
Montag, 11. Oktober 2004
Kreuzberger Internetcafé-Tristesse. Sieht aus wie ein türkischer "Kulturladen", selbst der Bildschrirmhintergrund vermittelt einem die heimelige Wärme einer flackernden Neonröhre.
Ich muß mal etwas längeres über Berlin schreiben. Etwas über Haßliebe zu Städten, Gewalt in den Straßen und dem Gefühl, das man immer etwas verloren steht in diesen mythischen Bezirken zwischen X-Berg, F-Hain und P-Berg.
Heute macht ein Hauch mich von Verfall erzittern, könnte ich mit Trakl sagen. Ich hoffe, ich komme lebend hier raus.
Berlin ist größer als ich.

Sonntag, 10. Oktober 2004
... dann sind es vorlaute Blog-Outer.
Leute, die sich wahrscheinlich auch daheim ständig besserwisserisch wichtig machen mit Dingen, die eigentlich niemanden interessieren.

Kleiner Nachruf zum Tode von Jaques Derrida.

Sonntag, 10. Oktober 2004
Mein Lieblingsflohmarkt, auf dem ich heute nach längerer Zeit mal wieder war, hat sich weiter verändert. Mehr Stände, mehr Kinderwagen, mehr Gewusel. Mehr "Szene-Pärchen" aber auch. Anscheinend kommen nun nicht mehr nur frühmorgens die Profihändler, um die interessantesten Stücke günstig abzugreifen und auf den Szene-Flohmärkten auf der anderen Uferseite der Alster feilzubieten.
Nun folgt ihnen wie die Junkies dem Dealer bereits deren Kundschaft in die sogenannten unmöglichen Stadtteile.
Ein Umstand, auf den mich neulich bereits ein aufmerksamer Kollege aus der Klebstoffschnüffler-Selbsthilfegruppe hinwies.
Eigentlich suchte ich ein Geschenk für Mütterchen Kid, aber so richtig was passendes wollte mir nicht ins Auge springen. Eine Beinprothese, recht schwer und gar nicht so unansehnlich, ließ ich dann doch stehen. Zu sehr wog noch der Schmerz, daß mir neulich auf einem anderen Flohmarkt eine wirklich sehr schöne, lederbesetzte Handprothese vor der Nase weggekauft wurde. Selten hat es ein eleganteres Dekostück für nur 12 Euro gegeben. Eine dritte Hand! Was ich damit alles hätte anstellen können. Immerhin gab es dann für 2 Euro noch "Resident Evil". Allerdings als Geburtstagsgeschenk für Mütterchen Kid eher weniger geeignet.
Ansonsten viel Krempel und noch mehr Gewühl. Meditative Ruhe fand ich erst auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Der reicht zwar vom Charme nicht an den Wiener Zentralfriedhof heran, aber man soll im Leben nicht immer vergleichen.
Der Herbst ist ja die schönste Zeit für einen Spaziergang an solcherlei Orten. Unter den Füßen knacken die Bucheckern, Laub färbt sich rot, wenn man es nur scharf genug ins Auge faßt. Zweige, wie die Unterleibe einer Hexe geformt, werfen sich einem in den Weg. Phallische Pilze recken keck ihren Hut. Ich erinnerte mich, daß ich mal mit einer Frau, die mir nach langem Werben endlich nachgegeben hatte, die Zukunftsplanung bei einem Spaziergang auf dem Ohlsdorfer Friedhof begonnen hatte. Das hätte einem eigentlich schon zu denken geben müssen. Aber man ist zu solchen Gelegenheiten für schlechte Omen ja völlig unempfänglich.
Ich habe daraus gelernt. Auf dem Friedhof landet alles früh genug. Solange man aber noch einen Arm oder ein Bein hat, findet man geeignetere Orte. Die nächste Zukunftsplanung halte ich besser in einem Keller ab. In der Wuppertaler Schwebebahn. Oder auf dem Wiener Naschmarkt. Oder gleich im Kölner Dom.

Donnerstag, 7. Oktober 2004
Über eines der faszinierenderen Phänomene von Verbrüderung kann man sich hier informieren.
Etwas für die Wunderkammer.
Man weiß, daß das Fötus-im-Fötus-Phänomen nicht so selten ist. Es gibt eine These, nach der unsere Sehnsucht nach dem "Zweiten Ich" genau daher stammt.
Aus der Suche nach dem toten Zwilling.
(Via Sick Girl.)

Das wollte ich schon immer mal vorstellen. Musik und Video wie eine Punktion aus meinem eigenen schredderigen Leben. Cette Fille Seule. Ganz groß. Der erste, der "Melancholie" sagt, zahlt 5 Euro.
(Aus dem Soundtrack zu Seven Lonely Girls.)

