Sonntag, 13. Oktober 2019


Tagfalten


(Bild: Noah Doely)

Manchmal, wenn ich abends noch ein wenig gedankenverhangen in meinem Labor sitze, umgeben von den Träumen und Schöpfungen des Tages, ist mir ganz flattrig zumute. Man ist ja keine 37 mehr, ein Alter, in der Zukunft an jeder Ecke liegt und aus jeder halbgeöffnete Schublade drängt. Jetzt muß ich tatsächlich auch hier und da mal Pause machen. Und solange es ungewiß bleibt, ob ich ins neurowissenschaftliche Institut wechseln kann, wo man meinen Forschungen über Schmetterlinge im Bauch skeptisch gegenübersteht, wird die Pause vielleicht auch eine längere. Aber auch ich könnte mich noch in einen Schmetterling im Ringelhemd verwandeln!

Ich könnte endlich Autor meiner eigenen Geschichte werden, mich an Apfelessig beschwipsen und auf exotischen Wüstenplaneten traumversponnene Abenteuer erleben - das aber gibt es schon als brandneuen, knapp 20-minütigen Kurzfilm von Bertrand Mandico (dessen The Wild Boys diese Tage auf DVD und BR erscheint). In angemessen bekloppte 70er-Jahre-Ästehtik gehüllt, erzählt er in Extazus eine dunstig herbeihalluzinierte, pulpige Geschichte von wilden, queeren Kriegerinnen in schwülen Glitzerwelten. Wer sich das anschauen möchte, das Video liegt hier.

Zeitgleich läuft (u.a. auf der Viennale) seine ebenfalls ultrafrischer mittellanger Film Ultra Pulpe an, faul ist der Mann also nicht. Mir soll es ein Beispiel sein. Immer weitermachen!

Super 8 | von kid37 um 22:57h | 8 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Dienstag, 27. August 2019


Die Sommerschul-Files



Unterm Dach unerbittliche 30 Grad, ohne Schwanken, ohne Wanken. Es ist so heiß, daß sich selbst die Libellen, die zu Besuch kommen, auf den Rücken legen und das Salz von meinen Lautsprechern lecken. Eigentlich habe ich Urlaub, aber zu viel zu tun, um verreisen zu können. Dazu ist mir bei der Hitze nicht nach Hin und Her, Termine, die sich nicht koordinieren lassen, andere, die unbestimmt bleiben. Ich muß Gutachten besorgen und Unterlagen beibringen, dazu Ideen jonglieren und beruflich Bilanz ziehen.

Weiterbildung ist ein Thema, weshalb ich lieber in der Sommerschule wäre. Entspannt und konzentriert zugleich, tagsüber das Wesentliche zusammenmalen, abends Protestlieder am Lagerfeuer singen.

Lotto war auch nicht, 90 Millionen lagen im Jackpot, bei solchen Summen ist die Währung fast egal. Von dem Geld würde ich ganz viele Rentenpunkte nachkaufen, damit ich später als Lottomillionär nicht zum Amt muß. Dort würde man mich womöglich zwingen, meine Wohnung in New York (die ich mir von den Lottomillionen als Alterssicherung kaufen würde) zu veräußern. Und dann wäre ich im Grunde keinen Schritt weiter als jetzt, wo ich auch keine Wohnung in New York habe.

So weitgreifend und selbstbeleuchtend analysiere ich die Lage und entspanne mich zur Guten Nacht mit den Fällen von Murdoch Mysteries. Die kanadische Serie geht im Heimatland schon in die 13. Staffel (dazu gibt es ein paar "Christmas-Specials" und frühere, zum Teil anders besetzte TV-Filme). "Sleuthing in the Age of Invention" heißt die Tag-Line, die Serie spielt im Toronto von 1899 und ist durchsetzt mit gesellschaftlichen, emanzipatorischen Umbrüchen wie Frauenbewegung, Arbeiterbewegung, Royalismus und Anarchismus, einer Vielzahl weiterer neuer Denkweisen wie Spiritismus, aber auch (anachronistischer) moderner Malerei wie den Kubismus, und eben den vielen technischen Erfindungen der viktorianischen Zeit. Da fährt ein frühes Elektrofahrzeug ein Rennen gegen einen Wagen von Henry Ford, gibt es den Phonographen zur Stimmaufzeichnung, das Telefon, den Kampf zwischen Tesla und dem finsteren Edison und dem zwischen dem Pferd und dem Fahrrad.

