
Samstag, 27. September 2008
Die Fabrik, für die ich bislang noch am häufigsten arbeite, liegt nicht weit von Planten un Blomen. Manchmal stehle ich mich dorthin, um eine Weile am Wasser zu sitzen, den Fischen zuzuschauen oder auf das Geräusch der Enten zu lauschen. Manchmal hat man Glück, und niemand setzt sich auf die Nachbarbank, um dort kakophonisch laut in sein Mobiltelefon zu quaken.
Neulich saß ich dort mit Christian Schad. Mal sachlich werden. Bilanzen ziehen, die Reste einer schweren Operation. Jetzt stehen die Gefäße und Pakete da, verschnürt, aufgereiht, wie ein perverses Erntedank. Der Brief, den ich schon lange in der Tasche herumtrage. Worte, die auch nur noch mich selber interessieren. Am Steg sind die Linien klar markiert, die scharfe Kante am Steg. Man sitzt dort und kann die Kühle spüren, jetzt da sich der Sommer hinausgeschlichen hat. Das ist das Schöne, am schrägen flirrenden Licht des Herbstes. Man entdeckt in den Schatten wieder mehr.

Freitag, 26. September 2008
Heute war vor der Fabrik alles zugeklebt mit kleinen Plakaten. Wie rührend.
Ich würde die Frage mit Ja beantworten.
Aber nur Arme, die hinterm Rücken keine geheimen Zeichen machen.

Filmpartys machen mich schnell müde. Aber das ist jetzt erstmal überstanden, heute morgen fiel mir Glitzer aus dem Ohr. Immerhin aber: Das Filmfest Hamburg verspricht auch inhaltlich ein wenig Spaß - so jedenfalls mein Vorab-Eindruck. Das Programm liest sich vielversprechend, ein Hauch von Saudade, ein Hauch von Tokio - und solchen Lockungen muß man sich ja auch einmal unbefangen hingeben. Ausruhen kann man sich an jeder Haltestelle, warten auf den letzten Bus. Das leere Gefühl läßt man einfach zurück. Mußt du machen, meint mein Chef.

Donnerstag, 25. September 2008
"Hinter jedem erfolgreichen Mann... steht eine überraschte Frau", meinte Nils Landgren in seiner charmanten Eröffnungsrede. Diese Variante des so oder so wahren Satzes kannte ich noch nicht, aber selbst wenn sie alt sein sollte, finde ich, der Mann hat Witz. Seine musikalischen Qualitäten sind ja sowieso unbestritten.
Siggi Loch, langjähriger Musikimpressario, zeigt seine Fotos seit den 60er Jahren: Hauptsächlich Jazzmusiker, hauptsächlich schöne Schwarzweißprints. Nicht immer große Kunst, häufig eher das kleine Notizbuch, blue notes, die Arbeit eines Liebhabers, des leidenschaftlichen Amateurs. Beeindruckende Begegnungen eines langen Lebens in der Musikszene. Ray Charles, Scott Walker, Ella Fitzgerald, die Star-Club-Szene... Dann spielt Nils Landgren eine schöne Version von "Bang Bang". Die schlichten Wahrheiten sind die wuchtigsten: My baby shot me down.
Eine zeitlang dann stehe ich neben einer Lederjacke, die sich einst mit einem Stück Pfefferminz in einen Prinzen verwandeln konnte. Was Liebe alles kann.
(Siggi Loch. Love of my Life. Deichtorhallen, Hamburg. 25.9. bis 9.11.2008.)