Mittwoch, 6. Oktober 2004
Die begehrteste Frau ist immer gerade ein wenig außer Reichweite. Mal sind es ein paar hundert Kilometer, mal ist es nur eine emotionale oder, sagen wir, soziale Distanz. Mal ignoriert sie uns, mal gibt sie uns Geschenke, die in Wahrheit voller Gift sind, wenn wir sie entpacken.
Die begehrteste Frau ist eine idée fixe.
Das aber nur nebenbei. Denn heute war ich unter Brüdern. Zufällig in der Stadt, traf ich die Klitschkos, Wladimir und Vitali. Einmal im Leben war ich ohne irgendeine Kamera unterwegs, und nun das. Der jüngere der beiden (Wladimir oder Vitali) war noch deutlich von seinem letzten Kampf gezeichnet. Dunkel beschattete Augen, eine frischrote Narbe auf der Stirn, sah er aus wie ein Mann, den die Bratpfanne seiner Frau getroffen hatte. Der ältere (Wladimir oder Vitali) grinste freundlich in die Runde der TV-Kameras und fiependen Digiknipsen. Dann stiegen sie auf einen Tisch, wirkten noch größer als vorher schon, Wladimir oder Vitali hielt eine kurze Rede und dann signierten sie ihr Buch, das sie zwischen ein paar Sparringsrunden geschrieben und diktiert haben.
Ich glaube, diese Klitschkos sind ziemlich begehrt, obwohl sie wahrscheinlich kein Blog haben. Neben mir schmachteten nämlich auch ein paar Frauen. Einige wollten gleich die Wunden lecken verarzten, von Wladimir oder Vitali. Andere nur mal an den... den Oberarm fassen. Aber die Klitschkos, Wladimir und Vitali, standen oben auf diesem Tisch, hinter einem Wald aus Kameras, grinsten freundlich, stark und souverän und waren gerade eben so außer Reichweite.

Dienstag, 5. Oktober 2004
Mit einem Wisch ist alles weg.
Dieses aber gilt nur für Küchentücher.
(Wird häufig vergessen.)

Montag, 4. Oktober 2004
Should I pursue a path so twisted ?
Should I crawl defeated and gifted ?
Should I go the length of a river,
[The royal, the throne, the cry me a river]
What about it, what about it, what about it ?
Oh, I'm pissing in a river.
(Patti Smith, "Pissing In A River".)
Es kommen die dunkleren Tage. Morgens locken mich die Klänge von Monolith zu dekorativ gefärbten Frühstückseiern, draußen machen sich die Laubsaugerarmeen bereit zur fröhlichen Igelhatz und Zwangsbeschallung friedlicher Nachbarn.
Selbst die von uns allen heiß geliebte Frau Sonne macht mal Pause und verzieht sich hinter die Wolken der finsteren Wiener Wälder. Manchmal tief in der Nacht, wenn nur ich sie erwische, bastelt sie heimlich in ihrem Blog. Denn ich wandele ja regelmäßig selbst schlaflos wie selig Dr. Wilbur Larch nicht nur durch endlose Gewerbegebiete auf dem Weg nach Hause, sondern auch durch die labyrinthischen Gänge meiner Seele oder den Ariadnefäden irgendwelcher Linkverkettungen entlang durch das Internetz und berausche mich am Äthergeruch obskurer Bildungsinhalte mit 1-a-Katzencontent.
Da hilft oft nur die Kunst, und sei es nur ein freundlicher Cézanne oder ein klangerfüllter Ausflug zum Maschinenfest. Am Wochenende aber war Köln voll mit Fotofritzen und Fotografie, denn es war Photokina. Muß man natürlich alles kaufen, denn das entspannt ungemein. Man mag in der Abteilung Kunst auch andächtig jungen Männern mit agiler Prostata zuschauen, aber erwähnenswert bleibt auf jeden Fall die diesjährige Photo-Fair. Da konnte man auch Bilder von Joel-Peter Witkin kaufen, entsprechende platinfarbene oder schwarze Karte vorausgesetzt. Ich hätte so was ja schon gerne im Eßzimmer, denn Witkins Werke sind im Original einfach auf einem technisch und ästhetisch so hohen Niveau, daß es jedem Freund der Schwarzweißfotografie regelmäßig die Sprache verschlägt. (Link hier, aber bitte nicht beim Essen. Danke.)
Eindrucksvoll auch die Arbeiten aus St. Petersburg von Alla Esipovich. Porträts zwischen Armut, Verfall und nicht verblasster Würde. Akte und Selbstdarstellungen der Alten, der Randständigen und Ausgestoßenen- immer respektvoll, nie voyeuristisch. In Deutschland vertreten durch die Galerie Artobes. Darf man im Auge behalten.
