
Sonntag, 19. Oktober 2008
Seit einiger Zeit mein engerer Begleiter. Das Korrekturlesen wissenschaftlicher Arbeiten macht müde. Okularneurologisch. Aber man lernt ungeheuer dazu. Geduldiges Diskutieren. Die Absurditäten der sogenannten so genannten neuen Rechtschreibung. Den Umgang mit dem Unglauben. Man möchte täglich zum Herrgott beten in Mannheim anrufen!
Das Pathologische des Ausfluchtwesens. Die Symptome sind wirklich, sagt das Diagnosehandbuch, deutlich zu erkennen. Wenn man will und die Augen nicht verschließt. Oder die Ohren. Die Bands heißen "Binnenmajuskel" oder "Die Zystoskopen". Die Musik ist Bastian sick.

Freitag, 17. Oktober 2008
Ein wenig war es wohl so wie auf einer Party. Als mir jemand sagt, mitten in die gute Laune und mein unverfängliches Glas Erdbeerwein hinein (solcherart), daß ich doch eigentlich gar nicht eingeladen bin.
Frostrand am Glas und plötzliches Gefühl von, nennen wir es vorsichtig: Fremdheit. Im Hintergrund spielen ein paar fröhlich ein verstimmtes Klavier, man sucht einen Platz, für das Glas, in solchen Momenten ist es wichtig, daß nichts weiter entgleitet.
Einmal stieg ich nachts in einer fremden Stadt die Treppe hoch. Die Türe unten war offen gewesen, so stieg ich munter vier Stockwerke hinan, ein wenig verwundert über die fremde Vertrautheit des Treppenhauses. Oder war es die vertraute Fremdheit? Aber was weiß man schon über das Leben in anderen Städten. Die Gebräuche, die Sitten, die Sprache, das Tun. Vielleicht zieht da alle Nachmittage jemand um, verrückt die zum Sterben auf die Fensterbank gestellten staubigen Topfpflanzen, tauscht Fußmatten als wäre es ein Riesenspaß. Erst an der Etagentüre ein Zögern und plötzlich ein kleines unschuldiges Lied im Ohr. Sie gehört zu mir, doch kein Name an der Tür. Die Erkenntnis eines Lebens als Gast: Irgendetwas kann hier nicht richtig sein. Vorsichtiger Rückzug über knarzende Treppen, noch tiefere Nacht, fast hätte ich mir die Schuhe ausgezogen. Zurück-sch-sch-schleichen für einen neuen Anlauf. Es war das Nachbarhaus.
Man drückt also oft die falsche Klingel, will ich vielleicht sagen, ich weiß es schon selbst nicht mehr genau, oder zu lange oder zu zaghaft. Das Leben als Klingeltürchenstreich betrachtet. Laß uns besinnlich werden, rufe ich. Es muß doch dem Banalsten noch tiefere Bedeutung abzuringen sein.
[aus: Woher kommt der Reis auf dem Boden, oder: Da hat man ja was erlebt. Maximen und Erkenntnisse.]

Donnerstag, 16. Oktober 2008
trifft sich dort, und ich bin verurteilt,
zu ertragen, was ich nie hatte sehen und
hören wollen: lockere Sitten, zweifelhafte
Moral und bewußte Gottlosigkeit.
(August Strindberg. Aus meinem Leben.)
In den ersten grauen Stunden des langsam sich einschleichenden Herbstes, die kalte Ironie noch kälterer Nächte zieht ihr feines Messer blank, findet Trost sich unter bierfeuchten Manschetten, den Rettungsankern aus Nähe und Abendtrunk, Hebesport und Demut. Schafwandeln in einem wie durchsichtig grünen Licht, die Finger über blasse Haut fahrend, Blaumilchkanäle auf dem Weg zum Herzen. Warum nicht Regennasses atmen, in brüchigem Mobiliar sitzen, den Beobachter des Absurden neben sich, man lauscht einem sogenannten Liedermacher. Tapfer kämpft er an - seine Gitarre, kein Meer, nur er - gegen das Fiepen und extraterrestrische Pfeifen des Flipperautomaten. Dazwischen schleudern Metaphern wie ein vergessener Schraubenzieher in der Waschmaschine. Die Einsamkeit des Langstreckensängers.
Die Lehne bricht mir immer wieder weg, von ferne ein noch ferneres Stimmchen. Wie man damals, danach dann, sich die Trauer noch hat absprechen lassen, damit auch dieses nicht mehr bleibt. Damit alles eine Party bleibt. In der Bahn dann aufgeweichte Jugend, zusammengekauert wie regennasse Katzen, die feuchten Haare um blitzendes Gesichtsmetall gewickelt. Heim geht es in unseren Stadtteil aus Polyester und Acryl. Der Rest ist brennbar. So heißt es schon im Lied.

Mittwoch, 15. Oktober 2008
Im Kollegenkreis diskutieren wir über einen Schönling halbwegs bekannten, jungen deutschen Schauspieler, der vor allem bei jungen Mädchen gut ankommt. Ich kann mir das nicht recht erklären, kommt mir der Schnulli junge Mann doch nicht so vor, als sei er unbedingt das schärfste Messer in der Schublade, die hellste Kerze im Leuchter, na ja, you get the picture. Er sei sehr klein, meint eine Kollegin, die ihn mal kennengelernt hat. Die Kollegin ist selbst eher nicht so in die Länge gewachsen, was bedeutet, der halbwegs bekannte, junge deutsche Schauspieler wird noch eine längere Zeit Bubirollen spielen müssen. Ich kann in Filmen nicht gut Blut sehen, wenn es realistisch aussieht. Also wenn in Eastern Promises jemandem umständlich und unangenehm hakelig die Kehle durchschnitten wird. Jetzt nur ein Beispiel. Asiatische Kampfkunstfilme sind kein Problem. Aber es gibt nur wenige Schauspieler, deren Präsenz ich ähnlich körperlich unangenehm empfinde. Auch wenn es über diesen halbwegs bekannten, jungen deutschen Schauspieler heißt, er habe in Wahrheit gar keine Präsenz. Ich glaube, ich finde schon seinen Namen doof.
Dies aber ist eine Nachricht ohne Wert.

