
Mittwoch, 4. April 2007
All things we love will die.
(Blonde Redhead, "23")
Das muß berichtet werden. Am 23. April erscheint in Europa das langersehnte neue Album von Blonde Redhead, eine der letzten großen 4AD-Bands, die mit einer berückenden Mischung aus Curve, Sonic Youth und Cocteau Twins Musik wie ein Rasierklinge machen, die gerade einen Unterarm streichelt. Jeder muß das kaufen. Denn ich bin gerade auf die Vorabsingle "23" gestoßen und fühle mich völlig hypnotisiert, weil es klingt, als seien die Tränen des wunderschönen Mädchens aus dem Bus zu einem herzförmigen Klumpen Vinyl gefroren - aus dem man nun Klänge entlockt, die selbst rostige Männer zum Schmelzen bringen.
Am besten, jeder kauft gleich zwei Alben und verschenkt ein Exemplar an einen völlig Fremden. Vielleicht heimlich, im Bus, mit einer kleinen Notiz daran:
Nur für dich.
>>> Webseite zum Album 23.
>>> MySpace-Seite von Blonde Redhead mit dem Stream des kompletten Albums, insbesondere der Single "23".
Tourdaten:
23. Juni Heidelberg, Karlstorbahnhof
24. Juni München, Feierwerk
25. Juni Berlin, Postbahnhof (!!!)
28. Juni Köln, Gebäude 9

Dienstag, 3. April 2007
(Tears for Fears, "Mad World". 1982.)
Heute morgen im Bus saß dort eine überirdisch schöne Frau und las ein Buch. Eine Frau, wie man sie sich wünscht dereinst am Ende der Tage, wie sie einen führt, barfuß und nur mit einem weißen Hemd bekleidet, bis zur Schwefeltür.
Vor zwanzig Jahren In einem François-Truffaut-Film wäre ich einfach sitzengeblieben, hätte zugesehen, wie sie ihr Buch liest und wäre weitergefahren bis zur letzten Haltestelle.
Ich wäre mit ihr ausgestiegen, hätte ihr anerboten, ihre Tasche zu tragen, in die ich vorher mein kleines Leben gesteckt hätte. Hätte mich in Gene Kelly verwandelt, hätte Geiger orchestriert, wäre um Laternenpfähle getanzt, ihre Tasche zart im Arm, während sie nichts getan hätte. Nur gelächelt.
Sie hätte noch zarter "Danke" gehaucht, mir einen tiefen Blick geschenkt aus unendlich blauen Augen und wäre die Stiege zur ihrer Dachwohnung hochgeschwebt - allein. Ich wäre verliebt auf dem Trottoir verblieben, während sie oben in ihr Blog geschrieben hätte:
Heute einem alten Mann im Bus begegnet, der mich die ganze Zeit angestarrt hat. Ich habe so getan als würde ich mich auf mein Buch konzentrieren, aber mich hat das total genervt. Am Ende stieg der sogar noch gemeinsam mit mir aus und wollte partout meine Tasche tragen. Super peinlich. Aber nichts gegen das Gesumme und Getanze, das er dann danach anfing. Ich hätte im Boden versinken können! Zum Glück wurde ich ihn vor der Haustür los. Aber ich glaube, der wartet noch immer auf dem Gehsteig, der alte Stelzbock.
Aber nichts von alledem ist passiert. Ich habe nur kurz geschaut und gestaunt über die Schönheit der Natur, den Frühling, die Vielfalt und das Leben. Und bin dann zum bleiernen Tor der Fabrik hinein - allein - habe mir den grauen Arbeitskittel umgebunden, die Stempeluhr gedrückt und den ganzen Tag nichts als mein Werk getan.

Montag, 2. April 2007
The spirit flown forever!
(Edgar A. Poe, "Lenore". 1831.)
Nicht weinen, nicht klagen, ein Totentänzchen wagen. Manchmal denk ich, mir sei die Welt entrückt. Eine Blume im Tee, ein regloses Tier im Gebüsch und innendrin nur das Herz, das sachte schlägt. Ich schaue dann gerne bei Angeliska vorbei, betrachte die betörenden Fotos von Picknicks und Partys, aber auch den verwunschenen und geschundenen von New Orleans, den zerstörten Häusern, diesem Holzboden, der sich vor Nässe in Wellen verzogen hat. Auch darin liegt eine besondere Kraft. Das Groteske, das wild Zusammengenähte, ein zurechtgedengeltes Leben aus Nägeln, Scherben und Kapuzinerkresse.
Aus tausend Schnitten eine Bewegung. YunYus Video zeigt, wie man Menschen mit Stop-Motion aus 16.000 Einzelbildern in Bewegung bringt. Ganz wunderbar: Lenore's Song
(via Youtube)

