Liebe Werbepsychologen, 7

Deswegen folgt aus dem,
daß der medicus nicht alles,
das er können und wissen soll,
auf den Hohen Schulen lernt...

(Paracelsus, 1493-1541)

Viel hat sich getan im Werbewunderland. Die Prospekte, die sich zum Wochenende in meinem hermetischen Briefkasten einfinden, heischen nicht mehr nur mit billigen Anspielungen unter die Gürtellinie um Aufmerksamkeit für weitgespreizte Hühnerbeine und klaffende Portionen Bauchfleisch. PISA-Schock und Bildungsdebatten haben Folgen gezeigt und auch die Supermärkte in die Pflicht genommen. Die Discounter haben verstanden: Der Bildungsauftrag darf nicht länger nur den Ministerien überlassen bleiben. Jetzt heißt es: Wissenschaft statt frivoler Genußbefriedigung!

Den Auftakt macht ein Dingevermarkter mit realem Anspruch. Sein Prospekt ist gespickt mit Bildern, die eine forschende Jugend begeistern werden und heiße Kanidaten für den Wettbewerb der Mikroskopfotografie sind. Ich habe mir zwei ausgeschnitten und gleich mal mit meinem, zugegebenermaßen etwas simplen, Untersuchungsgerät analysiert.

Rechts oben, gibt es für einen Euro, erkennt man fast schon mit bloßem Auge (Vergrößerung 100fach) wie zwei Spermatozoen vor zwei Eizellen flüchten. Rückgang der Geburtenrate? Hier ist der Beweis, selten eindrucksvoller festgehalten. Das zweite Bild, ich nenne es das histologische Tablett, ist anspruchsvoller. In mehr als 300facher Vergrößerung entdeckt man in Kongorot-Agar-Nährlösung schwimmend diffus verteilte, mäßig ausdifferenzierte Zellstrukturen. Membran und Zellkerne sind deutlich abgegrenzt zu erkennen. Möglicherweise handelt es sich um einen Schnitt durch die Basalzellschicht. Melanozyten klumpen sich in einer UVA-Licht-induzierten Schreckstarre zusammen. Befund unklar, ein Nachschnitt wird empfohlen.
...
[Unterschrift unleserlich]*

Mit einem Wort: Sehen, Staunen, Lernen - und alles für einen Euro. Die Werbung zeigt: Es müssen nicht immer die teuren Folianten sein, die einem den Horizont erweitern. Wer Wissenschaft sehen will, findet Wissenschaft überall. Ihr müßt nur Hinschauen!

>>> Frühere Folgen

*Vermutlich lacht sich Frau Fragmente gerade tot, wie ich versuche, mich hier durch die Prüfung zu mogeln.

 
frau klugscheisser - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 16:59
So also nicht!
[Gern geschehen. Negativbeispiele sind meine Spezialität]

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kid37 - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 18:08
Paßt! Thermometer und Blutdruckmessgerät gab es auch, vielleicht bekäme man damit sogar einen Formschinken wieder hin. Ich sehe schon ganze Schulklassen von jugendlichen Forschern inspizierend über Kühltheken hängend.

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diagonale - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 18:48
Ich sehe die Brücke gerade nicht: Was hat Mikroskopfotografie mit Werbung zu tun? Bitte helfen Sie mir rüber, ja?

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kid37 - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 20:13
Sie legen zurecht den Finger in die Wunde mit Ihrer Aussage "Herr Kid, warum haben Sie das so schludrig fotografiert, daß kein Mensch erkennen kann, um was es sich handelt?" Ich bin beschämt und möchte es auf meinen insgesamt etwas abgehetzten und ausgelaugten Gesamtzustand schieben. Vielleicht wird es so etwas deutlicher:



Alles frisch und günstig aus einem aktuellen Prospekt geschnitten. Die Präparate wurde dem Institut übersand und waren [makroskopische Begutachtung] mit "Stereo Kopfhörer" und "Tablett" beschriftet.

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kid37 - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 20:51
Ach so,
und was die Frage angeht, was das eine mit dem anderen... die leite ich gleich an die lieben Werbepsychologen weiter. Früher wimmelte es in den Prospekten an sexuellen Anspielungen. Aber nachdem Sex nun irgendwie o so nineties ist, hat man vielleicht auf Wissenschaft & Technik umgesattelt.

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c17h19no3 - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 21:37
aha, "tablett, verschiedene kaffeemotive". die bohnen glaubte ich erkennen zu können, allerdings hielt ich das ganze für die abbilung eines textilbezugs für küchenhocker - sowas wie es auch für prügelbügelbretter gibt, nur dass es eben nicht für ein bügelbrett hätte bestimmt sein können aufgrund der runden form. aber vielleicht wäre auf der nächsten seite ein bügelbrett im angebot gewesen, im tellerformat, speziell für den altjüngferlichen beziehungsweise hagestolzen ein-zimmer-single-haushalt, in dem auch unterhosen, socken und topflappen sowie diese kleinen spitzenbesetzten tischdeckchen gebügelt werden wollen.

