Freitag, 14. April 2017


Kargedanken



Die letzten Tage der Karwoche mußte ich mich mit einer technischen Hotline herumschlagen. Von einem Tag auf den anderen war nämlich mein Lieblings-Homeshoppingsender 3sat HD ausgefallen. Auch ein neues Kabel aus Weltraumgeflecht brachte mein Fenster zur Welt nicht zurück, so daß ich den über 12 Stationen laufenden Kreuzweg des Kundensupports antreten mußte. Wenn ich nun aber eines nicht gut kann, dann ist es, mit Roboterstimmen zu diskutieren, die mich auffordern, wechselweise die 1 oder 3 oder die 4 oder die Rautetaste zu drücken. Als mich dann noch eine MP3-Damenstimme belehrend anflötete, doch einfach mal mein Gerät aus- und wieder einzuschalten, erlebte ich den ersten Zusammenbruch.

Vom tief verwurzelten inneren Glauben an das Gutwerden von Dingen gestärkt, wagte ich aber Tage später einen weiteren Anlauf und geriet diesmal in eine Musikwarteschleife, in der allen Ernstes ein Soulstück lief, in dem es hieß: "Some people got a real problem..." Solche sanfte Ironie war natürlich genau nach meinem Geschmack und geradezu begeistert wartete ich stundenlang minutenlang auf den nächsten freien Mitarbeiter. Mir war es bislang nur theoretisch klar, aber die Arbeit in Callcentern muß wirklich... besonders ein. Mein heiter-begeistertes Lob ob der Musikauswahl wurde stumm ertragen, dann meine Meldung und technischen Vermutungen streng nach Liste abgearbeitet, mir das weitere Prozedere erläutert und sich zwischendrin ein halbes Dutzend Mal entschuldigt, wenn er mal was in einer Tabelle nachsehen mußte. Was für eine verängstigend demütigende Situation.

Da trug ich mein Kreuz des dunklen Fernsehbildes gleich viel leichter, denn siehe, es wartet immer noch ein Mann auf dich, dem es schlechter geht als dir. Das auch mal an die Frauen gerichtet. Danach hatte ich mein Mobilfernsprechgerät daheim vergessen, so daß mich die nächste technische Hilfstelle gar nicht erreichen konnte, dann ging es hin, aber auch wieder her, und schießlich hatte ich einen Herren am Apparat, der mit unerschütterlichem Gemüt und väterlicher Ruhe meine Klagen und Vermutungen entgegennahm. "Eli, Eli, lama asabthani" winselte ich, denn nach drei Tagen ohne Heimtrainerwerbesendung Kulturzeit fühlt man sich ja doch ein bißchen verlassen.

Abends erschien ein netter Techniker, aus Polen stammend und so mit der Leidensliturgie seiner katholischen Kunden bestens vertraut. Und ich begriff, je weiter man auf der Himmelsleiter der technischen Unterstützung voranschreitet, um so näher gelangt man an einen Menschen, der zuhört und einen mit warmen Worten umfängt. Erst aber war Bußarbeit zu tun, und so rutschten wir beide auf den Knien zur Antennendose, er zeigte mir seine Meßergebnisse, las aus seinem Tabellenbuch, bemängelte dies, beklagte das, ließ mein Antennenkabel drohend wie eine Geissel vor meinen Augen baumeln, tauschte dann aber die Dose - und siehe da, ein Engelsklang! - die Fanfare des Homeshoppingsenders 3sat HD emanierte auf meinem Bildschirm. Es ward Licht und allgemeine Erlösung.

Nachdem ich erklärte, aus welchem elterlichen Bibelkreis ich meine eigenen technischen Kenntnisse bezogen hatte, fachsimpelten wir noch kurz über diese und jene Details, ehe er lobte und dann erklärte: "Wir hatten früher kein Internet!" Denn unsere Generation wäre früher rausgegangen oder an die Sachen heran, "um Scheiße zu bauen - oder um was zu Lernen". Heute, ein Seufzer zum Himmel, nur noch Computer- und Smartphonedisplays...

Ich bin dafür ein Beispiel. Weil Ostern ist, habe ich der lieben Frau Mutter ein Bildchen gemalt. Das heißt, am Rechner zusammengebastelt. Da sieht man, was für ein Kitsch herauskommt - anstatt, daß ich hingehe und aus irgendeinem Vorgarten echte Blümchen klaue und ihr überreiche. Deshalb, wenn jetzt der Frühling kommt: Geht raus, baut Scheiße und lernt etwas dabei!