Donnerstag, 25. März 2021


Seuchenliteratur



In einer gewissen Untergangslust sucht der Literaturbetrieb nach passenden Pandemiebüchern, einem Zauberberg für unsere Zeit. Zu wenig Beachtung fällt dabei auf bereits existierende Romane (es ist ja alles schon geschrieben). Yvan Goll, führender Kopf des Expressionismus und später unter Surrealisten in Paris, schrieb 1927 Die Eurokokke, 1929 gefolgt von Sodom Berlin (den man mal als Serie verfilmen könnte). In beiden befällt eine mysteriöse Krankheit die Gesellschaft. In Paris zerfressen "Eurokokken", eine medizinisch nicht näher erklärte Seuche, die Hirne, raffen das Denken hinweg und bedrohen Existenzen. "Es war auf den Straßen, als schritte man über bombenbestandene Felder. Es platzten, es krachten bei jedem Schritt die Schicksale aus runden Frauenköpfen. Es zuckte, es sirrte vor seelischer Elektrizität. Masurische Gefilde der Liebe. Es geschahen Morde, und niemand wußte davon. Und nur eines schien noch lebenswert, den Tod zu zwingen. Einbrecher sein in fremde, wie Safes verschlossene Existenzen."

Goll verwebt morbide und traumhaft verrätselte Anekdoten über ausgefranste Gestalten der Metropolen Paris und Berlin zu einer bizarren Odysee zerstörter Illusionen. Laster, Krankheit und Verfall bestimmen den Alltag und insbesondere das Nachtleben, in dem sich allerlei Kreaturen, Künstler und Geistesarithmetiker zusammenfinden. "Wir wissen nicht" ist ein Schlagwort dieser Sinn-losen Zeit. Was bleibt, ist Leere. Die europäische Kultur, vom Bazillus ausgelöscht, ist weder Hafen noch Hoffnung. Mehr als Zustandsbeschreibung ist das alles nicht, aber Parallele zu Zeiten, da niemand Antworten hat und aller Orten Hilflosigkeit in Zynismus umschlägt.

In Sodom Berlin geht es ähnlich munter, grotesk und pathetisch zugleich, weiter wie in einer Grafik von George Grosz. Innerlich und äußerlich Kriegsversehrte, zerlumpte Revolutionäre, abgehalfterte Industrielle und Aristrokraten in mottenzerfressenen Pelzmänteln treffen sich in Clubs, geraten in die Kämpfe auf der Straße, üben das Tragen von Monokeln und sinnieren über Busen, Bier und Perversionen, die Fortschritte der Psychiatrie und die Winkelzüge der Politik. Auf einem großen Fest kommen sie alle zusammen wie streng geformte Twitteraktivistengrüppchen:

"Mehre Mitglieder des Verbandes ehemaliger Wagnersängerinnen. Zweihundertsiebenundzwanzig Fahnenträger der Frontkämpferbünde. Die Magier der Güte aus Magdeburg. Mehrere Pantheisten. Die Worpsweder Maler. Der Direktor der neuen Traum-Universität. Ein nudistisches Paar. Ein homosexuelles Paar. Der Generalsekretär der Liga zum Schutz der Pferde. Der Herausgeber der Zeitschrift "Freunde des Eros". Eine Delegation der Satanisten, oder auch Teufelssöhne, der Sektion Grunewald. Zwei Mitglieder des Anarchistischen Bundes aus Schleswig-Holstein. Der Besitzer der Zigarettenfabrik Manilo, förderndes Mitglied der Anthroposophen. Eine zionistische Familie mit dreizehn Kindern. Die Sodomiter Sekte, vollzählig. Der Münchner Alpenverein. Der Meister des Königlichen Geheimnisses und der Priester der Ehernen Schlange und des Sterns, Neognostiker. Eine Abordnung des Schachclubs von Osnabrück. Drei Vorsitzende der Heiligen Feme, mit Kapuze. Mehrere Aktivisten 1915. Gegenaktivisten 1919. Überaktivisten 1920. Die Witwenunion aus Andernach..."

Usw. usf. Mary Wigman tanzt nackt und eine Jazzkapelle spielt. Ordentlich was los, im Goll'schen Endzeit-Berlin. Wer sich unterhaltsam ankränkeln lassen möchte, liegt auf diesem literarischen Kanapee goldrichtig.