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kid37 - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 22:02
Auch etwas, das aus den Haushalten verschwunden ist: kreisrunde Untersetzer für Telefonapparate.

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diagonale - Freitag, 19. Oktober 2007, 08:40
Ach Herr Kid, Sie beweisen mal wieder, welch ein charmantes und freundliches Wesen Sie besitzen. Sie hätten auch schreiben können: "Frau Diagonale, sie sind ja ein blödes Huhn, sehen Sie denn nicht, dass das nur Werbeprospektausschnitte sind?" Danke, dass Sie mir diese Demütigung erspart haben. Und danke für die Brücke. Jetzt verstehe ich.

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kristof - Freitag, 19. Oktober 2007, 10:18
Wie jetzt? Ich komme gerade in das Alter, wo man anfängt, Freude am Sex zu haben, und Sie sagen mir, das sei total 90ies? Mein Tag ist gelaufen, echt.

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blue sky - Freitag, 19. Oktober 2007, 10:20
Das Tablett hat soetwas wurstteppichhaftes.

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midori - Freitag, 19. Oktober 2007, 10:20
Auf den ersten Blick gestutzt: Tablett im Wurstscheibendesign? Brauche wohl eine Brille...

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kid37 - Freitag, 19. Oktober 2007, 12:27
Frau Diagonale, in meinem Blog trage ich aber nur mein Sonntagsgesicht. Schön aber, daß Sie nun wieder zu meinen siebenundreißig anderen Lesern aufgeschlossen haben ;-)

Jaja, alles out, Herr Kristof. Das neue Schwarz heißt nun Wissenschaft. Schauen Sie in die Prospekte, Bananen oder Salatgurken, Melonen gar? Nada, überall nur Mikrobiologie.

Diese Wurstgeschichte ist super. Ein Teppich! Darauf konnte ich nicht kommen, denn ich weiß ja gar nicht, was Wurst ist. Es ist sicher nicht falsch, immer erst alles unter dem Mikroskop zu untersuchen, ehe man es sich auf den Teller legt. Wird das in Uni-Mensen nicht eh so gehandhabt?

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kristof - Freitag, 19. Oktober 2007, 12:40
Ach, da werde ich doch besser wieder zum kleinen Jungen.
Letztens beim Arzt lag da auch schon eine aktuelle "P.M.", das Fachblatt für die 14jährigen. Und raten Sie mal, was auf dem Titel war! Na? Ein Raumschiff natürlich ("Weltraumtourismus für Jedermann, in ein paar Jahren machbar")! Thema Nanotechnologie war natürlich auch vertreten.

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gaga - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 19:31
Liebe Kinder, der Phantasie sind natürlich keine Grenzen gesetzt, aber im Namen der Fleischerinnung möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei dem Querschnitt selbstverständlich um 1A Aufschnitt handelt. Sicher seid Ihr schon von selbst draufgekommen! (Der Onkel wollte nur testen, ob Ihr im Unterricht gut aufpasst!)

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kid37 - Donnerstag, 18. Oktober 2007, 20:15
(Ich sehe am Wochenende viele, viele Blogger über ihre Mikroskope gebeugt, Prospekte mit den Gegenständen und Lebensmiteln in ihrem Haushalt vergleichend. Danke.)

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neo-bazi - Freitag, 19. Oktober 2007, 07:32
Im Gegensatz zu Frau Klugscheisser bin ich ja ein durchaus positiv eingestelltes Mitglied der Abteilung "Jugend forscht." In einer überaus erfolgreichen Kooperative mit Herrn Magister jun. undundund von der Humboldt Universität zu Berlin konnten wir auf der Sternwarte des Nuttenturms am Ende der Reeperbahn völlig neuartige Erkenntnisse im Bereich Ozeanographie / Hydrographie optisch nachweisen.

Allerdings mit einem Instrumentarium gegenteiliger Funktionsweise (letztes Foto), seinerzeit bei Penny in der Königstraße erstanden.

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kid37 - Freitag, 19. Oktober 2007, 12:39
Ein großartiger Bogen vom Mikrokosmos zum Makrokosmos!

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kristof - Freitag, 19. Oktober 2007, 10:46

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kid37 - Freitag, 19. Oktober 2007, 12:16
Petri heil! (Man ahnt, warum es heuer heißt: Wir sind Nobelpreis!)

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