Montag, 2. April 2007
Läßt sich nicht beriechen,
Und sie zeigt die Hinterfront
Dem Melangeniechen.
(Klabund, "Ad notam". 1927.)
Jetzt geht es los(t), Kirschbäume bestäuben, denn der Frühling ist da. Wem die Hamburger Sonne nicht schon des Tags das Blaue vom Himmel ins Hirn brennt, der geht nach Sonnenuntergang ins Land der fransigen Latexscham, wie ich das nennen möchte. Ein hinreißender Abend, auch wenn der unverschämt schwarzhaarige Südtiroler monierte, ich redete zuviel und tränke (deshalb) zu wenig Bier. Vielleicht liegt es auch am ganz Umgekehrten: Weil ich so wenig Bier trinke, leidet die Atrilukationsfähigkeit auch nicht (so).
Die Hälfte vom Pils schäumte sowieso beim Hoppek über. Street-art mit obszönen Motiven, bißchen groß, bißchen flächig alles, Keith Haring trifft Paul Frank, wenn man jetzt mal einen großzügigen Bogen malen will. Die Fotos erinnerten ein wenig an Greg Friedlers Serie Mattress (nicht sicher für die Arbeit). Sinnfällig auch der umgebaute Eingang: Um die Galerie betreten zu können, muß man nämlich erst durch ein rundes Loch in eine dunkle Kiste steigen, auf deren anderer Seite ein schmaler Schlitz ins Freie führt. Will man die Galerie wieder verlassen, geht der Weg natürlich umgekehrt. Wir sind halt alle Ausgeschiedene der Kunst. (Hier müßte man noch schnell, handgemalt in Öl, nur 199,- Euro, Courbets Vom Ursprung der Welt reinbasteln, aber, mein Gott, das wißt ihr ja alles selbst.)
(Boris Hoppek, "I won't fuck with you tonight". Bis zum 25.5. im Helium Cowboy Artspace, Hamburg.)

Samstag, 31. März 2007
Grad kam ich drauf, da war doch was. Genau: Die Zeit, als man gleich zwei Beutel Kamillentee in die Tasse warf und derart angeheitert zum Bloglöffel griff. Frei von der angeregten Leber weg sein Ungemach ins Datenleere schrie, die Musik einfach lauter drehte, die Bildschirmdarstellung vergrößerte, um Buchstaben noch lesen zu können - und dann polterdiholter ab.
Die drei, vier Gleichgesinnten oder Staunenden, die dann noch durch die Nacht schlichen, holten sich gleich ein Juxgetränk - und dann wurden weitgehend emissionsfrei letzte Fragen geklärt.
Jetzt, mit frischverlinkten Fremdlesern unterm Stuhl (hallo, liebe Leser der Netzeitung!) geht das alles irgendwie nicht mehr. Möglicherweise, hust, hat man Vorbildfunktion. Manche Gefährten laden einen von Konzerten wieder aus. Andere rufen gleich gar nicht mehr an.
Grad lese ich ja eine Biografie von Horst Janssen. Ich stelle fest, es gibt Menschen, die sind noch schlimmer als ich. Aber auch welche, die sind begabter. Unerträglicher. Betrunkener.
Heute gehen die Menschen früh zu Bett. Was für eine Verschwendung.

Freitag, 30. März 2007

So, morgen abend dann große Gala im Helium Cowboy Art Space. Seit vier Jahren zeigen die da im Alu-Toaster an der alten Rinderschlachthalle zumeist grafische Kunst zwischen Pop und Comic, Street-Art und Graffitti. Das macht fast immer Spaß, auch wenn es meist zu heiß ist.
Heiß wird es auf jeden Fall, wenn Boris Hoppek seine Ausstellung "I won't fuck with you tonight" präsentiert. Stark sexuell geprägte erotische Kunst zwischen sexuellen Anspielungen und anspielungsreichem Sex, es geht offenbar irgendwie um Sex jedenfalls und das neue spezielle Magazin Lavagina, was schon allein Grund fürs Erscheinen ist (bitte passend zahlen).
Kurz: Wer immer schon wissen wollte, ab wann eine Latexpussy Kunst ist, der schaut sich das an. Ich werde mir morgen notfalls mit meinen Krücken Platz und freie Sicht verschaffen.
>>> Webseite von Boris Hoppek
(Boris Hoppek, "I won't fuck with you tonight". Bis zum 25.5. im Helium Cowboy Artspace, Hamburg.)

Donnerstag, 29. März 2007
Mitleid brauche ich jetzt bald nicht mehr. Denn in naher Zukunft werde ich Millionär sein, dann lache ich mich am Rande meines Pools in einem Penthouse durch den Tag. Ich werde nämlich mit Kondolenzr 2.0 eine tolle neue Sozialplattform ins Leben rufen, die dann von Hubert Holtzmann aufgekauft wird. Für teuer Geld.
Wie das funktioniert? Nun, angenommen - jetzt als willkürlich gewähltes Beispiel - man fühlt sich nicht gut, hat einen Trauerfall in der genetischen Zwangsgemeinschaft oder - ein noch willkürlicher gewähltes Beispiel - einen Unfall. Dann würde man ja gerne eine nette Stimme hören. Nur, woher nehmen in diesen vielbeschäftigten Zeiten?
Kein Problem mit Kondolenzr 2.0. Wer sich anmeldet, erhält sofort einen Klücker ™ (ein Kunstwort aus "Klingeln" und "Drücker" wie in "ich drück' dich"). Wer jetzt angerufen werden möchte für ein Trostgespräch, setzt einfach einen Klücker ein - und wird von einem anderen Nutzer bei Kondolenzr 2.0 angerufen. Wer also viel anruft, erhält viele Klücker, die er in schlechten Zeiten für seinen eigenen Bedarf einsetzen kann.
Supersache, super sozial auch - und ungeheuer kommunikativ. Blogger brauchen das vielleicht nicht, die haben ja Sozialkontakte.
Also, das Motto lautet: Ich klück euch! Oder auch: Heute schon Klück gehabt? Oder: Mit Klück zum Glück! Oder...
