im Internet)

Mittwoch, 18. November 2009
Während ich in der Umkleide vor diesen Spiegeln, in denen man sich in einem die feinsten Falten enthüllenden Licht gleichzeitig von allen Seiten sehen kann, Rockerposen einstudiere, ein beschwingtes Luftgitarrensolo als Begleitung zur kompressorgezähmten Jugendagitationsmusik in den Ladenlautsprechern beisteuere, dann aber in eine Arnold-Pose zurückwechsle, die ich aber doch nicht genau beurteilen kann, weil ich zum Glück und Selbstschutz auch die Brille abgenommen hatte. Mehr gibt es zum Hosenkauf nicht zu sagen.
Auf dem Weg zum Lebensmittelmarkt liegt auf einem kleinen Flecken Grün seit Wochen nun ein totes Kaninchen. Erst hatte ich es fotografiert, frisch von einem Auto erwischt, aber super intakt, nur ein wenig naß vom Regen und der Aufregung. Mittlerweile, man merkt die mangelnde Anteilnahme in diesen vergessenen Stadtteilen - und ich als Chronist darf die Wirklichkeit ja nicht verändern -, ist dem armen Tier ein wenig die Luft ausgegangen. Selbst ich möchte es nicht mehr fotografieren, obwohl sich sicher eine interessante Zeitrafferstudie hätte machen lassen. Ein weiteres 365-Tage-Projekt, von denen es auf Flickr nur so wimmelt. Daily Bunny, eine Studie in De/Komposition. Diesem Hasenartigen erklärt keiner mehr die Kunst, würde ich heute diagnostizieren, aber mal schauen, was in den nächsten Wochen noch so wird. Manches insgeheim schon Aufgegebene hat sich ja auf wundersame Weise zurückviviert, mit zagendem Puls und flackernder Hoffnung.
Muß man aber zeitig aufstehen, den Tag, den Zug, den Schuß nicht verpassen. Early to bed, early to rise, makes a man healthy, wealthy and wise. Ich habe lange genug antizyklisch gelebt, um zu wissen, daß das stimmt. Ich schaue jetzt aber niemanden direkt dabei an.

Dienstag, 17. November 2009

Macht nichts, deshalb schreibe ich es hier noch einmal auf. Bis Freitag dann - und hübsch gekämmt, bitte.

Sonntag, 15. November 2009

Abends an so einem Tempranillo gerochen (2003), dabei Moon Suk zugehört, wie sie meinte, Berlin sei nicht gut für Ehen, Berlin zerstöre Ehen, da sei zu viel Ablenkung. Kurz Haha gemacht, noch trockener als dieser Tempranillo, der meiner unsensitiven Meinung nach übrigens nicht anders schmeckte als der von 2008, ich nehme da aber alle Schuld auf mich. In Hamburg, Frau Moon Suk, orientierten sich die Ehen früher ja an den Liegezeiten der Schiffe. Und dann wurden die Handelscontainer und das schnelle Rein-raus, ich rede über Ladegeschäfte, erfunden. Wir sind hier nun in der Stadt der Ein-Personen-Kinos. Und damit meine ich nicht die Kabinenbetriebe auf der Reeperbahn.
Erst dachte ich, man müsse den gemeinsam schauen, aber ich hatte ganz vergessen, was für ein bitterer, trauriger Film das ist. Also doch nicht unbedingt das, was man gemeinsam ansehen sollte, es gibt Dinge, die sollte man allein durchstehen. Melodramen über zuviele zerbrochene Träume, das Altern und die Vergeblichkeit, die bewahrten Illusionen und die Schonung, weil jeder dem anderen seine Illusionen nicht nehmen will, und der Verrat durch die Schonung, der Verrat an der Liebe vor allem, an der Aufrichtigkeit (da gibt es dann natürlich das junge, idealistische Mädchen, ein Schriftstellertalent, auch sie hin- und hergerissen in der Liebe, wie sie alle in diesem Film, das dem alten, na gut, also mittelalten Mann vor die Entscheidung stellt, eine Tür öffnet, mit all dem Mut der Jugend, den er irgendwo auf dem Weg verloren hat), der Verrat also an der eigenen verdammten Zukunft. Auf dem Boulevard der Dämmerung werden irgendwann die ersten Blogger sagen, lange nachdem das Tonfilmgezwitscher die Welt weitergeschoben hat: Mr. DeMille, ich bin bereit für die Großaufnahme.
Anschließend den Roman von Nick Cave zu Ende gelesen. Auch so ein Träumer, dieser Bunny Munro. Ein Charmeur alter Schule in einer sehr gewissen Weise, man schämt sich ein wenig, ist gebannt fasziniert, ein schrecklicher Unfall fällt einem ein, kurz, man kann über 300 Seiten gar nicht weggucken, schüttelt den Kopf, leidet aber mit, schließt ihn auch irgendwie ins Herz, diesen Don Quichote auf der Suche nach der... na gut, das sollte man besser selbst lesen, ich trage nicht diesen Schnauzbart wie Nick Cave und kann mir auch keine anzüglichen Scherze über Kylie erlauben, weil wir nicht näher bekannt sind. Bunny Munro jedenfalls, dieses große Arschloch und arme Socke, nicht jeder Leser wird sich über ihn erheben können, die meisten aber wohl schon, gehört jetzt zu den eher simpel Strukturierten, sehr nah orientiert an bestimmten Bahnen des Rückenmarks, vielleicht nicht der Allerreflektierteste unter uns, mehr so Schnellrestaurant, nicht Feinkost, aber dafür mit einem gewissen Händchen für, ich möchte mal sagen, Publikumskontakt, und da träumen hier einige auch von. Wie ich weiß.
Schade, daß das Buch nach 300 Seiten bereits aus ist, ich hatte ja noch Hoffnung. Ich meine, der Mann war doch lernwillig, der hat sich doch immer gefragt, was dieses oder jenes zu bedeuten habe, daß ihm doch sicher jemand was sagen möchte, seine Frau zum Beispiel, wenn sie seine Kleidung, zerfetzt & zerschnitten, in der Wohnung verteilt. Ich meine, Bunny war doch ganz nah dran, er stand doch kurz davor! Aber nach 300 Seiten endet das Buch wie im Titel bereits angedeutet mit dem Tod des Protagonisten, der letzte Picaro endet, rüde aus dem Sattel geworfen, in diesem englischen Küstenort, zu dem ich persönlich auch wieder eine Schleife ganz an den Anfang ziehen könnte, allein, da mach ich lieber neckische Bewegungen mit den Zeigefingern hinter den Ohren und rufe: Bunny, du warst uns kein Vorbild, aber irgendwie auch einer von uns!

Freitag, 13. November 2009


Gut, daß ich erinnert wurde! Schnell also noch ein Hinweis: Heute abend eröffnet in Berlin die Ausstellung "Magistrates" mit Werken von Ray Caesar, Chet Zar, David Hochbaum, Bruce Mitchell, Steven Daily, Raf Veulemans, Richard Kirk und weiteren Künstlern. Dazu, jipjip, gibt es eine Book-Release-Party und Ausstellung mit Postern von Mark Ryden.
Geht da ruhig mal hin, über 20 Künstler aus dem großen Feld von Low Brow und Pop-Surrealism werden dort präsentiert; die Leute dort sind furchtbar freundlich und unkompliziert und niemand muß schwarze Rollkragenpullover tragen. Leider lebe ich in Distanz, sonst wäre ich ja da.
("Magistrates". Strychnin Gallery, Berlin, Boxhagenerstr. 36. Ab 13.11.2009)