Mittwoch, 24. September 2008
Ab und an muß ich mit Kollegen in Straßburg telefonieren, die dort was mit Medien machen. Das sind immer sehr angenehme Telefonate, mit kleinen "Bonjours" und "Mercis" und dem Anschein einer Stimmung, die ähnlich arbeitenden Kollegen in anderen Städten (die hier ungenannt bleiben dürfen) ebenfalls gut zu Gesicht stünde. Schon allein deshalb natürlich, weil es mein eigenes Gesicht erhellt.
Türkisch, so denkt man, ist eigentlich eine ganz einleuchtende Sprache. Metamorfoz heißt "Metamorphose" und Tarkan heißt "Tarkan". Streng genommen aber ist es beschämend, wie wenig man ich von dieser Sprache verstehe. Als mir der Blinddarm herausgenommen wurde, teilte ich das Zimmer auf der Kinderstation mit einem jungen Türken. Der versuchte, mir Schimpfwörter in seiner Muttersprache beizubringen, für den Fall, daß ich diese einmal brauchen sollte. Irgendwas, das übersetzt "du Kuh, du!" heißen sollte, aber ich war mir da nie ganz sicher. Gerade habe ich den Film Jahreszeiten - Iklimler gesehen, neues türkisches Kino, im Original mit englischen Untertiteln. Man schwimmt ein wenig hilflos - wie ein Korken auf einem fremden Meer. Wunderbarer Film, übrigens.
Meine Band gibt es schon. Warum sagt mir das wieder keiner? Bald kommt die Zeit, da spiele ich dann auch nicht mehr mit euch.
Search Request: hast du schon jemals etwas so schön einstürzen gesehen
Neue Regeln. In meiner Wohnung dürfen nur zwei Frauen rauchen: Kate Moss und... nun ja, die andere.
Gestern ist Geschichte. Morgen nur Gerüchte. Nie wieder Vertröstungen auf das Leben im Irgendwann. Das probiert man mit mir nicht lange. Ich werde dann... unruhig.
Güle, güle.