Detective Murdoch fährt Fahrrad und ist auf seiner Dienststelle (Obacht!) schräg angesehen, weil er seine Zeit damit "vertrödelt", Bluttest einzuführen, Fingerabdrücke zu sammeln, UV-Leuchten (um Blutspuren sichtbar zu machen) und Photoapparate zur Beweissicherung einzusetzen - als ginge klassische Polizeiarbeit nicht auch ohne dieses ganze obskure Zeugs (so sein Chef).

An seiner Seite (herzseitig links) arbeitet eine fesche, sehr emanzipierte (Obacht!) brünette Gerichtsmedizinerin (gespielt von einer australischen Schauspielerin), die Kugeln in Leichen sucht und Organe wiegt und dabei in ihrer Pathologie Schellackplatten mit klassischer Musik auf dem Grammophon spielt. Trotz "big love in the air" kommen die beiden (Obacht!) nicht recht zusammen, auch wenn alle anderen in der Umgebung darüber mit den Augen rollen.

Ab der zweiten Staffel, wenn sich Team und Macher und Schauspieler freigespielt haben, wird es richtig munter, auch wenn es eine B-Serie bleibt, hübsches TV-Niveau halt, nicht so ambitioniert wie Ripper Street oder Coppers. Aber eben vollgepackt mit Anspielungen auf Filme, Romane und populären Mythen (etwa, wenn Murdoch in Klondyke einem Mann namens Jack London den Begriff "call of the wild" vermittelt) und witzigem foreshadowing technologischer Entwicklungen wie etwa der "iMail". In einer frühen, sehr amüsanten Folge wird ein ermordeter Hobbyastroom entdeckt, dessen Studierzimmer voller mysteriöser Zeichnungen von Planetenbahnen und Marsoberflächen ist. Als Murdoch und sein Constable Crabtree nachts die Umgebung untersuchen (ein Bauer hat nämlich Kornkreise auf einen Feldern entdeckt!), gleiten plötzlich (Obacht!) unerklärliche Lichter über den Himmel. Während Crabtree vermutet, es seien (Obacht!) Aliens gelandet, folgt Murdoch der Spur zu einer Scheune und (Achtung, Spoiler!) und entdeckt Männer, die an einem russischen Zeppelin werkeln. Die Emittler werden dabei entdeckt und betäubt - und als sie am nächsten Morgen erwachen, sind (Obacht!) in der Scheune keinerlei Spuren mehr zu entdecken, und ihre Geschichte wird von niemandem geglaubt.

Ich vermute hier eine Anspielung auf eine bekannte US-amerikanische (die aber in Kanada gedreht wurde) TV-Serie, die manche für "soooo 90er" halten. Ich möchte daher ergänzen: "Soooo 1890er!"

>>> Murdoch Mysteries, Trailer

Super 8 | von kid37 um 22:28h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 22. Mai 2019


