Montag, 14. Juli 2008


Das Seltsame. Vertraut.

Vor Jahren, ich möchte nicht rückwärts zählen, gab es einen Moment, damals auf einer Hochzeit, die nicht die meine war, aber vielleicht besser hätte sein sollen, als das Glück an Bord eines Schiffes war. Für einen kurzen Moment konnte man es sogar mit geschlossenen Augen sehen.



Wir haben viel gelacht an Bord der Beständigkeit und viel geredet, oft sogar schweigend, manchmal gestritten - weil man jung war, selbst ich, und die Dinge oder man selbst mehr Funken schlagen, wenn sie schwierig scheinen. Aber keine schöneren. Da waren die Hamburger Tage und die Hamburger Nächte und die Widerstände und Stürme und die schönen Entdeckungen. Wir gingen über Flohmärkte, krochen durch stillgelegte Fabriken, sammelten das Skurrile, die Funde von der Straße, weswegen die Menschen uns oft aus schräggestellten Augen betrachteten. Uns seltsam fanden. Weil sie die Schätze nicht erkannten, in dem, was bloß Schrott schien oder banal. Lange Zeit schrieben wir uns Briefe, manchmal täglich, collagiert mit Fotos und Polaroids und Zeichnungen, Funden und Zeitungsschnipseln. Im Laufe der Jahre tauschten wir hunderte. Jeder ein Schatz.



Und weil wir irgendwann Abstand suchten, immer noch jung, uns auseinanderoperierten, das Ende einer gemeinsamen Reise, lange schwiegen, also anders schwiegen, nichts mehr hörten, noch weniger wußten, wog jeder so rare Brief um so schwerer. Zwei Schiffe namens Vorsicht, die nun Flaschenpost finden, seltene Signale, die Flaggen am Horizont.



Die Meere, die sie befährt, sind nun andere. Aber als sie schreibt, sie sei heute ausnahmsweise einmal nicht wunderlich genannt worden, wegen dem, wie sie so ist, wußte ich - wir spielen vielleicht nicht mehr im selben Team. Aber immer noch in derselben Liga.


 



Alles Falsche so wahr

Haha, mag man denken. Jetzt werde ich schon parodiert: Daniel Heidkamp. Frappierend, bis auf die Mütze. Man könnte sich natürlich auch selbst... ganz wie beim erinnerungstrunkenen und unwiderstehlich mitreißenden Fotoprojekt Youngme - Nowme.

Das Eisbärfell ist bestimmt noch groß genug.


 


Sonntag, 13. Juli 2008


We've Got Five Years





Der geschätzte Kollege vom Artblog machte bereits darauf aufmerksam: Die Galerie Helium Cowboy feiert ihr Jubiläum und präsentiert die große Schau zum Fünften im Hamburger Bieberhaus. Der Andrang war so auffällig, daß man denken konnte, eine neue Tanzdiele ("Verein" oder so sagen die jungen Leute) lade zur Eröffnung, freie Getränke und Nackttanz inklusive. Wie ein summender Bienenstock warteten die Menschen draußen geduldig auf die Kunst, während drinnen die Kunst auf... na ja, jeder hatte seinen Platz.





Ich mag diesen Geruch der Nacht, die gebannte Erwartung, die wie Elektrizität in der Luft liegt, die wispernden Stimmen, das Klirren einzelner Flaschen, die auf dem Gehsteig zerschellen, das Gelächter, das sich darüber erhebt. Es ist gut, endlich dort wieder zurück zu sein, gleich einem Insekt, das voller Neugier ins schillernde Licht fliegt, in einer Pfütze, einer Halsbeuge ertrinkt.

(Five Years Helium Cowboy Art Space. Bieberhaus, Hamburg. 12.7. bis 15.8.2008)


 


Samstag, 12. Juli 2008


Springtime again




Milde Abendluft und das Künstlerkollektiv Spring lockten zur kunstsozialen Ereignisversammlung ins Hinterconti - heute mal als reines Männerteam. Freund G. und ich schlüpfen manchmal ungezwungen, weil vom Fach, in die Rollen von Starsky & Hutch, sind überhaupt, man ahnt das ja, privat eher so Owen Wilsons, Hochzeits Vernissagen-Crasher also, egal, das Bier war gut, die Laune auch (vereinzelt wurde sogar gelacht).





Die Kunst ebenso, bezaubernde Illustrationen nämlich unter dem Leitthema "Alter Ego" von Christina Ackermann, Larissa Bertonasco, Katrin Bethge, Paz Boira, Almuth Ertl, Katharina Gschwendtner, Natalie Huth, Claire Lenkova, Jan-Frederik Bandel, Carolin Löbbert, Ulli Lust, Nina Pagalies, Maria Luisa Witte, Stephanie Wunderlich, Barbara Yelin. Dazu Musik und wärmende Feuer, und wenn ich seufzte, wurde ich gefoppt und auf die schönen Frauen aufmerksam gemacht, die auf solchen Vernissagen bekanntlich gleichsam einem Bilderrahmen entstiegen zu sein scheinen. Selbst im Gedränge kann man dann die schönen Menschen sehen, die vor den schönen Bildern stehen, die man selbst nicht... na ja, you get the picture.

