Ausgeflogen

Now I lay me down to sleep
Pray the Lord my soul to keep
Kiss to kiss and breath to breath
My soul surrenders
Astonished to death.

(Patti Smith, "Frederick")

Auch 2006 soll eine gute alte Tradition nicht unterbrochen werden. In der locker-frivolen Reihe Mit toten Tieren durch das Jahr eröffnen wir den Reigen 2006 mit der Möwe. Das fröhliche Tier (hier möglicherweise ein Exemplar der Larus ridibundus im Winterkleid) gehört neben den Katzen zu den beliebtesten Tieren innovativer Bastler und anderer Exzentriker. Diese hier ist nun tot. So offenbar wie bedauerlich. Ausgepumpt, das kleine zagende Herz. Verweht die gefiederte Seele. Mit tränenfeuchten Augen, eine offene Schale voller Kümmernis schaut man es an: ein Demento mori.

Manche Diskussionen enden so. Auf einmal beugt man sich und sieht zu seinen Füßen den toten Punkt. Und ahnt: diese Sache fliegt nicht mehr. (Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund!) Adé, Nestbau, kein Ei wird hier je gelegt.

Immerhin: eine weitere Metapher zu Tode geritten. Kann man da auch einen Haken dranmachen. Und so begrüßen wir mit einem ungehemmten "Hiaaarrrr" die frische Saison und wälzen neue Pläne. Sturmerprobt wie diese Vogelart drehen wir den gierigen Schnabel in den Wind, lassen freifliegende Ideen im hauseigenen Guano wachsen und sind überhaupt - wie stets - nur guter Dinge.

Dem ein oder anderen rufen wir ein freundliches "Hallo" über den Gartenzaun oder drohen schelmisch mit der Forke. Denn ist der Schnee erst weggetaut, fliegt alles auf.

Taxidermie | 16:10h, von kid37 | Kondolieren | Link

 
mark793 - Mittwoch, 1. Februar 2006, 16:21
Oh,
da liegt ja Daniel in der Möwengrube sozusagen. Hoffen wir, dass der Möwenblogger hier nicht zufällig drüberstolpert und einen Schock bekommt.

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diagonale - Mittwoch, 1. Februar 2006, 16:27
Ja, oder der blaue Himmel.

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blue sky - Mittwoch, 1. Februar 2006, 16:32
Ja. Bitter.

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kid37 - Mittwoch, 1. Februar 2006, 20:57
Der Weltenlauf.

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bartleby - Mittwoch, 1. Februar 2006, 20:12
Sie machen das ja nur, das mit den toten "Vögeln" (eben kein philer Nekromanter, ich ("den Toten vögeln")), weil Sie wissen, dass diese Kadaver mein "phobisches Objekt" sind. Den Text dazu kann ich darum kaum lesen ... so wie ich diesen hier nur mit äußerster Beherrschung nicht beherrsche.

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kid37 - Mittwoch, 1. Februar 2006, 20:54
Eros&Thanatos
Ach, immer wenn man denkt, man habe eine Metapher zu Tode geritten, kommt einer hilfreich daher und zeigt, daß da doch noch Krampf und Zucken sind...

Ich zeige ja nur die lyrischen, die schönen Exemplare. Stumpfer Schock liegt mir fern. Schauen Sie nur, sachte vielleicht, wie sich die eine Schwinge noch reckt, als würd' das Tier zum Flug gleich ansetzen.
Eight Miles High, vielleicht.

Nun habe ich keine Ophelia, in deren roten Locken ich spielen und der ich den kalten Schnee von den eisigen Zehen küssen könnte. So muß der Totem Vogel (ha!) zum Trichter meiner Sehnsucht werden.

(Beachten Sie übrigens, wie sich der blauschwarze Rabe vom letzten Jahr in die heller gefiederte Möwe transformiert hat. Die Auguren deuten lichtere Momente!)

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bartleby - Mittwoch, 1. Februar 2006, 21:47
Sie sind einfach unschlagbar im Assoziieren & Vertieren von SinnPolsterKnöpfchen & dazu dann noch die Verweise im Netz. Mong Diöö!! Wären Sie bei Lacan im Seminar gesessen, er hätte ihnen spät in der Nacht einen amphetaminisierten Whiskey zum anagramm-STARRE-n "Les Mots" angeboten.
Vielleicht teilte ich ja zu Olims Zeiten den nibio (nibbio = Milan) mit Leonardo, den Freud in (s)einen Geier meta-phorisierte?! Und da ich diesen wohl anders abwehren musste als Leonardo, lebt/liebt er gefiedert tot in mir weiter. Die Feder, der Federstrich, der FüllFederhalter, das Schreiben … der Fader … to fade … das ekliptische Subjekt. So ungefähr(lich) flieg' ich - bis ich mit gespreizten Flügeln stürze.