Dienstag, 23. September 2008
Should I crawl defeated and gifted?
(Patti Smith, "Pissing In A River".)
Zu meinen guten Vorsätzen für 2008 zählt, jede Woche eine neue Welt zu erforschen. Oder auch eine alte, vergessene. Der letzte Ausflug unter dieser Flagge führte mich nun in ein schummrig beleuchtetes Reich, das wenige Menschen über 27 Jahren je betreten haben. Eine Welt aus Klang, Frisur und etwas, das früher von Lehrern und Kulturreportern Lebensgefühl genannt wurde.
Manche ahnen es bereits, am Wochenende war ich in einem großzügig ausgestatteten Hamburger Bedarfsfachgeschäft für Musikinstrumente, vorzugsweise aus dem Rock'n'Roll-Sportbereich. Selbst ins Alter gelangt, da man sich blonde Frauen und kleine rote Sportwagen zulegt, hänge ich seit einiger Zeit einem weiteren Jugendtraum nach: "I don't need six bullets", sang ich schließlich einst. "All I need are six strings". Endlich, so mein haarergrautes Denken, sei die Zeit angebrochen, die No-Name-Nachbau-Kopien in die hinteren Erinnerungsecken zu schieben und sich was Richtiges™ zu gönnen, solange die gichtigen Finger nichts anderes mehr würden halten müssen.
In meinem Schundroman Die Nacht der blutigen Finger (Verkaufsrang #20337 bei einem bekannten Buchversender) zieht bekanntlich ein mordender (was sollte er anderes tun?) Killer mit einer schwarzweißen (was sonst?) Rickenbacker von Tatort zu Tatort, klampft seinen Opfern (er nennt sie "Klienten") filigran (er ist kein Stadionrockposer) sein persönliches Lied vom Tod und schleppt nach einem rückenmarkserschütternden Powerakkord (dann also doch!) eine applaudierende oder auch nur zufällig im Weg stehende, sogenannte Ische ab.
So weit, so Fiktion. In meinem echten™ Leben schlich ich aber denkbar stiller und vor allem unauffälliger, zudem unter Vorspielung falscher Tatsachen Geldbeutel, in oben erwähnten Gitarren-, Schlagzeug- und Verstärkershop, in dem man einer Gestalt wie mir aber seitens des jugendlichen oder betont jugendlich gebliebenen Fachpersonals keine weitere Beachtung schenkte. Ich hatte also zwar nicht das Geld, dafür aber alle Zeit der Welt, versonnen die ein oder andere Gretsch zu streicheln. Ein schönes Gefühl, wie mir jeder Kenner bestätigen wird. Es ist und bleibt erstaunlich, welche haptisch und visuell beglückende Ausstrahlung diese kurvigen Modelle auch ohne Botox, Cremes und Schummerlicht auch nach dem Ablauf vieler Jahre zustande bringen. Hingegen schaue man an sich selbst herab - und schweige still und andachtsvoll.
Um mich herum war, es war nicht mehr wirklich früh am Morgen, bereits der ein oder andere Ko-Interessierte eingetroffen. Ernsthaft schauende Buben mit großen Kopfhörern über den schmächtigen Koteletten, verpennt wirkende mittelalte Taxifahrermänner mit Bin-grad-aufgestanden-Frisur, bei der die Haare staubig versträhnt in alle Fis- und Cis-Tonarten verstreut liegen. Mit Jeans auf halb acht kramten sie in obskuren Schachteln nach noch obskurerem Gerät, während ich gedankenverloren und unbeachtet einer 2000-Euro-Vintage-Fender ein helles Pling und dann ein trockenes Plong entlockte. Vor zwanzig Jahren, so dachte ich so halb von mir selbst berauscht, wäre ich auf meinem Wagemut neidisch gewesen. Jetzt habe ich eine Haftpflichtversicherung - und tue solche Dinge einfach! Yeah! Rock and Roll!
Wie bei jedem sensibleren Künstler mischte sich bald auch Wehmut in mein fingersteifes Gezupfe. Hätte man vor eben diesen zwanzig Jahren nicht bereits alles klarmachen können, die Richtige vorausgesetzt? Eine richtige Gitarrre, eine vielleicht leicht abgeschrebbelte, aber unbedingt verläßliche - kein aufgelacktes Partymodell, das zu schnell außer Stimmung gerät? Man hätte schnell einen Welthit rausgehauen oder auch zwei, meinetwegen sogar drei, die werden sich schon vertragen. Anschließend outside of society, Tournee mit Stress und Lärm und vollgespuckter Hose, solange man noch Kraft und Energie hatte, jeden marshallverstärkten Humbucker-Sound an die Wand zu drücken. Vielleicht hätte man sich nach halber Strecke auch tüchtig verkracht, ja Mensch, Rock'n'Roll eben, vielleicht mal eine Solo-LP. Jetzt aber wäre dann das Alter für die Re-Union, ein Leben voller Zugaben.
Ich dachte an den alten Leitspruch: "Egal, was du machst. Verwechsle nie die dicke E-Seite mit der anderen" und arrangierte meine Finger mühsam zu etwas, das ich als einen anderen alten Dur-Akkord erinnerte. Wie verlockend doch diese Mollscheiße immer war. E-Moll, zwei Fingerchen, so findet jeder sein kirchengesangbuchgeschmücktes humm-humm-humm. Aber der Dur-Sept-vermindert-Neun-Akkord, da zeigt sich... na ja, was rede ich.
Im Grunde ist das eh eine alberne Geschichte. Weil ich ja eigentlich etwas ganz anderes sagen möchte. Würde ich doch lieber über Liebe schreiben. Etwas über das Finden, das Halten, das Verlieren auch, die Schmerzen, natürlich, wo wären wir hier sonst. Die feedbacksummenden Erinnerungen. Aber eben auch das Glück, das sich oft in unerwarteter Gestalt zeigt. In einer manchmal schwer zu beherrschenden Stimmlage. Und wie ich nicht mehr recht an eine Rickenbacker glaube. Weil ich vielleicht ein Mann für eine Gretsch bin. Aber hier ist nicht der Platz. Dieses Blog ist längst zu große Bühne, nicht länger mein Proberaum.