Kunst eben. Heute abend geht es weiter, Finissage ist morgen, wieder mit Musik, Getränken, bezaubernden Menschen und ganz viel Zucker für das Auge.

(Spring # 5: Alter Ego. Hinterconti, Hamburg. Bis 13.7.2008.)


 


Freitag, 11. Juli 2008


Was nur der Schreibtisch weiß



In so einem Blog steht ja nicht alles drin, auch wenn es manchmal so den Anschein hat. Wie wenig ihr wißt, möchte man rufen. Funde, Zeitungsausschnitte, Fotos, ab und an ein Wort - das Leben als Themenkladde, die eigene Schnipselhaftigkeit, sich selbst als Ausriß mit zackigem Rand betrachtet. Jeder Tag ein Post-it, und erst am Ende wird zusammengeklebt, ergibt das Mosaik ein Bild oder auch keines. Was eben nur der Schreibtisch weiß, die Riefen im Holz.


 


Donnerstag, 10. Juli 2008


Der gefundene Satz, #43

Don't be afraid to take the past head on.

(Tracey Emin. Strangeland. 2005.)

Ex Libris | von kid37 um 12:37h | ein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 8. Juli 2008


Schmetterlinge haben

Happiness is like a butterfly which,
when pursued, is always beyond our grasp,
but, if you will sit down quietly, may alight upon you.

(Nathaniel Hawthorne zugeschrieben)




Die Aufgabe ist nicht gering, wenn es heißt: Annehmen können. Das Fremde, das Neue, das Überraschende. Die schönen Momente, die Freunde, die einfach mitkommen, ohne daß es ihnen eine Mühe ist, durch die glitzernde Nacht oder den Regen, der einen im Wald überrascht. Wenn man nicht hetzen muß oder Lärm machen, um sich selber zu hören. Wenn man still stehen kann, lauschen und den Augenblick genießen. Wo es sanft genug ist und geduldig und leise, kommen sie manchmal ganz nah, pheromonberauscht torkelnd wie manche, freundlich und interessiert wie andere. Bleiben sitzen, schauen und zeigen ihre schönen Flügel. Neigungsgruppe Anmut statt Schwermut.


 


Montag, 7. Juli 2008


Wochenbeginn mit Krönchen

Heute morgen erwacht aus wilden Träumen, gleich wieder geschwitzt, gefährliches Zeug geredet - bis mir einfiel, daß ich noch den Mund würde halten müssen, weit offen aber. Ich gehe ja furchtbar gern zum Zahnarzt, also zu meinem Zahnarzt, denn wir lachen viel und bohren nicht allen Dingen nach. Was anderen der Hamam, ist mir zudem die Prophylaxe, die ich mir gönne, wenn sonst schon nicht viel mit mir passiert. Auf einer barbiepinken Liege liege ich bald wohlig ausgestreckt, überlege kurz, meinen von allen schönen Seiten angeknabberten Nachtschlaf nachzuholen, aber da beugt sich schon eine junge attraktive Blonde über mich, ganz so als sei sie eben einem eiskalten schwedischen See entstiegen, und beginnt damit, mir allerhand chromblitzende Gerätschaften in den Mund zu stopfen. Bald röchelt, schnorchelt und schnauft es rund um Zunge und Zahnbestand, sprüht kühles Wasser auf mein Gesicht, gleich einer vattenfallenden Gischt, während die frischwangige, knäckebrotgesunde Dame eifrig poliert, mir behutsam, fast zärtlich zartfühlend Lippen und Wangen betupft. Ich betrachte ihre Piercings und wie das Licht sich durch ihr weizenblondes, leicht zerzaustes Haar bricht, atme eine Spur von ihrem süßen, leichten Morgenschweiß, der von heiterer Anstrengung spricht und sich mit den minzigen und medizinisch reinen Fluorgerüchen ihrer Pasten und Tupfer mischt. Ich brauche Wasser, dieser Durst immer und immer so plötzlich, trinke wie ein guter Gast und will gerade selig einschlummern, da übernimmt ihr Chef.

Herr Doktor, sachlich, freundlich, wie immer zu Scherzen bereit, kommt auf mein Kernproblem zurück: Der ungekrönte Achter. Solange schon führt er ein nicht ganz sorgenfreies Schattendasein tief in meinem Mund. Nun reden wir, die Morgenstunde, über Gold und den allgemeinen Preisanstieg von Edelmetall. Ein blitzendes Krönchen, vielleicht, es gilt zu überlegen. Ich bin bereits im Vorfeld entzückt. Blitzen und Blenden werde ich, gleißen wie meine Zukunft - ganz so als wäre plötzlich alles, alles gut.