
Freitag, 10. März 2006
When you were a kid
It was pretty strange
And things you did
...
You've got to pull yourself together man
You've got to get back on your feet again
(New Order, "Close Range")

Das Gefühl, in Kreisen zu gehen. Zirkeln. In einer großen Schleife ankommen im damals vor all den Jahren. Alte Musik wieder verstehen. Patti Smith, Horses. Tönen lauschen, den bestimmten Klang einer elektrischen Gitarre, den abbrechenden Atem.
Ich wünschte manchmal, du wärst da.
Aber nicht mehr so nah.
Free Money, ich kauf dir ein Flugzeug, Schatz. Von dem gestohlenen Geld. Oder die Geschichte von dem Mädchen, das tot an den Strand von Redondo Beach gespült wurde. "She was victim of sweet suicide". Wir waren Opfer dumpfen Wehleidens. Während ich unten am Ufer nach Steinen suchte, blicktest du plötzlich auf und sagtest, du wollest lieber zurück auf die Party. Ich meinte, die Party sei irgendwo da draußen, gleich bei der Wahrheit und den Außerirdischen, und blieb konzentriert. Wenn man Steine sucht, darf man keine mit scharfen Kanten nehmen. Niemals. Die zerreißen die Taschen, fallen aus der Jacke, und ziehen einen nicht genügend hinab.
Aber nur dann kann man tauchen, zu den feuchteren Steinen, zum nasseren Sand, den tastenden Armen des Tangs. Tief unten in meinem Zimmer bete ich zum Hl. Juda, dem Schutzpatron der hoffnungslosen Fälle.
Dann will ich auf Wolken gehen.
Ich singe nur dein Lied.

Donnerstag, 9. März 2006

Wer am Freitag in Berlin nicht gerade Rattling and Rolling macht, mag vielleicht auf der Vernissage von Tachycardia in der Strychnin-Galerie vorbeischauen.
Kirsten Ferrell und Sean Pierce zeigen neue Werke with a healthy Fuck You! Emotionales Verzücken, blutversüßender Augenzucker und nette Menschen mit Sonnendefizit sind bestimmt nicht zuviel versprochen.
("Tachycardia", bis 10. April in der Strychnin-Galerie, Berlin.)

Mittwoch, 8. März 2006
Ich bin dein Easy, du bist mein Biker
Ich bin Passion & du bist die Blume
Du bist das Brot & ich bin die Krume
(Aus: 1000 Gedichte zum Frauentag.)
"Ich bin grad bei der Arbeit, ich habe einen vollen Mund." Ich weiß nicht, mit wem die Kollegin da telefoniert. Ich frage mich auch, was hier eigentlich so vollmundig gearbeitet wird, aber am Frauentag will man nicht so kritisch sein.
Über den amerikanischen Dunkel-Fotografen John Santerineross könnte ich auch eine lustige Geschichte erzählen, vielleicht eher eine traurige sogar. Egal.
Santerineross hat jedenfalls eine neue, mächtig aufgepeppte Webseite, die ich allerdings ein wenig überladen finde. (Ich mag in aller Regel keine flash-basierten Bildergalerien.)
Dennoch, das Stöbern ist schon deshalb interessant, weil es unter dem Menüpunkt "Studio Tour" meine nächste Wohnung zeigt, nur in größer.