Dienstag, 14. Oktober 2008
Die FAZ läuft immer dann zur wahren Größe auf, wenn sie sich über Schlips- und Aktenkofferträger, die ureigenste Klientel also, ein wenig lustig macht. So wie die Tage Filmkritiker Michael Althen, der die von der eigenen Schulzeit erinnerungsgetränkte Frage stellte, wieviel besser es doch im Angesicht der sogenannten Finanzkrise gewesen wäre, hätten die kontoführungsverbummelten Banker und Finanzjongleure statt Betriebswirtschaft die fromme Wissenschaft der Kunstgeschichte studiert. Und zu welchem volkswirtschaftlichen Nutzen, möchte man hinzufügen! Listig kommt Althen zu dem Schluß, es zweifle noch mal einer an Sinn und Zweck eines solchen Studiengangs.
Für den Betrag von, sagen wir mal, 350 Millionen Euro könnte man (ein Beispiel jetzt) etwas von der ganz bewußt verbummelten Kunst des Dieter Roth kaufen, über den, das kann kein Zufall sein, einer der letzten Kultursender der Republik (glaubt man wiederum einem führenden Literaturkritiker) ein Porträt zeigt. Heute Abend! 3 Sat! 22.55 Uhr. Haltet Schimmel & Schokolade bereit.

Samstag, 11. Oktober 2008
when he went he would try
to go as quietly as possible.
Wenn man sich dafür interessiert, entdeckt und sieht man natürlich viel beeindruckende Fotografie. Im Netz, in Fotobüchern, auf Ausstellungen. Selten aber bin ich wirklich berührt, also so richtig, von dem besonderen Bild oder einer Serie außergewöhnlicher Aufnahmen. Nachdem scheinbar alles Exotische der Welt, die fernen Strände, geheimen Höhlen und spitzen Berge (gilt auch für die Aktfotografie) fotografiert, durchdekliniert und verflickrt ist, liegt das Besondere vielleicht nur noch im Alltag. Wo alles ekstatisch übertrieben sein muß, um das gemeine Du und ich noch zu erschüttern, liegt das wahre Entdecken vielleicht im Wunder, das gleich nebenan liegt. Wir nennen es Alltag.
In einer Buchhandlung entdeckte ich neulich ein Buch der Fotografin KayLynn Deveney. The Day to Day Life of Albert Hastings ist eine Dokumentation über ihren 91-jährigen Nachbarn, sein Leben in bescheidenen Verhältnissen, die kleinen Rituale des Teekochens, Kleidung herauslegens, das Hegen von Erinnerungen. Die Fotos sind kommentiert mit kleinen Texten des Herrn Hastings (man möchte gleich "Albert" sagen, so vertraut scheint er einem nach einer Weile) und kurzen Gedichten in zittriger Schrift.
Im Netz findet sich noch eine weitere Arbeit von Deveney. Ich weiß, ihr klickt nicht gerne Links. Aber dieses Mal möchte ich euch wirklich bitten. Zwanzig Bilder, zwanzig kurze Texte über Edith und Len. Seit 70 Jahren sind die beiden über 90-Jährigen verheiratet, nun bewohnen sie ein Zimmer in einem Pflegeheim, gemeinsam. Sie sitzen, wie Edith sagt, im Warteraum. Und ich, ich sage nichts mehr.
>>> Webseite von KayLynn Deveney

Mittwoch, 8. Oktober 2008
Ehe ich mein sonniges Gemüt entdeckte, war ich als Herbstblogger bekannt. Und in meinem schmerzgebärenden Bemühen des Jahres 2008, wieder Anschluß an mein früheres Selbst zu finden, kommt mir die aktuelle Jahreszeit ganz recht. Reden wir doch davon, sich zu Hause zu fühlen und zugleich an der Hafenmole zu stehen mit einem losen Tau in der Hand. Ihr dachtet natürlich, die hingeworfenen Schnipsel der letzten Zeit seien nur hingeworfene Schnipsel. Normal-8-Kameras, Filmfest, Freizeitsport. Ihr Toren. Ich bin tätig. Ich beobachte. Emotional hypersensibilisiert wie ein melancholisches Axolotl bin ich auf meinen Reisen durch Zeit, Verstandeskraft und Selbstzitat bei Jules und Jim angelangt. Ich mache alles neu. Alt. Age of Consent. Ich habe meinen Blick so verdichtet, ich muß fürs nahe Sehen keine Brille tragen. Soeben habe ich die Nouvelle Vague erfunden. Und die Swinging Sixties gleich dazu. Während der Oktober die Blätter von den Bäumen pflückt, muß die Geschichte des deutschen Kinos neu geschrieben werden. Normal-8-Kameras, Filmfest, Freizeitsport im Luna Park. Bald werde ich eine blutjunge Band aus Liverpool nach Hamburg holen. Yé-Yé rufen. Wir nennen es Á bout de Souffle.