Die wilden Jungs



Zur Überbrückung kurz ein Hinweis. Seit ein paar Jahren bin ich ja Fan der Arbeiten des frivol-französischen Filmfantasten Bertrand Mandico. Er selbst sieht sich beeinflußt von David Lynch und Fellini, in seinen frühen Animationsfilmen schubbert unverkennbar auch der tchechische Altmeister Jan Svankmajer durch. Sein größter Einfluß aber ist der polnisch-französische Filmautor Walerian "Boro" Borowczyk, der in den 60er- und 70er-Jahren mit surreal angehauchten, erotischen Werken wie Goto, Insel der Liebe, Origin of Sin und La Bête bekannt wurde. (Viele seiner Filme sind in restaurierter Fassung auf BluRay in Großbritannien erhältlich). Ihm widmete Mandico mit Boro in the Box (Trailer) eine ebenso surreal angehauchte, kurzweilige Hommage in schönstem Schwarzweiß und schräggestellter innerer und äußerer Haltung. Dem folgten eine Reihe von Kurzfilmen, oft mit der wunderbaren Elina Löwensohn (mir einst durch den von David Lynch co-produzierten Fisher-Price-Spielzeugkamera-Vampirfilm "Nadja" bekannt geworden, später spielte sie im laschen Die Weisheit der Krokodile. Zuletzt sah man sie in Guy Maddins Meisterwerk The Forbidden Room und unter der Regie der vor einiger Zeit heiß gehandelten, letztlich aber eher kunsthandwerklich interessanten Italofilm-Eulologen Hélène Cattet und Bruno Forzani.)

Mandico plant, jedes Jahr einen Film mit Löwensohn zu drehen, um in zwanzig Jahren mal zu schauen, wie sich Land, Leute und Leinwand verändert haben. Das sieht dann assoziativ komisch-lüstern wie in Prehistoric Cabaret aus oder düster-dramatisch (aber auch auf makabre art hoffnungsvoll) wie in Living Still Life. Ein tolles Projekt, das - es handelt sich ja zumeist um Kurzfilme - sich ja wohl verwirklichen lassen sollte.



Mit Löwensohn drehte er nun auch sein Langfilmdebüt The Wild Boys, der nun eine kleine Kinoauswertung erhält. Dem Filmgott sei Dank. Die wilde Läuterungsfahrt einer kultisch-esoterischen Gruppe Internatsjungs (alle gespielt von Frauen), die ein brutales Verbrechen begingen und nun von einem alten hölländischen Kapitän zu einer exotischen Insel geschippert werden, ist eine schwül-fiebrige Geschichte (in Schwarzweiß mit kurzen Farbsequenzen) über Initiation, Gender, Lust, Gewalt und Leben. Die Insel ist voller phallischer, verlockender Pflanzen (die Jungs wollen fruchtberauscht gar nicht mehr weg), Piraten und der Löwensohn als philosophierende Therapeutin mit bizarren Methoden. Wer das lose von Burroughs inspirierte Werk auf der Leinwand sehen kann (im Juli z.B. in Berlin), sollte das nicht verpassen, denn solche frei schwingenden, in traumverklärte Tableaux vivants dahingereihte Filme sind selten.

>>> Bericht über Mandico (leider hat Arte die deutsche Fassung runtergenommen)
>>> Interview zu The Wild Boys im Extra Extra Magazine
>>> Artikel auf Mubi
>>> Webseite von Bertrand Mandico

Super 8 | von kid37 um 23:51h | 10 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 18. März 2019


An Apple a Day



Aus Mangel an toten Fasanen muss man städtische Stilleben heutzutage ja oft aus anderen Symboltieren zusammenstellen. Wie hier mit dem Glow-in-the-dark-Wurm.
O, Vergänglichkeit der Zeit.

Lange Zeit, da beißt ein Wurm keinen Faden ab, glüht man immer mal wieder für dieses oder jenes vor, brennt wohl eine Weile, und dann ist irgendwann aber auch mal ausgeglüht. Dann kommen die Würmer, zack, usw.

Ißt man nicht täglich seinen Apfel, könnte man also melancholisch werden und im trüben Wetter die Handyfilme von Filmemacher Scott Barley anschauen. Da passiert nicht viel, das aber eindringlich. So wie in The Etheral Melancholy of Seeing Horses in the Cold. Da ist es feucht, da ist es kalt, da ist es neblig, da stehen Pferde rum, die man betrachtet. Ist so.

Pferde essen auch Äpfel. Einen am Tag, manchmal auch mehr. Mehr von Scott Barley gibt es bei Vimeo.