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kid37 - Mittwoch, 1. Februar 2006, 22:03
Grimm
Ich wette, einige Leser denken nun (selbstreden nur im stillen), Ja, achten Sie auf das Gespreizte, Herr Bartleby! ;-)

Aber hier soll es mehr Totems und weniger Tabus geben. Und sie haben recht: Mit der Feder wäre noch was zu machen gewesen. Dieser Vogel ist nicht tot, sondern ein Leichnam voller Möglichkeiten: Ungeschriebene Geschichten, die sich früher wohl den alten Frauen beim Geflügelrupfen am Kamin einflößten.

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bartleby - Donnerstag, 2. Februar 2006, 23:53
Na, eben - die Geschichten. Nicht: SIE sind es, der es sagt, sondern Sie sind es, der es SAGT. Ähnliches gilt fürs Schreiben & die Feder; denn am Morgen schreibe ich mit gespreizter Feder - abends dann lese ich Prähistorie ... später noch rupf ich den Wörtern ein Rünchen. Oder so in etwahn. Ach ja, der nibio rührt die Lippen Leonardos mit dem Schwanz an ... so viele Feder-Kiele!

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schmerles - Mittwoch, 1. Februar 2006, 21:06
Wegen einer toten Möwe mache ich mir nicht ins Hemd und ich krieg auch keine Erektion.
Die hat es überstanden genau wie dieser
http://hands.antville.org/stories/626948/ vom 18.dezember zweitausenddrei (sic!) und jener http://hands.antville.org/stories/766638/
vom 25. April 2004.

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kid37 - Mittwoch, 1. Februar 2006, 21:13
Sehr tapfer von Ihnen, so habe ich das erwartet. Die Bitze ist aber wirklich hübsch. Zum Thema Mach doch mal was mit Tieren - kennen Sie eigentlich den Beast Blender?

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thgroh - Donnerstag, 2. Februar 2006, 00:04
Wegen "Mach was mit toten Tieren": Meine Freundin hat da ja auch so eine leicht abnorme (mir aber sehr sympathische :-) ) Grille, nämlich das in Spiritus-Einlegen gefundener toter Tiere, welche dann das Küchenregal zieren. Alles dabei, von toter Fledermaus über nie lebendig gewesenen Katzenembryo, eingelegte Ratte neben dahingegangenem Wellensittich...

Jedenfalls, das neueste Sammelstück - und diesmal nicht eingelegt - ist ein nackter Katzenschädel (an den nun ein Schnurrhaare einer allerdings noch lebendigen Katze geklebt wurden, welche diese mal verloren hatte). Sie, also meine Freundin, hatte nämlich um Weihnachten im Schnee einen schon ziemlich angenagten Katzenkadaver gefunden, diesen bald vom Weiß befreit und schließlich das kleine Köpfchen abgetrennt und die restlichen organischen Überreste daran abgekocht; nicht ohne zuvor natürlich noch mal das Ex-Tierchen in seiner ganzen bizarren Pracht fotografiert zu haben.

Diese Fotos finde ich auf eigentümliche Art sehr sehr hübsch, allerdings eben auch problematisch dahingehend, weil da halt Freund Verwesung schon seine Spuren hinterlassen hat. Deshalb, bevor ich die Bilder hier poste, erstmal die Nachfrage, ob dahingehend überhaupt Neugier besteht? ;-)

Grüße
Thomas

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kid37 - Donnerstag, 2. Februar 2006, 00:38
Ars longa...
Sie glücklicher Mensch! Das geht bei Ihnen dann abends wohl wie hier beschrieben zu? Ihre Freundin sollte unbedingt auch mal bei den
Rogue Taxidermists vorbeischauen. Eine sinnlich-ironische, aber würdige Fortführung der Wunderkammer.

"Bizarre Pracht", das ist das Wort dafür. Das Leben ist halt auch im Tod präsent. Allerdings ist das nicht leicht zu vermitteln, das stimmt schon. Früher an der Uni haben wir Knochen vom Schlachthof abgekocht, alles für die Kunst, natürlich. Das ist mir heute zu gewollt. Aber das Tödlein im Haus, neo-barock, lehrt Demut und Respekt.

Bevor ich gleich wieder von 20 Blogrolls geschmissen werde (Frau Schwadroneuse beobachtet mich gerade), würde ich im Hinblick auf das ein oder andere zartere Gemüt, das sich hierher verirrt, die Fotos gerne erst sehen. Ich könnte die dann hinter einen Link setzen, man wird im Alter ja immer vorsichtiger rücksichtsvoller. Vielleicht einen Link/die Bilder an meine eMail-Adresse?

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thgroh - Freitag, 3. Februar 2006, 10:08
Bin gerade kurz angebunden, deshalb kurz der Hinweis: Kommt im Laufe des späten Nachmittags per Mail! :)

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