Tod ohne Sorge

Plastinator Gunther von Hagens, Schöpfer der Körperwelten™ (Ja, ich war auch mal dort), hat ein wenig mehr TotenRuhe ins Land gebracht. Nachdem er nun im schönen Städtchen Guben das Rathaus gekauft hat (kann man ja mal machen, das Hamburger Rathaus ist auch sehr schön) und zugleich grünes Licht erhielt für den Bau einer Plastinationsfabrik, bereitet auch das Sterben wieder Freude.
Für die Angehörigen.

Einen kostenlosen "Abholservice" für Leichen werde er einrichten, schreibt der Körperbastelfreund. "Dieser Service wird großen Zuspruch finden, denn er ermöglicht Trauer ohne Sorge um Begräbniskosten."

Wundern wir uns also bitte nicht, wenn demnächst diskrete Kombis und Kastenwagen durch die Stadt eilen - mit dem Slogan:

Trauern ohne Sorge dank Gubener Plastinate

Ich mag diese 50er-Jahre-Ästhetik dieses möglicherweise vom Chef selbst gedichteten Spruchs. "Die Welt sehen - als Gubener Plastinat!" gefiele mir auch sehr gut. "Plaste + Elaste - selbstverständlich aus Guben" eignete sich z.B. für Werbematerialien aller Art. Kugelschreiber, Wandkalender, solche Sachen ("sonne Sachen", sagt man in der Gegend, glaube ich).

Da ja die Angehörigen angesprochen werden sollen, könnte man in der U-Bahn die Plakate mit Tschüß Omi - wir ziehen um. Aber für dein Grab ist gesorgt. - Grabpflege ab 50 Ct. pro Tag!, die mich bislang immer ein wenig irritierten, ersetzen durch: "Mal wieder einer tot? Keine Sorge - ab nach Guben!"
Danke, Gubener Plastinate.

Und wer weiß, wie lang es dauert, bis auch der Volksmund sagt: Wer andere nach Guben schickt, fällt selbst hinein.

Taxidermie | 12:06h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
wuestenfloh - Freitag, 28. April 2006, 15:04
Das Tu-Wort "plastinieren" wird von Gugel übrigens schon 705mal gefunden.

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kid37 - Freitag, 28. April 2006, 15:17
Kein Wunder. Der Bausatz "Schönes aus Guben - Plastinieren für jedermann" wird Weihnachten 2006 der Renner. Achten Sie auf plastinierte Gänse!

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kristof - Freitag, 28. April 2006, 15:42
"Voraussetzung dafür ist lediglich die Zustimmung zur Körperspende durch die Verstorbenen oder ihre Angehörigen."

Oder???!

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kid37 - Freitag, 28. April 2006, 16:47
Mama, ich habe ein tolles Weihnachtsgeschenk für dich.

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reyamm - Freitag, 28. April 2006, 18:06
Küftig beliebte Testamentsfloskel:

Nicht nur vergraben sollt ihr mich in Gruben
Aber plastinieren lassen im fernen Guben

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blue sky - Freitag, 28. April 2006, 18:26
Statt verdaut von Krabbeltieren: Lass dich lieber plastinieren

Doktor, Lehrer und Prälat schwörn auf Gubner Plastinat

Scheibchenweise überleben: Plastinate aus Guben

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diagonale - Freitag, 28. April 2006, 18:34
Lieber Himmel, Sie sind auch im richtigen Beruf gelandet, hmm?

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kid37 - Freitag, 28. April 2006, 19:22
Herr Blue Sky, soll ich Sie mit der Pressestelle im Gubener Rathaus verbinden?

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maz - Freitag, 28. April 2006, 18:47
Vielen Dank für den Beitrag.
Ich muss ergänzen, dass man mit dem Plastinieren nicht früh genug beginnen kann.
Also, nicht zögern, ab zum Plastination-Franchisenehmer um die Ecke, um sich beraten zu lassen, was sich jetzt schon so alles plastinieren lässt.

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ana - Freitag, 28. April 2006, 18:53
Hier in der Gegend gibt es zwischen Kirche und Friedhof mancherorts noch sogenannte Gebeinhäuschen. Dort werden die von der Natur entfleischten Schädel aufgetürmt, öffentlich und umsonst gezeigt. In den im Buchhandel überall erhältlichen Anatomiebüchern wird das tote Fleisch photographiert oder gezeichnet schlicht nach wissenschaftlichen Bedürfnissen präsentiert. Im Kunstmuseum hat man einst den leblosen Körper nur in Eitempera, Öl, Holz oder Marmor in Szene gesetzt.
Die blaugraugeflügelte Lunge mit dem rosa Hals ist tatsächlich als Plastinat ein noch vergleichsweise poetisches Bild über die Vergänglichkeit des Menschen.

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kid37 - Freitag, 28. April 2006, 19:21
Von Hagens Ansatz ist ja, so weit ich es verstehe, eine "Demokratisierung der Anatomie". Das finde ich gut, und ich finde auch seine Plastinate faszinierend. Aber was mir auf der Körperwelten-Ausstellung überhaupt nicht gefiel, ist dieser schlimme Hang zum Kitsch. Demokratie heißt ja nicht billig. So aber, billig eben, hat er seine Plastinate zum Teil inszeniert. (Schlimm auch der Krempel, den man in diesem Shop kaufen konnte. Plastinate vor Aufnahmen der Erdkugel aus dem All, z.B.)

Als ich die florentinischen Wachsmodelle im Josephinum in Wien gesehen habe, wußte ich, wie eine poetische und dennoch anatomisch genaue Darstellung des Menschen - und seines Verfalls aussehen könnte.

Von Hagens mag ein guter Anatom sein. Ein guter Künstler ist er in meinen Augen nicht. Und ein guter Werbetexter auch nicht ;-)

Ihre Beinhäuser möchte ich natürlich gerne sehen.

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l9 - Samstag, 29. April 2006, 22:11
Herr Kid - danke - sie haben es auf den Punkt gebracht. Ich mag sie auch ganz und garnicht, diese marktschreierische, verkitschte und äußerst unsensibele Art, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Der Mann ist einfach grottenschlecht.

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the thilo - Sonntag, 30. April 2006, 00:01
Dennoch wird es bestimmt Leute geben, die diesen Dienst gerne in Anspruch nehmen werden.
Denn für die ist die Frage nicht mehr:
"Komm' ich jezz in Fernsehen?",
sondern die Feststellung:
"Endlich in der 'Hall of Fame' ".

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engl - Samstag, 29. April 2006, 23:39
wenn du mal in paris bist, könnte dieses museum ein guter tip sein. da findet sich die originale reiterskulptur. (ca. 1770)

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spango - Sonntag, 30. April 2006, 11:47
der herr hagen hat sie nicht mehr alle beisammen. und weil er eben kein künstler, sondern ein kleines licht ist, der jahrelang an leichen rumgemümmelt hat und dabei sein eigenes fimo erfunden hat, ist er inakzeptabel. und ich möchte sagen: menschenverachtend, weil komplett schmerzfrei und sagenhaft dumm.

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kid37 - Mittwoch, 3. Mai 2006, 15:45
Frau Engl, danke für den Tip. Paris liegt in der Tat im Visier, ich war schon zu lange nicht mehr dort.

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