Super 8 | von kid37 um 21:00h | noch kein Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 24. Januar 2019


Blutiger Schnee



In meinem umjubelten Debütroman Ein Mann geht bis ans Ende der Straße und dreht sich dann um starren die Protagonisten ja mit entrücktem Blick in den Blutmond, der zunächst dunkelverfinstert, dann aber rund und rot am Himmel steht. Hier in Hamburg färbte der letzte, ruckediku, den Schnee blutrot, ich dachte, ich hätte mir nachtwandelnd die Schuhe blutig gelaufen.

Dazu paßte, weil Ereignisse ja immer Hand in Hand und paarweise kommen, der Fund vom Wochenende, als ich nämlich in einer Art Blutmondvorbereitungskurs nach dreißig Jahren noch mal Tod Brownings Dracula von 1931 schaute. Und man erlebte mich verblüfft, als in einer frühen Szene, als die drei Bräute des Grafen in der Gruft des Schlosses in ihren Särgen erwachen, eine Biene auftaucht. Die krabbelt aus ihrem Minisarg, irritierend flügellos, noch ohne ihr Fledermauscape, aber krege immerhin und ward nicht mehr gesehen. Ein kurzer, humoriger Einwurf, ein sinnloser Spaß oder vielleicht auch eine Botschaft an uns alle.

Jemand auf Twitter spielte mir ein Gif der Szene zu. Sie krabbelt los, tomatenrote Nachtschattengewächse zu bestäuben oder den Saft von Blutorangen zu trinken.

Vielleicht ist das Bienensterben also anderer Natur. Sie leben als Vampirbienen weiter, aber nur des nachts, und produzieren einen mysteriösen Bluthonig (man will es gar nicht genauer wissen). Der Graf ist ein Imker im schwarzen Gewand.

Super 8 | von kid37 um 19:06h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Sonntag, 20. Mai 2018


Mehr Fisch, bitte



Auch ohne Chips könnte ich eigentlich jeden Tag Fisch essen, manchmal liegt morgens schon auf dem Weg zur Arbeit welcher auf der Straße, der dann wohl nicht frisch aus dem Wasser gehüpft ist, sondern schlicht vom Laster gefallen. Den esse ich natürlich nicht, so wie man generell keine Bekanntschaften auf der Straße knüpfen soll.

Dort sieht es auch nicht schön aus. Eher dystopisch zerrüttet: Als Begleitprogramm zur Royalen Hochzeit sah ich nach wohl 30 Jahren erstmals wieder Derek Jarmans Jubilee. Eine ganz vergnügliche Sause, die in einem England rotten to the core spielt, vielleicht nach dem Brexit. Queen Elizabeth I. jedenfalls spökert in die Zukunft und ist ordentlich schockiert. Es sind einige alte Bekannte dabei, Jordan und Toyah Willcox, Adam Ant in einer kleiner Rolle als Kid und als Straßen-Riot-Gang die Slits mit meiner Freundin Viv Albertine. Die Banshees spielen "Love In A Void" und auch sonst liegt eigentlich alles in Trümmern. Hier noch ein hübscher Ausschnitt, mit dem Großbritannien vielleicht auch endlich mal wieder den ESC hätte gewinnen können. Fröhliches Thronjubiläum! Hoch leben die Brautleute!



Heute dann immer noch ohne frischen Fisch, aber frohen Mutes zur Landpartie. Menschen strömen heraus, pfingstlich beseelt der Sonne entgegen. Ich sage dazu nichts, klingele aber alle aus dem Weg. Kaffee und Kuchen im Landcafé, wo man auf wackligen Monoblockstühlen sitzen muß. (Blümchen-)Kaffee und ein Stück Apfelkuchen kosten zusammen 3,60 €, da hat man als Städter schnell Tränen in den Augen. "Günni", so erfahre ich vom Nebentisch, hatte eine Gallenstein-OP. Alles Gute, Günni!

Jetzt Abendstimmung, Kaffee gibt es jetzt nicht mehr, aber ich hätte noch eine Dose Sardinen im Haus.

