Hitze, Gewitter, Radiation

Vor zwanzig Jahren, möglicherweise leicht verstrahlt: Tage nach dem Reaktorunglück. Caesium 137 wäscht sich seinen Weg in unsere Körper. Warum sollte es auch nicht schneller gehen, das Ende. Die Ernte ist verseucht, und die Dichter grübeln. Vielleicht erscheint uns nun eine Erscheinung: Ein Spiel ins [sic!] System. Ein Hustenbonbon ohne Nachgeschmack.

In der Woche nach der Katastrophe stammte plötzlich alles Gemüse, das kurz zuvor noch als "Freiland" deklariert gewesen war, aus Treibhäusern. Ganz Deutschland war offenbar über Nacht zu einem riesigen Gewächshaus geworden. Von Holland wußte man das ja schon. Der Begriff "Milchpulver" tauchte erstmals wieder im aktiven Wortschatz auf und weckte diffuse Bilder einer nicht erlebten Nachkriegszeit. Minister Zimmermann beruhigte jeden Abend: Für die Bevölkerung geht keine Gefahr aus. Die Rente war plötzlich auch sicher und wir glaubten es, weil nun klar war, daß dieses Alter keiner mehr erleben würde.

Als sicherer galt nur noch Neuseeland.

Homestory | 10:08h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
dings - Mittwoch, 26. April 2006, 10:45
ich erinnere mich auch noch sehr gut: an den ökoladen, der das titelblatt der boulevardpresse im schaufenster hängen hatte. an die aufkleber, die wir überall hinterließen. an die listen mit der aktuellen strahlenbelastung der lebensmittel. cäsium, radium ... an die kinder aus der umgebung von tschernobyl, die zu besuch in die kleinstadt kamen, denen gegenüber ich mich so schlecht und schäbig fühlte, weil ihre situation fatal war.

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cabman - Mittwoch, 26. April 2006, 11:05
Neuseeland? Nicht nur Herr Kid, auch mein Hütchen, liebevoll gefaltet aus Alupapier, mit lustiger Falloutkrempe.

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kid37 - Mittwoch, 26. April 2006, 13:12
20 Jahre sicherer Strom

Bilder aus der verbotenen Zone.

via Nase

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goetzeclan - Mittwoch, 26. April 2006, 15:30
mehr Bilder aus der verbotenen Zone, aber ganz aktuelle

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blue sky - Mittwoch, 26. April 2006, 15:45
Wurde das hier schon mal erwähnt? Derzeit gibt es auch eine Ausstellung von Robert Polidoris Bildern im Gropius-Bau in Berlin. War selbst leider nicht drin.

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kid37 - Mittwoch, 26. April 2006, 15:58
Nein, die habe ich noch nicht erwähnt gesehen. Polidori hat auch die tollen Bilder aus Havanna gemacht. Ich bin ja nicht so ein Still-Lifer, aber Verfall lasse ich immer gerne gelten.

Die strahlende Russin auf dem Motorrad ist mir ja ein wenig suspekt. Über sie gab es letztes Jahr einen größeren Bericht im Spiegel. Sie fährt ja ständig durch eine selbsterzeugte Wolke aus aufgewirbeltem, radioaktiven Staub. Wer's mag.

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lady.death1 - Mittwoch, 26. April 2006, 16:13
Also ich lebe hier direkt neben Cattenom.
ich esse und trinke alles , und rauche .
Weil ich irgendwann ohnehin sterbe .
Der .Blick aus dem Fenster abends ,
entschädigt dann auch für die hohe Krebsrate hier,
für das junge Sterben, in fast jedem Haus ..

Wegziehen?
Nö, ist doch meine Heimat.
Tschernobyl war gestern

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stubenhocker - Mittwoch, 26. April 2006, 16:09
Neuseeland?
Strahlte da in der Gegend nicht die "große Nation" mit ihren obskuren Force de frappe-Experimenten?

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kid37 - Donnerstag, 27. April 2006, 00:19
War das nicht später? Ich dachte, man hörte auch deshalb um diese Zeit die Chills, The Clean, Tall Dwarfs und andere Flying Nun-Acts aus NZ?

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mark793 - Donnerstag, 27. April 2006, 10:27
Jetzt, wo Sie's sagen!
Ich kam mit dieser Neuseeland-Mucke über einen ziemlich geilen Sampler in Kontakt. Da war beispielsweise The brain that wouldn't die von den "Tall Dwarfs" mit drauf. Und das ist in meinen persönlichen Charts von Null auf Eins durchgestartet. Müsste ich mal wieder hören - aber lieber nicht beim Autofahren...

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logog - Donnerstag, 27. April 2006, 18:10
Lay me in aspic! Dass ich das noch erleben durfte, dass die Erinnerung an die Tall Dwarfs noch gepflegt wird. Aber bei Licht betrachtet, konnte es auch nur in einem Biotop wie diesem geschehen.

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ana - Mittwoch, 26. April 2006, 17:50
Blaue Sonnen-Blumen
Schade auch angesichts der Probleme mit dieser und jener
Technik. Die wenigen großen grauen Kuppeln würden in der allgemeinen Spaziergängerlandschaft weit seltener stören als die allerorten aus dem Boden und auf den Dächer sprießenden Windmühlen und Anlagenfelder. Vielleicht wird das Wort
"Solarfeld" für die Bauern künftig noch einmal so selbstverständlich werden, wie es einst das Wort
"Kartoffelacker" war. Aber gleichermaßen angenehm anzusehen wie die Sonnenblumen, die tournesoles, in Serie waren es auch die Kartoffelpflanzen in Reihen früher wohl nicht. Essen und Strom sind halt nicht nur eine Frage der Romantik und ein Atompilz ist leider kein rein optisches Phänomen.

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wendehorst - Donnerstag, 27. April 2006, 08:41
tja, genau so war es!
und was ist heute?
20 jahre danach wird wieder fleißieg darüber diskutiert ob akw's nicht doch die zukunft sein könnten! die frage wie störend ein windrat in der natur ist, beantworte ich gerne mit der gegenfrage wie störend wohl strommasten sind und wie sehr erst einmal so eine atom-verseuchte wolke am himmel stören würde.

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ana - Donnerstag, 27. April 2006, 10:47
Die Firma Braas, ich habe noch einen ganzen Stapel Prospekte, bietet übrigens ästhetisch gesehen hervorragende Lösungen für Dächer an. Man sieht die Kollektoren von Braas aber leider kaum bei Spaziergängen durch die Dörfer. Sie werden nicht einfach aufgesetzt, sondern ersetzen Teile der Ziegel oder gar das ganze Dach. Gefällt mir gut.

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kid37 - Donnerstag, 27. April 2006, 11:37
Mehr Transparenz
In Frankreich werden die Windräder auf Stahlpfeiler gesetzt, die aussehen wie Überlandstrommaste (oder kleine Eiffeltürme). Das wirkt optisch ein wenig durchlässiger als die deutschen Betonpfeiler. Es bleibt natürlich dennoch auch eine Geschmacksfrage. Andererseits ist man zum Glück - WM-Fieber hin oder her - noch nicht auf die Idee gekommen, die Kuppeln von Atommeilern wie Fußbälle anzupinseln.

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schluesselkind - Donnerstag, 27. April 2006, 12:35
Sagen Sie das bitte nicht so laut! Was mit Fernsehtürmen möglich ist, kann auch für jedes andere Bauwerk gedacht werden, solange es nicht so negativ behaftet ist wie ein AKW. Angesichts der Auswüchse bei dieser WM scheint der Sportmarketing-"Kreativität" keine Grenze gesetzt.

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