Montag, 22. September 2008
Die Montagmorgenbesteigung ohne Sauerstoffgerät.

Samstag, 20. September 2008
The gleam the gleam
All that glitters
Is not all that glitters
(Patti Smith, "Glitter In Their Eyes".)
Die betrachten, die die betrachten, die die betrachten, die betrachtet wurden.
Mit den Deichtorhallen hat Hamburg eine der schönsten Möglichkeiten, moderne Kunst und Fotografie zu zeigen. Zwischen Hafen und Hauptbahnhof gelegen, selbst ein wunderschönes altes Gebäude, das ansprechend saniert wurde und einige tausend Quadratmeter Ausstellungsfläche bereithält. Mit Doyen F.C. Gundlach und seiner Sammlung hat es zudem Zugriff auf ein enormes Konvolut klassischer und moderner Fotografie - dessen Schwerpunkt, der Sammler ist Programm, wenig überraschend die Mode ist. Und schon zeigt sich ein kleines Problem: Die Deichtorhallen zeigen gerne Modefotografie, mal klassischen Vonbismus, mal ausgewählte Einzelperspektiven, dann mal wieder die Sammlung des Stifters, ein berühmter Modefotograf, dann mal wieder was Schönes mit Mode oder nun: "50 Starfotografen zeigen ihre Vision von Schönheit". Dieselben, so verkündet die Kuratorin stolz, hatten freie Hand - und so wirkt es denn auch ein wenig wie Schüleraufsatz. Profis schicken ihr liebstes Ferienerlebnis ihre liebste Fotografenlese.
Schwarzweiße Ringel? Kann ich auch!
Bekannte Frauen, unbekanntere Modelle, mal die Mama, mal die fitte Schauspielerin, die ein Star war seit den 60ern. Ein paar neue Gesichter sind dabei, ja, auch die autoaggressive Soul-Schabracke aus England, von der man sich fragt, wessen "Traumfrau" sie wohl ist. Von der Stimme abgesehen. Alles Menschen mit großem Herz, von allgemein attestierter äußerer und sicherlich auch innerer Schönheit. Auf der Vernissage mischte sich die Feuilletonjenska dieser Stadt, ein paar bekannte und sicherlich noch mehr (mir) völlig unbekannte Fotografen, ihre Miezen Musen und ein paar russisch sprechende, sehr ansehnliche Nachwuchsmodels unter die Gäste. Toll. Niemand hätte ein Foto von Kate Moss geschickt, so die Kuratorin. Diese sei wohl keine Ikone unserer Zeit mehr. Überhaupt ist viel die Rede vom "21. Jahrhundert", als hätte jemand vor acht Jahren einen Schalter mit dem Radiergummi umgelegt. Vielleicht hat man einfach die falschen Fotografen angefragt, obwohl nun wirklich illustre Namen darunter sind: Sheila Metzner, LaChapelle, Lindbergh, Bettina Rheims, Ralph Mecke auch und der von mir bewunderte Albert Watson, der unvermeidliche Bruce Weber und - immerhin - Rankin, den ich (anders als Weber z.B.) wirklich als Vertreter des 21. Jahrhunderts zählen würde. Kate Moss sei wohl zu dünn, so die Kuratorin weiter. Ja, aber Rock'n'Roll, und man hat Stephen Meisel und Terry Richardson schlicht vergessen. Und - talking about 21. Jahrhundert - was hat denn Claudia Schiffer hier zu suchen?
Kurz: Es ist ein bißchen herbeigeredet, ein bißchen gezwungen, ein bißchen beliebig auch. Aber - wir nähern uns der Adventszeit, das Jahr soll engelsgleich versöhnlich enden - immer schön, wenigstens äußerlich. Und darauf, Schnauze, Kid, kommt es ja nun auch an, wenn das Schäbige mal Feierabend haben soll.
(Traumfrauen. Deichtorhallen, Hamburg. Bis zum 9.11.2008.)
