Dienstag, 16. Februar 2010


Emolotl Ohrkill

Es ist ja nichts ohne Folge. Gestern also wie ein aus dem Schlaf erwachtes Axolotl und immer noch mit dem Gefühl, als hätte ich beim Grottenolmtauchen Wasser ins Ohr bekommen, zum HNO gestapft. Das kam so: Weil ich ja zum Konzert meine Ohrstöpsel vergessen hatte und den alten Trick mit dem Papiertaschentuch, also einem kleineren Teil davon, benutzte, sich dann aber nachher der Pfropfen im rechten Ohr nicht wiederfinden wollte, fühlte ich mich ein wenig, nun ja, verstopft. Mancher hat auf Konzerten schon sein Herz verloren, ein anderer einen steilen Zahn oder das Gedächtnis. Gut bedient also war ich, aber doch einseitig in einer etwas dumpfen Welt gefangen.





Die Ohreninspektorin, eine muntere ältere Dame mit lustiger Höhlenexpeditionsstirnlampe um den Kopf, grinste sich denn auch nur eins, bohrte mir einen kleinen metallenen Metalltrichter ins Ohr, griff dann zu einer langen Stahlpinzette und zog beherzt den zusammengerollten Knüssel ins Freie. Ah, was für eine wohltuende Empfindung, wie sie mir den Stopfen durch die enggebaute Körperöffnung zog, so ein befreiendes kleines Glücksgefühl, an dessen Ende eine sinnliche, funkensprühende Hörexplosion stand, konnte ich doch plötzlich Töne hören - ich dachte, die Engel singen, so klar war auf einmal wieder meine Welt. So muß sich also ein Ohrvaginalorgasmus anfühlen, dachte ich, aber dann kann ich das vielleicht nicht wirklich beurteilen, ist dies doch eventuell "so ein Mädchending", wie A Softer World vermuten.

Doch während ich noch "Prima!" rief und zugleich ein "Noch mal!" unterdrückte, wurden mir Praktiken nahegebracht, die man anderswo unter dem Begriff "Wassersport" kennt. Na ja, eigentlich mehr ein Einlauf: Zur kleinen Dusche wurde erneut mein Ohr penetriert, mit einem harten, metallenem Rohr diesmal, warm ergoß sich das Wasser in mir, hui, dachte ich und hörte das Glucksen an meinem Trommelfell, maybe that's a girl thing, danach war ich wieder in dumpfe Taubheit umhüllt - Wasser im Ohr. Unersättlich, griff Frau Doktor zum nächsten Instrument, ein dünner Stab diesmal, mit einem Wattepfropf umhüllt, wanderte in meinen Gehörgang - na toll, dachte ich. Wenn der jetzt steckenbleibt, bin ich so weit wie am Anfang, immerhin aber um interessante sinnliche Erfahrungen reicher.

Es ging aber alles gut, das O war befreit und trocken, schnell noch ein Blick in H und N, der flotte Dreier der Kopföffnungsbeschau, dann aber ins andere Zimmer zu einem kurzen Hörtest, galt es doch, den berüchtigten "Discoschaden!" auszuschließen. Flüsterleises Fiepen hauchte mir aus den Kopfhörern entgegen, munter drückte ich den Knopf, Reiz-Reaktions-Experiment, los, rief ich, 120 Volt! Da geht noch was, und drehen Sie mal die Bässe auf! Die Hörkurve aber wie 25, meinte die Ärztin. "Die jungen Leute", sprach sie und sah mich dabei an, als wolle sie sagen "also diese andere demographische Gruppe, zu der wir beide nicht mehr gehören", also "die jungen Leute, haben da" - sie zeigte auf die 4 kHz-Markierung - "schon einen deutlichen Abfall". Sie setzte ein wissendes Lächeln auf: "Discoschaden!"

Diese Welt ist eben stiller, tief in den Höhlen, in die sich nur wenige verirren. Hier hört man alles ganz genau, die steten Wassertropfen, die leisen und die Zwischentöne.

Radau | von kid37 um 12:44h | 14 mal Zuspruch | Kondolieren | Link