Super 8 | von kid37 um 19:04h | 11 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Montag, 19. März 2018


TV Dinner

Genug der Kreativprahlerei. Das Geheimnis guter Pferdemalerei ist ja das Ableinen und zum Abschwitzen Auslaufen lassen. Mal einfach loslassen. Derweil sitz ich mit meiner Laune meditativ vorm Fernseher und schaue, wie andere so Fernsehen.

TV DINNER from Maya Galluzzi on Vimeo.

Abendruhe. Strobostatic im TV, die Frau träumt von einem Oktopus. Träum weiter, Baby, und häng das Bild gerade! Tolle Geschichte, wer schaut sich hier nicht gerade selbst im Spiegel an. Maya Galluzi hat's gemacht und das Schweizer Fernsehen zur Unterstützung bekommen.

Macht nachdenklich!

Super 8 | von kid37 um 21:04h | 7 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Mittwoch, 15. November 2017


The Dressmaker

In der Zeitung stand der Artikel einer Soziologin über den heutigen Verhältnissen angeblich angemessene und schickliche und empfehlenswerte Kleidung, bei dem ich mich wunderte, daß sich diese Zeitung mit derart flach Gestricktem überhaupt einkleidete. Wie neulich schon beim Thema Mäntel, die andere tragen, bin ich ja der Meinung, ein jeder sollte sich so kleiden können, wie er oder in diesem Falle sie lustig ist.

Schon allein, weil Mode ja auch eine selbstbefreiende Kraft besitzt. Sie kann ein Schutzmantel sein oder Macht über andere ausüben - und natürlich auch ihre Tücken haben. P. J. Harvey - und die kann nun wirklich alles tragen - hat darüber selbstbewußt gekleidet gesungen. Jocelyn Moorhouse hat zum Thema Mode einen vergnüglich bissigen und wunderhübsch fotografierten Film gedreht.

The Dressmaker ist so eine Art Shakespeare in "Our little Town": eine brillant böse, bittersüße, witzige Rachegeschichte in den 50er-Jahren, mitsamt einem großartigem Ensemble (Kate Winslet, Judy Davis, Alyson White u.a.) und großartigen Kostümen. Und einer großartigen Regisseurin, die beschämenderweise viel zu wenig Filme (u. a. "Proof", "An American Quilt") machen konnte (aus Gründen) und hier beweist, welches Auge für Bilder sie hat und wie geschickt sie Figuren übers Schachfeld führen kann. Die Frauen in The Dressmaker leben zwar nicht an der soziologischen Fakultät von Bielefeld, sondern im Outback auf der anderen Seite der Welt. Demonstrieren aber, welche Macht sie durch schöne Kleider gewinnen. Und welche die hat, die schneidern kann. Kommt ja gleich nach Backen und Reifen wechseln.

>>> Geräusch des Tages: P. J. Harvey, Dress

Super 8 | von kid37 um 23:03h | 15 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Donnerstag, 26. Januar 2017


"Wir sehen uns in 25 Jahren."



Wenn man sich nach langer Zeit wiedersieht, sollte man gut vorbereitet sein. Die einen werden sagen, das sei aber "so 90er". Als wäre das nicht selbst bereits ein Spruch aus dem letzten Jahrzehnt. Viele andere werden sich kaum noch an was erinnern. Wirklich, heißt es dann. So ist das damals gewesen? Schnell hagelt es hitzige "Niemals!", gefolgt von kruden Beweiskaskaden, die sich in immer wilder verdrehte Behauptungen ondulieren, gezackte Wellen wie der gestreifte Teppich im Red Room. Am Ende eine unversöhnliche Gegenüberstellung von Unterstellungen, Unterlassungen, versehentlich verratene Geheimnisse und halsschlagaderpochende Trotzköpfigkeiten. Während man selber zaghaft denkt: "Aber - I want to believe!"

