

2019 war ich das erste Mal da, dann kam Corona, dann eine Maus, die den Faden abbiss, und zack! schreiben wir das Jahr 2026. So bin ich nach sieben Jahren erst wieder zu Besuch auf der IndieCon in Hamburg, der Messe für Magazine und Bücher und anderes Druckwerk kleiner, unabhängiger Verlage. Natürlich bin ich ganz wie zufällig auch auf der Suche nach einem Verleger für meinen Debütroman „Die Ungemütlichkeit“ (tba. 2027), was nicht einfach ist und sogar fast so schwer, wie in Hamburg einen Handwerker zu finden. Aber durch das bereits bestehende kreative Angebot stöbern ist sowieso viel ergiebiger. Überraschendes und Inspirierendes findet man nach wie vor, von Siebdrucken in kleinen Auflagen über engagierte und kunstvolle Magazine und kleinere Zines, freundliche, dazu meist jüngere Leute voller Enthusiasmus statt grummeliger „Alles geht den Bach runter!“ Defätisten. Die alte Gleishalle am Oberhafen bietet dazu die passend charmante Industriekulisse.
Was auffällt: Mir schien es deutlich reduzierter als damals 2019. Weniger Aussteller. Auffällig war vor allem der Rückgang bei Foto-Zines und -Büchern und Lifestyle-Titeln. (Auch keine Wohnmobil-Reisejournale und Küchenkochliteratur im Instagram-Stil.) Dafür mehr politisch und gesellschaftlich Engagiertes.
Nächstes Jahr gerne wieder.
Die Laute der Tiere in verschiedenen Sprachen sind ja auch poetisch. Also onomatopoetisch, wie dieser sehr hübsch gemachte, nostalgische Spot auf Instagram zeigt.
Viel zu lange hat es gedauert, bis Anousch, wie wir sie vertraulich aus Blog- und Twitterzeiten erinnern, also Anousch Mueller, ihrem Debüt „Brandstatt“ (2013) einen Nachfolger gönnte. Ein Roman, dessen geheimnisdurchsetzte Geschichte mich lange nach dem Lesen beschäftigte, was ja ein gutes Zeichen ist. „Lori“ wiederum, eine Familiengeschichte in der DDR und Ostdeutschland um die Wendezeit, ist vor ein paar Wochen erschienen und wurde bereits vielfach besprochen, was ebenfalls ein sehr gutes Zeichen ist. Ich stecke noch drin, weil slow reading ist das neue sexy, bin aber schon jetzt angetan von der Atmosphäre und der Sprache, den kleinen (mir oft fremden) schmerzlichen Details aus dem seltsam verschwundenen Land und den Menschen dort.
Vor Jahren (undatiert) schenkte mir eine Freundin Fleur Jaeggys Bestseller Die seligen Jahre der Züchtigung, ein kühler, fast unterkühlt und recht sachlich geschriebener Roman über eine zerbrechliche Freundschaft in einem Schweizer Mädchenpensionat. Der Kurzgeschichtenband Ich bin der Bruder von XX sammelt unterschiedliche Stories der Autorin, die im Original auf Italienisch schreibt (übersetzt von Barbara Schaden). Mysteriöses, vage Angedeutetes und Unauslotbares wie „Der Vogelkäfig“ findet man da, teilweise aber auch literarische Fingerübungen, die eher an Aufgaben aus Creative-Writing-Workshops erinnern („Gehen Sie ins Museum und lassen Sie die Bilder und Objekte dort lebendig werden“) oder reines Name-dropping sind (die Autorin hat ein hoffentlich interessantes Leben im Jet-Set geführt). „Zwiespältig“ würde ich bei der Frage „Wie war Ihr Lektüreerlebnis?“ antworten.
Im nunmehr angebrochenen Alter (ebenfalls undatiert) erwacht auf einmal ein Interesse in mir für deutschsprachige Phantastik. Vielleicht ist die sogenannte „Realität“ auch anders nicht zu begreifen. [Wer mir übrigens die schwer schön gestaltete, 51-bändige Reihe Der Orchideengarten in Originalausgaben schenken möchte, soll sich bitte nicht zurückhalten (das ist natürlich eine Phantasterei von mir und vielleicht ein bisschen ungebührlich).] Neu entdeckt habe ich dabei Maurice Sandoz (1892-1958), einem Erben des gleichnamigen Chemieunternehmens aus der Schweiz. „Er arbeitete, wiewohl durch den gewaltigen Reichtum seiner Familie im Grunde der Erwerbsarbeit nicht bedürftig, zunächst als Chemiker und Komponist“ [Wiki], was nebenbei zeigt, dass der Mensch für gewöhnlich nicht in irgendwelchen Hängematten („sozial“) rumliegen möchte (auf Dauer), sondern was machen. Chemiker oder Komponist, das ist im Grunde Sachen zusammenrühren oder Töne. Oder Merkwürdiges, so wie in seinen Erzählungen. Schrumpfköpfe und Labyrinthe (auch seelische), durchsichtige und undurchsichtige Frauengestalten und allerhand unzuverlässige Erzähler bevölkern seine verspinsterte Welt voller abenteuerlicher Dönekes aus fernen Landen oder inneren Irrläufen unter Patienten psychiatrischer Anstalten. Wie ein schwankender Gang durch Harrys Hafenbasar. Klingt gut? Ist gut.