Montag, 6. März 2006
We do all ill things,
They do 'em worst that love 'em,
And dwell there,
Till the Plague comes.
(Ben Jonson, The Devil Is An Ass. 1616.)
Ben Jonson, zu Lebzeiten auf Englands Bühne(n) der größte Rivale Shakespeares, schickt in seiner Elizabethanischen Komödie
The Devil Is An Ass den übermütigen Teufel auf die Erde, sich ein wenig unter den Menschen zu vergnügen.
Teuflisch naiv, denn das verderbte Menschenpack zeigt dem armen Gehörnten rasch, wo der lasterhafte Hammer hängt: Betrug, Verrat, Untreue und Heuchelei sind der wohlgepflegte Kitt der mißratenen oberirdischen Brut. Die Menschen spielen - Pfui Teufel! - dem Schwefelkerl gar so übel mit, daß er sich flugs an den heimischen Herd zurücksehnt und die Hölle dem Erdendasein vorzieht. "The Devil was wont to carry away the Evil; But now the Evil out-carries the Devil." (V., 6.)
Trau, schau, wem. Die Neigungsgruppe Lockung & Laster schickt ja regelmäßig ihre Einladung, und würde ich mich nicht täglich selbst ans Bettgestell binden, ich legte meine Hände nicht brav über die Decke und schon gar nicht für mich ins Feuer. Tugenden und Laster, Laster und Tugenden - man kann sie und sich kaum noch auseinanderhalten.
Als ich endlich gegen eins das Haus verließ (die Sonne schien schon, aber nicht schön), hatte ich meine frühmorgendlichen Exerzitien am Theraband schon hinter mir. Geschmeidig wollen Körper und Geist erhalten sein. Dann tapfer durch den Schnee, frische Spuren machen. Die unbefleckte Decke betreten (für manches bloß ein Leichentuch) und unzögerlich (kalt lächelnd, bei diesem Wetter) stapfen, markieren, eine Spur ziehen, die sagt, Ich war und Ich war hier. Die kalte, feuchte Luft vertrieb die Leute, frierend hockten Vögel eng zusammen. Man weiß nicht, ist es Friede oder nur die Stille der letzten Stunde.
Eines darf man nicht vergessen: Wer dem Teufel nicht begegnet, hat ihn vielleicht selbst im Handgepäck.

Freitag, 3. März 2006
Ich stelle nur noch Kopien in dieses Internetz (Tusche, Stempel auf Papier, 2006)
Kein Ton und keine Sirene. Es wurde entdeckt, und wie alles, was man entdeckt, tauchte es plötzlich überall auf. Brot und Not, nicht alles läßt sich in Flaschen füllen. Aber über die Augen von Milla Jovovich sollte mal jemand ein paar empathische Sätze verlieren.
In echt.

Mittwoch, 1. März 2006

Kein Kainsmal, sondern Asche auf der Stirn. Ab heute also 40 Tage keinen Alkohol und keine Schokolade. (Wenigstens manchmal.) Kein Fleisch und nur kräftiges Brot. Nur derbes Kattun und keine seidenen Taschentücher. Nur kirgisische Langzeitdokus im Originalton und kein leichtes Programm. Nur trockene Bloggerlesungen und kein schwitziges Robbie-Williams-Konzert. Die Heizung auf Null und keinen Kamin. Kein Müll auf die Strasse werfen, sondern wieder mit protestantischem Eifer separiert in die jeweiligen Tonnen. Kein Kopfkissen aus Daunen, nur kratzige Rot-Kreuz-Decken.
Viel mehr Schweigen.
An der Medikamentierung sollte bitte dennoch keiner rumschrauben.

Dienstag, 28. Februar 2006
Man fragt sich ja in diesen Tagen, diese irrlichternde Exaltiertheit, die muß doch einen Ursprung haben, tief im Herzen vielleicht oder liegt es gar im familiären Wurzelgeflecht? Nun, man könnte sagen, das Feiern liegt Familie Kid im Blut.
Durch Krieg und Vertreibung ins holsteinische und rheinische verschlagen, mischte sich schnell eine heitere Melancholie zurecht, die allzuoft gar wildfremde Menschen in trunkene Freude zu tauchen vermochte. Wie man auf diesem Foto von Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre sieht, waren damals die Feste besonders licht und nicht so nebelverhangen wie heutzutage im hermetischen Café. Meine Mutter, deren Schwestern und meine Großmutter waren es, die jene berühmte ostpreußische Laune in die Bergische Kaffeestube brachten - ausgelassen tanzte man nur wenige Minuten später bereits auf dem wackligen Tisch.