"Wir sehen uns in 25 Jahren", flüsterte der Geist von Laura Palmer einst im Traum Dale Cooper zu. 25 Jahre sind eine lange Zeit. Welche Liebe hält schon so lange? Na, natürlich die zur schönsten Wasserleiche der TV-Geschichte. Die zum verdammt guten Kaffee, sprechenden Holzscheiten und sehr leisen Gardinenstangen. Zu Taschendiktiergeräten und Kirschkuchen. Sentimentaler Mist! brüllen manche. Gar nicht! antworte ich ruhig und entschieden und auf diese Weise jegliche Diskussion sachlich und überzeugend und zugleich tolerant beendend.

Ich bin eben vorbereitet. Ich lese die geheime Geschichte von Twin Peaks und halte mich bereit für den Mai. Wo die einen gewohnheitsmäßig und beleghaft ihre Steuererklärung machen, andere aber eintauchen werden in die dritte Staffel über die kleine Stadt, die wie ein müde gedachtes Gehirn in jedem Winkel ein dunkles Geheimnis verbirgt.

(Mark Frost. The Secret History of Twin Peaks. New York: Flatiron Books, 2016.)

Super 8 | von kid37 um 22:07h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link

 


Freitag, 15. Mai 2015


Görls



Ich bin ja immer so langsam. Aber nachdem mir nun seit Jahren hier und da begeistert berichtet wird, habe ich angefangen, einen weiteren popkulturellen Lückentext für mich zu schließen. Girls also, Lena Dunhams erstaunlich fertiges und erstaunlich frühreifes Werk über vier Freundinnen in Brooklyn. (Das ist ein Stadteil in New York, einer Stadt in den USA.) Ich meine, die war so Anfang, Mitte Zwanzig, als sie anfing, hatte ein paar kürzere und einen längeren Film (Tiny Furniture) gemacht, eine kleine Webserie - und dann HBO, Judd Apatow, Weltruhm!

Viel ist über die Serie geschrieben worden, eine Art Sex and the City für Studentinnen sei es, jetzt nicht das Tiefschürfendste im Filmbergbau, aber klug beobachtet, lebensnah, mutig, frontal, mit bemerkenswert normalem, New-Yorker-Körperbild, statt zurechtoperierter Cali-Girls wie sonst in TV-Serien. Und eben witzig. Das Interessante ist: Alles davon ist wahr.
Die Dunham, die neulich noch eine (umstrittene) Biografie nachschob, schreibt, produziert, führt die Regie und spielt die Hauptrolle, bastelt also ein Autorenwerk und scheut dabei keine Entblößung. Übertragen und natürlich buchstäblich. Eine Bloggerin also, nur eben auf dem kleinen Bildschirm.

Schaut man etwas näher hin, sieht man schnell, daß die Dunham auch nicht vom Himmel gefallen ist. Ihre Mutter ist die ziemlich bekannte Fotografin Laurie Simmons, die mit einer Serie "Tiny Furniture" bekannt geworden ist. Eine andere aus dem Quartett, die entwaffnend naiv aufspielende (und liest man Interviews, ist sie wohl im realen Leben nicht überraschend anders) Zosia Mamet, die Tochter von David "Spartan" Mamet - Künstlerkinder also, wo man zu den ein oder anderen Dingen und Lebensstilentscheidungen und natürlich auch Telefonnummern leichter "Hallo" sagt als wenn man aus anderen Häusern stammt. (Keinen Neid, bitte.)

Jemima Kirke hätte mich auch bekirken können, wäre ich ungefähr nicht in dem Alter, ihr Vater sein zu können. Macht ja nichts, man lacht dann befreiter, weil man die Mechanismen und kleinen Knöpfe und Schalter nun so viel besser durchschaut. Also ihre, aber auch die eigenen. In dem divaesken Narzisstenpack kommt Adam Driver, der Dunhams Freund in der Serie spielt, meinem früheren ich schon recht nahe. Ich bin natürlich nicht so kräftig gebaut, aber das wissen wir ja alle.

Super 8 | von kid37 um 21:37h | 9 mal Zuspruch | Kondolieren | Link